Kaaberbøl Wildhexe 6 - Das Versprechen
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-446-25029-1
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 6, 192 Seiten
Reihe: Wildhexe
ISBN: 978-3-446-25029-1
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lene Kaaberbøl, 1960 in Kopenhagen geboren, ist eine der bekanntesten und umsatzstärksten dänischen Kinderbuchautorinnen. Sie wird von der Presse und vom Publikum gleichermaßen geschätzt. Ihr erstes Buch veröffentlichte sie mit 15, seitdem hat sie über 30 Bücher für Kinder- und Jugendliche geschrieben. Ihre Fantasy-Serien werden in 25 Sprachen übersetzt. Mit vielen Preisen ausgezeichnet, war sie zuletzt für den Hans-Christian-Andersen Preis 2014 sowie für den Astrid Lindgren Memorial Award nominiert. Ihre Serie über die Wildhexe Clara wurde 2012 in einer großen Gala mit dem wichtigsten und größten Kinderbuchpreis Dänemarks ausgezeichnet, dem Orla-Preis des staatlichen dänischen Fernsehens DR. Im Hanser Kinderbuch erschienen 2014 die ersten drei Bände der Reihe Wildhexe - Die Feuerprobe, Wildhexe - Die Botschaft des Falken sowie Wildhexe - Chimäras Rache. Im Frühjahr 2015 folgten Band 4 und 5 ( Wildhexe - Blutsschwester und Wildhexe - Das Labyrinth der Vergangenheit), im Herbst 2015 wurde die Reihe mit dem sechsten Band Wildhexe - Das Versprechen abgeschlossen.
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2 BLUTGAS
Ich hätte ein bisschen Badeurlaub wirklich gut gebrauchen können«, murmelte ich vor mich hin, während wir unsere Sachen zusammenpackten und uns zum Aufbruch bereit machten. Eine Woche hier am Strand und nichts anderes zu tun, als im Schatten der Palmen zu liegen, reife Mangos zu essen, Kokosmilch zu schlürfen und in das türkisblaue Wasser zu springen, wann immer ich Lust dazu hatte. Wieso hatte Kahla mich eigentlich noch nie zu sich nach Hause eingeladen? Ich hatte ja keine Ahnung, dass sie an einem Ort wohnte, der aussah, als wäre er einem Ferienkatalog für Karibikurlaube entnommen.
Bestimmt war ihr Vater dagegen gewesen. Ich dachte an die vielen Jahre, in denen es ihm gelungen war, Kahla zu verheimlichen, wie – und wo – ihre Mutter in Wirklichkeit war. All die Jahre, in denen er Lamia in dem Labyrinth gefangen gehalten und unschädlich gemacht hatte, während Kahla glaubte, sie wäre »verschwunden«. Er war sicher nicht scharf darauf gewesen, dass eine fremde neugierige Hexenschülerin auf der Insel herumrannte.
Ob Tante Isa und der restliche Hexenkreis wohl davon gewusst hatten? Hatte sich Tante Isa etwa deshalb dazu bereit erklärt, Kahla zu unterrichten? Damit sie lernen konnte, was es hieß, eine richtige Wildhexe zu sein: Sich um die Wilde Welt zu kümmern, ohne diese auszunutzen. Niemals zu nehmen, ohne zu geben. Das war ein Wildhexen-Gesetz, das Lamia ganz sicher nie verstanden hatte.
Ich warf Kahla einen verstohlenen Blick zu. Sie hatte das Prinzessinnen-Kostüm bereits unter mehreren leuchtend bunten Wollschichten begraben und noch mehr Reisekleidung in ihren Rucksack gepackt. Jetzt stand sie ein wenig abseits und blickte zu dem leeren Haus hinüber. Sie sah aus wie jemand, der ganz dringend eine Umarmung gebrauchen konnte – auch wenn sie nicht zu der Sorte Mensch gehörte, die andere umarmte und Küsschen verteilte.
Oscar kam mir zuvor. Also nicht in dem Sinn, dass er sich auf sie stürzte und sie in seine starken Arme nahm, so à la Kitschroman. Er drückte nur kurz ihre Schulter.
»Alles okay?«, fragte er leise.
Sie nickte kurz und knapp, zwei Mal, mehr nicht. In Kahlas Sprache bedeutete das: »Nein, es ist nicht alles okay, aber ich will gerne so tun, als ob.« Ich glaube, Oscar fasste es ganz genau so auf, denn er klopfte ihr nur aufmunternd auf die Schulter und nahm ihr den Rucksack ab. Sie warf auch ihm ein trauriges, kleines Lächeln zu.
Oscar war mein bester Freund, aber es wäre wirklich kleinlich gewesen, jetzt eifersüchtig zu werden. In diesem Augenblick hatte Kahla niemanden auf der Welt außer uns beiden. Ihre Mutter war tot und ihr Vater momentan nicht weit davon entfernt. Wenn wir Erya und den kleinen Rabenjungen nicht zurück in den Rabenkessel brachten, war der Tod für Meister Millaconda, Tante Isa und den restlichen Hexenkreis – Shanaia, Frau Pomeranze und Herrn Malkin – unausweichlich. Nur mithilfe der Rabenküken konnten die Rabenmütter sie aus der erstarrten Sekunde befreien, in der sie gefangen waren, bevor ihre Lebenskraft ganz erlosch.
Und außerdem waren wir ja kein Liebespaar, Oscar und ich. Ob man wohl damit klarkommen konnte, wenn der beste Freund und die einzige Wildhexen-Freundin, die man hatte, ziemlich offensichtlich im Begriff waren, sich ineinander zu verknallen? Katerchen nutzte den Moment, um mich anzuspringen, sich festzukrallen und auf meine Schulter zu klettern. Er schüttelte sein Fell nach Katzenmanier und Sand stob in alle Richtungen. Ich kniff schnell die Augen zu und merkte, wie mir kleine, kratzende Sandkörner unter den Pullover rieselten. Er rieb seinen Kopf an meine Wange und schnurrte wie eine Nähmaschine.
Meine. Meine, meine, meine.
»Ja, ja«, murmelte ich. »Ich hab’s kapiert.« Ich kraulte ihn ein bisschen mit dem Daumen hinter dem Ohr, genau da, wo er es am liebsten hatte.
»Sind wir so weit?«, fragte ich. »Kahla, würdest du …« Denn Kahla beherrschte die Sache mit den Wilden Wegen immer noch am besten von uns.
Sie nickte.
»Vielleicht sollten wir uns an den Händen halten«, piepste Nichts. »Falls wieder ein Rabensturm aufzieht …?«
Nichts hatte keine Hände, aber niemand war so taktlos, sie darauf hinzuweisen.
»Das ist bestimmt eine gute Idee«, antwortete ich. Ich überredete das widerstrebende Katerchen, unter meinen Pulli zu kriechen – noch mehr reibender, kratzender Sand –, und Nichts nahm ihren neuen Stammplatz oben auf meinem Rucksack ein. Oscar, Kahla, Arkus und ich hielten uns an den Händen. Kahla schloss die Augen und summte ein paar einleitende Wildgesangstöne.
»Okay«, sagte sie. »Hier entlang …«
Sofort begannen die Nebel, sich zu sammeln. Im einen Moment waren wir noch am Sandstrand, im nächsten …
… lief irgendetwas total schief.
Die Nebel schlossen sich dicht um uns. Obwohl ich wusste, dass Kahla direkt vor mir war, konnte ich sie nicht sehen. Ich spürte Oscars Hand und sah die Umrisse seiner vertrauten Gestalt. Arkus’ Finger klammerten sich nervös um meine. Aber darüber hinaus war ich so gut wie blind. Und die Nebel …
»Es ist warm …«, sagte Oscar. »Ist das sonst auch so?«
Warm war es auch gewesen, bevor der Rabensturm auf den Wilden Wegen tobte, um jeden erwachsenen Raben im Rabenkessel zu töten.
»Kahla«, rief ich. »Wir müssen hier raus …«
Ich hörte einen entfernten Knall und plötzlich wurde mir bewusst, dass der Nebel um mich herum nicht länger grau war, sondern dunkelrot glühte, wie altes Blut. Ich hörte Kahla husten und kurz darauf spürte ich es auch: ein heftiges Brennen in Augen und Lunge, ein Gefühl, wie von ätzenden Dämpfen verbrüht zu werden. Ich hustete krampfhaft und mein Zwerchfell zog sich zusammen. Was war hier los?
»Gas«, japste Oscar. »Kahla … weg hier!«
Er straffte den Griff um meine Hand und ich tat dasselbe bei Arkus. Es gab einen gewaltigen Ruck und dann taumelten wir aus dem Nebel. Ich knallte mit dem Schienbein gegen irgendetwas Hartes, stolperte und musste Oscars Hand loslassen. Katerchen fauchte und krallte sich so tief in meine Haut hinein, dass ich später acht kleine, aber tiefe Kratzer entdeckte. Ich konnte immer noch nichts sehen, Tränen liefen mir die Wangen hinunter und vernebelten mir die Sicht, ich hustete und krächzte. Als ich mit der freien Hand die Tränen wegwischen wollte, wurde es nur noch schlimmer, weil die heißen blutroten Dämpfe noch immer an meiner Haut klebten. Ich war wirklich dankbar, als ein schwerer, dichter Regenschauer meine Haare und meine Kleider in Sekundenschnelle durchnässte. Ich merkte, wie er den ätzenden Film von der Haut abspülte, und drehte mein Gesicht nach oben, versuchte, die Augen offen zu halten, damit das Regenwasser das schreckliche Brennen lindern konnte, das die Tränen nur so strömen ließ.
So blieb ich minutenlang stehen, bis mein Sehvermögen langsam zurückkehrte.
Um uns herum war es dunkel, nicht pechschwarz weit-draußen-auf-dem-Land-dunkel, sondern eher so stadtdunkel mit Straßenbeleuchtung. Den pochenden Schmerz in meinem Schienbein hatte ich einer Parkbank zu verdanken – einer gewöhnlichen grünen Bank aus Eisen und Plastik. Für einen kurzen Moment überkam mich ein seltsam traumartiges Gefühl, exakt dort gelandet zu sein, wo ich herkam. Aber auch wenn es auf den ersten Blick fast ein bisschen so aussah, war das hier nicht der Stjernepark. Hier wuchsen ganz andere Blumen und Bäume. Die Fuchsien-Sträucher hinter der Bank waren meterhoch und urwaldartig, und in den gepflegten Beeten verströmten große weiße trompetenförmige Blüten einen intensiven süßlichen Duft, der in diesem Moment, in Kombination mit dem Gas, eher übelkeitserregend als angenehm war. In einem hohen Baum, hinter einem blassen Grünstreifen auf der anderen Seite des Weges, saßen vier winzige Äffchen und starrten uns mit riesengroßen Augen an.
Nein, wir waren ganz sicher nicht zu Hause. Und auch nicht wesentlich näher am Rabenkessel, wie ich feststellte. Aber wo waren wir dann? Und was war mit den Wilden Wegen passiert?
»Hatschiiiii. Oh nein. Haaaatschiiiiiii. Hrrrk. Was war das für ein schreckliches … Zeug?«, jammerte Nichts. Wie kleine Scheibenwischer zuckten ihre Flügel hin und her, nicht weil sie versuchte zu fliegen, sondern weil sie die ganze Zeit den Drang unterdrückte, sich mit den Federn über die Augen zu reiben.
»Breite deine Flügel aus, damit der Regen sie besser reinigen kann«, schlug ich vor.
Sie tat, wie ich gesagt hatte, aber ihre Flügel zitterten immer noch verkrampft und selbst hier im Licht der Straßenlaternen konnte ich sehen, dass ihre Augen ganz rot und verquollen waren. Ob es meine wohl auch so übel erwischt hatte?
»Das war irgendein Gas«, sagte Oscar, der ebenfalls alles andere als gut aussah. Tränen und Regen rannen über sein sommersprossiges Gesicht. »Fast wie ein … Blutgas.«
Katerchen kämpfte sich fauchend aus meinem Pullover und rannte den Weg hinunter. Er schüttelte seinen Kopf und fand den Regen bestimmt nicht toll, aber davon abgesehen schien es ihm gut zu gehen.
»Die Raben«, platzte ich heraus. »Arkus, ist ihnen etwas passiert?«
»Nein«, sagte er heiser. »Ich glaube, mein Hemd hat sie beschützt. Jedenfalls einigermaßen.«
Im Großen und Ganzen schienen die Tiere glimpflicher davongekommen zu sein als die Menschen.
»Kahla«, sagte ich. »Wo sind wir?«
»Ich weiß es nicht«, sagte sie. »Ich … ich habe einfach nur versucht, irgendwie rauszukommen.«
Dagegen gab es eigentlich nichts einzuwenden und ich war froh, dass es ihr gelungen war. Es lief mir eiskalt den Rücken hinunter, als ich darüber nachdachte, wie schief das hätte gehen können....




