Julius / Gasteiger-Klicpera / Kißgen Bindung im Kindesalter
1. Auflage 2009
ISBN: 978-3-8409-1613-7
Verlag: Hogrefe Verlag
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Diagnostik und Intervention
E-Book, Deutsch, 333 Seiten
ISBN: 978-3-8409-1613-7
Verlag: Hogrefe Verlag
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Der Band bietet einen fundierten Einblick in die verschiedenen diagnostischen Verfahren der Bindungstheorie sowie in die Praxis bindungsgeleiteter Interventionen bei verhaltensauffälligen Kindern. Das Buch richtet sich primär an Psychologen und Pädagogen, die mit verhaltensauffälligen Kindern oder mit Risikokindern arbeiten. Es informiert zunächst über die Grundzüge der Bindungstheorie, geht auf den Zusammenhang zwischen Bindung und familiären Gewalt-, Verlust- und Vernachlässigungserfahrungen ein und erläutert die Konsequenzen unsicherer Bindungsqualität.
Im zweiten Teil bietet der Band einen fundierten Einblick in die prominentesten diagnostischen Verfahren der Bindungstheorie: den Fremde Situationstest, den Attachment Story Completion Test, das Adult Attachment Projective, den Separation Anxiety Test sowie den Bochumer Bindungsfragebogen. Der dritte Schwerpunkt des Buches liegt auf den Interventionen, die sich aus der Bindungstheorie für Risikokinder bzw. für Kinder mit bereits manifesten Verhaltensstörungen ableiten lassen.
Fokus dieser Interventionen sind zum einen die Eltern der betroffenen Kinder und zum anderen professionelle Bezugspersonen, die mit diesen Kindern und Jugendlichen arbeiten, insbesondere Lehrer, Erzieher und Sozialpädagogen. Da die Mitglieder dieser Berufsgruppen in der Regel sehr viel Zeit mit den Kindern verbringen, ist es nicht verwunderlich, dass ein Großteil der Kinder eine Bindungsbeziehung zu diesen Personen entwickelt.Wie sich diese Beziehungen pädagogisch und therapeutisch nutzen lassen, z.B. in Kindertageseinrichtungen, in der schulischen Erziehungshilfe oder im Heim wird ausführlich erläutert.
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1;Inhalt und Vorwort der Herausgeber;6
2;1. Bindung und familiäre Gewalt-, Verlust- und Vernachlässigungserfahrungen;14
2.1;1. Grundzüge der Bindungstheorie;14
2.2;2. Auswirkungen familiärer Gewalt-Verlust und Vernachlässigungserfahrungen auf die Bindung von Kindern im Schulalter;18
2.3;3. Resümee;25
2.4;Literatur;26
3;2. Exkurs: Psychische Folgen familiärer Gewalt und Vernachlässigung;28
3.1;1. Einleitung;28
3.2;2. Methodische Probleme in der Erfassung der Häufigkeit und der Effekte von physischer Misshandlung, sexuellem Missbrauch und Vernachlässigung;28
3.3;3. Zur Häufigkeit von physischer Misshandlung, sexuellem Missbrauch und körperlicher bzw. emotionaler Vernachlässigung;29
3.4;4. Empirische Ergebnisse zu den Konsequenzen von physischer Misshandlung, sexuellem Missbrauch und Vernachlässigung;30
3.5;5. Traumatogene Faktoren;32
3.6;6. Theoretische Konzepte zur Erklärung des Zusammenhangs zwischen familiären Gewalt-, Verlust und Vernachlässigungserfahrungen und Verhaltensstörungen;33
3.7;Literatur;35
4;3. Konsequenzen unsicherer Bindungsqualität: Verhaltensauffälligkeiten und Schulleistungsprobleme;40
4.1;1. Einleitung;40
4.2;2. Bindung und Bindungsqualitäten;41
4.3;3. Bindungsqualitäten und Psychopathologie;45
4.4;4. Dissozialität und Lernstörung aus entwicklungspsychopathologischer Perspektive;52
4.5;5. Präventive und therapeutische Konsequenzen Konsequenzen abschließende Bemerkungen;57
4.6;Literatur;58
5;4. Kontinuität und Diskontinuität von Bindung;66
5.1;1. Begriffsklärung;66
5.2;2. Zur Diskussion von Kontinuität und Diskontinuität in der Bindungsforschung;68
5.3;3. Einmal unsichere Bindung – immer unsichere Bindung?;73
5.4;Literatur;77
6;5. Diagnostik der Bindungsqualität in der frühen Kindheit - Die Fremden Situation;92
6.1;1. Einleitung;92
6.2;2. Theoretische Fundierung und Entwicklung;92
6.3;3. Durchführung;95
6.4;4. Klassifikation der Bindungsqualität;97
6.5;5. Zusammenfassung und Ausblick;102
6.6;Literatur;104
7;6. Diagnostik der Bindungsqualität im Kindergarten- und Vorschulalter – Die Attachment Story Completion Task ( ASCT);108
7.1;1. Einleitung;108
7.2;2. Entwicklung der ASCT-Methode;111
7.3;3. Durchführung;111
7.4;4. Auswertung;114
7.5;5. Validität der ASCT-Methode;117
7.6;Literatur;118
8;7. Diagnostik der Bindungsqualität im Grundschulalter - Der Separation Anxiety Test ( SAT);122
8.1;1. Einführung;122
8.2;2. Beschreibung des SAT;122
8.3;3. Sprachmuster von Kindern mit organisierten Bindungsstrategien;124
8.4;4. Sprachmuster von Kindern mit einer desorganisierten Bindungsstrategie;128
8.5;5. Gütekriterien des SAT;136
8.6;Literatur;137
9;8. Die Erfassung psychischer Sicherheit und Unsicherheit in der mittleren Kindheit. Unterschiede in der „ Konstruktiven Internalen Kohärenz“ als ein Merkmal sicherer und unsicherer Bindungsqualitäten;140
9.1;1. Bindung in der mittleren Kindheit;140
9.2;2. Die Vermittlung bedeutungsvoller Zusammenhänge eigener Erfahrungen;142
9.3;3. Die Entwicklung innerer Arbeitsmodelle von sich und von anderen;145
9.4;4. Bindungsverhaltensmuster 6-jähriger Kinder;148
9.5;5. Der Umgang mit Bindungsgefühlen im Trennungsangst-Test zur sprachlichen Erfassung der Bindungsrepräsentation;150
9.6;6. Fazit;164
9.7;Literatur;166
9.8;Anhang: Anmerkungen zur Erfassung „Konstruktiver Internaler Kohärenz“;172
10;9. Diagnostik der Bindungsqualität bei 8- bis 14-jährigen Kindern - Der Bochumer Bindungstest (BoBiTe);176
10.1;1. Konzeptuelle Grundlagen des Verfahrens;176
10.2;2. Beschreibung des Verfahrens;177
10.3;3. Durchführung der Testerhebung;181
10.4;4. Bildung von Kennwerten;181
10.5;5. Entwicklung des Verfahrens und Ermittlung der psychometrischen Merkmale;182
10.6;6. Psychometrische Merkmale und Testgütekriterien;184
10.7;7. Kalkül für die Bindungsklassifikation;188
10.8;8. Reliabilität;189
10.9;9. Validitätshinweise;190
10.10;10. Fazit;195
10.11;Literatur;196
11;10. Diagnostik der Bindungsqualität im Jugendalter - Das Adult Attachment Projective ( AAP);200
11.1;1. Einleitung;200
11.2;2. Durchführung und Entwicklung des AAP;201
11.3;3. Konstruktion und Validierung des AAP;204
11.4;4. Analyse der Interviewtranskripte;205
11.5;5. Klassifikation der Bindungsrepräsentation;211
11.6;6. Zusammenfassung;218
11.7;Literatur;220
12;11. Interventionen auf bindungstheoretischer Basis in Hochrisikofamilien – Das STEEPTM- Programm;234
12.1;1. Einleitung;234
12.2;2. Das Minnesota Parent-Child Project;235
12.3;3. Prinzipien und Ziele des STEEPTM-Programms;240
12.4;4. Die Umsetzung des STEEPTM-Programms im Alltag;245
12.5;5. Evaluation des STEEPTM-Programms;247
12.6;6. Das STEEPTM-Programm in Deutschland;248
12.7;Literatur;249
13;12. Überlegungen zur Arbeit mit Eltern und Pflegeeltern aus bindungstheoretischer Sicht;254
13.1;1. Einleitung;254
13.2;2. Vom Kindeswohl, Elternwohl und Familienwohl;254
13.3;3. Die Repräsentationsebene;256
13.4;4. Die Verhaltensebene;261
13.5;5. Das Timing von Interventionsangeboten;263
13.6;6. Niedrigschwellige Elternarbeit und Frühe Hilfen;264
13.7;7. Besonderheiten der Arbeit mit Pflegeeltern;264
13.8;8. Bindungsaufbau in der Pflegefamilie und Hilfen für Pflegeeltern;266
13.9;9. Arbeit mit den leiblichen Eltern von Pflegekindern;271
13.10;10. Zusammenwirken aller zur Herstellung des Kindeswohls;271
14;13. Bindungsgeleitetes Vorgehen in Kindertageseinrichtungen;278
14.1;1. Einleitung;278
14.2;2. Auswirkungen verschiedener Bindungsmuster auf das Verhalten der Kinder während der Eingewöhnungszeit;278
14.3;3. Gestaltung der Eingewöhnungszeit aus Bindungssicht;280
14.4;4. Bindung zu Erzieherinnen;282
14.5;5. Anwendungsbeispiel: Fortbildung für Erzieherinnen in Kindertageseinrichtungen zum Thema Bindung;283
14.6;6. Ausblick;290
14.7;Literatur;291
15;14. Bindungsgeleitete Interventionen in der schulischen Erziehungshilfe;294
15.1;1. Einleitung;294
15.2;2. Sind Bindungsmuster veränderbar?;296
15.3;3. Pädagogische Implikationen;296
15.4;4. Pädagogische Strategien;297
15.5;5. Verabschiedung;308
15.6;6. Diskussion;308
15.7;Literatur;312
16;15. Bindungsgeleitete Interventionen im Heim;318
16.1;1. Heimerziehung und Bindung;318
16.2;2. Aufnahme und Entlassung;320
16.3;3. Zeit des Heimaufenthalts;322
16.4;4. Arbeit mit den Herkunftseltern;327
16.5;Literatur;328
17;Die Autorinnen und Autoren des Bandes;332
(S. 91-92)
Rüdiger Kißgen
1. Einleitung
Die Fremden Situation ist das zentrale Inventar der Bindungsforschung zur Bestimmung der Bindungsqualität eines Kindes an seine Bezugsperson zum Ende des ersten Lebensjahres. In dieser von Mary Ainsworth und ihrer Arbeitsgruppe (Ainsworth, Blehar, Waters & Wall, 1978, Ainsworth & Wittig, 1969) konzipierten Laborsituation wird das Kind verschiedenen Stressoren ausgesetzt, die durch ihre kumulative Wirkung das Bindungsverhaltenssystem des Kindes aktivieren. Anhand von Videoaufzeichnungen wird nach der Untersuchung die Fähigkeit des Kindes beurteilt, seine anwesende Bezugsperson zur Regulation des aktivierten Bindungsverhaltenssystems zu nutzen. Diese über vier Verhaltensskalen vorgenommene Einschätzung bildet die Grundlage für die Klassifikation der Bindungsqualität des Kindes. Gelingt es dem Kind, durch den Kontakt zu seiner Bezugsperson sein Bindungsverhaltenssystem zu regulieren, so spricht man von einer sicheren Bindung. Gelingt dies dem Kind nicht oder bemüht es sich, sein Bindungsverhaltenssystem ohne die anwesende Bezugsperson zu regulieren, so hat sich im ersten Lebensjahr eine nicht sichere Bindung an die begleitende Bezugsperson entwickelt. Das Wissen um die Bindungsqualität von Kindern ist im Hinblick auf deren weitere Entwicklung von Bedeutung. Wie die Längsschnittstudien aus der Bindungsforschung zeigen, kommt eine sichere Bindung einem protektiven Faktor für die psychosoziale Entwicklung gleich. Unsichere Bindungsformen hingegen stellen diesbezüglich ein Handicap dar.
2. Theoretische Fundierung und Entwicklung
Psychoanalyse, Ethologie und Systemtheorie sind die drei Säulen, auf denen der englische Psychiater und Psychoanalytiker John Bowlby (1907-1990) in einer Trilogie (Bowlby, 1969, 1973, 1980, 1982) die Bindungstheorie entwirft. Bei Betrachtung seines Lebensweges (Holmes, 2002) lässt sich mutmaßen, dass Bowlbys herausragendes Interesse für die Themen „Bindung“ und „Trennung“ dadurch ausgelöst wurde, dass er 1914 mit sieben Jahren wegen der drohenden Gefahr eines Luftangriffs auf London in ein Internat geschickt wurde. Bowlby litt unter der Trennung von seiner Familie derart, dass er später einmal gesagt haben soll, er selbst würde nicht einmal einen Hund ins Internat schicken (Dornes, 2000). Bowlby (1969) konzipierte Bindung als eines von mehreren angeborenen Verhaltenssystemen wie beispielsweise der Exploration, der Ernährung, der Reproduktion, der Sexualität und der Pflege. Die einzelnen Systeme haben sich im Verlauf der Evolution herausgebildet, da sie in ihrer Konsequenz substantiell zum Überleben der Spezies Mensch beigetragen haben. Dem Bindungsverhaltenssystem spricht er die Funktion zu, die Nähe des Kindes zu seiner Bezugsperson in Abhängigkeit vom inneren physiologisch-emotio nalen Zustand und von äußeren situativen Gegebenheiten zu regulieren. Wie Ainsworth et al. (1978) ausführen, ist speziell die Entwicklung menschlicher Säuglinge einerseits von einer langen Zeit der Hilflosigkeit in Koppelung mit einem relativen Defizit reflexbedingter Handlungsmuster geprägt. Diese lange Periode der Hilflosigkeit und Unreife impliziert eine lange Zeit der Vulnerabilität. Andererseits stellt diese Ausgangslage eine notwendige Bedingung für Flexibilität, Lernen und Anpassung an die Umwelt dar. In dieser Zeit ist der menschliche Säugling wie kein anderes Lebewesen abhängig vom Schutz durch andere. Bowlby (1969) führt aus, dass der Säugling folglich mit einem relativ stabilen Verhaltenssystem ausgestattet sein muss, welches eine ausreichende Nähe zu diesen anderen gewährleistet. Dieses zum Schutz führende Verhaltenssystem, das Bindungsverhaltenssystem, funktioniert in Abhängigkeit von den gegebenen Umweltbedingungen als Regelkreis. Aktiviert wird es durch emotional belastende Auslöser wie beispielsweise Müdigkeit, fremde Personen, neue Situationen, Angst, Krankheit, Trennung, Kummer. Im Zustand der Aktivation lassen sich die dem Bindungsverhaltenssystem Ausdruck gebenden Bindungsverhaltensweisen beobachten. Diese können unterteilt werden in Signalverhaltensweisen (Schreien, Weinen, Lächeln, Vokalisieren, Anblicken) und Annäherungsverhaltensweisen (Nähe herstellen, Nachfolgen, Suchen). Beide Verhaltensgruppen dienen der Herstellung von Nähe zwischen dem Kind und seiner Bindungsperson (räumliches Ziel) und gewährleisten somit Schutz (emotionales Ziel). Bowlby (1969) argumentiert, dass das Bindungsverhaltenssystem analog zu physiologischen Steuerungssystemen, die die Funktion physiologischer Prozesse gewährleisten, die Nähe oder Erreichbarkeit eines jeden Partners einer Bindungsbeziehung innerhalb gewisser Entfernungs- und Verfügbarkeitsgrenzen im Sinne eines dynamischen Gleichgewichts aufrecht erhält. Antithetisch zum Bindungsverhaltenssystem ist das Explorationsverhaltenssystem des Kindes ausgerichtet. Bei dessen Aktivierung ist die kindliche Motivlage von Wohlbefinden und dem Gefühl von Sicherheit bestimmt. Das Kind zeigt sich unternehmungslustig, explorativ, sozial neugierig sowie spiellustig. Es kann seine Umgebung mit diesen Verhaltensweisen allerdings nur dann explorieren, wenn das Bindungsverhaltenssystem deaktiviert ist.




