Kaaberbøl Wildhexe - Blutsschwester
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-446-24839-7
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 4, 176 Seiten
Reihe: Wildhexe
ISBN: 978-3-446-24839-7
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lene Kaaberbøl, 1960 in Kopenhagen geboren, ist eine der bekanntesten und umsatzstärksten dänischen Kinderbuchautorinnen. Sie wird von der Presse und vom Publikum gleichermaßen geschätzt. Ihr erstes Buch veröffentlichte sie mit 15, seitdem hat sie über 30 Bücher für Kinder- und Jugendliche geschrieben. Ihre Fantasy-Serien werden in 25 Sprachen übersetzt. Mit vielen Preisen ausgezeichnet, war sie zuletzt für den Hans-Christian-Andersen Preis 2014 sowie für den Astrid Lindgren Memorial Award nominiert. Ihre Serie über die Wildhexe Clara wurde 2012 in einer großen Gala mit dem wichtigsten und größten Kinderbuchpreis Dänemarks ausgezeichnet, dem Orla-Preis des staatlichen dänischen Fernsehens DR. Im Hanser Kinderbuch erschienen 2014 die ersten drei Bände der Reihe Wildhexe - Die Feuerprobe, Wildhexe - Die Botschaft des Falken sowie Wildhexe - Chimäras Rache. Im Frühjahr 2015 folgten Band 4 und 5 ( Wildhexe - Blutsschwester und Wildhexe - Das Labyrinth der Vergangenheit), im Herbst 2015 wurde die Reihe mit dem sechsten Band Wildhexe - Das Versprechen abgeschlossen.
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2 EIN FAUCHEN IN DER DUNKELHEIT
Ich konnte nicht wieder einschlafen. Ich schwebte nur an der Oberfläche des Schlafs, und es gelang mir nicht, tiefer hineinzutauchen, oder ich wagte es nicht. Immer, wenn ich ganz kurz davor war, fing mein Herz wieder mit diesem Hürdenlauf an, und keiner meiner Versuche, es zu beruhigen, half.
Hör jetzt auf. Das war doch bloß ein Traum, sagte ich mir.
Bang-bang-SPRUNG. Bang-bang-SPRUNG.
Sie ist doch gar nicht hier. Sie war auch nie hier. Sie ist seit vierhundert Jahren nicht mehr gesehen worden, und es ist einfach Unsinn, sich vorzustellen, dass sie zurückkehren könnte, nur um deinen dreizehnten Geburtstag zu ruinieren …
Bang-bang-SPRUNG. Bang-bang-SPRUNG.
Schwachsinniges Herz.
Schließlich stand ich auf. Ich machte kein Licht, denn es gab ja keinen Grund, Oscar zu wecken. Vorsichtig stieg ich über die Decke hinweg, die seine Beine bedeckte – fast jedenfalls, denn drei oder vier nicht ganz saubere Zehen ragten unter dem gestreiften Bettbezug hervor. Es war so schwachsinnig, gerade heute Nacht Albträume zu bekommen, wo doch im Moment alles prima war – wir waren bei meiner Tante Isa, und zwar Oscar und ich und Mama und Papa (das allein war schon ein Wunder). Tagsüber würden Kahla und ihr Vater kommen, außerdem Frau Pomeranze, die Nachbarin meiner Tante, die ebenfalls eine Wildhexe war und mir vor einigen Wochen so geholfen hatte, als alles wirklich in einer Katastrophe zu enden drohte. Und Shanaia hatte ihre neue Wildfreundin, den Turmfalken Kitti, mit der Nachricht geschickt, dass auch sie kommen würde. Meine Freundin Nichts war da. Kater war gerade zu einem seiner Katerabenteuer unterwegs, hatte aber versprochen, zum Frühstück wieder hier zu sein, und Tumpe lag bestimmt unten im Wohnzimmer in seinem Korb und schnarchte auf Hundeart. Ich durfte genau so Geburtstag feiern, wie ich es mir gewünscht hatte, mit allen Menschen und Tieren, die ich dabeihaben wollte. Ich hatte mich so darauf gefreut! Es war wirklich schwachsinnig – schwachsinnig! –, sich dermaßen über einen blöden Traum aufzuregen.
Ich steckte meine Füße in die alten Wollsocken, die ich bei Tante Isa als Pantoffeln benutzte. Tante Isa hatte unter jede Socke eine Filzsohle genäht, damit die Kälte nicht von unten hindurchdrang. Mit Schlaf-T-Shirt, nackten Beinen und Wollsockenschuhen schlich ich mich leise die Treppe hinunter und in die Küche. Es war inzwischen Viertel nach vier, wie ich auf der Uhr über dem Küchentisch sehen konnte.
Ich öffnete den Schrank, in dem Tante Isas Kräuterteevorrat stand. Viele Sorten tranken wir nur, weil sie gut schmeckten, aber einige hatten auch noch andere Eigenschaften. Vielleicht würden sie sogar ein Hürdenläuferherz beruhigen können. Ich hatte noch längst nicht den Überblick über Tante Isas Unmengen von Kräuterheilmitteln, aber etwas hatte ich ja doch schon gelernt. Wenn ich nur wüsste, wo … Ich musterte die sorgfältigen Aufschriften auf Dosen und Gläsern, bis ich das Gesuchte entdeckt hatte.
Kamille und Baldrian.
Ich zündete den Gasherd an und stellte den Kessel darauf. Tante Isa benutzte oft den Holzofen im Wohnzimmer, aber ich fand es schön, einen Knopf zu haben, auf den ich einfach drücken konnte. Die Glasflammen flackerten blau und orange und leckten am Boden des Kessels, und schon bald fing das Wasser darin an zu kochen. Ich nahm einen Teebecher von einem der Haken am Fenster, und als ich mich gerade wieder umdrehen wollte, sah ich etwas.
Draußen in der Dunkelheit. Ein Funkeln, ein Funkeln von leuchtenden Augen mit senkrechten Katzenpupillen.
»Kater?«, flüsterte ich.
Aber es war nicht Kater, das war mir klar, sowie ich seinen Namen ausgesprochen hatte. Draußen war ein gedämpftes singendes Fauchen zu hören, es klang fast so, wie wenn zwei Hinterhofkater einander herausfordern, nur auf irgendeine Weise … größer.
Ich stand ganz still da und lauschte. Das Wasser brodelte jetzt, aber der Kamillentee musste noch einen Moment warten. War das wohl irgendeine Wildkatze, die Hilfe brauchte?
Ich starrte in die Dunkelheit hinaus, aber ich konnte nur mein eigenes Spiegelbild erkennen. Die goldenen Augen, die ich gesehen hatte, waren verschwunden, aber der Katzenjammerton war noch immer zu hören. Das Tier – was immer es sein mochte – war noch da.
Wenn ich das Fenster öffnete, würde ich besser sehen und hören können. Ich legte die Haken um und schob das Fenster auf. Die kühle, nach Regen duftende Frühlingsnachtluft kam mir entgegen. Ich beugte mich über den Küchentisch und versuchte, in der Dunkelheit dort draußen etwas zu erkennen.
In diesem Moment kam ein stummer graubrauner Schatten auf mich zugeschwebt, ein goldener Schnabel, ausgestreckte hellbraune Beine und graue Krallen. Ich konnte gerade noch den Arm heben, um die große Eule dort landen zu lassen.
»Tu-Tu!«
Tante Isas Wildfreund legte den Kopf schräg und musterte mich forschend. Ich war nicht sicher, ob er mit dem, was er sah, zufrieden war oder nicht. Er war noch nie direkt zu mir gekommen, und abgesehen von einigen Malen, wo Tante Isa mich gebeten hatte, ihn zu halten (und ihn, sich halten zu lassen), war ich ihm noch nie so nahe gewesen. Er war groß – ich hatte inzwischen gelernt, dass er nicht einfach nur eine »Eule« war, er war eine große Horneule. Das bedeutete, dass er selten war und unter Naturschutz stand – ich glaube aber, dass er das selbst nicht wusste-, und auch wenn ich nicht direkt Angst vor ihm hatte, hatte ich doch einen gesunden Respekt vor Krallen, Schnäbeln und schlagenden Flügeln. Er roch nach Regen und nassem Gefieder und Blut. Sicher hatte er in dieser Nacht irgendeine arme Maus mit den kräftigen Krallen gepackt, die jetzt mein Handgelenk umfassten. Aber er drehte sich vorsichtig, ohne meine Haut zu zerkratzen, und rief leise in die Dunkelheit, aus der er gerade gekommen war.
Die Katzengeräusche draußen verstummten. Ich hörte ein Rascheln im Gestrüpp hinter den Apfelbäumen, dann war es still. All das war keineswegs seltsamer als vieles andere, was ich in Tante Isas Haus schon erlebt hatte.
Nur eben von einem abgesehen.
Ich begriff das alles. Ich konnte die Ungeduld des Katzentieres wie ein Kreischen in meinen Nervenbahnen wahrnehmen, so Fingernagel-auf-Tafel-artig. Und ich hörte Tu-Tus Warnung derart deutlich, als ob er sie über Lautsprecher verkündete:
Geh weg, Katzentier. Du bist zu früh. Es ist noch nicht so weit.
»Clara. Hast du Tu-Tu reingelassen?«
Ich drehte mich vorsichtig um, damit die Eule nicht aus dem Gleichgewicht geriet.
»Sieht so aus …«, sagte ich.
Tante Isa stand in der Tür. Sie trug ihren verschlissenen alten Bademantel, der sicher früher einmal rot gewesen war, jetzt war er rosa.
»Er findet sich wohl nicht so ganz zurecht«, sagte meine Tante. »Ich lasse immer das Schlafzimmerfenster offen, aber …«
Aber heute Nacht war das keine gute Idee, denn meine Eltern waren im Schlafzimmer einquartiert, und Tante Isa schlief auf dem Wohnzimmersofa.
»… deine Mutter fände es sicher nicht witzig, von einer nassen Eule geweckt zu werden …«
Tu-Tu flatterte mit den Flügeln, und ein Schauer von Regenperlen ergoss sich über uns. Ich konnte mir ein Kichern nicht verkneifen.
»Nein, das sicher nicht.«
»Aber was ist mit dir, Clara? Konntest du nicht schlafen?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Ich hatte einen seltsamen Traum. Oder eher einen Albtraum.«
Tante Isa hob die Augenbrauen.
»Von einem Tier?«
»Nö. Nein, da kam kein Tier drin vor. Warum fragst du?«
»Du wirst ja morgen dreizehn«, sagte sie. »Oder eigentlich: nachher. Das ist ein besonderer Geburtstag für eine Wildhexe, und manchmal …«, sie zögerte, als ob sie nach Worten suchen müsste, »manchmal hat man da besondere Erlebnisse mit Tieren, auch im Traum. Aber in deinem war also kein Tier?«
»Nein. Es war … ich glaube, es ging um … nein, ich weiß es eigentlich nicht.«
Der Traum war in aller Stille verblasst, während wir hier geredet hatten. Die Einzelheiten verschwanden. Irgendwer war schrecklich wütend gewesen … irgendwer war eingesperrt gewesen … irgendwer hatte etwas über Blut gesagt. Es war nicht so, dass ich meinen Traum geheim halten wollte, ich konnte mich im Moment nur einfach nicht deutlich genug daran erinnern. Mein Herz hatte sich beruhigt und schlug normal, und ich unterdrückte ein Gähnen.
»Du siehst aus, als ob du das doch nicht brauchst«, sagte Tante Isa und zeigte auf die Dosen mit Kamille und Baldrian.
»Nö«, sagte ich. »Ich glaube, ich gehe einfach wieder ins Bett.«
Ich streckte den Arm ein wenig aus, und Tu-Tu hob vorsichtig ab und flog auf seinen üblichen Platz auf Tante Isas Schulter.
»Dann gute Nacht«, sagte Tante Isa mit einem kleinen Lächeln. Sie schaute auf die Uhr. »Theoretisch ist jetzt ja wohl schon dein Geburtstag, aber ich warte mit den Glückwünschen doch, bis du das nächste Mal aufwachst.«
Geburtstag! Warum machte dieses Wort mich eher nervös als froh? Tu-Tu sah mich mit orangegelben Augen an und putzte sich mit dem Schnabel das Brustgefieder.
Es ist noch nicht so weit.
Was bedeutete das? Hatte Tu-Tu das überhaupt gesagt, so laut und deutlich, wie Kater mit mir »sprach«? Oder bildete ich es mir nur ein, weil ich müde war und viel zu wenig geschlafen hatte?
Ich stellte die Teedosen zurück in den Schrank...




