E-Book, Deutsch, 528 Seiten
Kabus Das Licht der Fjorde
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-8412-3496-4
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 528 Seiten
ISBN: 978-3-8412-3496-4
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Geheimnisse unter der Mitternachtssonne.
1941: Für Solveig ist das Leben im okkupierten Stavanger ein Balanceakt. Sie arbeitet als Übersetzerin für die Besatzer, doch als sie den jungen Ingenieur Roar kennenlernt, schließt sie sich dem Widerstand an. Dass sie damit nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Liebe in große Gefahr bringt, wird Solveig erst bewusst, als sie eine erschütternde Nachricht erhält.
1970: Als ihr Vater von seiner Ölbohrfirma aus den USA nach Norwegen geschickt wird, ahnt Lizzy noch nicht, dass in seiner alten Heimat ein Geheimnis aus seiner Vergangenheit schlummert, das auch ihr Leben durcheinanderwirbeln wird ...
Christine Kabus, 1964 in Würzburg geboren und in Freiburg aufgewachsen, arbeitete nach ihrem Studium der Germanistik und Geschichte zunächst einige Jahre als Dramaturgin und Lektorin bei verschiedenen Film- und Theaterproduktionen, bevor sie sich 2003 als Drehbuchautorin selbstständig machte. 2013 wurde ihr erster Roman veröffentlicht. Im Aufbau Taschenbuch sind ihre Romane 'Die Zeit der Birken' und 'Die Birken der Freiheit' erschienen.
Autoren/Hrsg.
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1
Stavanger, Januar 1970
Lizzy fror. Sie zog die Schultern hoch und trottete mit gesenktem Kopf hinter ihrer Mutter her, die von der Gangway des Flugzeugs über die Landebahn zum Abfertigungsgebäude lief, auf dem in großen Lettern Stavanger Lufthavn stand. In den Pfützen auf dem Asphalt spiegelten sich die Positionsleuchten der Passagiermaschine der British European Airways und das Licht, das aus den Fenstern des Terminals und des Towers schien. Pünktlich um 15:30 Uhr waren sie in Sola gelandet, und Lizzy hatte zum ersten Mal in ihrem siebzehnjährigen Leben europäischen Boden betreten. Der kurze Aufenthalt im Heathrow Airport zählte für sie nicht. Eine Windböe, die ihr feine Graupelkörner ins Gesicht blies, ließ sie erschauern und ihre Schritte beschleunigen. Nur schnell ins Warme!
Ihr fünf Jahre jüngerer Bruder Chris sprang ihnen voraus. Bereits auf dem Flug über die Nordsee hatte es ihn kaum auf seinem Sitzplatz gehalten. Alle zehn Minuten hatte er sich erkundigt, wann sie endlich ankämen und sich die Stupsnase an dem kleinen Fenster platt gedrückt, um als Erster einen Blick auf ihre neue Heimat zu erhaschen.
Lizzy war genervt von seiner Begeisterung, die ihr schonungslos vor Augen führte, wie unglücklich und sauer sie selbst über diese Reise war. Wie konnte sich Chris nur so schnell mit dem Verlust seines bisherigen Lebens abfinden? Er ließ doch auch gute Freunde, vertraute Orte und nicht zuletzt die Los Angeles Rams zurück. Als glühender Fan der NFL-Footballmannschaft hatte er in den letzten drei Jahren kein einziges ihrer Spiele verpasst und trug auch in diesem Moment die navy-blaue Schirmmütze mit dem stilisierten gelben Widderkopf. Machte ihm der Abschied von alledem wirklich nichts aus? Oder verarbeitete er seinen Kummer nur anders als sie und tröstete sich mit den neuen Abenteuern, die auf ihn warteten?
Nachdem ihr Bruder hatte einsehen müssen, dass hinter der von Regentröpfchen bedeckten Scheibe nur das dunkle Grau der Wolken waberte, in die sie eine Stunde nach ihrem Start in London hineingeflogen waren, hatte er sich darauf verlegt, die Stewardess mit Fragen zu technischen Details der Maschine sowie über Flughöhe, Geschwindigkeit oder Außentemperatur zu löchern. Als die junge Frau von einem anderen Passagier gerufen worden war, hatte Chris sich von seiner Mutter Cathleen den Reiseführer Your Guide to Norway geben lassen und versucht, seine Schwester für das skandinavische Land zu begeistern: »Wusstest du, dass es in Norwegen Bären, Luchse und Wölfe gibt?« Oder: »Hättest du gedacht, dass zwischen dem nördlichsten und dem südlichsten Punkt 1752 Kilometer liegen? Das ist ungefähr die gleiche Entfernung wie zwischen …«
Lizzy hatte ihn mit eisigen Blicken zum Verstummen gebracht und sich demonstrativ hinter den Seiten der aktuellen Ausgabe des »Teen Magazine« verschanzt, einer der Jugend-Zeitschriften, mit denen sie sich vor dem Abflug in Denver eingedeckt hatte. Wer wusste schon, wann und ob überhaupt sie in diesem von Hinterwäldlern bevölkerten Norwegen die Gelegenheit bekommen würde, amerikanische Magazine zu erwerben.
Die Januarausgabe war dem Thema Stewardess gewidmet, und auf dem Cover war das Model Jill Twiddy zu sehen, das mit verzücktem Augenaufschlag gen Himmel blickte. Lizzy hatte nach dem Ende der Highschool im vergangenen Sommer kurz mit dem Gedanken gespielt, Flugbegleiterin zu werden. Seit sie als kleines Mädchen mit ihren Eltern von ihrem damaligen Zuhause in Florida nach Denver zu ihren Großeltern mütterlicherseits geflogen war, wollte sie Pilotin werden. Es schien ihr der herrlichste Beruf der Welt zu sein. Zum einen, weil er die Möglichkeit bot, die entlegensten Länder und Kulturen besuchen zu können, ohne teure Reisen dorthin unternehmen zu müssen. Nach Langstreckenflügen hatten die Flugzeugcrews meistens mehrere Tage Urlaub und so die Gelegenheit, die exotischsten Orte zu erkunden, wobei es Lizzy in erster Linie südliche Gefilde angetan hätten. Zum anderen aber – und das war für Lizzy der entscheidende Punkt – würde er ihren Traum vom Fliegen zumindest ein Stück weit erfüllen. Dieses wundervolle Gefühl der Schwerelosigkeit, sich in die Luft schwingen zu können und vom Wind tragen zu lassen – so, wie sie es aus ihren nächtlichen Träumen kannte. Ein Gefühl der Freiheit, das sie in ähnlicher Form im Wasser erlebte und das zu ihrer Leidenschaft fürs Schwimmen geführt hatte.
Als Lizzy mit der Zeit klar wurde, dass ihr als Frau eine Piloten-Karriere in der kommerziellen Luftfahrt verwehrt war, hatte sie sich damit getröstet, als Stewardess ihren Wunschtraum wenigstens teilweise verwirklichen zu können. Sie hatte die Idee jedoch schnell wieder verworfen. Abgesehen davon, dass sie direkt nach dem Schulabschluss ein Jahr zu jung für eine Bewerbung gewesen war, hatte Lizzy viele der zu erfüllenden Bedingungen abstoßend gefunden. Die Radio-Spots mit Jobangeboten für Flugbegleiterinnen hatten sich angehört, als ginge es um den Aufruf zu einer Miss-Wahl. Die Airline steckte ihre Flugbegleiterinnen nicht nur in pink-orangefarbene Miniröcke mit passenden Hotpants und halbhohen Stiefeln, sondern hielt sie auch dazu an, orangefarbenen Lippenstift, falsche Wimpern und Eyeliner zu tragen.
Lizzy war mit ihren ein Meter siebzig zwar in der vorgeschriebenen Größenskala, die geforderte sehr schlanke Linie mit schmaler Taille konnte sie dagegen nicht vorweisen. Sie war nicht dick, hatte jedoch einen stämmigen, und – dank ihres jahrelangen Schwimmtrainings – muskulösen Körper, der sich in den vorgeschriebenen figurbetonten Outfits nicht gut gemacht hätte. Lizzy hasste ohnehin eng anliegende Kleidung, in der sie kaum Bewegungsfreiheit hatte. Sie bevorzugte bequem sitzende Jeans, selbst gebatikte Blusen und weite Röcke.
Letztendlich aber waren es vor allem zahlreiche weitere Vorschriften, die Lizzy von diesem Berufswunsch abgebracht hatten. So wurde das weibliche Kabinenpersonal spätestens mit 35 Jahren zum Dienst am Boden verdonnert, während die männlichen Angestellten bis über das 60. Lebensjahr hinaus an Bord arbeiten durften. Viele Airlines hatten eine Vertragsklausel mit einem Heiratsverbot für Flugbegleiterinnen. Und bei den hawaiianischen Aloha Airlines mussten diese auch das In-Flight-Entertainment bestreiten und während des Flugs singen, Hula tanzen und Ukulele spielen.
Lizzy fand diese Gängelungen demütigend. Warum wurden Frauen nahezu immer auf dienende Tätigkeiten reduziert? Warum war ihnen der Zugang zu vielen Berufen gar nicht erst möglich? Und weshalb schien alle Welt zu glauben, dass Frauen nichts anderes erstrebenswert fanden, als die Herren der Schöpfung zu verwöhnen und zu beglücken? Sei es nun als Ehefrau, die sich um das Wohl der Familie und den Haushalt kümmerte, oder in Berufen, in denen Service und Betreuung in allen möglichen Facetten im Vordergrund standen. Es war so ungerecht! Warum waren – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nur Männer Ingenieure, Wissenschaftler, Dirigenten oder eben Piloten?
»Dad ist nicht da!«
Mit diesem Ruf kam ihnen Chris entgegengerannt, als Lizzy und ihre Mutter gerade das Terminal betraten.
»Bist du sicher?«
Cathleen rückte das lachsfarbene Pillboxhütchen zurecht, das auf ihrer am Hinterkopf hochtoupierten Frisur thronte. Nach vorne liefen ihre schulterlangen Haare in einer sanften Außenwelle aus und umrahmten ihr ovales Gesicht mit den flächigen Zügen und dunklen Augen – ein Erbe der Cheyenne-Frau, die ihr Großvater einst geheiratet hatte. Lizzy hatte die gleichen glatten schwarzen Haare, die bei ihr bis zur Taille reichten. Die hellgrauen Augen mit der dunklen Umrandung dagegen waren ein Erbe ihres Vaters Roger. Ihr Bruder kam mit seinen rotblonden Locken, den grünen Augen und den Sommersprossen ganz nach seinem Großvater, dessen Wurzeln in Irland lagen.
»Seht mal«, sagte Lizzy mit Blick auf eine Handvoll Menschen, die hinter einer Absperrung standen. »Ich glaube, damit sind wir gemeint.« Sie zeigte auf einen Mann in dunklem Anzug, weißem Hemd, Krawatte und Schirmmütze, der ein Schild hochhielt und die ankommenden Passagiere musterte.
Family COLE stand auf der Pappe. Der Mann hob grüßend die Hand. Lizzy nickte ihm zu und stellte sich zu ihrer Mutter und Chris in die kurze Schlange, die sich vor der Passkontrolle ...




