E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Kadletz Im Ruin
2. Auflage 2021
ISBN: 978-3-99065-053-0
Verlag: Edition Atelier
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-99065-053-0
Verlag: Edition Atelier
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Barbara Kadletz, geboren 1981, lebt und arbeitet als Buchhändlerin in Wien. Wenn sie nicht die Bücher anderer verkauft, schreibt sie an ihren eigenen Texten oder spricht über Literatur - als Moderatorin, Rezensentin oder in ihrem wöchentlichen Blog 'Das Buch zum Wochenende'. Bisher Veröffentlichungen von Theaterstücken und Kurzgeschichten. 2. Platz beim FM4-Literaturwettbewerb Wortlaut 2018, Shortlist für den Buchblog Award 2019 & 2020.
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Der Weg hinein in diese Stadt hatte ihn zuerst an einer bestialisch stinkenden Raffinerie und dann an einem gigantischen Friedhof vorbeigeführt. Mal was anderes, dachte Ari, und erinnerte sich an diesen Spruch, dass es keine zweite Chance für den ersten Eindruck gab. Er schloss die Tür hinter sich. Da war er also wieder. Dieser Moment, in dem aus etwas Abstraktem wie einer Adresse ein konkreter Ort wurde. Und davon sollte man dann ein Zuhause behaupten. Eigentlich hatte er ja Übung darin. In diesem Zuhause-Behaupten. Ihn überkam die übliche müde, klebrige Erschöpfung, und das, obwohl diesmal alles anders war, ja anders sein musste. Ari ließ seine Tasche fallen. Dann öffnete er aus einem Impuls heraus noch einmal die Wohnungstür. Nur um sie behutsam ein zweites Mal hinter sich zu schließen. Er musste sich absichern, dass sie wirklich zu war. Dass die Dämonen draußen blieben. Dass es heute keine Routine war. Er zwang sich fast trotzig, diesen Moment bewusst zu erleben, ihn mit Bedeutung aufzuladen. Mit einem satten Klicken fiel die Tür zum zweiten Mal ins Schloss, gerade richtig in Ton und Lautstärke, wie er fand. Zufrieden darüber ließ er sich langsam an der Innenseite des Eingangs auf den Boden sinken. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Die Tür, die da gerade ein zweites Mal ins Schloss gefallen war, war der Beweis dafür. Er war weg. Er war hier.
Es knarrte ein wenig, als sein erschöpfter Körper auf dem Boden landete. »Parkett«, sagte er halblaut vor sich hin. »Parkett, Parkett.« Er verharrte reglos und schaute auf die gegenüberliegende Wand. Ein schwarzer Strich verlief da – unregelmäßig, als hätte ein Kind einen Buntstift ausprobiert. Daneben kroch träge eine Fliege. Ari schloss die Augen und versuchte herauszufinden, wie er sich fühlte. Aber es war ihm unmöglich, Kontakt zu sich selbst aufzunehmen, kein Anschluss unter dieser Nummer. Da war einfach nur eine unglaubliche Erschöpfung, die alle Aufmerksamkeit für sich beanspruchte, sonst gar nichts. Er starrte dumpf vor sich hin. Die Fliege versuchte abzuheben, vergeblich. Resigniert schob sie sich weiter die Wand entlang, während Aris Lider schwerer wurden.
Als er ein paar Minuten später wieder hochschreckte, war es dunkel. Er sah sich für einen Moment verwirrt um, erkannte nichts, bis ihm klar wurde, wo er sich befand. Nervös begann er seine Hosentaschen abzutasten: Geldbörse, Handy, Pass, Schlüssel, alles da, was er brauchte. Sein Atem ging schneller, er wusste, was jetzt kam. Ja, schon raste sein Herz. Er sprang auf, schnappte nach der Türklinke und verließ seine neue Bleibe fluchtartig. Die vorher so mit Bedacht geschlossene Tür fiel jetzt achtlos ins Schloss. Ari nahm gleich zwei Stufen auf einmal, um zurück ins Freie zu gelangen. Bewegung, nichts wie weg von hier, dem rasenden Herzen davonlaufen. Vor dem Haus machte die Welt weiter wie bisher, das fand er gerade wirklich gut. Erleichtert drosselte er nach ein paar Häuserblöcken das Tempo, sein Puls und das hämmernde Herz beruhigten sich langsam wieder. Ein kurzer Blick auf das Handy verriet ihm, dass er es genau dreiundzwanzig Minuten in der Wohnung ausgehalten hatte. Betreten hatte er davon kaum mehr als einen Quadratmeter. Das fing ja gut an.
Alles ist doch immer ein Zitat, dachte Katharina, während sie mit der Kaffeemaschine kämpfte und gleichzeitig versuchte, einem Gespräch mit ihrem Stammgast Max zu folgen. Oder vielmehr ein Songtext. Irgendwer hatte es ja doch schon immer treffender formuliert. War man überhaupt jemals zu einem originellen Gedanken fähig?
Sie machte ein zustimmendes Geräusch in Richtung Gast und vertiefte sich weiter in die Reparaturarbeiten. Ein alter Song spazierte durch ihren Kopf und echote stumpfsinnig vor sich hin. Irgendetwas zischte. Sie hob den Blick und sah direkt in das erwartungsvolle Gesicht von Max.
»Wie bitte?«, fragte Katharina irritiert.
»Du hörst gar nicht zu. Du hörst überhaupt nie richtig zu! Glaubst du, ich merk das nicht?«
»Max, ich, also die Maschine«, setzte sie zu einer Erwiderung an, doch ihre Antwort erlahmte bereits nach diesem Halbsatz. Lange schon fielen ihr keine smarten Entgegnungen mehr ein. Das Smalltalk-Areal ihres Gehirns war, so schien es, seit geraumer Zeit auf Kur, und mit einer baldigen Rückkehr offensichtlich nicht zu rechnen. Also zuckte sie nur entschuldigend mit den Achseln. Dieser Moment war ohnehin perdu.
Draußen dunkelte es bereits, und hinten saß auf einmal ein Neuer. Genau dort, an ihrem Lieblingstisch, in der Nische. Katharina starrte in die Ecke. Sie hatte ihn nicht hereinkommen gesehen, obwohl das in ihrem kleinen Lokal doch quasi unmöglich war. Aber ja, ohne Zweifel, da hinten saß einer und blickte leicht fragend in ihre Richtung.
Sie nickte ihm zu, dankbar für die kurze Ablenkung. Max quatschte immer noch weiter, aber da ihre Kollegin Sabina jetzt auch zurück hinter der Bar war, konnte die ja übernehmen. Das mit dem aktiven Zuhören. Ein klassischer Mansplainer, dieser Max, dachte Katharina, während sie auf den Neuen zuging. Und es machte sie vergnügt, dass es endlich ein Wort für dieses Phänomen gab. Arg eigentlich, dass es so lange gedauert hatte, für so etwas Banales einen geeigneten Begriff zu etablieren. Überhaupt. Begrifflichkeiten und deren Abwesenheit, überlegte Katharina weiter. Wie konnte zum Beispiel jemand aus Norddeutschland ohne die Ausdrücke »Das geht sich aus« und »heuer« auskommen? Es war ihr ein Rätsel.
»Hallo«, sagte der fremde Gast. »Ich nehme bitte das Ungesündeste, das Sie auf der Karte haben.«
»Wie?« Katharina erwachte aus ihren Gedanken und sah sich den Typen genauer an. Er sprach sehr leise, und irgendetwas holperte in seiner Aussprache. Fast musste sie sich ein wenig vorbeugen, um ihn gut verstehen zu können. Er hatte etwas Unsicheres, fast Verfolgtes.
»Na ja, das Ungesündeste bitte. Also von allem, was Sie auf der Karte haben, möchte ich etwas. Fett, Zucker, Alkohol, solche Sachen – es gibt keine Grenze.«
»Aha.« Sie nickte und schaute weiter.
Er bestand quasi nur aus Muskeln und Fasern, durchtrainiert und auf eine Zeitschriftenart gut aussehend. Ein klassischer Light-Mann: entkoffeiniert, entrahmt, verpackt in unförmige Klamotten der Art mich-kann-nichts-entstellen. Dazu Bart, Brille und Mütze. Ein Typ Mensch, der sie normalerweise sofort in eine Art Desinteresse-Koma fallen ließ, so vorhersehbar war da immer alles. Aber das, was aus seinem Mund kam, passte nicht zum Rest des Erscheinungsbildes. Interessant irritierend, dachte sie. Und: »Gerne«, sagte sie. »Einmal unser beliebtes Binge-Eating-Breakfast der Herr, kommt sofort!«
Fast widerwillig bemerkte sie einen leichten Anflug von Freude über sein kurzes Lächeln bei ihrer Antwort. So ein Frühstück der Maßlosigkeit, eine gute Idee eigentlich, wieso war sie da selbst noch nicht draufgekommen? Etwas wie »einmal Adalbert Stifter mit allem«. Obwohl, da brauchte es vermutlich mehr Rock ’n’ Roll im Titel. Elvis würde sich anbieten, aber der war halt so ein Klischee. Und wer mochte in diesen Breitengraden schon gegrillte Erdnussbutter-Bananen-Sandwiches zu seinen Getränken?
Als sie dem Neuen ihre Frühstückskreation servieren wollte, machte ihre Kollegin Sabina japsende Geräusche. Einerseits war Kalorienhipster grundsätzlich ihr Typ, andererseits war Max mit seiner Geschichte gerade bei einer wirklich langweiligen Stelle angelangt. Sie kannten beide bereits die Pointe. Wobei das Wort Pointe in diesem Fall ziemlich hochgegriffen war. Aber man war ja freundlich und bemühte sich. Vor allem bei den Stämmen, wie sie ihre treusten Gäste unter sich nannten. Auch wenn man die präsentierte Story auswendig aufsagen konnte. Selbst betrunken. Oder nach dem sprichwörtlichen Aufwecken mitten in der Nacht. Katharina jedenfalls überließ ihrer Kollegin großherzig den Neuen und nahm mit einem unauffälligen Augenverdrehen wieder ihre Ausgangsposition ein, sie war ganz Ohr. Und ja, auch Lächeln.
»Was hat der denn bitte bestellt?« Sabina kehrte leicht irritiert zurück hinter die Bar, nachdem sie den kompletten Nischentisch mit Essen und Getränken vollgeräumt hatte.
»Er wollte alles Ungesunde, das wir auf der Karte haben«,...




