E-Book, Deutsch, 232 Seiten
Kadletz Schattenkühle
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-99065-115-5
Verlag: Edition Atelier
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 232 Seiten
ISBN: 978-3-99065-115-5
Verlag: Edition Atelier
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Barbara Kadletz, geboren 1981, lebt und arbeitet als Buchhändlerin in Wien. Wenn sie nicht die Bücher anderer verkauft, schreibt sie an ihren eigenen Texten oder spricht über Literatur - als Moderatorin, Rezensentin oder in ihrem wöchentlichen Blog »Das Buch zum Wochenende«. Veröffentlichungen von Theaterstücken und Kurzgeschichten. 2. Platz beim FM4-Literaturwettbewerb Wortlaut 2018, Shortlist für den Buchblog Award 2019 & 2020, Bezirksschreiberin Mariahilf (Wien) 2021. Ihr Roman »Im Ruin« (2021, Edition Atelier) war Kandidat für die Hotlist 2021.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Sonntag, Gegenwart.
Vielleicht hätte man doch in einen neuen Nachnamen investieren sollen, dachte Josef Schöffel müde. Hätte ihn bloß die lächerliche Summe von dreihundertzweiundachtzig Euro sechzig plus Beilagengebühren gekostet und die ganze Angelegenheit ein bisschen weniger peinlich gemacht.
Ungelenk stieg er über den kleinen Drahtzaun, den sie um das Denkmal errichtet hatten, blickte sich um und pinkelte dem Alten ans Bein. Der schaute eh nicht hin, denn sein arroganter Blick war in die Ferne gerichtet, in eine Zukunft voller visionärer Projekte für diese kleine Stadt. Es fühlte sich gut an. Nach Genugtuung. Schließlich war der Alte an allem schuld. Denn wäre da nicht diese Namensgleichheit, dann wäre wohl alles anders gekommen. Dann würde er bestimmt woanders leben und nur hin und wieder zur Erholung in diesen Wald gehen, wie alle anderen auch. Aber so … Der alte und der junge Schöffel. Das hatte sich der Bürgermeister ausgedacht. Denn wenn einer mit diesem Namen sich für ein Projekt einsetzt, dann kann das doch nur ein gutes sein, nicht wahr? So schnell hatte er gar nicht schauen können, da war er schon zum lokalen Maskottchen der Partei geworden. Ihr Ombudsmann Josef Schöffel. Das Ombudsmännlein. »Ein Männlein steht im Walde ganz still und stumm.« Er summte, dann presste er noch ein wenig, aber da kam nichts mehr. Bedauernd schloss er seine Hose. Blickte sich wieder um. Niederösterreichische Kleinstädte. Alle sehen sie gleich aus, Kirche, Pestsäule, Raiffeisenkasse, und aus der Ferne winkt immer irgendwo ein Lagerhaus. Und jetzt sollte also dieser Glaskubus her. Josef Schöffel schnalzte unwillig mit der Zunge, wuchtete sich über die Umzäunung zurück auf den Platz und beschleunigte seine Schritte. Er spürte nun ganz deutlich den tadelnden Blick der Statue in seinem Rücken. Eine geschmackvolle Bronze des renommierten Künstlers Viktor Tilgner, im Ersten Weltkrieg unangenehmerweise von Buntmetalldieben gestohlen, aber dann ehebaldigst nachgegossen und durch eine Kopie ersetzt, die dem Original aus dem Jahr 1895 rein optisch in nichts nachstand. Happy End.
In Josef Schöffels Jackentasche klimperte es leise, beruhigt schloss er die Finger um die dort verstauten Münzen. Er lächelte. Er würde sich jetzt erst einmal eine kleine Umdrehung gönnen. Im Kopf überschlug er die Menge seines Kleingeldvorrates und eilte in Richtung des alten Kaugummiautomaten, der seit Jahr und Tag tapfer an der Fassade des ehemaligen Gasthauses Zur Freude hing. Josef Schöffel mochte alles an ihm. Das klobige Design und dass das Ding rein mechanisch funktionierte, ohne irgendeinen Schnickschnack. Am allerbesten aber waren die Geräusche, die der Automat machte: wenn man klackernd eine Münze einwarf und den kleinen schwarzen Griff herumdrehte. So klang für ihn Vorfreude. Und dann musste man auch noch all seine Geschicklichkeit anwenden, um den Kaugummi aufzufangen, der immer urplötzlich in einer unglaublichen Geschwindigkeit aus dem Automaten rollte. Selbstverständlich genau in dem Moment, wenn man glaubte, das Ding sei inzwischen endgültig kaputt, und schon wütend draufhauen wollte. Hielt er schließlich seine Ausbeute in der Hand, ohne dass sie zuvor auf den Boden gefallen war, dann stellte sich bei ihm das wohlige Gefühl des ersten Tageserfolges ein. Ganz zu schweigen vom stillen Triumph über seine Eltern, die ihn in seiner Kindheit geflissentlich an allem vorbeigezogen hatten, was Spaß machte, unnötig Geld kostete oder Karies verursachte.
Er steckte sich zufrieden die große rote Kaugummikugel, die der Automat heute ausgespuckt hatte, in den Mund. Sie war hart, glatt und kalt. Behutsam versuchte er die kompakte Zuckerschicht der Kaumasse zu knacken, ohne sich dabei eine Plombe auszubeißen, und genoss den chemischen Erdbeergeschmack, der sich in einem plötzlichen Flash in seinem Mund ausbreitete. Langsam begann er zu kauen und weiterzugehen, zuerst schwerelos glücklich im Zuckerrausch, dann, mit zunehmendem Härtegrad des Kaugummis, verbissen und mechanisch, sein Kiefer gab ihm den Rhythmus vor. Als sein Blick auf ein großflächiges Werbebanner an einem Bauzaun fiel, ging sein Kauen nahtlos in ein aggressives Malmen über. Denn das dort auf dem Plakat, das war er, und neben seinem feisten Gesicht stand in beschwingten Comic-Sans-Lettern:
Arbeiten in den Wipfeln des Wienerwaldes. Dein nachhaltiger Office- & Relax-Space. Einatmen und Losstarten. Kreativ sein im Waldbad. Werde Teil der Josef-Schöffel-Winner-Woods-Community und folge uns auf Social Media.
Er starrte sich selbst an. Jemand hatte ihm einen Schnurrbart aufgemalt und »Stop!« auf seine Stirn geschrieben. Konzentriert malmte er die letzte verbliebene Erdbeerkraft aus seinem mittlerweile steinharten Kaugummi, nahm ihn aus dem Mund und klebte ihn seinem Plakatwand-Ich auf die Stirn. »top!« stand da jetzt noch. So schnell kann’s gehen, dachte Josef Schöffel, und dass man in Zukunft einen Edding eingesteckt haben sollte, wenn man unterwegs war.
Er drehte sich um und marschierte weiter, nun aber mit deutlich weniger Groove, denn ohne den Kaugummi und das stete Beißen war er ganz außer Takt geraten. Außerdem ging es jetzt bergauf. Josef Schöffel schnaufte. Vielleicht seufzte er auch. Das wusste man bei ihm nie so genau, was da überwog, die Erschöpfung oder die Melancholie.
Auf der Anhöhe angekommen, sah er schon von Weitem die bunten Zelte der beiden Widerständler. Er überlegte, was er jetzt noch schnell erledigen könnte, um ein wenig Zeit zu schinden. Einen Umweg über den Wald-Fitnessparcours machen? Ein paar der kahlen Bäume bestimmen? Ein Reh schießen? Ihm fiel einfach nichts Gescheites ein. Also räusperte er sich, legte in seinem Kopf den Song »Don’t Stop The Party« auf und versuchte – genauso cool wie Dartspieler Peter »Snakebite« Wright auf die Bühne –, direkt auf die Zelte zuzugehen.
Josef Schöffel liebte Darts mindestens genauso sehr wie alte Kaugummiautomaten. Als Dartspieler durfte man übergewichtig sein und schweigsam, und man trug einen Namen, den man sich selbst ausgesucht hatte. Und, vielleicht der größte Vorteil: Statt ins Office ging man zum täglichen Training ins Pub, in einem funky Shirt, das man entspannt über die unförmige Wampe ziehen konnte. Nicht so wie diese furchtbar enganliegenden Hemden, die er aus professionellen Gründen tragen musste. Die spannten und standen vorne zwischen den Knöpfen immer ein wenig offen, und er war die ganze Zeit damit beschäftigt, unauffällig an ihnen zu zupfen und zu zerren. Aber der Bürgermeister hatte da so seine Vorstellungen. Nicht dass er sich dazu konkret geäußert hätte. Aber es reichte Josef Schöffel, wie der Chef ihn von oben bis unten musterte, wenn er einmal nach seinem eigenen Geschmack gekleidet im Büro erschien. Mit so einem leicht angewiderten Ausdruck im Gesicht. Und dabei konnte er noch von Glück reden. Der Bürgermeister der Nachbargemeinde war Jäger und legte auch im Alltag Wert auf das dazu passende Lodengewand. Im Büro grüßte er mit »Waidmannsheil«, und wenn man Pech hatte, traf man ihn im Garten des Gemeindeamtes beim Ausweiden eines Tieres an. Ob das erlaubt war? So hygienetechnisch? Man hörte jedenfalls, dass es in der Nachbargemeinde oft für alle Angestellten Wild zu Mittag gab.
Josef Schöffel fluchte leise, fast wäre er ausgerutscht. Seinen coolen Walk-on hatte er damit ordentlich verpatzt. Ohnehin fehlte ihm für eine ernsthafte Dartkarriere noch der passende Spitzname. Unten, in seinem Bürocomputer, führte er in einem Exceldokument eine Liste, in die er alle seine Ideen eintrug, aber so richtig gefiel ihm bis jetzt nichts. Top, dachte er, während er weiter durch den Matsch stapfte, ja, das wäre es vielleicht. »Schöffel the Top.« Aber müsste es nicht »Schöffel on top« heißen? Oder »Top-Schöffel«? Aber das war wohl eher etwas für Klingelschilder. Ach, hätte man im Englischunterricht nur besser aufgepasst, das rächte sich jetzt! Dann würde man ein Leben als Dartstar führen, mit einer johlenden Menschenmenge in verrückten Kostümen hinter sich, das wäre schon was. Nicht dieses ewige Herumsitzen mit den grölenden Frühschoppenopfern auf den diversen Dorffesten hier in der Gegend. Wenn schon Grölen, dann mit Humor und Klasse, Ally-Pally-Style. Aber dazu müsste man auch erst einmal mit dem Dartspielen beginnen. Also mehr proaktiv als imaginär.
Etwas stach ihn in den Knöchel. Verärgert zupfte er eine kleine dornige Kugel aus seiner Socke. Gab es um diese Jahreszeit noch Kletten? Oder was sollte das sonst sein? Er versuchte, das lästige Ding weit wegzuwerfen, aber es blieb an seinen Fingern kleben. Energisch schüttelte er seine Hand, um die piksende Nervensäge loszuwerden. Das war gerade eindeutig viel zu viel Natur für seinen Geschmack, aber bald schon...




