E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Josten Land sehen
18001. Auflage 2018
ISBN: 978-3-8270-7977-0
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-8270-7977-0
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Husch Josten, geboren 1969, studierte Geschichte und Staatsrecht in Köln und Paris. Sie volontierte und arbeitete als Journalistin in beiden Städten, bis sie Mitte der 2000er-Jahre nach London zog, wo sie als Autorin für Tageszeitungen und Magazine tätig war. 2011 debütierte sie mit dem Roman »In Sachen Joseph«, der für den aspekte-Literaturpreis nominiert wurde. 2012 legte sie den vielgelobten Nachfolger »Das Glück von Frau Pfeiffer« vor und 2013 den Geschichtenband »Fragen Sie nach Fritz«. 2014 erschien »Der tadellose Herr Taft« sowie zuletzt die Romane »Hier sind Drachen« (2017) und »Land sehen« (2018) im Berlin Verlag. Jüngst wurde ihr der renommierte Literaturpreis der Konrad Adenauer Stiftung (2019) verliehen. Husch Josten lebt heute wieder in Köln.
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1
Der Anruf kam im Juni des Sommers, da man viel vom Bienensterben sprach und Mücken nicht totzukriegen waren. Kurz nach Fronleichnam, von einem unbekannten Anschluss, gegen drei Uhr morgens. Anonyme Anrufe sind selten geworden. Kein Name auf dem Display, geschweige denn ein Bild, nicht mal eine Nummer. Vielleicht üben diese Anrufe deshalb eine gewisse Faszination aus. Durch ihre Anonymität, die früher jedem Anruf innewohnte, nur dass zu dramatisch klingt und den Eindruck vermittelt, alt zu sein. ist freundlicher. Vor einiger Zeit, die nicht verblasste Fotografien in Lederalben mit Goldverzierung meint. , als es noch Telefonzellen gab und kantige, verkabelte Geräte mit Wählscheibe und einem Klingeln, das nach Erlösung schrie. Einen Apparat, wie wir ihn zu Hause hatten. Grau, fest an die Wand geschraubt, mit langer Spiralschnur am Hörer, die die Kartoffelschalen vom Küchentisch fegte oder sich zwischen den Schranktüren verklemmte. Schrilles Läuten. Nicht Beethovens Fünfte, keine psychedelischen Tonfolgen oder neuesten Hits, sondern ein Geräusch, das brüllte, bis man auf- und nachgab, Glück oder Pech hatte. Früher war jeder Anruf ein solches Glücksspiel. Erst angenommen, gab es kein Entrinnen mehr. Genauso verhielt es sich mit dem Anruf meines Patenonkels Georg in jenem Sommer, Anfang Juni, kurz nach Fronleichnam.
Es war ungewöhnlich heiß für die Jahreszeit. Ich lag bei offenem Fenster im Bett und las; nachts nehme ich gerne Klassiker zur Hand, die mir das Gefühl von Schwerelosigkeit und Unzeitlichkeit vermitteln, als wäre das Leben, alles, das Jetzt, das Vorher, das Nachher, in der Nacht verankert, die Summe aller Bücher. Ich las also. Dachte mitunter an einen Freund, der in ähnlicher Situation von einem Fassadenkletterer überrascht worden war, den er mit geistesgegenwärtigem Gebrüll und einem Hemingway-Band in die Flucht geschlagen hatte. Und da klingelte mein Telefon. Es klingelt nackt und musiziert nicht etwa. Ich zuckte zusammen, sah irrationalerweise zum Fenster, hiernach erst aufs Display, erwartete das Unvorhergesehene, Verwählte, Obszöne, weil sämtliche Notrufe, die mich um diese Zeit hätten erreichen können, nicht anonym gewesen wären. Allerdings: Wenn man Unerwartetes erwartet, kommt es nicht mehr unerwartet. Doch mit der Stimme meines Onkels hatte ich wahrlich nicht gerechnet und sie sehr lange nicht gehört. Ganze drei Jahrzehnte, was wiederum dramatisch klingt, sich aber nie so angefühlt hat. »Ich bin’s, Georg«, rief er in den Hörer, und ich freute mich, freute mich unglaublich, ihn zu hören. »Ich bin’s«, rief er wieder, im Hintergrund scheppernde Musik, »Georg, also Athanasius, so heiße ich jetzt. Hörst du mich? Ich bin auf einem Festival mitten im Nirgendwo, ehrlich: Ich habe keine Ahnung, wo ich mich befinde, ein Feld mit Tankstelle in der Pampa, buchstäblich, Argentinien, irgendwo zwischen Buenos Aires, La Plata und lauter Rindviechern. Dass es hier überhaupt eine Telefonzelle gibt, grenzt an ein Wunder, wobei es vielmehr eine Telefonsäule ist, es regnet Bindfäden, und ein armer Tropf versucht sich auf der Bühne gerade als Benny Carter. Da musste ich an dich denken.«
Was Benny Carter mit mir zu tun hat? Dazu fiel mir nichts ein. Und wer wen verstoßen hatte – die Familie ihn oder er die Familie –, war mir nie erklärt, darüber war nie gesprochen worden. Doch erinnere ich mich an Abende aus der Zeit vor dem Zerwürfnis, als ich noch klein, zumindest in einem Alter war, in dem der Patenonkel seinem Neffen vor dem Schlafengehen vorliest. Abende, an denen Georg bei uns war. Ich erinnere mich, dass ich nach dem Vorlesen, das er stets ausufernd und abenteuerlich gestaltete, aus dem Bett in den Flur schlich, mich hinter dem samtgoldenen Vorhang der Garderobennische versteckte und durch einen Schlitz ins Wohnzimmer spähte. Denn ich erwartete begierig, es war der erste Grund für mein Wachbleiben, dass Georg sich endlich ans Klavier setzen und spielen würde. Mutter bat ihn jedes Mal, die Nachbarn um diese Uhrzeit nicht zu stören, woraufhin er lachte und immer dasselbe zur Antwort gab: Gute Musik könne niemanden stören, der einigermaßen bei Verstand war. Und in meiner unbequemen Höhle, in der es nach Leder und Regenmänteln roch, in der ich halb auf Schuhen, halb zwischen Jackensäumen und Schirmen kauerte, befand ich ein ums andere Mal, dass er recht hatte. So gern ich die Gespräche der Erwachsenen belauschte: Ich mochte vor allem Georgs Musik, sie entfachte mich, ohne dass ich wusste, worum es sich handelte. Sein Spiel hatte Temperament und Humor, war grundlegend anders als das der Mutter, die nur Klassik spielte, Getragenes vor allem, bleischwer, streng nach Noten und mit viel Pedal. Georg dagegen spielte ungestüm. Der Onkel brachte alles in Bewegung. Es fand sich wie eine vertraute Melodie in mir, als ich nun seine Stimme wiederhörte: dass Georg Dinge in Bewegung brachte. Räume, Geschichten, Menschen. Alles.
Er war zwölf Jahre jünger als Mutter. Über den Altersunterschied hatte ich mich nie gewundert, so war es eben. Später, als ich darüber hätte nachdenken können, war Georg bereits nicht mehr da, eine Gestalt von früher gewesen. Und auch das war, sooft ich an ihn gedacht hatte, irgendwann gewohnt. Sowohl äußerlich als auch im Wesen ähnelten er und Mutter einander kaum, nur an ihren schwarzen Augen waren die beiden unzweifelhaft als Geschwister zu erkennen. Große Augen mit einer orangefarbenen Nuance, gewinnend und ohne Scheu, den Gesprächspartner ausführlich zu betrachten. Georg so zu beschreiben, dass er vor dem inneren Auge sichtbar wird, scheint kaum möglich. Es gibt keine Berühmtheit, mit der er sich vergleichen ließe, und es ist wie so oft nicht damit getan, Körpermaße, Haarfarbe, Gesichtsform aufzureihen. Wenn ich ihn aber als ernsthaften Lausbub schildere, nachgiebig und streng, melancholisch und lebensfroh, sarkastisch und gütig, uneitel und sich seiner Wirkung dennoch bewusst, womöglich entsteht dann ein Bild, das ihm annähernd gerecht wird.
Mir ist in Erinnerung, dass Georg an den Abenden in der elterlichen Wohnung viel sprach, wovon ich allerdings das meiste nicht verstand. Ich hörte dazu das Murmeln der Eltern, Satzfetzen, die von oder eingeleitet wurden, wozu Mutter, wie zur Besänftigung, ständig Wein oder Likör nachschenkte und Erdnüsse in einer blau gefärbten Glasschale reichte. Und da war Vater, der, was ich hinter dem Samtvorhang müde abwartete, um mich zu vergewissern, dass es auch diesmal nicht anders wäre, nach jedem Besuch von Georg den Kopf schüttelte und Mutter noch an der Wohnungstür zu verstehen gab, dass ihrem Bruder nicht zu helfen sei, worauf sie die Schultern zuckte und ich Georg noch lieber mochte. Aber eines Abends – ich war dreizehn oder vierzehn, in einem Alter jedenfalls, in dem man nicht mehr in einer Garderobe hockt und die Erwachsenen ausspäht, sondern in seinem Zimmer sitzt und der Unabwendbarkeit des Lebens ins Auge sieht – eines Abends also knallte in diese Betrübnis hinein die Wohnungstür. Das war’s. Mein geliebter Onkel kam nicht wieder.
Und blieb doch: Jahraus, jahrein rund um den vierten Advent brachte der Postbote eine Weihnachtskarte von ihm. Nur für mich. Mal aus Italien, mal von der französischen Riviera, mal aus Israel. Er wünschte mir nie ein frohes Fest, sondern schrieb in seiner dünnen, schwer entzifferbaren Handschrift Grüße wie: . Oder: . Oder: … Ich heftete seine Karten alljährlich wie Weihnachtssterne an meine Fensterscheibe, und wenn Vater rund um den vierten Advent Georgs neuerliches Lebenszeichen dort vorfand, verengte sich sein Blick und er atmete schwerer; in der Küche gab es daraufhin eine hastig geflüsterte Auseinandersetzung zwischen Mutter und ihm, über die Feiertage hing der Haussegen schief, die Eltern seufzten öfter als ohnehin, und Mutter saß noch häufiger als sonst mit einer Flasche Süßwein am Küchentisch; Süßwein, von dem ich heute weiß, dass er schneller wirkt als andere alkoholische Getränke. Und so war Georg sehr wohl bei uns und sorgte dafür, dass der familiäre Stresspegel nicht anders ausfiel als bei den übrigen neunzig Prozent der Weihnachtsfeste weltweit. Ein paar Male habe ich gefragt. Die Reaktion der Eltern war immer dieselbe: ein Kopfschütteln gefolgt von einem lang gezogenen »ach«, das in Schweigsamkeit vertrocknete.
»Also da bin ich«, führte Georg von seiner argentinischen Telefonsäule aus. »Und auf die Gefahr hin, salbungsvoll zu klingen: Ich habe mich nicht gemeldet, ja, aber ich habe viel an dich gedacht in all den Jahren, ich trage deine...




