E-Book, Deutsch, 432 Seiten
Joyce Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-10-402076-1
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 432 Seiten
ISBN: 978-3-10-402076-1
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rachel Joyce nimmt uns in ihren Romanen immer wieder mit auf besondere Lebensreisen. Mit ihren liebenswerten Figuren, ihrem Humor und ihrer feinfühligen Sprache bewegt sie Millionen Leserinnen und Leser. Für ihre Werke, darunter »Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry«, wurde sie vielfach ausgezeichnet. Rachel Joyce war Bühnenschauspielerin u.a. bei der Royal Shakespeare Company und ist Autorin zahlreicher Hörspiele für die BBC. Sie lebt mit ihrer Familie auf dem Land in Gloucestershire.
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Erster Teil Drinnen
1 Etwas Schlimmes
James Lowe und Byron Hemmings besuchten die Winston House School, weil sie eine Privatschule war. Es gab noch eine andere Grundschule, die näher lag, aber die war nicht privat, sondern für alle. Die Kinder, die dort hingingen, kamen aus den Sozialwohnungen an der Digby Road. Sie schnippten vom Oberdeck des Busses Orangenschalen und Zigarettenstummel auf die Mützen der Winston-House-Jungen herunter. Die fuhren nicht mit dem Bus zur Schule. Sie wurden von ihren Müttern im Auto hingebracht, weil sie es so weit hatten.
Die Zukunft war für die Winston-House-Jungen bereits abgesteckt – eine Geschichte mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende. Im nächsten Jahr würden sie die Aufnahmeprüfung für die höhere Schule machen. Die Besten würden ein Stipendium bekommen und mit dreizehn ins Internat wechseln. Sie würden sich den richtigen Akzent aneignen, die richtigen Dinge lernen und die richtigen Kontakte knüpfen. Danach käme Oxford oder Cambridge. James’ Eltern dachten an das St. Peter’s College in Oxford, Byrons Eltern an Oriel, ebenfalls in Oxford. Im Anschluss würden die Jungen wie ihre Väter Karriere machen, als Juristen, als Banker, in der Kirche oder beim Militär. Eines Tages würden sie eine Stadtwohnung in London und ein großes Haus auf dem Land besitzen, wo sie die Wochenenden mit ihren Frauen und Kindern verbringen würden.
Es war Anfang Juni 1972. Ein Streifen Morgensonne rutschte unter Byrons blauen Vorhängen durch und beleuchtete seine säuberlich geordneten Besitztümer: seine -Jahrbücher, sein Briefmarkenalbum, seine Taschenlampe, seinen neuen Abrakadabra-Zauberkasten und den Chemiebaukasten mit eigenem Vergrößerungsglas, den er zu Weihnachten bekommen hatte. Seine Schuluniform, von seiner Mutter am Abend zuvor gewaschen und gebügelt, lag über dem Stuhl wie ein flachgepresster Junge. Byron kontrollierte sowohl seine Armbanduhr als auch seinen Wecker. Die Sekundenzeiger rückten gleichmäßig voran. Er überquerte leise den Gang, schob vorsichtig die Tür zum Zimmer seiner Mutter auf und nahm seinen Platz auf der Bettkante ein.
Sie lag ganz ruhig da. Die Goldrüsche ihres Haars war über das Kopfkissen gebreitet, ihr Gesicht bebte bei jedem Atemzug, als wäre sie aus Wasser. Durch die Haut schimmerten violett die Adern. Byron hatte weiche, pummelige Hände wie Pfirsichfleisch, bei James dagegen zeichneten sich schon die Adern ab, feine, erhabene Linien, die von den Fingerknöcheln aufwärts liefen und eines Tages wie bei einem Mann hervortreten würden.
Um halb sieben setzte der Wecker der Stille ein Ende, und seine Mutter schlug sofort die Augen auf, ein blauer Glanz.
»Hallo, Schatz.«
»Ich mache mir Sorgen«, sagte Byron.
»Doch nicht schon wieder wegen der Zeit?« Sie griff nach ihrem Glas und ihrer Tablette und trank einen Schluck Wasser.
»Und wenn sie heute die Extrasekunden dazutun?«
»Macht James sich auch solche Sorgen?«
»Er hat es anscheinend vergessen.«
Sie wischte sich über den Mund, er sah sie lächeln. Zwei Grübchen bohrten winzige Löcher in ihre Wangen. »Wir haben das alles doch schon besprochen. Zig Mal. Wenn sie die Sekunden zufügen, wird es vorher in der angekündigt. Und im Fernsehen kommt auch was darüber, in .«
»Das macht mir Kopfschmerzen«, sagte er.
»Wenn es geschieht, wirst du nichts davon mitkriegen. Zwei Sekunden sind doch gar nichts.«
Byron spürte, wie sein Blut in Wallung geriet. Er wollte schon aufstehen, setzte sich dann aber wieder. »Zwei Sekunden machen einen gewaltigen Unterschied aus, das ist anscheinend niemandem klar. In zwei Sekunden kann viel passieren, was sonst nicht passiert wäre. Ein einziger Schritt zu weit, und man stürzt eine Klippe hinunter. Das ist sehr gefährlich.« Seine Worte sprudelten hervor wie ein Sturzbach.
Sie kniff das Gesicht zusammen, wie sie es sonst beim Kopfrechnen immer machte, und sah ihn an. »Wir müssen jetzt wirklich aufstehen.«
Sie zog die Vorhänge im Erkerfenster auf und starrte hinaus. Sommernebel floss von Cranham Moor herein, so dick, dass er die Hügel hinter dem Garten wegzuspülen drohte. Sie sah auf ihre Armbanduhr.
»Vierundzwanzig Minuten vor sieben«, sagte sie, als informiere sie die Uhr über die korrekte Zeit. Sie nahm ihren rosa Morgenmantel vom Haken und ging Lucy wecken.
Wenn Byron sich ein Bild machen wollte, wie es im Kopf seiner Mutter aussah, stellte er sich eine Reihe intarsienverzierter Miniaturschubladen vor, mit so winzigen Griffen aus Edelsteinen, dass er Mühe hätte, sie mit seinen Fingern aufzuziehen. Die anderen Mütter waren ganz anders als sie. Sie trugen Häkelpullunder und Lagenröcke, manche sogar die neuen Schuhe mit Keilabsätzen. Byrons Vater sah seine Frau lieber förmlicher gekleidet. Neben Diana mit ihren schmalen Bleistiftröcken und Pfennigabsätzen, der farblich passenden Handtasche und ihrem Notizbuch wirkten andere Frauen überproportioniert, ihre Kleidung unter Niveau. Andrea Lowe, die Mutter von James, ragte neben ihr auf wie eine dunkelhaarige Riesin. Dianas Notizbuch enthielt Artikel, die sie aus Frauenzeitschriften wie und ausgeschnitten hatte. Sie notierte Geburtstage, die sie nicht vergessen durfte, wichtige Schultermine, aber auch Rezepte, Handarbeitsanleitungen, Gartenideen, Frisiertipps und Worte, die neu für sie waren. Die Kladde quoll über von Verbesserungsvorschlägen:
»«, sagte James manchmal. Dann errötete er und verstummte, wie in die Betrachtung von etwas Heiligem versunken.
Byron zog sich die kurze graue Hose und die Sommerjacke an. Die Knöpfe an seinem Hemd spannten, obwohl es fast neu war. Er sicherte den Sitz seiner Socken mit selbstgemachten Sockenhaltern und lief nach unten. Die getäfelten Wände schimmerten dunkel wie Kastanien.
»Ich rede mit niemandem als mit dir, Darling«, sagte seine Mutter mit dem ihr eigenen Singsang.
Sie stand an ihrem Telefontischchen kurz vor der Eingangshalle, fertig angezogen. Neben ihr wartete Lucy, dass sie Bänder in die Zöpfe gebunden bekam. Es roch intensiv nach Vim und Möbelpolitur, was für Byron genauso beruhigend duftete wie frische Luft. Als er vorbeiging, küsste seine Mutter ihre Fingerspitzen und drückte sie auf seine Stirn. Sie war nur wenig größer als er.
»Es sind nur die Kinder hier und ich«, sagte sie in den Hörer. Die Fenster hinter ihr zeigten ein mattes Weiß.
In der Küche setzte sich Byron an die Frühstückstheke und faltete eine saubere Serviette auseinander. Seine Mutter telefonierte mit seinem Vater. Er rief jeden Morgen um dieselbe Zeit an, und jeden Morgen versicherte sie ihm, sie höre ihm zu.
»Ach, heute mache ich wieder das Übliche. Das Haus in Ordnung bringen, Unkraut jäten. Nach dem Wochenende saubermachen. Es soll heiß werden.«
Entlassen aus den mütterlichen Händen, hüpfte Lucy in die Küche und stemmte sich auf ihren Hocker hoch. Sie kippte die Schachtel Zuckersterne über ihr Peter-Rabbit-Schälchen. »Vorsicht«, sagte Byron, als sie nach dem blauen Krug griff. Er sah zu, wie der Milchstrahl ziemlich von ungefähr auf ihre Getreideflocken spritzte. »Pass auf, dass du nichts verschüttest, Lucy.« Das war höflich ausgedrückt – sie hatte schon etwas verschüttet.
»Ich weiß schon, was ich tue, Byron. Ich brauche keine Hilfe«, erwiderte Lucy. Jedes Wort klang wie ein gezielter kleiner Luftangriff. Sie stellte den Krug wieder auf den Tisch, ein Ungetüm in ihren Händen. Dann baute sie um ihr Schälchen eine dichte Mauer von Müslischachteln. Er konnte nur noch ihren strohblonden Scheitel sehen.
Aus der Diele kam die Stimme seiner Mutter. »Ja, Seymour. Sie steht poliert in der Garage.« Er nahm an, sie redeten von dem neuen Jaguar.
»Könnte ich bitte die Zuckersterne haben, Lucy?«
»Du darfst keine Zuckersterne. Du musst deinen Obstsalat und dein gesundes Alpenmüsli essen.«
»Ich würde nur gern lesen, was auf dem Paket steht. Ich möchte mir Sooty, den Bären anschauen.«
»Ich lese selber gerade, was auf den Paketen steht.«
»Du brauchst sie doch nicht alle auf einmal«, sagte er sanft. »Und außerdem kannst du noch gar nicht lesen, Lucy.«
»Alles ist bestens«, trällerte seine Mutter aus der Diele. Ihr Lachen war wie ein Flügelflattern.
Byron spürte in seinem Magen einen heißen Knoten. Er versuchte, sich eine der Schachteln zu nehmen, nur eine, bevor Lucy ihn daran hindern konnte, aber ihre Hand flog hoch, als er die Schachtel wegzog. Dabei schlitterte der Milchkrug zur Seite, es klirrte laut, und der neue Boden war plötzlich eine Brühe aus weißer Milch und blauen Porzellansplittern. Die Kinder starrten entsetzt. Es war fast Zeit zum Zähneputzen.
Im Nu war Diana in der Küche. »Keine Bewegung!«, rief sie. Sie streckte den Kindern die Handflächen entgegen, als hielte sie den Verkehr auf. »Ihr könntet euch verletzen!« Byron saß so reglos, dass ihm der Hals steif wurde. Diana balancierte mit ausgestreckten Armen und gespreizten Fingern auf Zehenspitzen zum Putzschrank hinüber; der Boden unter ihr schmatzte und knackte.
»Das war deine Schuld, Byron«, sagte Lucy.
Diana eilte mit Mopp und Eimer, Schaufel und Besen zurück. Sie drehte den Mopp in Seifenwasser aus und zog ihn durch die Milchpfütze....




