E-Book, Deutsch, Band 2, 520 Seiten
Reihe: Sternenklingen-Saga
Kacar Dunkler Segen
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-948695-98-9
Verlag: Lindwurm Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Herrscher der Dämonen
E-Book, Deutsch, Band 2, 520 Seiten
Reihe: Sternenklingen-Saga
ISBN: 978-3-948695-98-9
Verlag: Lindwurm Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ali Kacar ist 1981 als Einwandererkind in Aschaffenburg geboren. Seit seiner Jugend widmet er sich mit Begeisterung dem Lesen, keltischer Mythologie und dem Dudelsackspielen. Heute lebt er in Frankfurt a. M. Seine Faszination für die Schriftstellerei entflammte 2015, als er eines Morgens mit der Inspiration für eine epische Fantasy-Saga aufwachte. Auf seinen Reisen gewinnt er Eindrücke von Architektur und Kultur, die die Grundlage der Welt der Sternenklingen-Saga bilden. Sein Fantasy-Roman 'Dunkler Paladin' erschien 2021 unter dem Pseudonym Cole Brannighan im Lindwurm Verlag.
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Kapitel 1
Burg Evernhall
Ein Jahr nach dem Tod des Avatars
Wellen des Polarmeers brandeten gegen den Felsen, der aus der Landmasse wie ein Keil ins Meer hinausragte. Ostwind verteilte die Gischt und trug den Geruch des Salzwassers hinauf zur Burg Evernhall, die am östlichsten Zipfel des Reichs der zwölf Stämme thronte.
Eine Einheit Nordmannreiter kehrte im Morgengrauen von ihrer Küstenpatrouille zurück. Die Hufe der Pferde klapperten auf den Pflastersteinen, die über den schmalen Pfad zum Tor führten. Wachen auf den mit Ballisten bestückten Wehrgängengaben Zeichen zum Bergfried, von dessen Spitze lange Ketten bis zum Fallgatter am Haupttor reichten. Die Eisenglieder klirrten laut in der Nacht. Großlaib, der größere der beiden Monde, stand am Firmament und tauchte alles unter ihm in blasses Licht.
Khalea rieb sich in der Kälte die behandschuhten Finger und zog den Kopf gegen den heulenden Wind zwischen die Schultern. Ihre Fingerspitzen waren frei, da sie Feingefühl zum Klettern brauchte. Sie sah nach unten in die schmale Felsspalte, in der Tritt- und Kletterkuhlen angebracht waren. Kaum einer wusste davon. Der Informant hatte sich bezahlt gemacht.
Sie drehte sich auf die andere Seite des schroffen Steinriesen, in den die Burg hineingebaut worden war.
Zwanzig Schritte unter ihr sah sie die Zinnen und den Innenhof. Zusammen mit den Spitztürmen umfassten die Mauern ein Gelände, in dem sich mehrere Gebäude aneinanderreihten. Ein Zweispänner rollte durch das Tor und beförderte Fässer zu einer kleinen Ladeplattform mit Arbeitern, die in ihren dicken grauen Wintermänteln zum Abladen bereitstanden. Vier Männer mit nietenbesetzten Lederrüstungen hatten ihre langstieligen Äxte geschultert und liefen durch die Gasse.
»Ablassen«, hallte es über den Hof. Dann verschloss das eiserne Fallgatter wieder den Zugang.
Das Hauptgebäude ragte tief in den Felsen hinein, der unter Khaleas Füßen lag, daher konnte sie es nicht sehen. Die Ketten des Fallgatters reichten vom Haupttor hoch über die Gebäude und mündeten in die Unsichtbarkeit unter ihr. In zwei Schritten Entfernung ragte ein Turm nach oben. Auf der Spitze wehte das Banner von Häuptling Evernhall, dem letzten der widerständigen Anführer der Nordmänner. Auf dem ozeanblauen Stoff prangte ein Kreis aus weißen Nordwasserrobben um ein Segelschiff.
Der Wind zerrte an Khalea, als wolle er sie in Stücke reißen. Er war tückisch; er nahm zu und wollte sich zum Sturm verdichten, dann ebbte er wieder ab und beruhigte sich.
Khaleas Herz pumpte Adrenalin durch ihren Körper. Der Sprung war nicht weit, doch der Wind konnte ihren Flug beeinflussen. »Es würde gelingen«, hoffte sie, ging die zwei Schritte zurück, die sie auf dem schmalen Plateau zur Verfügung hatte, und nahm einen irrwitzig kurzen Anlauf.
Während des Sprungs merkte sie für einen Moment, wie der Wind an ihr zerrte und sie wegzutragen drohte. Dann knallte sie mit der Brust und den Beinen gegen die Turmspitze, krallte sich fest und presste ihre Wange gegen das eiskalte Bleidach.
Weder die Wachen auf den Zinnen noch die Axtträger hatten von ihrem Sprung etwas gemerkt.
Khalea schnaufte und ließ sich auf den Sims hinuntergleiten. Gleich darunter befand sich ein schmaler Balkon. Es war nicht mehr als eine Fläche, auf der ein einzelner Mensch stehen konnte.
Khalea ließ sich vorsichtig ab und war froh, als ihre Füße geraden Boden berührten. Vor ihr war eine Holztür, mit rissigem schwarzen Lack und verzogenen Brettern.
Khalea betrachtete das Türschloss und fasste sich in die weizenblonden Haare. Sie waren oben lang und fielen nach hinten zwischen die Schulterblätter. An den Seiten trug sie Zöpfe, die an der Kopfhaut anlagen. Haarnadeln steckten darin. Sie zog zwei davon heraus, klappte sie zu Dietrichen aus und prüfte die feinen Bärte, die sie für diese Aufgabe zurechtgefeilt hatte. Einbrechen war kein Problem, bei schneidender Kälte nichts fallen zu lassen, schon. Mit zitternden Fingern führte sie die Werkzeuge in das Schloss ein und suchte nach dem Druckpunkt.
»Lachhaft«, dachte sie, als sie in fünf Sekunden mit einem Klicken das Schloss geknackt hatte. Sie drückte die Tür nach innen auf, drang ein und schloss sie wieder. Mit dem Rücken gegen das Holz gelehnt, atmete sie durch und war froh, dem Wind entkommen zu sein.
Stufen führten in einem gemauerten Treppenhaus nach unten. Ein Schemel stand an einem Tisch mit einer Kerze darauf. Einzelne Papiere und eine Schreibfeder lagen daneben.
Während sie sich die Dietriche wieder ins Haar fummelte, verfluchte sie Talisa, die sie zu diesem waghalsigen Unterfangen überredet hatte. Es war nichts als Glück gewesen, dass die Nussschale, auf der sie nachts am Fels angelegt hatte, nicht an der Brandung zerschellt war. Schon jetzt bereute Khalea, dass der König sie im Stahlkreis zur Jar geschlagen hatte. Vertraute und persönliche Garde des Oberhaupts der Jorvenlande zu sein, war weniger glanzvoll, als sie gehofft hatte. Dabei war sie keine Kämpferin, sondern eine Diebin. Und sie hasste das Meer, das Salz auf den Lippen und die Seevögel und Boote, die das Wasser zwischen zwei Wellen vernichten konnte.
Khalea wandte sich ab und schritt die ersten Stufen nach unten. Aus den schmalen Schlitzfenstern drang gerade so viel Mondlicht, dass sich die Stufenkanten gegen die Dunkelheit abzeichneten.
Nach etwa fünfzig Stufen gelangte sie auf eine Zwischenebene. Ein Wachmann schlief auf seinem Stuhl am Fenster. Er hatte sich den Helm tief ins Gesicht gezogen und schnarchte. In seinem dicken Bart, den alle Nordmänner trugen, hingen Brotkrümel. Eine Öllampe lag auf dem Tisch und beleuchtete eine Platte mit Wurstaufschnitt und Krustenbrot.
An dem Mann vorbeizukommen war so leicht, dass es beinahe an ihrer Ehre als Diebin kratzte. Sie schlich auf Katzenpfoten über die Bodendielen, die sie jeweils an der Wandseite nahm, und stibitzte sich die Mahlzeit des Mannes. Sie stahl sich ein paar Scheiben Wurst und drapierte sie auf dem Brot, gerade so viel, dass der Mundraub nicht auffiel, und setzte ihren Weg nach unten fort.
Das Wurstbrot und vierzig Stufen später drangen Gesprächsfetzen an ihr Ohr.
»… endlich Zeit. Der Sold ist schlecht und ohne Würzwein ist es hier in diesem zugigen Loch nicht auszuhalten. Wäre der Alkohol nicht heute geliefert worden, hätte ich meinen Dienst quittiert!«, erboste sich ein Mann.
Khalea presste sich an die Rundung der Innenwand des Treppenhauses und lugte in den Raum.
Zwei Wachen standen am Fenster und schauten hinaus. Ihre Äxte lehnten an der Wand und ihre Fellmäntel flatterten im Wind, der aus dem offenen Fenster drang, aus dem sie sich herauslehnten.
»Du weißt doch, der muss erst noch in den Keller und verdünnt werden – und der Erste, der trinkt, ist der Häuptling.«
»Der kann mich mal! Wieso musste er sich gegen König Egon den Dritten stellen und seinen Diplomaten ermorden lassen? Dieser Handelsboykott schneidet uns von Dinkel-, Trockenobst- und Würzweinlieferungen ab. Keiner, der bei Verstand ist, hält dem Häuptling noch die Treue. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der König uns angreift und alle, die dann hier sind, als Verräter hängen. Gestern wurde ein Typ von der Burgmauer beim Schlafen erwischt und ausgepeitscht! Der Ärmste kann doch gar nichts dafür, wenn wir Doppelschichten schieben müssen, nur weil der Häuptling seinen Stamm nicht mehr zusammenhalten kann. Hätte sein Vater vor zwanzig Jahren diese elende Burg nicht erobert, sondern nur geplündert, wie es sich für einen echten Nordmann gehört, würden wir in der Tundra unter dem Himmelszelt Rentiere jagen, statt hier zu versauern!«
»Der Diplomat hat nichts Geringeres als die Gefangennahme des Häuptlings gefordert. Das käme einem Todesurteil gleich. Würdest du das tun?«
»Nein, ich bin doch nicht blöd! Doch seine Bockbeinigkeit hat uns dieses miese Leben beschert. Wenns in dieser Kälte keine Weiber und nix zu fressen gibt, dann gibts hier gar nichts!«
Khalea schmunzelte. Die beiden ahnten nicht, wie nahe ihnen der König bereits war. Sie nutzte die Gelegenheit und schlich zum Treppenabsatz.
Im Erdgeschoss traf sie auf eine dicke Eichentür. Sie öffnete sie einen Spalt weit und riskierte einen Blick nach draußen. Die Gassen waren leer. Keine Wachen in Sicht. Sie setzte sich die Kapuze ihres pechschwarzen Fellmantels auf und ging hinaus auf den Hof.
Drei Arbeiter rollten im Fackelschein Fässer vom Wagen. In der Kälte verwandelte sich ihr Atem zu Dampf, während der Kutscher auf dem Bock stand und auf sie einredete.
»Ich nur Lieferant, nicht meine Schuld, harte Zeit.«
Khalea hielt sich außerhalb des Lichtradius der Fackeln und schaute hinauf zum Bergfried, über den ein langer Felsvorsprung ragte.
Eine Gruppe Axtträger bewachte den Eingang dazu.
Khalea dachte nach. Die spitzen, schmalen Buntglasfenster lagen in zehn Schritten Höhe. Die Häuser reichten nicht an die Mauer des Hauptgebäudes heran und der einzige Weg führte an den Wachen vorbei. Während sie noch nach einer Lösung suchte, vernahm sie das Poltern eines herannahenden Zweispänners. Sie sprang zurück und duckte sich in den Schatten zwischen zwei Fachwerkhäusern.
Als der Wagen an ihr vorbeifuhr, kam ihr eine Idee. Sie eilte ihm nach, packte die Kante der Ladefläche und wuchtete sich hoch. Zu ihrem Glück fuhr der Wagen geradewegs auf den Bergfried zu.
Sie sah sich auf der Ladefläche um. Hinter dem Kutschbock war ein Kasten angebracht. Sie öffnete die Klappe....




