Junge | Die komische Frau | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 177 Seiten

Junge Die komische Frau

Roman
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-10-400804-2
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 177 Seiten

ISBN: 978-3-10-400804-2
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Geister oder die Schatten der Vergangenheit? Lena und Leander ziehen mit ihrem Sohn von Hamburg nach Berlin - in einen der stalinistischen Prachtbauten nahe der Karl-Marx-Allee. In diesen Häusern, einst verdienten Kommunisten vorbehalten, sind auch Jahre nach der Wiedervereinigung die alten Strukturen und Seilschaften noch lebendig. Belustigt beobachten die Neuzugezogenen die alten Mieter, die hier seit Jahrzehnten wohnen und wie in alten Zeiten ihr Hausbuch führen. Dann trennen sich Lena und Leander, er zieht aus. Und plötzlich geschehen merkwürdige Dinge: Hatte Lena die Fenster nicht geschlossen? Hat sie wirklich vergessen, die Kerzen zu löschen? Und wen sieht ihr kleiner Sohn, wenn er immer öfter von der »komischen Frau« spricht? Eigentlich hatte Lena gedacht, dass die Trennung von Leander eine Erlösung ist, dass sie den Weg frei macht für ein neues Leben. Plötzlich aber gerät alles aus dem Lot ...

Ricarda Junge 1979 in Wiesbaden geboren, ist Absolventin des Deutschen Literaturinstituts Leipzig. Anschließend studierte sie evangelische Theologie in Frankfurt am Main. Für ihr Debüt »Silberfaden« wurde sie 2003 mit dem Grimmelshausen-Förderpreis ausgezeichnet. 2005 erschien ihr Roman »Kein fremdes Land«, für den sie den George-Konell-Preis erhielt, 2008 »Eine schöne Geschichte«, 2010 der Roman »Die komische Frau« und 2014 der Roman »Die letzten warmen Tage«. 2013 erhielt sie den Robert-Gernhardt-Preis. Ricarda Junge lebt mit ihrer Familie in Berlin und Frankfurt am Main. Literaturpreise: Mehrfach Förderpreise des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen 2003 Grimmelshausen-Förderpreis George-Konell-Preis für »Kein fremdes Land« 2013 Robert-Gernhardt-Preis
Junge Die komische Frau jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1


Im Folgenden werde ich davon berichten, was sich zwischen dem dreizehnten April und dem zehnten Mai dieses Jahres im Haus Löwestraße Nummer eins in Berlin-Friedrichshain Sonderbares ereignet hat. Mir ist bewusst, dass es für die Ereignisse der letzten Wochen möglicherweise eine psychologische, rationale Erklärung gibt, die sich mir im Moment jedoch nicht erschließt. Es sei jedem freigestellt, eine eigene Deutung zu finden, ich aber werde versuchen, mich darauf zu beschränken, das Geschehene möglichst genau wiederzugeben. Dabei soll mein Glaube mein Schutzschild sein: der Glaube an die reinigende, lindernde und erneuernde Kraft des gesprochenen und geschriebenen Wortes. Menschen werden geboren und sterben, Staaten werden gegründet und aufgelöst, etwas erfasst eine ganze Generation wie ein Traum, an den man sich nicht mehr erinnert, sobald man aus ihm erwacht. Nur eine leichte Irritation bleibt, die sich jeder auf seine Weise erklärt. Mit dem wechselnden Wetter, dem Pollenflug, der in diesem Jahr eine besondere Plage war, dem zu schweren Essen oder dem Lärm, den der Nachbar gestern bis spät in die Nacht veranstaltet hat. Etwas kommt, etwas geht. Aber was immer auch geschieht, geschieht auf ein Wort hin. Gedacht, gesprochen, geschrieben, verschwiegen.

Der dreizehnte April war in diesem Jahr der Montag nach Ostern. Ich war mit meinem kleinen Sohn zu meinen Eltern an die Ostsee gefahren, wo wir die Feiertage gemeinsam verbrachten. Es war warm. Die Magnolienbäume blühten rosa und weiß, an ihren Ästen, die mich an die gebogenen Arme alter Kronleuchter und Kandelaber erinnerten, hingen Ostereier, die mein kleiner Sohn und mein Vater immer noch mit Vergnügen betrachteten, während meine Mutter in Gedanken vermutlich schon wieder dabei war, sie in Seidenpapier zu wickeln, in Kartons zu verstauen und diese in den Keller hinunterzutragen. Ich hörte sie in der Küche Kaffee aufsetzen, Tassen und Untertassen aus dem Schrank über der Spüle und Löffel aus der Schublade nehmen. Die Kaffeemaschine gurgelte, das Porzellan klirrte, im Radio lief das Lied einer Band, die ich während meiner Studienzeit einmal live in einem rauchigen Hamburger Kellerclub gehört hatte. Der Sänger war mit einer meiner Kommilitoninnen befreundet gewesen und damals noch weitgehend unbekannt, jetzt wurde sein Lied als die Nummer drei der diesjährigen Ostercharts gefeiert. Nummer eins und zwei belegten eine ›Lady Gaga‹ mit ›Pokerface‹ und ein belgischer Sänger namens ›Milow‹. Von beiden hatte ich noch nie etwas gehört, was in mir plötzlich ein Gefühl von Melancholie und den unbehaglichen Gedanken ans Älterwerden aufsteigen ließ. In der Woche zuvor hatte meine beste Freundin Janina, die Patentante meines Sohnes, mich frühmorgens angerufen und mir erzählt, dass sie gerade ihr erstes graues Haar entdeckt habe. Während ich, den Hörer ans rechte Ohr gepresst, in der Diele meiner kleinen Wohnung stand und lauschte, ob das Klingeln meinen Sohn geweckt hatte, beschrieb sie mir ihr graues Haar, seine Länge und wie es sich, nicht nur optisch, sondern auch in der Struktur vom Rest ihres Haares unterschied. »Siebzehn Zentimeter«, sagte sie und dass sie es samt Haarwurzel ausgerissen und sofort ausgemessen habe. »Wie lang braucht ein Haar, um so lang zu werden? Wie konnte ich es übersehen?« Wie nebenbei erwähnte sie auch, dass das Londoner Architekturbüro, für das sie in den vergangenen drei Jahren gearbeitet hatte, Insolvenz angemeldet habe. Janina war seit einem Tag zurück in Deutschland und nun auf dem Weg zum Arbeitsamt. Ich nahm den Hörer vom Ohr und sah auf das Display. Es zeigte die Hamburger Nummer ihrer Eltern, die ich noch aus Schultagen auswendig kannte. »Die Einschläge kommen näher«, sagte Janina. »Es ist eine verdammte Kettenreaktion. Mit einer Bank in New York fängt es an, und man denkt noch, dass das sehr weit weg ist, und dann trifft es dich plötzlich selbst. Wie geht es dir?«

»Leander und ich haben uns getrennt«, sagte ich.

»Scheiße.«

Im Kinderzimmer knackten und knarrten die Gitterstäbe des Bettchens, als mein Sohn sich von einer Seite auf die andere warf und mit den Füßen dagegen donnerte. Ein sicheres Zeichen dafür, dass er gleich aufwachen würde.

»Nach Ostern habe ich ein Vorstellungsgespräch in Berlin«, sagte Janina. »Vielleicht habe ich sogar Zeit, bei dir zu übernachten. Dann können wir reden, in Ordnung?«

»Mach dir keine Sorgen, ich bin okay«, antwortete ich. »Viel Spaß beim Arbeitsamt.«

Sie lachte. »Eine reine Formalität. Krise hin oder her, ich hoffe, dass ich deren Hilfe nicht lange brauche.«

Ich hatte die Kaffeemaschine, die ich schon am Abend vorbereitet hatte, angestellt und war zurück in mein Bett geschlüpft, um unter der Decke zusammengerollt auf das Geräusch seiner Schritte zu warten, das Quietschen der Türklinke, wenn er sich auf die Zehenspitzen stellte, um sie herunterzuziehen, und den Knall, mit dem sie wieder hochschnellte und die Tür aufsprang. Dann kam er langsam den Flur entlang, die nackten Füße machten ein saugendes, schmatzendes Geräusch auf dem PVC-Boden, unter dem manchmal auch die alten Holzdielen knackten. Langsam, langsam, als lauschte er in die Stille hinein und überlegte, ob ich schon in der Küche oder im Wohnzimmer war, seinen grünen Stofffrosch in einer Hand, den Schnuller an der bunten Holzkette in der anderen. Ich rief nach ihm, er stieß die Schlafzimmertür, die ich angelehnt gelassen hatte, auf, sie schepperte gegen die Wand, und mein Sohn kletterte mit einem verschlafenen Lächeln und roten Wangen zu mir ins Bett.

Jetzt spielte Adrian im Garten meiner Eltern. Er lief den Hang, der von der Terrasse abwärts auf die von Kiefern und Buchen umstandene Wiese führte, hinauf und hinunter und rief immerzu: »Blau! Blau! Blau!«

»Was sagt er da?«, fragte meine Mutter, die mit einem Tablett in den Händen in der Terrassentür stand und mit der Fußspitze vorsichtig nach der lockeren Steinstufe tastete. Ich stand auf, nahm ihr das Tablett ab und stellte es auf den Tisch. In Berlin besuchte Adrian eine Kindertagesstätte, die meiste Zeit ging er dort gerne hin, aber in den letzten Wochen hatte er ein paarmal darum gebeten, zu Hause bleiben zu dürfen. Am dritten Tag gab ich nach: In Ordnung, heute machen wir einfach mal blau. Seitdem war diese Farbe zu einem Synonym für alles Schöne geworden.

Meine Mutter lächelte schmal, als ich davon erzählte. Zwar hatten sich meine Eltern mittlerweile davon überzeugen lassen, dass der Besuch einer Kindertagesstätte einem Kind nicht unbedingt schaden musste, glücklich waren sie über meine Entscheidung aber immer noch nicht. Meine Mutter ging noch einmal ins Haus, um den Kaffee zu holen, während ich den Tisch deckte. Ich hörte, wie sie die Haustür öffnete und nach meinem Vater rief, der den Rasen im Vorgarten mähte. Im plötzlich entstandenen Luftzug schlug die Terrassentür zu, und Adrian kam kreischend zu mir gelaufen, hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu und schrie: »Laut!« Er hatte sich nicht wirklich erschrocken, er freute sich, für immer mehr Dinge, die um ihn herum geschahen, das richtige Wort zu kennen. Manchmal, wenn ich ihn nicht verstand, stampfte er wütend mit einem Fuß auf. Mir kam es vor, als wartete in seinem Kopf eine ganze Welt darauf, erzählt zu werden, sie drängte in einem Schwall aus ihm heraus, in einem Kauderwelsch, einem Singsang aus Silben, Lauten und einzelnen Worten. Ich fragte mich, wie es war, schon so viele Worte zu kennen, ohne sie selbst artikulieren zu können, so viele Fragen zu haben, ohne in der Lage zu sein, sie zu stellen. Die Terrassentür schwang wieder auf und meine Mutter kam mit der Kaffeekanne heraus. Sie schenkte uns ein.

»Willst du wirklich schon wieder zurückfahren?«, fragte sie. »Bleib doch noch ein bisschen. Wir vermissen euch immer so.«

»Ich kann ja nicht ewig wegbleiben«, sagte ich. »Ich hoffe nur, dass Leander kein Chaos hinterlässt. Ich habe keine Lust, nach Hause zu kommen und erst einmal Ordnung machen zu müssen.«

»Da führt kein Weg dran vorbei«, sagte meine Mutter. »Du glaubst doch nicht, dass er seine Sachen abholt und dann zurückkommt, um die Wohnung wieder herzurichten, um die Lücken zu füllen. Was er vorher nicht geschafft hat, wird er auch nach eurer Trennung nicht tun. Hast du dir schon überlegt, was du jetzt aus dem Schlafzimmer machst?«

Im Schlafzimmer hatten die meisten Sachen von Leander gestanden. Nach seinem Auszug aus unserer gemeinsamen Wohnung musste der Raum leer und wie ein Provisorium wirken.

»Hat er dir wenigstens das Bett gelassen?«, fragte meine Mutter.

»Ich wünschte, er würde es mitnehmen«, sagte ich. »Was soll ich mit dem Doppelbett?«

Bis mein Vater kam, gingen meine Mutter und ich einer unserer Lieblingsbeschäftigungen nach, räumten in Gedanken die Möbel in meiner Wohnung um, überlegten, was man neu anschaffen müsste und wie viele Kosten damit verbunden wären. Meine Mutter kannte den IKEA-Katalog beinahe auswendig und stellte mir einen gemeinsamen Einkaufsnachmittag in Aussicht, wenn sie mich das nächste Mal in Berlin besuchen käme. »Du wirst ja bald dreißig«, sagte sie, »da kaufen wir dir etwas Schönes. So ein Neuanfang muss auch optisch vollzogen werden, man darf ihn nicht nur denken, man muss ihn auch fühlen und sich hineinlegen können.«

Sie lachte und gab mir Milch in den Kaffee, der mittlerweile schon fast kalt geworden war. »Blau, blau, blau!«, sang Adrian und schaufelte sattbraune Blumenerde aus den Rosenbeeten auf die Terrasse.

»Er hat noch nie etwas vom Blues gehört«, sagte ich und bereute es im gleichen Moment, denn meine Mutter legte...


Junge, Ricarda
Ricarda Junge 1979 in Wiesbaden geboren, ist Absolventin des Deutschen Literaturinstituts Leipzig. Anschließend studierte sie evangelische Theologie in Frankfurt am Main. Für ihr Debüt 'Silberfaden' wurde sie 2003 mit dem Grimmelshausen-Förderpreis ausgezeichnet. 2005 erschien ihr Roman 'Kein fremdes Land', für den sie den George-Konell-Preis erhielt, 2008 'Eine schöne Geschichte', 2010 der Roman 'Die komische Frau' und 2014 der Roman 'Die letzten warmen Tage'. 2013 erhielt sie den Robert-Gernhardt-Preis. Ricarda Junge lebt mit ihrer Familie in Berlin und Frankfurt am Main.

Literaturpreise:

Mehrfach Förderpreise des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen
2003 Grimmelshausen-Förderpreis
George-Konell-Preis für 'Kein fremdes Land'
2013 Robert-Gernhardt-Preis

Ricarda JungeRicarda Junge 1979 in Wiesbaden geboren, ist Absolventin des Deutschen Literaturinstituts Leipzig. Anschließend studierte sie evangelische Theologie in Frankfurt am Main. Für ihr Debüt 'Silberfaden' wurde sie 2003 mit dem Grimmelshausen-Förderpreis ausgezeichnet. 2005 erschien ihr Roman 'Kein fremdes Land', für den sie den George-Konell-Preis erhielt, 2008 'Eine schöne Geschichte', 2010 der Roman 'Die komische Frau' und 2014 der Roman 'Die letzten warmen Tage'. 2013 erhielt sie den Robert-Gernhardt-Preis. Ricarda Junge lebt mit ihrer Familie in Berlin und Frankfurt am Main.

Literaturpreise:

Mehrfach Förderpreise des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen
2003 Grimmelshausen-Förderpreis
George-Konell-Preis für 'Kein fremdes Land'
2013 Robert-Gernhardt-Preis



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.