Kabel | Der Tempel der Liebe (Krimi-Klassiker) | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 142 Seiten

Kabel Der Tempel der Liebe (Krimi-Klassiker)


1. Auflage 2016
ISBN: 978-80-268-5415-9
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 142 Seiten

ISBN: 978-80-268-5415-9
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieses eBook: 'Der Tempel der Liebe (Krimi-Klassiker)' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Walther Kabel (1878-1935) gilt als einer der meistgelesenen deutschen Schriftsteller der 1920er Jahre. Aus dem Buch: 'Jetzt endlich bekam der Alte ein Wort über die Lippen. 'Herr, Herr, - sie kennen sich hier ja besser aus als ich. Ich habe nichts von diesen Geheimtüren gewußt, und auch die Herrschaft hat nicht geahnt, daß es hier ...' 'Ein Irrtum, lieber Parlitz!' unterbrach Larisch ihn. 'Frau Elvira Hölsch kannte diese geheime Verbindung zwischen Turm und dem alten Flügel. - Aber dies alles jetzt noch zu erörtern ist unmöglich. Jedenfalls wissen Sie ja nun, wie ich Ihnen vorhin entschlüpft bin, als Sie mich, aus dem Pferdestall kommend, überraschten, - eben durch die Pforte in den Turm!' 'Wahrhaftig - an die Pforte habe ich gar nicht gedacht,' brummte der Alte. Larisch reichte erst Fritz, dann auch Parlitz die Hand zum Abschied. 'Gute Nacht! Und - zu niemandem ein Wort! - Nur Kerlchen darfst du von mir Grüßen, Fritz. Ich hörte ihn an der Tür des verschlossenen Zimmers knurren. Er hat fraglos die Leiche gewittert. Wäre ich allein darin gewesen, hätte er nur freudig gewinselt. Wir sind ja so gute Freunde, der Hund und ich.' Dann verschwand er schnellen Schrittes nach links in der Richtung auf die Edeltannenkulisse des Vorgartens. Dort hatte er sein Rad versteckt. Er zog den Kaftan aus, band ihn sich auf dem Rücken fest, und gleich darauf sauste ein einsamer Radler dem etwa drei Kilometer entfernten Dorfe Worszewo zu.'

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2. Kapitel
Die treue Hand

Irma verschloß das Schreiben des Amtsgerichts in der Blechkassette, die sie sich eigentlich nur Frau Mießtalers wegen angeschafft hatte, bei der sie nun schon ein Jahr wohnte und von deren Neugier sie sehr bald sichere Beweise erhalten hatte. Die Kassette hatte ein Schloß, das nur mit dem schmalen, langen Schlüssel mit den vielen Zacken zu öffnen war, – zu der Kanzleirätin großem Ärger.

Dann legte sich Irma wie immer auf den Diwan, schlief bis vier, wachte von selbst auf und machte sich zum Ausgehen fertig. Sie wollte ihre Freundin und Kollegin Hedwig Melcher besuchen, die schon etwas altjüngferliche Zeichenlehrerin, die doch ein so gutes Herz und einen so scharfen, feingebildeten Verstand besaß. Ihr wollte Irma sich endlich anvertrauen. Das Geheimnis der anonymen Briefe konnte sie jetzt nicht länger in ihrer Seele verschließen, jetzt, wo es durch den Tod der Großmutter nur noch rätselhafter geworden war.

Fräulein Melcher wohnte in der Invalidenstraße gegenüber einem alten Museum. Drei Geschwister hausten hier zusammen, zwei Schwestern und ein Bruder, stille, zufriedene Menschen, die die Arbeit nicht als Frondienst auffaßten, die an allem Freude hatten.

Hedwig war nicht daheim, auch die älteste Melcher nicht, Thilde, die als Buchhalterin in einem Warenhause zu der gemeinsamen Wirtschaft fast eben so viel beisteuern konnte wie Fritz Melcher, der pedantische Herr Polizeisekretär, trotz seiner achtundzwanzig Jahre bereits ein eingefleischter Junggeselle mit dem Glaubenssatz ›Besser als bei meinen Schwestern kann ich’s nirgends haben!‹

Fritz Melcher hatte soeben eine harmlose Influenza überstanden und daher noch ein paar Tage Urlaub. Er führte Irma in das Wohnzimmer, setzte ihr eine Tasse Kaffee vor, strich ihr ein Brötchen, – alles mit der Selbstverständlichkeit erprobter Freundschaft.

»Hedwig wollte erst ein paar Besorgungen erledigen und dann zu Ihnen gehen, liebes Fräulein Hölsch,« hatte er Irma aufgeklärt. »Sie wollte mit Ihnen irgendwohin ins Freie hinaus. Sie meinte heute beim Mittagessen, Sie seien in letzter Zeit stets sehr nervös und reizbar.«

Irma trank die halbe Tasse auf einmal aus. Sie fühlte sich schon wieder recht abgespannt.

Fritz Melcher saß ihr gegenüber und beobachtete sie unauffällig. Mit seinem blonden, dünnen Bart und der goldenen Brille, dem dunkelblauen Jackettanzug und der soliden schwarzen Schleife unter dem niedrigen Kragen brauchte er niemandem zu sagen, daß er Beamter sei, zumal der Ausdruck seines blassen Gesicht zumeist streng und verschlossen war. Nur jetzt leuchtete fast väterliche Güte und Milde auf diesem feingeschliffenen Antlitz, das durch jedes Lächeln wunderbar verschönert wurde.

»Was quält Sie eigentlich, Fräulein Hölsch?« fragte er, als Irma nicht gleich etwas erwiderte, sondern nachdenklich vor sich hinschaute.

»Deshalb kam ich ja gerade zu Hedwig,« meinte sie leise aufseufzend. »Ich wollte mich mit Ihrer Schwester einmal aussprechen.«

»Hm – wäre es unbescheiden, wenn ich Sie bäte, sich der Selbsttäuschung hinzugeben, daß nicht ich, sondern Hedwig Ihnen jetzt gegenübersäße …?! So halb und halb betrachte ich Sie ja doch als meine Adoptivschwester, Fräulein Irma. Natürlich will ich mich Ihnen wahrhaftig nicht aufdrängen. Aber …«

Sie hatte ihm die Hand über den Tisch hingestreckt.

»Für diese schlechte Welt sind Sie eigentlich viel zu gut, – wirklich! Sie finden für jeden das rechte Wort. Adoptivschwester …! Wie hübsch das klingt … Ich bin ja immer so allein gewesen. – Aber – was das Aufdrängen anbetrifft, das könnte doch nur mich angehen … Ich bin es doch, die Ihnen einen Teil meiner Seelenlast mitaufladen würde, meiner Geheimnisse …«

Er hatte ihre kühle, weiche Hand noch immer in der seinen.

Wie das Blut in bläulichen Adern pulste …! Und wie die feine Haut schnell wärmer und wärmer wurde …! –

Dem Herrn Sekretär ging’s mit einem Male wie ein Ruck durch den Körper. Hastig, verwirrt zog er seine Hand zurück, während ihm eine heiße Welle vom Herzen durch den ganzen Körper flutete.

Und verlegen stotterte er nun, nur um etwas zu sagen:

»Geheimnisse …? – Das klingt ja wirklich beinahe gefährlich.«

Irma war es entgangen, daß der ›Adoptivbruder‹ soeben gefühlt hatte, welche Klippen dieser vorgetäuschte stille See geschwisterlicher Zuneigung doch vielleicht haben könnte.

»Gefährlich ist wohl zu viel gesagt,« meinte sie ernst. »Immerhin handelt es sich um Dinge, die ich nicht begreife, das heißt, hinter deren Sinn ich nicht komme. Und das beunruhigt mich – sehr, sehr sogar.«

Sie nahm ihr ledernes Handtäschchen und brachte daraus drei Briefe zum Vorschein, die sie Fritz Melcher nun reichte, indem sie erklärte:

»Lesen Sie … Ich habe die Umschläge numeriert. Fangen Sie mit eins an.«

»Bedienen Sie sich aber zunächst noch, bitte. Darf ich Ihnen noch ein Brötchen streichen?«

Sie nickte. »Sehr lieb von Ihnen. – Danke. Die Marmelade ist vorzüglich.«

Während er las, beobachtete sie ihn. Mehrmals schüttelte er den Kopf, murmelte auch wohl etwas wie »Unglaublich – unbegreiflich!« vor sich hin. Dabei war er noch immer bei dem ersten Brief, der noch, allein genommen, gar nicht so sehr wirkte. –

Er lautete:

Irma Hölsch!

Es können Ereignisse eintreten, die geeignet sein dürften, Ihr Leben stark zu beeinflussen – vielleicht nicht nach der guten Seite hin. Vergessen Sie dann nicht, daß es eine irdische Macht gibt, die Sie schützen kann. Bereiten Sie sich jedenfalls jetzt schon vor, Überraschungen durchzumachen, die Ihr seelisches Gleichgewicht stören werden.

die treue Hand

Fritz Melcher legte dieses Schreiben beiseite, wobei er zu Irma hinüberschaute und wie ratlos die Achseln zuckte.

Nun das zweite …

Irma Hölsch!

Die Wandlung in Ihrem Dasein ist eingetreten. Lassen Sie sich jedoch warnen! Bleiben Sie, was Sie sind! Und doch – zögern Sie nicht, an verschlossenen Türen zu rütteln! Der gute Ruf jener, von der nie Liebe ausging, muß Ihnen über allem stehen! – Wenn Sie nicht mehr aus noch ein wissen, schreiben Sie vertrauensvoll an Postamt Leipziger Platz postlagernd unter 91836.

die treue Hand

Der junge Sekretär warf diesen Brief zu dem ersten. – Er warf ihn! – Und brummte: »Ein lächerlicher Scherz!«

Aber Irma sagte leise: »Sie werden anderer Meinung werden!«

Dann der dritte Brief …

Irma Hölsch!

In kurzem werden Sie nun wissen, was geschehen ist. Ein Grab hat sich geschlossen. Und aus dieser Gruft reckt sich Ihnen flehend eine Hand entgegen: ›Rüttele an verschlossenen Türen! Der Tempel der Liebe ruft! Wahre die Geheimnisse des Lammerthofes!‹ –

Lassen Sie sich nochmals warnen! Geben Sie Ihren Beruf nicht auf! Dort zwischen den kahlen Heidehügel blüht für Sie kein Glück! –

Sorgen Sie dafür, daß die Kiste bei Nacht verschwindet, daß der Tempel der Liebe leer wird – in aller Stille! Denken Sie an den guten Ruf Ihrer Großmutter und … an 91836.

die treue Hand

Fritz Melcher blickte auf, wollte etwas sagen. Aber Irma kam ihm zuvor.

»Auch ich habe den ersten Brief für einen schlechten Scherz gehalten,« erklärte sie. »Den zweiten nicht mehr, denn er enthält eine Andeutung, die sich nur auf das Verhältnis zwischen meiner Großmutter Elvira Hölsch und mir beziehen kann. Sie hat mich ebenso wenig geliebt wie meinen Vater. Und weil auf die Kälte dieser unserer Beziehungen dort angespielt war, nahm ich dieses Schreiben recht ernst. Daher auch das dritte, das ich heute morgen erhielt. –

Und nun passen Sie auf, Herr Melcher. Heute morgen der dritte Brief, darin der Satz von dem Grabe, das sich geschlossen hat, und heute Nachmittag die amtliche Nachricht von dem am 3. April, also vor acht Tagen, erfolgten Tode meiner Großmutter, die am 8. ohne mein Wissen bereits beerdigt worden ist.«

Der junge Polizeisekretär saß wie versteinert da. Endlich brachte er ein »Hm – ja, – dann allerdings!« mühsam hervor, überflog nochmals den dritten Brief und sagte dann kopfschüttelnd:

»Seltsam – seltsam!«

»Sehen Sie! Nun hat es Sie auch gepackt!« meinte Irma befriedigt. »Nun müssen Sie zugeben, daß diese drei Schreiben der treuen Hand doch etwas auf sich haben! Und, um Sie gleich ganz einzuweihen, der erste Brief erreichte mich am Abend des 3. April, also am Todestage meiner Großmutter, und schon er enthält Anspielungen auf diesen Todesfall, spricht ja von Ereignisse, die mein Dasein stark beeinflussen …«

Fritz Melcher erwiderte nichts. Seine gutgepflegte Hand strich nur sehr nachdenklich den blonden Bart, und seine Augen waren sinnend auf die Sofaecke gerichtet, in der eng zusammengeringelt der Liebling der drei Geschwister Melcher lag, der Wolfspitz Kerlchen. Und Kerlchen hatte soeben die Lider aufgeschlagen, fühlte den Blick Herrchens und wedelte mit der buschigen Rute einen Gruß hinüber.

Dann kehrten des ernsten Beamten Augen zu Irmas reizvollem Gesicht zurück.

»Und in dieser Sache wollten sie Hedwigs Rat einholen?« fragte er mit einem kaum merklichen Lächeln. »Hedwig ist dir wohl ein kluger Mensch. Aber es gibt doch Dinge, die anderswo besser aufgehoben sind. Auch ich bin für diese Sache kaum zuständig. Vielleicht einer unserer Kriminalkommissare oder … Egon Larisch.«

Irma horchte auf.

»Egon Larisch?« meinte sie erstaunt. »Seit einer...



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