E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Jung / Wimmer Von Bienchen und Bübchen
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7562-7885-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Onlinedating-Experiment
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-7562-7885-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Von Bienchen und Bübchen ist der Debütroman von Marina B. Jung und Alexander Wimmer. Unter dem Namen Autorenbuddys arbeiten die beiden Schriftsteller bereits an weiteren gemeinsamen Projekten mit autobiografischen Inhalten.
Autoren/Hrsg.
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11
Es ist Wochenende. Ein Wintersamstag mit viel Sonne soll uns laut Wetterprognose erwarten. Ich hole meinen Rucksack aus der Abstellkammer. Den möchte ich heute so richtig vollpacken. Mit einem feinen Picknick. Noch nie zuvor habe ich eine echte Outing-Geschichte eines echten Schwulen gehört. Und dann noch dazu nicht von „irgendeinem Schwulen“, sondern von meinem Lieblingsschwulen, sofern man so etwas überhaupt sagen darf?! Ich habe keine Ahnung, ob Alex diesen Moment genauso zelebrieren möchte wie ich, aber mir ist einfach danach. Ich packe deshalb fröhlich gelaunt weiter.
Alex holt mich zu Hause ab, danach fahren wir mit den Öffis weiter. Das Panorama am Kahlenberg ist einfach herrlich. Nicht umsonst ist das der bekannteste Aussichtspunkt auf Wien. An klaren Tagen sieht man nicht nur die komplette Stadt, sondern sogar bis zum Schneeberg. Man könnte sich getrost hier überall niederlassen und sein Picknick genießen. Wir starten trotzdem motiviert los. Ich möchte ihm nämlich ein noch viel schöneres Plätzchen zeigen, das kaum jemand kennt. Mit den ersten Schritten schließt er auch gleich an die Geschichte vom letzten Mal im Auto an:
„Na ja, ich legte mir dann einen Plan zurecht und dachte lange darüber nach, wie ich das mit dem Outing am besten angehen sollte. Du musst wissen, ich gebe nicht gern die Kontrolle über mein Leben ab. Deshalb war mir ein genauer Plan so wichtig. Und, wie das Leben eben so spielt, musste ich schon den ersten Teil des Planes wieder komplett ändern. Mein Outing sollte mit einer Reise zu meiner besten Freundin nach Südostasien beginnen. Diese Reise fand aber wegen einer Reisewarnung einfach nicht statt. Also wartete ich geduldig auf ihre Rückkehr in die Heimat. Schon kurze Zeit später stellte sich heraus, dass das noch eine ganze Weile dauern sollte... Aber sie musste auf jeden Fall die Erste sein, die es erfährt. Von mir! Das Outing musste schon so lange warten. Da spielten diese paar Wochen auch keine Rolle mehr. Obwohl es mir schon wie ein Kropf im Hals steckte, wenn ich heute darüber nachdenke. Als der Tag dann endlich kam, plagte mich die Angst vor diesem ersten großen Schritt. Nach ein bisschen Smalltalk und anfänglichem Zögern platzte es dann aber aus mir heraus. ‚Du, ich bin schwul!’ Zu allem Erstaunen war ihre Antwort: ‚Na endlich! Ich warte schon so lange, dass du es mir endlich sagst!’ Eine richtig große Erleichterung war das für mich. Nach ein paar Tagen folgte das nächste Outing. Eine gute Bekannte war an der Reihe, die ich unbedingt informieren wollte. Wir verabredeten uns zum Abendessen. Auch sie war wenig überrascht. Ihre Umarmung im Anschluss tat richtig gut! Dieser kluge Schachzug, sie schon so früh einzuweihen, sollte sich später noch als sehr hilfreich herausstellen.“
Nach einem kurzen, aber steilen Weg kommen wir da an, wo ich eigentlich hinwollte.
„Hey, wieso war ich hier noch nie?“, staunt Alex.
Ich breite die mitgebrachte Decke aus und wir machen es uns gemütlich. Ich biete ihm etwas von dem geschnittenen Obst und Gemüse an, das ich zu Hause vorbereitet habe. Er nimmt sich ein Stück Apfel und lässt den Blick in die Ferne schweifen.
„Schön ist es hier.“ Er atmet ein paar Mal tief durch. Der warme Atem ist gut sichtbar in der kalten Luft.
„Oder bist du schon bereit dafür?“, frage ich ihn und ziehe einen Flaschenhals aus meinem Rucksack. Martini Asti. Er lächelt. „Für den Notfall. Oder für andere Eventualitäten. Oder einfach nur, falls uns spontan danach ist“, lächle ich zurück. Er bleibt vorerst beim Apfel und erzählt lieber gleich weiter.
„Die engsten Freunde wussten dann nach und nach Bescheid. Die positiven Reaktionen gaben mir das nötige Selbstvertrauen. Jetzt fehlte eben noch meine Familie. Meine Mutter ist ja Wirtin und wir haben ein Gasthaus im Ort, wie du weißt. Bei uns zu Hause ist also mittags immer ganz schön was los. Die halbe Familie und alle Mitarbeiter essen hier. Da ich in der Nähe arbeite, komme auch ich oft zum Mittagessen ins Wirtshaus. An diesem Tag war das aber anders. Nur meine Mama saß da. Sonst niemand. Die perfekte Gelegenheit also. Wir machten unser Essen warm und saßen zusammen beim Tisch in der Wirtshausküche. Nach ein paar Bissen war ich gestärkt und bereit. Und das hörte sich dann so an:
ICH: Mama, ich wünsche mir eine Beziehung. Ich bin auf der Suche. Aber nicht nach einer Freundin.
SIE: Na, was suchst du denn dann?
ICH: Na ja, wenn ich nicht nach einer Freundin suche, dann nach dem Gegenteil. Mama, ich bin schwul!
Bei diesem Satz hätte sie sich fast am Essen verschluckt.
SIE dann ernsthaft: Aha. Und wer hat dir das gesagt? Wer hat dir das gesagt, dass du schwul bist?
Dann habe ICH mich fast verschluckt.
ICH wieder: Was meinst du damit, wer mir das gesagt hat? Mama, das sagt einem niemand, das fühlt man!
SIE: Aha, ist das so?
Und als wir da so saßen und in dieses etwas merkwürdige Gespräch vertieft waren, platzte auch noch mein kleiner Bruder herein und ich sagte zu ihm: ‚Super, ich bin gerade mitten in meinem Outing, du kannst gleich mithören!’ Das ging dann also gleich in einem.“
Alex macht eine Pause. Wie sich so ein Gespräch wohl anfühlen mag zwischen Mutter und Kind?, frage ich mich. Wie viele haben Angst, auf Ablehnung zu stoßen? Und wie viele sind sich der Zuneigung ihrer Eltern sicher, wenn sie ihr Innerstes nach außen kehren?
„So, jetzt bin ich bereit für den Asti!“, meint Alex schließlich. Auch er trinkt selten Alkohol. Aber offensichtlich passt das heute für uns beide.
Ich lächle. Das Gute daran ist, dass man Getränke bei diesen Temperaturen zumindest nicht extra kühlen muss. Warm wäre dieses Gesöff ja ohnehin nicht genießbar. Ich reiche Alex die Flasche und wickle währenddessen die in ein Geschirrtuch eingerollten Gläser aus. Das Öffnen der Flasche überlasse ich dem Profi. Schließlich ist er es mit der gastronomischen Ausbildung. „Ich hoffe, das war nicht die einzige Reaktion deiner Mutter?“ Meine Frage wird von einem gekonnten Plopp begleitet. Ich freue mich auf den ersten Schluck.
„Meine Mutter saß lange völlig perplex neben mir und sagte nichts mehr. Sie konnte die Nachricht nur schwer verdauen. Dann wollte sie aber wissen, ob ich denn auch schon einen Freund hätte. Meine Antwort: ‚Mama nein, sonst wäre ich ja nicht auf der Suche.’ Und nach einer neuerlichen Pause kam dann endlich, endlich der schönste Satz, den ein Kind von seiner Mutter hören kann: ‚Du bist und bleibst immer mein Kind, ganz egal, was passiert.’ Tja, und wie ich dann am selben Abend noch erfahren habe, hat sie als erstes ihre Freundin angerufen, um sich auszusprechen. Ein kluger Schachzug von mir, denn ihre Freundin ist genau jene Bekannte, die ich gleich zu Beginn eingeweiht habe. Ach, ich mag Pläne, wenn sie aufgehen.“
Alex grinst und wippt mit seinem Glas hin und her. Ich wippe mit den Beinen hin und her. Mir ist kalt. Ich bin eben kein Wintermädchen, das muss ich in diesem Jahr wieder einmal besonders intensiv spüren. Kleidungstechnisch bestens ausgestattet, aber trotzdem chronisch unterkühlt. Deshalb habe ich beim Ausfüllen meines DatingProfils „lieber Temperatur +21°C“ angegeben. Auch meine Profilfotos sind frühlingshaft und sommerlich. Es gibt nur ein einziges Schalfoto. Aber vielleicht hilft ja gleich der Asti von innen?! Ich hoffe es, denn die Situation ist zu gemütlich, um sie so abrupt zu unterbrechen.
„Na ja, und mit dem Rest der Familie war das so eine Sache! Meine Mama ist, nennen wir es so, ein sehr kommunikativer Mensch. Dadurch hat sie mir einiges abgenommen. Ich habe es danach nicht an die große Glocke gehängt oder gar auf ein gezieltes Posting gesetzt. Ich gehe nur offener damit um und wenn mich jemand fragt, dann antworte ich auch ganz ehrlich. Aber im Grunde genommen habe ich bei den meisten ohnehin nur das Offensichtliche bestätigt, als ich es endlich zugelassen habe.“
„Das heißt, du wirst nun von allen Seiten akzeptiert und unterstützt. Wie schön“, fasse ich zusammen. „Das ist ja nicht immer selbstverständlich. Vor allem am Land, wo die Menschen noch als verklemmter gelten. Hast du eigentlich auch noch andere Homosexuelle in deinem Umfeld oder sogar im Freundeskreis? Zum Austauschen?“
„Im direkten Freundeskreis nicht, aber ich habe seit einiger Zeit eine Art ‚Mentor’ an meiner Seite. Etwas älter, ebenfalls homosexuell und in einer langjährigen, glücklichen Beziehung. Er war es auch, der mich quasi väterlich durch das Outing begleitet hat. Ich habe ihn ganz zufällig auf Instagram kennengelernt. Wir hatten sofort eine gute Basis und ich fand schnell heraus, dass er es gut mit mir meint. Ich kann ihm vieles anvertrauen und mich mit ihm austauschen. Er ist wie ein Onkel für mich, deshalb nenne ich ihn auch liebevoll ‚Onkel Bürgermeister’.“
Alex trinkt einen Schluck. Onkel Bürgermeister? Ernsthaft? Ich denke zuerst an einen Scherz. Einen erwachsenen Mann „Onkel“ zu nennen, obwohl er...




