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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, 202 Seiten
Kachler Trauer tut weh
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-647-99240-2
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Körper im Trauerprozess und in der Trauerbegleitung
E-Book, Deutsch, 202 Seiten
ISBN: 978-3-647-99240-2
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Dipl.-Psych. Roland Kachler ist Psychologischer Psychotherapeut, Zertifizierter Transaktionsanalytiker CTA (P) (DGTA), Systemischer Paartherapeut, Supervisor; Fortbildungen in Klinischer Hypnose (MEG), systemischen Ansätzen, psychodynamisch-imaginativer Traumatherapie (PITT), Ego-State-Therapie. Er arbeitet in eigener psychotherapeutischer Praxis, hält Vorträge und Workshops und ist Autor von zahlreichen Lebenshilfe- und Fachbüchern.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
Der Körper – Basis des Bindungssystems und der Verlustreaktion
Die untröstliche, verzweifelte trauernde Mutter
Die 30-jährige Tochter stirbt bei einem Verkehrsunfall in Afrika. Die Mutter erfährt dies vom überlebenden Partner ihrer Tochter. Die Mutter kommt sechs Monate nach dem Tod ihrer Tochter zur Trauerbegleitung. Sie sagt, dass sie seither keinen Tag gelebt habe, keine Nacht geschlafen habe. Jeden Tag, so berichtet sie, fließen die Tränen, weil ihr Schmerz so groß ist. Sie spürt diesen Verlustschmerz im ganzen Körper. Jede Berührung, und sei es eine Berührung ihrer Haarspitzen, schmerzt bis ins tiefste Innere hinein. Ihr Herz schmerzt ebenfalls, weil sie den Eindruck hat, dass ihre Tochter aus ihrem Herzen gerissen wurde. Es gibt für sie keinen Trost und kein »Morgen wird es besser«, obwohl sie noch gar nicht wirklich begriffen hat, dass ihre Tochter nie mehr kommen wird. Sie glaubt nicht, dass es jemals einen Weg zurück in das Leben geben könnte. Nichts hilft ihr, auch nicht erste Gespräche mit verschiedenen Psychotherapeuten.
Der gänzlich unerwartete, plötzliche Tod der Tochter dieser Frau trifft sie in ihrer ganzen Person, in ihrer ganzen Liebe und in ihrem ganzen Körper. Neuropsychologisch und evolutionsbiologisch verstanden, ist diese Mutter in ihrem Bindungssystem getroffen (zum gesamten Kapitel: Brisch, 2025; Bear, Connors u. Paradiso, 2018; Feldmann, 2017; Cozolino, 2014; Panksepp, 2004), dem wichtigsten und ersten Überlebenssystem des Menschen. Aus ihrem Herzen – so ihr Gefühl – ist ihre Tochter entrissen, also aus ihrem Bindungssystem, in dem ihre Tochter wie ihre anderen Familienmitglieder einen zentralen, tief verankerten Platz eingenommen hatte. Das Bindungssystem reagiert nicht nur mit tiefster Verzweiflung, sondern mit körperlich intensiv zu spürenden Schmerzen und zugleich – für viele Trauernde überraschend – mit einer intensiven Sehnsuchtsliebe. Letztere ist Grundlage des beziehungsorientierten, des sogenannten hypnosystemischen Traueransatzes, den ich in den letzten Jahren entwickelt habe (Kachler, 2022; 2021d; 2017). Dieser Ansatz ist auch der Hintergrund dieses Buches, wenngleich nun der Körper in seiner zentralen Rolle bei einem Verlust hier im Fokus steht.
Das Bindungssystem – erstes und wichtigstes Überlebenssystem des Menschen
Wenn ein Säugling zur Welt kommt, ist er allein nicht überlebensfähig. Er braucht zu seinem Überleben, dass ihn die Eltern ernähren und versorgen. Ebenso wichtig ist aber auch die körperlich vermittelte emotionale Nähe der Eltern, anfangs insbesondere der Mutter. Für diese ersten Überlebensschritte bringt der Säugling seinerseits ein biologisch und genetisch angelegtes System mit, eben das Bindungssystem (Brisch, 2025; Cozolino, 2014; Feldmann, 2017; Panksepp, 2004). Dies wird schon im Mutterleib ausgebildet und trainiert, sodass es bei der Geburt sofort funktionieren kann, sowohl aufseiten des Säuglings als auch der Mutter. Der Säugling ist dabei nicht nur Empfänger der Fürsorge- und Bindungsaktionen der Mutter, sondern bestimmt mit seinem Blickkontakt, später dann mit seinem Lächeln oder seinen nonverbalen Gesten das gegenseitige Bindungsverhalten ganz wesentlich mit. Aufseiten der Mutter und dann des Vaters wird das Bindungssystem gestärkt, wenn diese einfühlsam, in einem sogenannten Affekttuning in die Resonanz mit dem Säugling gehen, wenn sie die Bedürfnisse des Säuglings spüren und erfüllen und wenn sie die immer wieder vorkommenden kleinen Missstimmigkeiten zwischen ihnen und dem Säugling rasch korrigieren. Zentral ist auch, dass sie den Säugling trösten, wenn dieser zum Beispiel Bauchschmerzen oder andere Empfindungen des Unbehagens hat oder wenn er nachts aufwacht und sich verlassen fühlt. Wenn sich also die Eltern um den Säugling und damit um dessen Bindungssystem kümmern, dann wird ihr elterliches Bindungssystem, oft als Care-System bezeichnet (Panksepp, 2004), gestärkt. Der heimliche und für beide Seiten unbewusste Agent des Bindungssystems ist das bekannte Oxytocin, das bei allen Bindungsaktionen ausgeschüttet wird.
In den Exkursen stelle ich neurowissenschaftliche, neurobiologische und psychophysiologische Grundlagen der Körperreaktionen und des psychischen Erlebens bei einem Verlust dar. Dabei steht der Bezug zum Verlusterleben, zum Verlustschmerz und zur Trauer im Vordergrund.
Exkurs: Oxytocin und das Bindungssystem
Das Oxytocin ist der wichtigste hormonelle Mediator des Bindungssystems (Bear, Connors u. Paradiso, 2018; Panksepp, 2004). Das Oxytocin und das verwandte, ähnlich wirkende Vasopressin werden im Hypothalamus synthetisiert und dann über die Hypophyse sowohl in das Gehirn als auch in den Blutkreislauf ausgeschüttet. Dies geschieht immer dann, wenn nahe soziale Interaktionen wie zum Beispiel die Berührung eines nahen Menschen stattfinden. Das Oxytocin ist sehr wahrscheinlich evolutionsbiologisch für die Prozesse der Geburt und des Stillens des Säuglings entstanden. Hier stellt das Oxytocin ganz früh die Bindung der Mutter zum Neugeborenen her. Sein Saugen an der Brust bewirkt eine Ausschüttung von Prolactin und Oxytocin ins Gehirn und in den Blutkreislauf der Mutter. Oxytocin fördert umkehrt auch Nähe und Bindung, beispielsweise wenn der Vater mit dem Säugling und Kleinkind interagiert. Auch beim Geschlechtsverkehr wird bei beiden Partnern Oxytocin ausgeschüttet und stärkt so die partnerschaftliche Bindung. Das Oxytocin ist eng mit dem Endorphinsystem und mit dem Dopaminsystem verbunden, beide wichtig für Belohnung und Wohlbefinden. Diese Neurotransmitter wirken beruhigend auf die Amygdala ein und dämpfen so Gefühle von Angst und Aggression, ebenso werden im Verbund mit den Endorphinen Schmerzen gedämpft.
Der Säugling erfährt die Bindungsaktionen mit den Eltern ganz auf der Körperebene. Beim Stillen erlebt er seinen Körper durch das Sättigungsgefühl; beim Streicheln, beim Wickeln, beim Eincremen spürt er seinen Körper in Reaktion auf die körperliche Stimulation der Eltern. Die ersten und wichtigsten Bindungserfahrungen sind also Körpererfahrungen, die die Basis der Bindung darstellen.
Erst allmählich entwickelt sich aus diesen frühen, ganzheitlichen Körpererfahrungen im dialogischen Prozess der Vorläufer des Ichs, oft auch als Protoselbst beschrieben (Damasio, 2012). Im gegenseitigen Anschauen und Anlächeln der Eltern, aber auch im Weinen erlebt der Säugling, dass er die Eltern beeinflussen kann. Der Säugling erfährt sich in diesen kommunikativen Fertigkeiten als selbstwirksam. Zugleich sprechen die Eltern den Säugling von Anfang an als eigenständiges Ich und Person an, sodass sich der Säugling von innen und von außen her zunehmend als eigenständig, als ein sich selbst regulierendes und andere beeinflussendes Ich verstehen lernt. Auch wenn sich nun im ersten Lebensjahr das Ich entwickelt, bleibt auch dieses in den Körpererfahrungen der weiterhin überlebenswichtigen Bindung zu den Eltern und damit im Körper verankert.
Bei einem schweren Verlust wird das tief im Körper und in unserer Kindheit verankerte Bindungssystem aktiviert. Das früheste und wichtigste Überlebenssystem eines Menschen sieht sich und seinen Träger durch den Tod eines nahen Menschen im Überleben bedroht und reagiert intensiv und massiv über die mit ihm verbundenen Körperreaktionen, die dann ihrerseits die verschiedenen Verlustemotionen auslösen, und das gilt umgekehrt genauso.
Bitte beachten
Ich spreche in diesem Buch vom »Körper« (im englischsprachigen Raum »body«) und meine damit immer auch den von innen her erlebten und gespürten Körper, der immer auch verbunden mit der Psyche ist. Er wird wie in den verschiedensten Körpertherapien somit als psycho(!)-physiologische Ganzheit verstanden. Wenn ich nur die Physiologie des Körpers meine, spreche ich vom Organismus. In der spezifisch deutschen Tradition sprach man lange vom Leib als diesem psychisch belebten Körper. Dies ist zwar berechtigt, aber veraltet.
Wo das Bindungssystem im Gehirn sitzt und wie es neurobiologisch funktioniert
Vereinfacht kann man sagen, dass das Zentrum des Bindungssystems im Gehirn dort sitzt, wo es Oxytocin und das verwandte Hormon Vasopressin und die dazugehörigen Rezeptoren gibt. Das ist vorzugsweise im Belohnungssystem, dem sogenannten Striatum, und dort besonders im Nucleus accumbens der Fall. Dieses wiederum sitzt im limbischen System, der Gehirnregion, in der unsere Gefühle und die dazugehörigen physiologischen Körperreaktionen verankert sind. Dort gibt es die meisten Rezeptoren für das Oxytocin, dessen Wirkweise besonders bei einem Verlust und bei der Trauer wir in Kapitel...




