Judt / Shore / Hala | Transit 34. Europäische Revue | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 173 Seiten

Judt / Shore / Hala Transit 34. Europäische Revue

Leszek Kolakowski zum 80. Geburtstag
1. Auflage 2007
ISBN: 978-3-8015-0626-1
Verlag: Verlag Neue Kritik
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Leszek Kolakowski zum 80. Geburtstag

E-Book, Deutsch, 173 Seiten

ISBN: 978-3-8015-0626-1
Verlag: Verlag Neue Kritik
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



2001 verbrachte die russische Journalistin Anna Politkowskaja im Rahmen eines Milena Jesenská-Fellowships drei Monate am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien und arbeitete an ihrem Buch über den zweiten Tschetschenienkrieg (deutsch 2003 erschienen unter dem Titel Tschetschenien. Die Wahrheit über den Krieg). Sie wurde schon damals massiv bedroht. Als wir sie zu einem Treffen der Jesenska-Alumni im September 2006 einluden, antwortete sie nicht. Am 7. Oktober wurde sie in Moskau ermordet. Im Oktober 2007 wurde Leszek Kolakowski achtzig Jahre alt. 1959 an die Universität Warschau berufen, war er Verfechter einer Reform des Kommunismus, bis er 1966 aus der Partei ausgeschlossen wurde, 1968 seinen Lehrstuhl verlor und in den Westen emigrierte. Mit der Idee des Sozialismus hat Kolakowski sich schon früh beschäftigt. In seinem 1957 geschriebenen und von der Zensur unterdrückten ironischen Pamphlet 'Was ist Sozialismus?' hält er dem kommunistischen Regime einen Spiegel vor. Fast fünf Jahrzehnte nach diesem - hier wiederabgedruckten - Meisterstück politischer Satire zieht Kolakowski in seinem Essay 'Was vom Sozialismus bleibt' noch einmal Bilanz: 'Dass sich der Marxismus in so gut wie allem geirrt hat', schreibt Kolakowski, 'macht noch lange nicht die sozialistische Tradition obsolet. Und dass die sozialistischen Ideale missbraucht wurden, diskreditiert sie nicht schon. Schließlich haben sich sozialistische Werte mit liberalen verbunden und wurden im Rahmen demokratischer Marktwirtschaft verwirklicht.' Sozialismus 'als Ausdruck der Solidarität mit den Unterdrückten und sozial Benachteiligten' und als Korrektiv 'das uns daran erinnert, dass es etwas jenseits von Konkurrenzkampf und Gier gibt, aus all diesen Gründen ist der Sozialismus - das Ideal, nicht das System - immer noch von Nutzen.'

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Tony Judt

DEM ALLEN LEBEWOHL?

Kolakowskis Hauptströmungen des Marxismus heute gelesen

I

Leszek Kolakowski ist ein Philosoph aus Polen. Doch diese Charakterisierung scheint nicht ganz treffend – oder hinreichend. Wie bei Czeslaw Milosz und anderen vor ihm war Kolakowskis intellektueller und politischer Werdegang durch seine Opposition zu bestimmten, tief verwurzelten Zügen der traditionellen polnischen Kultur geprägt: Klerikalismus, Chauvinismus, Antisemitismus. 1968 zur Ausreise gezwungen, konnte Kolakowski weder in seine Heimat zurückkehren noch dort seine Werke publizieren: Zwischen 1968 und 1981 stand sein Name auf dem polnischen Index verbotener Autoren, und ein Großteil der Arbeiten, für die er heute am besten bekannt ist, schrieb und veröffentlichte er im Ausland.

Das Exil verbrachte Kolakowski überwiegend in England, wo er seit 1970 Fellow am All Souls College in Oxford ist. Aber Großbritannien ist, wie er in einem Gespräch sagte, eine Insel, und Oxford ist eine Insel in England, und All Souls (ein College ohne Studenten) ist eine Insel in Oxford, und Dr. Leszek Kolakowski ist eine Insel in All Souls, eine »vierfache Insel«.1 Tatsächlich bot das britische Kulturleben intellektuellen Emigranten aus Russland und Mitteleuropa einst einen Platz – man denke nur an Ludwig Wittgenstein, Arthur Koestler oder Isaiah Berlin. Doch ein ehemals marxistischer katholischer Philosoph aus Polen ist noch exotischer, und trotz seines internationalen Ansehens ist er in seinem Adoptivland kaum bekannt, und wenn, dann erstaunlich unterschätzt.

Anderswo ist Kolakowski indes berühmt. Wie viele mitteleuropäische Gelehrte seiner Generation ist er mehrsprachig – fühlt sich im Russischen, Französischen und Deutschen ebenso zu Hause wie im Polnischen und Englischen – und wurde besonders in Italien, Deutschland und Frankreich mit Ehrungen und Preisen überhäuft. In den Vereinigten Staaten, wo Kolakowski viele Jahre am Committee on Social Thought der Universität von Chicago lehrte, wurden seinen Leistungen großzügige Würdigungen zuteil, deren Höhepunkt 2003 die Verleihung des ersten John W. Kluge-Preises der Library of Congress war – ein Preis, der für ein Lebenswerk in jenen Wissenschaften (besonders den Geisteswissenschaften) verliehen wird, für die es keinen Nobelpreis gibt. Aber Kolakowski, der mehr als einmal erklärte, sich am meisten in Paris zu Hause zu fühlen, ist keinen Deut mehr Amerikaner als Engländer. Am treffendsten beschreibt man ihn vielleicht als den letzten illustren Bürger der Gelehrtenrepublik des 20. Jahrhunderts.

In den meisten seiner Wahlheimaten kennt man Leszek Kolakowski vor allem für seine bemerkenswerte dreibändige Geschichte des Marxismus, Die Hauptströmungen des Marxismus (und mancherorts nur als solchen). 1976 auf Polnisch (in Paris) erschienen, kam das Werk ein Jahr später in Deutschland und zwei Jahre später in England heraus und wurde in den USA mittlerweile als einbändige Ausgabe neu aufgelegt.2 Ohne Zweifel verdient dieses Werk höchste Wertschätzung, ist es doch ein Monument der modernen humanistischen Gelehrsamkeit. Freilich entbehrt die Prominenz des Werkes unter Kolakowskis Schriften nicht einer gewissen Ironie, ist sein Autor doch alles andere als ein »Marxologe«. Er ist ein Philosoph, ein Philosophiehistoriker und ein katholischer Denker. Er verbrachte Jahre mit dem Studium frühchristlicher Sekten und Häresien und hat sich einen Großteil des letzten Vierteljahrhunderts der Geschichte der europäischen Religion und Philosophie und dem gewidmet, was man am besten philosophisch-theologische Spekulation nennen könnte.

Kolakowskis »marxistische« Phase, angefangen mit seiner Prominenz im Nachkriegspolen als anspruchsvollster marxistischer Philosoph seiner Generation bis zu seinem Weggang 1968, war tatsächlich recht kurz, und ein Großteil dieser Zeit war er bereits Dissident. Schon 1954, im Alter von 27, beschuldigte man ihn, »von der marxistisch-leninistischen Lehre abzuweichen«. 1966 hielt er zum zehnten Jahrestag der Arbeiterproteste in Posen (»Polnischer Oktober«) eine berühmt kritische Vorlesung an der Warschauer Universität und wurde vom Parteivorsitzenden Wladyslaw Gomulka offiziell als »Hauptideologe der sogenannten revisionistischen Bewegung« getadelt. Als man Kolakowski seines Lehrstuhls enthob, geschah dies mit der Begründung, er bilde »die Ansichten der Jugend in einer Weise, die der offiziellen Tendenz des Landes zuwider« laufe. Im Westen angekommen, war er (zur Verwirrung manch eines Bewunderers, wie wir noch sehen werden) kein Marxist mehr, und nachdem er das wichtigste Buch über den Marxismus des letzten halben Jahrhunderts geschrieben hatte, brachte Kolakowski ein paar Jahre später nur noch ein »nachlassendes Interesse an dem Thema« auf, wie es ein polnischer Forscher vornehm ausdrückt.3

Dieser Werdegang hilft, die besonderen Züge der Hauptströmungen zu erklären. Der erste Band, Die Gründer (dt. Entstehung), ist konventionell als Ideengeschichte angelegt: von den christlichen Ursprüngen der Dialektik und dem Projekt der vollkommenen Erlösung in der deutschen romantischen Philosophie und seinen Auswirkungen auf den jungen Marx bis hin zu den reifen Schriften von Marx und seinem Kollegen Friedrich Engels. Der zweite Band trägt im Original den aufschlussreichen (und, wie ich glaube, keineswegs ironischen) Titel Das goldene Zeitalter.4 Er beschreibt die Geschichte von der Zweiten Internationale, die 1889 ins Leben gerufen wurde, bis zur Russischen Revolution von 1917. Auch hier beschäftigt sich Kolakowski vor allem mit Ideen und Debatten, die auf hochgeistigem Niveau von einer bemerkenswerten Generation radikaler europäischer Denker geführt wurden.

Die führenden Marxisten der Zeit – Karl Kautsky, Rosa Luxemburg, Eduard Bernstein, Jean Jaurès und Wladimir Iljitsch Lenin – kommen alle zu ihrem Recht, jeder erhält ein Kapitel, das mit Sorgfalt und Klarheit ihre Hauptargumente und ihren Platz in der Geschichte zusammenfasst. Von noch größerem Interesse, weil sie gewöhnlich in solchen Gesamtdarstellungen keinen so hervorragenden Platz einnehmen, sind indes die Kapitel über den italienischen Philosophen Antonio Labriola, die Polen Ludwik Krzywicki, Kazimierz Kelles-Krauz und Stanislaw Brzozowski sowie die »Austromarxisten« Max Adler, Otto Bauer und Rudolf Hilferding. Dass vergleichsweise viele Polen in Kolakowskis Darstellung des Marxismus auftreten, ist zweifellos zum Teil der Lokalperspektive des Autors geschuldet und ein Ausgleich für frühere Vernachlässigung. Aber wie die Austromarxisten (denen eines der längsten Kapitel des Bandes zuteil wird) vergegenwärtigen sie den geistigen Reichtum des Fin de Siècle Mitteleuropas, der vergessen und schließlich aus dem lange von Deutschen und Russen beherrschten Narrativ des Marxismus getilgt wurde.5

Der dritte Band der Hauptströmungen – der behandelt, was wohl viele Leser unter »Marxismus« verstehen, das heißt die Geschichte des Sowjetkommunismus und das Denken westlicher Marxisten seit 1917 – ist unumwunden mit Zerfall betitelt. Etwas weniger als die Hälfte dieses Teils ist dem Sowjetmarxismus von Stalin bis Trotzki gewidmet, der Rest behandelt ausgewählte Theoretiker anderer Länder. Einige von ihnen, besonders Antonio Gramsci und Georg Lukács, sind für Ideengeschichtler des 20. Jahrhunderts von anhaltendem Interesse, andere, wie Ernst Bloch und Karl Korsch (Lukács’ deutscher Zeitgenosse), haben einen eher antiquarischen Reiz. Wieder andere, besonders Lucien Goldmann und Herbert Marcuse, erscheinen heute noch uninteressanter als Mitte der 70er Jahre, als Kolakowski sie auf ein paar Seiten abfertigte.

Das Werk schließt mit einem »Überblick über die Wandlungen des Marxismus in den letzten Jahren«, ein Essay über die Entwicklungen im Marxismus seit Stalins Tod, in dem Kolakowski kurz seine eigene »revisionistische« Vergangenheit berührt, bevor er in fast durchgängig verächtlichem Ton die vergänglichen Moden der Zeit verzeichnet, von der höheren Dummheit von Sartres Kritik der dialektischen Vernunft und ihren »überflüssigen Neologismen« bis hin zu Mao Zedongs »bäuerlichem Marxismus« und seinen unverantwortlichen westlichen Bewunderern. Die Leser dieses Teils werden im Vorwort zum dritten Band vorgewarnt, wo der Autor einräumt, dass sich das letzte Kapitel zu einem eigenen Band hätte erweitern lassen, jedoch hinzufügt: »doch ich bin mir (…) nicht sicher, ob das Thema einer derart eingehenden Darstellung wert ist.« Es verdient hier vielleicht Erwähnung, dass die ersten beiden Bände der Hauptströmungen in Frankreich 1987 erschienen, der dritte und letzte Band von Kolakowskis Meisterwerk jedoch dort bis heute nicht veröffentlicht ist.

Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, hier die erstaunliche Bandbreite von Kolakowskis Geschichte der marxistischen Doktrin zu vermitteln. Seine Darstellung wird wohl kaum jemals von einem Nachfolger überboten werden: Wer wird je wieder genug wissen – oder genug Interesse...



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