Kähler-Chau / Axel / Beuchert | Von Goldmünzen und Dämonen | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 408 Seiten

Kähler-Chau / Axel / Beuchert Von Goldmünzen und Dämonen

Märchen, Fantasie- und Spukgeschichten
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7448-9164-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Märchen, Fantasie- und Spukgeschichten

E-Book, Deutsch, 408 Seiten

ISBN: 978-3-7448-9164-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wer steckt wirklich hinter der schönen, weißen Schneefrau? Welche Geheimnisse verbirgt sie? In einer anderen Geschichte gilt es einen Schatz aufzustöbern. Doch es ist nicht sicher, ob es ihn wirklich gibt. Auf wundersame Weise kommen zwei Soldaten, die ihren Lohn nicht erhielten, zu zehn Goldmünzen. Von Amedea und einer goldenen Spinne wird berichtet. Eine unheilsame Entdeckung führt in Traumhausen zu einem ausgefeilten Plan. In einer anderen Erzählung bemächtigt sich der Eiskönig eines Schlosses und seiner Bewohner. Kann es gelingen ihn wieder zu vertreiben? Auch von einem verliebten Uhu erfahren wir. Alte, ausgediente Musikinstrumente wollen nach Bremen wandern, eine Geschichte berichtet von ihren Abenteuern. Wie kommt man aus einem finsteren Fledermausstollen heraus, wenn die Taschenlampe zerschellt? Auch andere Geister, Hexen, Vogelscheuchen und Spukgestalten bekommen ihren Auftritt in diesem Band. Folgen Sie uns. Nur dann kommen Sie heil heraus!

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Holger Vos


Schneekrähe


Vor langer Zeit, als die Stadt noch ein Dorf war, lebte hier ein junger Mann, der bereits als Junge seine Eltern und seine Geschwister an die schwarzen Blattern verloren hatte. Auch er selbst, Karl hieß er, war nicht von dieser schlimmen Seuche verschont worden: Sein Gesicht war seither von schuppenähnlichen Narben entstellt, sodass die Menschen es vermieden, ihn direkt anzusehen. Als Waise lebte er einige Monde ohne Obdach und streifte einsam und mutlos durch das Dorf und die angrenzenden Felder und Wälder.

Eines Tages, Karl war dabei Himbeeren zu sammeln, zuvor hatte er Brot gestohlen und war, so schnell er konnte, aus dem Dorf gerannt, wurde er von einem Pfeil getroffen. Der Jäger des Dorfes kam herbei geeilt und beteuerte, er habe ihn nicht verletzen wollen. So kam es schließlich, dass Karl im Haus des Jägers wohnen durfte, bis er erwachsen war und sich eine eigene Holzhütte am Rande des Dorfes bauen konnte. Karl lernte das Handwerk des Jagens und viel über den Wald und dessen Tiere. Er liebte es, im Wald umherzustreifen und den Spuren der Rehe zu folgen, Fuchsbauten zu entdecken und Eulen aufzuschrecken. Er bevorzugte die Ruhe des Waldes; im Dorf wurde er ohnehin von den Menschen gemieden. Und als eines Tages der Jäger, den Karl wie einen Vater zu respektieren gelernt hatte, starb, wurde Karl sein Nachfolger und er war zufrieden mit seinem Leben, obwohl ihn oft die alte Vettel namens Einsamkeit besuchte und er dann traurig wurde.

Eines anderen Tages, die toten braunen Blätter fielen von den Bäumen, hörte Karl, dass der Sohn des Kaufmanns und die Tochter des Metzgers, beide in heiratsfähigem Alter, verschwunden waren. Die Leute erzählten sich, sie hätten sich gemeinsam fortgestohlen, doch Karl kannte die beiden und wusste, dass sie sich nicht ausstehen konnten. An diesem Tag fiel der erste Schnee des Jahres; der Winter kam. Der Mond zog seine Bahnen, und der Frost schickte sich an, für immer zu bleiben, so schien es den Leuten. In dieser Zeit verschwanden weitere Jungen und Mädchen aus dem Dorf, und so sehr man sie auch suchte, sie schienen wie vom Erdboden verschluckt. Als Eis und Schnee auch im April nicht wichen, begannen sich die Leute zu fürchten, und in ihrer Ratlosigkeit baten die den Pfarrer um Rat, der sie anwies, zu beten und zu fasten. Gehorsam taten die meisten das, doch einigen wenigen genügte das nicht, und sie suchten nach einem Schuldigen, und die Blicke, mit denen sie Karl, den Entstellten, den vom Jäger angenommenen Sohn, bedachten, wandelten sich.

Eines Tages wurde Karl von einem eigenartigen Geräusch geweckt. Er öffnete das Fenster, und ein Vogel hüpfte frech in seine Hütte. Bei näherem Hinsehen bemerkte Karl, dass der Vogel wie eine Krähe aussah, doch er war strahlend weiß. Er und der Vogel standen für ein paar Wimpernschläge unbewegt da.

„Du bist eine Schneekrähe, was?“, murmelte der junge Mann und sah, dass der Vogel etwas Glitzerndes im Schnabel trug. Es war ein Silberring. Die weiße Krähe legte den Ring auf den Boden und flog hinaus ins Freie. Verwundert nahm Karl den Ring an sich und freute sich dieses kleinen Vermögens, denn er besaß nicht viel.

Am nächsten Morgen tauchte die Schneekrähe abermals auf. Und wieder trug sie ein Schmuckstück im Schnabel. Doch legte sie es nicht auf den Boden seiner Hütte, sondern flog wieder hinaus. Karl beeilte sich, dem Tier mit seltsam farblosem Gefieder zu folgen. Es wartete krächzend und flügelschlagend am Rande seines Gartens. Als Karl heran kam, flog die Krähe weiter, über das Feld auf eine Reihe von Pappeln zu. Die Hoffnung auf weiteren Schmuck trieb Karl an, und er rannte übers Feld und hoffte, bei den Bäumen würde die Schneekrähe ihr Geschenk für ihn fallen lassen, doch als er entdecken konnte, was der Vogel trug – einen Perlenanhänger –, hatte dieser auch schon abgehoben und steuerte auf den Wald zu, der am Horizont zu erahnen war. Karl seufzte und stapfte zwischen den Pappeln durch Unterholz und wieder über ein brach liegendes Feld, das im vergangenen Sommer Weizen getragen hatte. Wie ein weißer Wall erhob sich der Waldrand vor ihm, und hätte die Krähe keinen Lärm gemacht, so hätte Karl sie wohl nicht erkannt. Er stürzte zu dem Tier, das in einer schneebehangenen Fichte saß und rief: „Guten Tag, Freundin, machst du mir ein zweites Geschenk?“

Tatsächlich ließ die Schneekrähe daraufhin den Anhänger fallen, und während sie in den Winterwald davonflog, fand er das wertvolle Stück im Schnee.

Am dritten Tag lockte die Schneekrähe den jungen Mann mit einem goldenen Armreif in den Wald hinein. Zuvor hatte sie vor dem Haus Lärm gemacht, war über die Felder davongeflogen und hatte dann nicht das Schmuckstück fallen lassen, sondern war weiter geflogen. Nun stapfte Karl zwischen weiß geschmückten Bäumen durch harten Schnee und folgte dem weißen Vogel. Das Armband wollte er unbedingt besitzen.

Er kannte alle Wege des Waldes, doch an diesem Tag im Winter schienen sie ihm neu zu sein, denn die vertrauten Wegpunkte waren im Schnee versteckt. Hunger plagte ihn, und der Stand der Sonne, die eine matte Scheibe im grauen Himmel war, verriet Karl, dass es bereits Nachmittag war. Trotzdem gab er nicht auf. Der Schnee knirschte und knackte, und die Schneekrähe trieb ihn krächzend zur Eile an. Als es bereits dämmerte, begriff Karl seine Unvernunft. Alles wurde grau und er fand sich nicht mehr zurecht. So irrte er stundenlang im Winterwald umher, doch der seltsame Vogel blieb stets in seiner Nähe.

Irgendwann – der Mond stieg am Himmel auf – entdeckte Karl tief zwischen den Bäumen ein kleines, flackerndes Licht. Beim Näherkommen sah er, dass es eine bescheidene Holzhütte war, und er wunderte sich, dass er sie noch nie gesehen hatte. Er musste wahrlich tief im Wald sein. Karl hoffte, Obdach und Wärme zu finden, und machte sich auf zur Hütte. Als er dort ankam, saß die Schneekrähe auf dem First und ließ den goldenen Armreif fallen. Der junge Mann beeilte sich, das wertvolle Stück zu erhaschen, und stieß dabei die Tür zur Hütte auf.

Langsam stand er auf und trat zögernd ein.

„Ist jemand da?“, sagte er.

Niemand antwortete. Neugierig sah er sich um. In der Mitte des Raumes brannte ein Feuer, darüber hing ein Topf. Es gab einen einfachen Tisch und drei Stühle. Eine Tür führte an der hinteren Wand in einen anderen Raum, darin stand ein Bett mit weichen, weißen Laken. Plötzlich hörte er Schritte. Er drehte sich um und fand sich einem Mädchen mit müdem, schmutzigem Gesicht gegenüber. Mit weiten Augen blickte sie ihn an und sagte ganz leise: „Bitte, hilf‘! Du darfst nichts –“

„Lise, du dummes Gör! Steh‘ doch nicht so da. Du siehst doch, dass unser Gast friert! Bereite ihm einen Tee zu!“, hörte Karl dann plötzlich eine andere Stimme und wandte sich ihr zu.

Er sah eine wunderschöne Frau. Sie war ganz in Weiß gekleidet, heller als der Schnee in der Mittagssonne, hatte langes weißes Haar, obgleich sie jung war, und sie lächelte ihn freundlich an. Die Augen der weißen Frau schienen ihm goldene Sterne zu sein. Karl war augenblicklich verzaubert von dieser Schönheit und Freundlichkeit, denn kein Mensch hatte ihn jemals so angeschaut, da das Schicksal doch sein Gesicht entstellt hatte. Die Magd seufzte, tat Kräuter in einen Becher und goss heißes Wasser aus dem Topf hinein. Die Frau in Weiß nahm ihr den Becher ab, pustete hinein und reichte ihn Karl.

„Sei mein Gast“, sagte sie, „setz dich und komm‘ zu Kräften.“

„Danke“, murmelte er, setzte sich und trank vom Tee. Sofort fühlte Karl, wie sich Wärme in seinem Körper ausbreitete, und während er mit wachsender Gier trank, konnte er den Blick nicht von der Schönheit der weißen Frau abwenden. Die Magd blickte ihn verstohlen an.

„Lise, nun hole Fleisch, Brot und Wein für uns!“, befahl die weiße Frau, und die Magd gehorchte.

Als Lise einen Becher Wein neben seinen Teller stellte, flüsterte sie Karl ins Ohr: „Nichts essen!“

Doch Karl hörte ihr nicht zu, sondern hatte nur Augen und Ohren für die weiße Frau, die ihn freundlich anlächelte und jetzt für ihn sang. Und ihm war, als wäre er ein kleiner Junge in den Armen seiner Mutter, als diese noch lebte und für ihn gesungen hatte. Er wollte den Rest seines Lebens hier mit dieser Schönheit verbringen und selig werden!

„Stärke dich und iss“, sagte die Frau in Weiß und brach das Brot und schnitt das Fleisch.

Karl aß schnell und mit Lust, sofort fühlte er sich stark und wach. Und als das Mahl beendet war, erhob sich die weiße Frau und legte sich im anderen Raum ins Bett.

„Leg‘ dich zu mir, Freund!“, rief sie, und Karl wollte ihr folgen, aber die Magd hielt ihn fest und sprach leise:

„Wenn du zu ihr gehst, wirst du’s bereuen.“

Doch Karl befreite sich aus ihrem Griff und legte sich zur weißen Frau ins Bett. Sie...



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