Kabus | Das Polarlichtcafé | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Kabus Das Polarlichtcafé

Ein Norwegen-Roman | Ein Hurtigruten-Roman
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8412-3754-5
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Norwegen-Roman | Ein Hurtigruten-Roman

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-8412-3754-5
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Familiengeheimnis am Polarkreis.

Jule, eine junge Töpferin aus Erfurt, entdeckt im Nachlass ihres Großvaters den Bericht über seine Norwegentour aus dem Jahr 1961, der sie sofort fesselt. Keiner in der Familie wusste, dass er als Reisejournalist für einen Ostberliner Verlag schrieb. Jule begibt sich auf Spurensuche - auf einer Fahrt mit der legendären Postschifflinie, mit der damals schon ihr Opa unterwegs war. In einem Café weit hinter dem Polarkreis kann sie sein Geheimnis lüften, das auch ihr Leben gehörig durcheinanderbringt ... 



Christine Kabus, 1964 in Würzburg geboren und in Freiburg aufgewachsen, arbeitete nach ihrem Studium der Germanistik und Geschichte zunächst einige Jahre als Dramaturgin und Lektorin bei verschiedenen Film- und Theaterproduktionen, bevor sie sich 2003 als Drehbuchautorin selbstständig machte. 2013 wurde ihr erster Roman veröffentlicht. Alle lieferbaren Titel der Autorin sehen Sie unter aufbau-verlage.de.
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2


Nordnorwegen, Mai 1961

»Ach, ist das herrlich. Sich zur Abwechslung mal bedienen zu lassen«, sagte Borghild, ließ sich gegen die Lehne ihres Stuhls sinken und nahm einen Schluck Kaffee, den eine Kellnerin eben erst nachgeschenkt hatte. »Findest du nicht?«

»Und wie«, pflichtete Janne ihrer Freundin bei, der sie bei einem späten Frühstück im Speisesaal der »MS Harald Jarl« an einem Fenstertisch gegenübersaß. »Einfach die Hände in den Schoß legen und in Ruhe die Aussicht genießen.«

Sie deutete auf die Küste von Helgeland, an der sie seit Stunden entlangfuhren. Sie galt als einer der schönsten Abschnitte auf der Postschiffroute mit ihren unzähligen Inseln, hoch aufragenden Gebirgsketten, Fjorden und kleinen Fischerdörfern, die sich harmonisch in die raue Natur einfügten.

»Wobei … lange würde ich das Nichtstun wohl nicht aushalten«, schob Janne nach.

»Stimmt, dazu hast du zu viele Hummeln im Hintern.« Borghild zwinkerte ihr zu und biss in ihr Marmeladenbrot.

Janne löffelte einen Joghurt, in den sie Haferflocken und frischen Obstsalat gerührt hatte, und schaute aus dem Fenster. War wirklich erst eine halbe Woche seit dem Ende ihres letzten Arbeitstages vergangen? Um diese Zeit hatte sie in der Kombüse der »Sanct Svithun« gestanden und im Akkord Erdbeertörtchen und Waffeln hergestellt, die den Passagieren später zum Nachmittagskaffee angeboten worden waren.

Während ihrer Arbeit hatte Janne selten Muße gehabt, die vorbeiziehende Landschaft zu betrachten. Die Küchenräume der Postschiffe lagen unter Deck und boten keine Sicht nach draußen. Nach den Schichten sank Janne meistens erschöpft auf eine Liege im Aufenthaltsraum für die Angestellten und schlief ein paar Stunden, bevor sie wieder zum Dienst gerufen wurde. Während ihrer 22-tägigen Einsätze, bei denen sie jeweils mit dem Schiff zweimal die Strecke von Bergen nach Kirkenes und zurückfuhr, fühlte sie sich oft übermüdet.

»Es hat so gutgetan, nach Herzenslust auszuschlafen und keinen Wecker stellen zu müssen«, sagte Borghild nach einem herzhaften Gähnen.

Als hätte sie meine Gedanken gelesen, schoss es Janne durch den Kopf, so vertraut waren sie sich. Ein Gefühl der Dankbarkeit durchströmte sie. Es war Jahre her, dass sie Borghild kennengelernt hatte. Sie absolvierte damals bei der Hurtigruten eine Lehre zur Köchin, und Borghild zur Servicekraft. Beide waren anschließend von der Reederei übernommen worden und arbeiteten seit fünf Jahren auf den Postschiffen. Auch wenn sie sich manchmal wochenlang nicht sahen, weil sie auf unterschiedlichen Dampfern eingesetzt wurden, hatte sich ihre Freundschaft immer mehr vertieft. Nicht zuletzt, weil sie beide in Trondheim bei einer Witwe gewohnt hatten, die Zimmer an alleinstehende Frauen vermietete.

Vom Aussehen her hätten die beiden kaum unterschiedlicher sein können. Borghild war einen Kopf kleiner als ihre hochgewachsene Freundin, war mit Rundungen »an den richtigen Stellen« ausgestattet, wie Janne einmal ein paar Kollegen hatte tuscheln hören, und trug eine Pagenfrisur, die ihrem herzförmigen Gesicht einen vorteilhaften Rahmen gab. Janne hielt ihre langen goldblonden Haare gern mit einem breiten Band aus der Stirn oder flocht sie zu einem Zopf. Ihre Mutter hatte sie wegen ihrer dichten Brauen über ihren kornblumenblauen Augen verrückt gemacht (»Kind, du solltest sie regelmäßig zupfen und ausdünnen«) und auch an ihrem Mund mit den vollen geschwungenen Lippen nicht viel Gutes gelassen. Wie oft hatte Ragna Moen ihre Tochter ermahnt, ihn besonders beim Lachen nicht zu weit aufzureißen. (»Die Leute denken sonst, dass du sie verschlingen willst.«) So sehr sich Janne auch bemüht hatte, es gelang ihr nicht, diesen Ratschlag zu beherzigen. Ihr Lachen ließ sich nicht zügeln. Ebenso wenig verspürte sie Lust, ihre Brauen mit einer Pinzette zu malträtieren.

»Nirgendwo lässt es sich so erholsam schlafen wie in einer eigenen Kabine auf dem modernsten Schiff der Flotte«, stellte Borghild fest und riss Janne aus ihren Gedanken.

»O ja, wir haben wirklich Glück, dass wir mit der ›MS Harald Jarl‹ fahren dürfen.«

Der Dampfer war erst kürzlich in einer Trondheimer Werft vom Stapel gelaufen und damit nicht nur das vorläufig modernste Schiff der Hurtigruten, sondern auch das erste, das nach dem Krieg in Norwegen gebaut worden war. Die Ausstattung war komfortabler als bei den älteren Modellen, wobei die charakteristischen Merkmale der Postschiffe auch bei der »MS Harald Jarl« vorhanden waren: Sie war nicht nur für den Transport von Menschen vorgesehen, sondern auch für den von Automobilen und Gütern aller Art, darunter Lebensmittel, die in eigens dafür eingebauten Kühlräumen gelagert werden konnten. Außerdem legte der Dampfer stets mit der Backbordseite an den Hafenkais an, da sich nur an dieser Seite die Frachtluken, Lastenkräne sowie die Gangways befanden.

Am Tag zuvor waren Janne und Borghild mittags in Trondheim an Bord gegangen und fuhren nordwärts. Borghild würde in wenigen Stunden in Bodø aussteigen und die Feiertage dort bei ihrer Familie verbringen. Janne musste noch anderthalb Tage weiterfahren und würde am Pfingstsamstag gegen 23 Uhr in Kongsfjord eintreffen. Seit ihrem letzten Besuch bei ihren Eltern war viel Zeit vergangen. An Ostern, das sie gern mit ihnen verbracht hätte, war Janne zum Dienst eingeteilt gewesen. Umso mehr freute sie sich auf das Wiedersehen, dem sie allerdings auch ein wenig bang entgegensah. Sie hatte ihren Eltern noch nicht davon erzählt, dass sie die Stelle bei der Hurtigruten gekündigt hatte, Norwegen verlassen, monatelang auf hoher See verbringen und nur noch selten die Gelegenheit haben würde, ihre Heimat zu besuchen.

Sie wollte es ihnen persönlich mitteilen. Es war ihr wichtig, ihr Einverständnis zu erhalten. Auch wenn sie längst volljährig war – etwas gegen den Willen von Vater und Mutter durchzusetzen, widerstrebte Janne. Nicht zum ersten Mal wünschte sie sich, Geschwister zu haben. Dann hätten die Erwartungen ihrer Eltern nicht allein auf ihren Schultern gelastet.

Einige Wochen zuvor war der Traum in Erfüllung gegangen, den sie mit ihrer Freundin Borghild teilte: Eines Tages die Weltmeere zu bereisen und ferne Länder kennenzulernen. Sie hatten in einer Zeitung eine Annonce der P&O-Orient Line Ltd. entdeckt, die für einen neu in Dienst gestellten Passagierdampfer Personal suchte. Janne und Borghild hatten ihr Glück kaum fassen können, als ihre Bewerbungen zügig mit Zusagen beantwortet worden waren.

»Wie es wohl sein wird, auf einem Schiff zu arbeiten, das über zweitausend Gästen Platz bietet?«

»Das hab ich mich auch gerade gefragt«, antwortete Borghild.

»Und dazu kommen ja noch die rund fünfhundert Crewmitglieder. Zehnmal so viele wie auf diesem Dampfer«, sagte Janne.

»Mit denen wir monatelang zusammen sein werden, kein Personalwechsel wie bei der Hurtigruten.«

»Das wird alles so aufregend.« Janne strahlte ihre Freundin an. »Ich kann es kaum glauben, dass wir bereits Anfang Juni in Richtung Südhalbkugel unterwegs sein werden.«

»Weit weg von der Enge, die mir hier oft die Luft abschnürt.« Borghild atmete tief durch. »Wenn ich doch nur schon den Besuch bei meinen Eltern hinter mir hätte. Garantiert haben sie wieder irgendeinen grässlichen Burschen aufgetrieben, den sie mir als Heiratskandidaten unterjubeln wollen. Damit ich nicht als alte Jungfer ende.«

»Mit fünfundzwanzig?«, rief Janne. »Das ist doch nicht alt.«

»Verklickere das mal meiner Mutter. Die war bereits mit neunzehn Jahren unter der Haube und will endlich Enkelchen haben.« Sie zuckte mit den Achseln. »Da kann sie lange warten. Ich will erst mal was von der Welt sehen. Und ob ich je eine Familie gründen werde?« Sie schob die Unterlippe vor. »Sicher nicht, wenn es bedeutet, ein Dasein wie meine Mutter zu fristen. Als treusorgendes Faktotum, das seinem Mann jeden Wunsch von den Lippen abliest und seinen Lebenszweck darin sieht, eine perfekte Hausfrau zu sein.« Sie grinste. »Da bleibe ich lieber solo.«

»Macht es dir denn gar nichts aus, wenn deine Eltern deine Entscheidung nicht billigen?«

»Lieber wär’s mir natürlich, wenn sie mir ihren Segen geben«, antwortete Borghild. »Aber falls sie es nicht tun, ändert...



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