E-Book, Deutsch, 126 Seiten
Jung Anders im Einklang
2. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-9662-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie Pädagogik, Spiritualität und Neurodiversität mein Leben durchdringen
E-Book, Deutsch, 126 Seiten
ISBN: 978-3-6957-9662-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Matthias Jung ist 64 Jahre alt, promovierter evangelischer Theologe und Erziehungswissenschaftler. Nach vielen Jahren im Gemeindepfarramt und im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) arbeitet er heute für die Pestalozzi-Stiftung in Burgwedel als Pastor und Lehrkraft an der stiftungseigenen Berufsfachschule für Pädagogik.
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SPIRITUELLE REISE
Ich bin in einem unkirchlichen Elternhaus aufgewachsen. Ich konnte mich als Pfarrer und Pastor immer leicht in Menschen hineinversetzen, die zu den mehr oder weniger distanzierten Kirchenmitgliedern gehörten. Oder kirchen- oder religionskritisch eingestellt waren. Meine Eltern hatten zwar eine lockere Beziehung zur evangelischen Kirche, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass sie selbst zur Kirche gegangen sind. Mich haben sie zwar einige Zeit samstagnachmittags zum Kindergottesdienst geschickt, aber wie das zustande kam, weiß ich nicht.
Zum Konfirmandenunterricht ging ich, weil ich musste. Es war eine Selbstverständlichkeit, eine freie Wahl gab es nicht. Der Unterricht war langweilig. Wir saßen im Kreis, blätterten in der Bibel, schrieben irgendwas in eine Mappe und mussten Texte aus der Bibel auswendig lernen. Es hat nicht dazu geführt, dass ich begeistert gewesen wäre von der Kirche, aber es hat mich auch nicht abgeschreckt. Es war irgendwie belanglos.
Im ersten Unterrichtsjahr mussten wir ein Krippenspiel aufführen. Es war klar, irgendeine Rolle würde ich auf jeden Fall übernehmen müssen. In das allgemeine Schweigen, das in solchen Momenten nicht unüblich ist, äußerte ich den Wunsch, den Josef spielen zu wollen. Das führte zu allgemeiner Erleichterung im Raum, da der Josef nun mal mit der Maria und Jungs mit Mädchen in diesem Alter noch nicht so können oder wollen. Ich wurde also Josef. Das mit dem Mädchen machte mir nicht viel aus, aber der Josef hatte in dem ganzen Stück nur zwei Sätze zu sagen. Es war die kürzeste Rolle für einen Jungen, die ich mir gean - gelt hatte. Seelenruhig ließ ich Proben und Aufführungen über mich ergehen, meinen Part hatte ich nach zwei Minuten auswendig im Kopf. Dass ich dabei zeitweise Christa (die Maria) im Arm hatte, war zwar nicht besonders angenehm, aber ich nahm es in Kauf.
* * *
Nach meiner Konfirmation ging ich zu einer neu gegründeten Jugendgruppe. Meine Mutter wollte das, damit ich nicht nur zu Hause herumsitze. Ich ging. Und blieb. An Gott glaubte ich nicht. Aber die Leute interessierten mich, vor allem die Mädchen. So fing es an. Spielerisch. Doch mit der Zeit färbten die Inhalte ab. Eines Tages beschloss ich, ein Experiment zu wagen. Ich erklärte abends im Bett diesem Gott, von dessen Existenz ich bis dahin ganz und gar nicht überzeugt war: Wenn in den nächsten Wochen die Arbeiten besser ausfallen würden als üblich, dann würde ich an ihn glauben. Zu meiner Überraschung funktionierte die Sache. Von der Stunde an war ich überzeugter Christ.
Heute sage ich, ich war naiv. Aber damals hatte ich noch ein magisches Gottesverständnis. Gott hält die Strippen in den Händen. Ich war zutiefst erstaunt und überrascht. Es war das Gefühl, da öffnet sich eine Tür, von der ich vorher nichts geahnt hatte. Es war schon ein existenzielles Erlebnis, welches mein Leben grundlegend beeinflusst hat.
In den nächsten Jahren war ich aktiv in der Jugendarbeit meiner Kirchengemeinde. Zunächst eher als passiver Teilnehmer in der Gruppe Conform, einem Kreis von Jugendlichen, die Spiele machten und in der Bibel lasen. Später arbeitete ich als ehrenamtlicher Mitarbeiter in der Jungschar und in anderen Gruppen mit. Es war eine aufregende Zeit, viel im Aufbruch. Der christliche Glaube und die Reflexion des Glaubens faszinierten mich mehr und mehr. Es gab offene Arbeit, Gruppenarbeit, Freizeiten, eine Band. Meine Freizeit verbrachte ich weitgehend im Dunstkreis der Jugendarbeit. Meine Pubertät verlief harmlos, sie wurde hier aufgefangen, oder besser gesagt, in ruhige Bahnen kanalisiert. Nun gut, es gab auch Ärger. Vor allem mit der moralischen Enge, die dort herrschte. Sex vor der Ehe war verpönt, Tanzen war bedenklich, politische Aktivitäten ebenfalls. Der Rahmen meines Denkens und meines Lebens wurde in diesen Jahren durch die vorgegebenen frommen Denkmuster bestimmt. Aber all das drang nicht tief in mich ein. Da blieb immer ein skeptischer Teil lebendig, der sagte: Lass die doch reden und mach, was du willst.
* * *
In diesen Jahren stand ich vor der Frage, was ich studieren wollte. Längere Zeit dachte ich darüber nach, Arzt zu werden. Als ich sechzehn, siebzehn Jahre alt war, habe ich angefangen, mich intensiv mit psychologischen Themen zu befassen. Ich las Sigmund Freud, C.G. Jung und andere. Ich spielte mit dem Gedanken, in die Psychiatrie zu gehen. Wahrscheinlich spielten die Erfahrungen mit der bipolaren Störung meiner Mutter im Hintergrund eine Rolle. Ich wollte Medizin studieren und nicht Psychologie, ich kann nicht mehr sagen, warum. Jedenfalls dachte ich vom Gefühl her, du kannst ein guter Diagnostiker werden, in der Psychiatrie, vielleicht auch in anderen medizinischen Feldern. Aber dieses Berufsziel verwarf ich wieder, weil mir Christine, mit der ich damals schon zusammen war, anschaulich aus der Krankenhauspraxis berichtete, und das war nichts anderes als abschreckend. So entschied ich mich für die Theologie. Das hing sicher mit den Erfahrungen in der kirchlichen Jugendarbeit und mit meiner Sympathie für die damalige Friedensbewegung zusammen. Christliche Impulse spielten in der Nachrüstungsdebatte eine große Rolle. Es gab aber noch tiefergehende Gründe.
Hier, bei den existenziellen Fragen der Menschen, schlug mein Herz, und es waren auch meine Fragen. Theologie, das war noch mehr als Philosophie. Hier ging es um alles, um ja oder nein, um ganz oder gar nicht. Berufsziel Pfarrer? Das war weit weg. Die Theologie erschien mir damals als Krone der Wissenschaften, und mit nichts anderem als dem Höchsten und Besten wollte ich mich abgeben. So dachte ich damals, sicher mit einem gehörigen Schuss Überheblichkeit.
Ich wollte den Dingen auf den Grund gehen. Die evangelikale Theologie, die ich in der Jugendarbeit kennengelernt hatte, war mir suspekt. Vom Gefühl her schien sie mir zu widersprüchlich, um wahr zu sein. Irgendwo stimmte damit etwas nicht. Eine andere Lebensphilosophie kannte ich nicht. Der Weg meiner Eltern erschien mir zu blass, zu unreflektiert. Dazu war ich zu grüblerisch. Ich war auf der Suche nach Stimmigkeit, sage ich heute. Es sollte für mich zusammenpassen: Glaube, Ethik und Moral. Und ich spürte bei der evangelikalen Lehre, dass sie nicht stimmig war.
* * *
Nach dem Zivildienst in einer KiTa der Lebenshilfe für mehrfach behinderte Kinder begann ich am 1. Oktober 1981 mein Theologiestudium in Marburg. Ich quälte mich durch die für Theologen obligatorischen Sprachsemester, paukte griechische und hebräische Vokabeln, um die heiligen Bücher auch im Original lesen zu können. Ich lernte, was man lernen musste, zog mir den Stoff rein, den ich brauchte, um Prüfungen zu bestehen, Scheine zu ergattern und Arbeiten schreiben zu können. Ich eignete mir Methoden an, lernte scharf zu denken und haufenweise Literatur zu lesen, zu verarbeiten und irgendwo in meinem Hinterkopf abzuspeichern.
In einer Hinsicht hat mich das Studium umgekrempelt: Es räumte mit meinem Kindheitsglauben auf. Es begann im dritten Semester. Die Sprachen hatte ich hinter mir, nun wandte ich mich den „wichtigen“ Dingen der Theologie zu. In meiner Gemeinde zu Hause war die theologische Wissenschaft verpönt. Ja, man hatte mich sogar davor gewarnt, nach Marburg zu gehen, weil dort der berüchtigte Rudolf Bultmann sein Unwesen treibe oder getrieben habe, so genau wussten das die Leute nicht. Mein ehemaliger Pfarrer hatte hier persönliche Horrorerlebnisse gehabt und diese ließen ihn ruhelos vor der wissenschaftlichen Theologie warnen.
Von Natur aus neugierig, ließ ich mich durch solch warnende Worte nicht abschrecken. Ich ging nach Marburg, doch Rudolf Bultmann fand ich nicht. Der war ein paar Jahre zuvor gestorben. Aber das war auch egal, denn ich merkte schnell, dass das mit Rudolf Bultmann nur ein Vorurteil war. Die ganze Theologie schien sich von der Frömmigkeit, die ich in der Kirchengemeinde kennengelernt hatte, diametral zu unterscheiden.
Naiv, wie ich war, stellte ich mir die theologische Wissenschaft vor Beginn meines Studiums als eine Art Bibelkunde vor. So eine Art intensiver Kindergottesdienst oder Konfirmandenunterricht. Doch weit gefehlt. Die Theologen (es waren nur Männer, die mich unterrichteten) fragten nach ganz anderen Dingen. Sie erklärten mir, alles sei unsicher. Man wisse gar nicht so genau, was geschrieben worden sei. Originalschriften gäbe es nicht und die vielen Abschriften unterschieden sich teilweise sehr stark. Und überhaupt: Die ältesten Schriften des Neuen Testaments seien frühestens zwanzig Jahre nach Jesu Tod entstanden, so lange sei alles nur erzählt worden. Und das mit den Wundern, also, das glaube kein aufgeklärter Mensch, das müsse man anders erklären …
Stück für Stück zerbrach mein Kindheitsglaube. Es machte mir nichts aus. An der Wahrheit interessiert, wich ich keiner Frage aus, sondern kaute sie durch, Stück für Stück. Ich sehe mich noch heute in meinem Zimmer sitzen, über Aufsätzen brüten, Bücher verschlingen, auf der Suche nach neuen Erkenntnissen, nach neuen Einsichten. Und ich fand sie. Nach und nach.
* * *
Die Jahre in Marburg gehören dennoch zu den düsteren Abschnitten meines Lebens. Dies lag nicht am Studium, sondern an der superfrommen Gruppe, in die wir...




