E-Book, Deutsch, 216 Seiten
Kalt Staat tragen
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-218-01356-7
Verlag: Kremayr & Scheriau
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Über das Verhältnis von Politik und Mode
E-Book, Deutsch, 216 Seiten
ISBN: 978-3-218-01356-7
Verlag: Kremayr & Scheriau
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Daniel Kalt, Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft und Romanistik in Wien, Lissabon, Paris. Promotion über die Verortung von Kriminalliteratur in postindustriellen Hafenstädten des Mittelmeerraums. Tätigkeit als Übersetzer und Journalist in deutsch- und englischsprachigen Medien. Liest, schreibt, reist. Nutzt Tiktok passiv, Instagram aktiv, meidet Twitter. Moderedakteur der Tageszeitung Die Presse, Chefredakteur ihrer Beilage 'Die Presse Schaufenster'.
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STILFRAGE: BEDEUTUNG TRAGEN MIT PERSONALUNIFORMEN
„Of course I am obstinate in defending our liberties and our law. This is why I carry a big handbag.“
Margaret Thatcher
Als im Herbst 2021 der Rekordlauf von Angela Merkel als deutscher Kanzlerin – und damit wohl als der mächtigsten Politikerin der Welt – endete, begannen selbst in den seriösesten Blättern die Modebeiträge im Umfeld der Innenpolitik-Ressorts unüberhörbar zu rascheln. Nicht nur Merkels Stil zu regieren wurde nun rückblickend analysiert, sondern Kommentator*innen widmeten sich oft ihren Vorlieben und ihrem Stil in anderen Zusammenhängen. In der Textsorte Politikkommentare zählt die modische Stilkritik zwar weiterhin – man könnte einwenden: berechtigterweise – zu den Orchideenfächern, gerade im Zusammenhang mit Merkel war es jedoch bereits zuvor immer wieder einmal zu vereinzelten Fingerübungen gekommen. Manchmal erschienen einigermaßen sachliche Analysen, häufig genug aber – gerade in den frühen Jahren der Kanzlerinnenschaft – Texte, die die stilprägende Politikerin ex negativo vorführen sollten. Da ein zu tiefer Ausschnitt in der Oper von Oslo, dort ein Schweißfleck in Bayreuth, hier die immergleiche Longchamp-Handtasche als einzige ihr zuordenbare Markenware: Wenn jemandem etwas besonders Bemerkenswertes ein- oder auffiel, ging es los mit dem Für und Wider, der Frage, ob man sich einzelne Fragen nun nur stelle, weil Merkel als Frau das Kanzlerinnenamt repräsentierte, und natürlich mit unumgänglichem begleitendem Protestgeschrei von allen, die solche Textkommentare per se und unabhängig von ihrer eigentlichen Qualität als unwürdig befanden.21
Ging es am Ende ihrer Ära als Kanzlerin aber um Merkels Kleidungsstil, so war man sich weitgehend einig, dass ihre Personaluniform im Lauf der Jahre zum markanten Teil ihres öffentlichen Auftretens und unverzichtbaren Pfeiler ihrer politischen Persona geworden war.22 Nicht selten wurde in diesen Versuchen einer decodierenden Annäherung ausdrücklich auf den Drahtseilakt hingewiesen, der offenbar in diesem Zusammenhang zum Standardrepertoire gehört: Wie über eine Sache sprechen und zugleich klarstellen, dass man das Sprechen über diese Sache eigentlich als unwürdig ansehe? Das unentschlossene Grundmotiv der Beobachtungen ließe sich verknappen auf: „Zum Glück sind wir darüber hinweg, das modische Auftreten von Politikerinnen zu kommentieren, aber …“
In der Machtzentrale der Modeindustrie herrscht ohnehin kein Verständnis für derlei einlenkendes Herumwinden, ob nun aufseiten der Handelnden oder aufseiten der Beschreibenden. So ereiferte sich etwa die Chefredakteurin der amerikanischen , Anna Wintour, schon 2008 im Geleitwort zur Februarausgabe ihres Magazins über die Entscheidung von Hillary Clinton, damals Bewerberin um den demokratischen Kandidat*innenstatus bei der Präsidentschaftswahl, den vereinbarten Termin für ein Modeshooting in letzter Sekunde platzen zu lassen. Amerikaner*innen, so die einflussreichste Modejournalistin der Welt damals, hätten längst die „Power Suit Mentality“ hinter sich gelassen und seien bereit für eine neue Generation von mächtigen und zugleich modebewussten Frauen. „Politische Kampagnen, die das nicht berücksichtigen, begehen eine schwerwiegende Fehleinschätzung.“23
Tatsächlich deutet der vielerorts nicht überwundene Automatismus einer halbherzigen Ablehnung von Modedingen auf eine Haltung hin, die es abzulegen gilt. Auch dies verdeutlicht Angela Merkels über die Jahre perfektioniertes Geschick der vestimentären Kommunikation als Teil eines Grundverständnisses für Erfordernisse der Visual Politics. Gern und häufig zitiert wird in diesem Zusammenhang eine Aussage, die die damalige CDU-Jungpolitikerin im Rahmen eines Langzeitprojekts tätigte, das Herlinde Koelbl 1999 als „Spuren der Macht“ in Buchform vorstellte. Koelbl hatte 15 Politiker*innen acht Jahre lang, jeweils einmal pro Jahr, zu einem Gespräch und einem Fototermin getroffen, um zu dokumentieren, wie sich ihre Arbeit und das Bekleiden verschiedener Positionen in den Machstrukturen der Bundesrepublik auf ihre Persönlichkeit – und wohl auch ihre Gesichtszüge, Körperhaltung, die Art, sich zu geben – auswirken würde. Auf die 1996 gestellte Frage, ob sie „mal irgendein Training absolviert habe“, antwortete Angela Merkel fast angewidert: „Ich finde so etwas grauenvoll. […] Mir braucht kein Trainer zu sagen, daß ich mir mal ein leuchtendes Kleidungsstück kaufen sollte. Ich verlasse mich auf mein Gefühl und kaufe mir dann beispielsweise ein oranges Jackett. Aber insgesamt liebe ich das ‚Aufgestylte‘ nicht. Ich fühle mich dann nicht wohl.“24 Gleichwohl ist es Merkel ja in späteren Jahren gelungen, ihre Skepsis gegenüber dem „Aufgestylten“ bzw. jedwedem „Aufgestylt-Sein“ erfolgreich zu überwinden und auch in Angelegenheiten der Kleiderwahl ihren Auftritten – und damit wohl auch der Bundesrepublik im politischen Zusammenhang – einen Stempel, ja gar das Merkel-Gütesiegel aufzudrücken.
GRUPPENBILD MIT DAME (BUNT)
Während es so entbehrlich wie eh und je bleibt, den Kleidungsstil einer* Politikerin* auf modische Relevanz oder stilistisches Geschick zu überprüfen, ist es aufschlussreich hinsichtlich des zeitgemäßen Agierens von Machtträger*innen, ob sie diesen Aspekt mitbedenken. Genau dies hat Angela Merkel zeit ihres politischen Wirkens getan, wovon auch die Evolution ihres persönlichen, extrem markanten Stils Zeugnis ablegt – zumindest ab dem Zeitpunkt, als sie ein Minimum an Aufgestyltheit zuließ. Wenn eine Person es schafft, sich – natürlich durch die Kleiderwahl – als eine so markante Erscheinung wie die langjährige deutsche Kanzlerin auf der Weltbühne zu positionieren, dann handelt es sich ohne Zweifel um einen besonders gelungenen Fall von sogenanntem . Die Pflege und Kontrolle der Selbstdarstellung vergisst nicht auf die Tatsache, dass man, wie der berühmte Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick in einem seiner pragmatischen Axiome formulierte, nicht nicht kommunizieren könne. Gerade deshalb verwundert es übrigens, dass in vielen Texten über Merkel zu lesen ist, sie pflege ostentatives Desinteresse an Bekleidung oder trage einen Anti-Look: Hier hält man sich wohl allzu sehr an die in einer Frühphase ihrer politischen Karriere getätigte Aussage, von Stilberatung sei nichts zu halten. Die Kanzlerin hat es im Lauf der Jahre definitiv geschafft, sich ein unverkennbares Äußeres zuzulegen, das unkompliziert zu handhaben ist, aber auf eine markante Silhouette mit Farbfläche hinausläuft: Aus jedem in den Sphären der Spitzenpolitik entstandenen Gruppenbild mit Dame sticht Merkel auf den ersten Blick heraus.25
Das Anlegen eines zur Personaluniform geratenen Looks mag am Ende des Tages wie eine einfache Entscheidung aussehen, immerhin muss der oder die Uniform Anlegende zuvor aber an den Punkt gelangt sein, diese eindeutig definieren zu können und auch im Kopf von Außenstehenden zu verankern. Über besonders erfolgreiche Personen heißt es oft, sie konzentrierten sich in Prozessen der Entscheidungsfindung stets auf das Wesentliche und würden darum so oft wie möglich nach der größtmöglichen Vereinfachung streben. Oberstes Ziel sei es, die sogenannte , also die Ermüdung ob unablässig zu treffender Entscheidungen, zu vermeiden und Spielraum für das wirklich Wichtige zu bewahren. Zu dieser Vermeidungsstrategie zählt unter anderem, sich mit möglichst geringem Aufwand gut und zugleich wiedererkennbar anzuziehen, insgesamt also auf die größtmögliche Effizienz zu setzen: All dies fasst der Begriff zusammen, dessen Grundprinzip ohnehin durch den klassischen und im Nu aus dem Kasten zu fischenden Businessanzug in seiner Standardausführung verkörpert wird. Entscheidend ist aber freilich das Auffinden eines und das Hinzufügen einer persönlichen Note, die die zwar leicht handhabbaren Kleidungsstücke in einer bestimmten Kombination zugleich zu einem doch irgendwie persönlichen Look werden lassen.
In der Ära von Hightech-Startups und Athleisure ist das Repertoire – auch das im Geschäfts- und Politiker*innenleben anwendbare – ohnehin etwas größer geworden, das Prinzip ist aber dasselbe geblieben wie beim klassischen Anzug in Anthrazit oder Dunkelblau. Der weltbekannte Großinvestor Peter Thiel, gebürtiger Deutscher mit Affinität für Positionen der konservativen Politik, hat etwa dem geflügelten Wort zu großer Reichweite verholfen, wonach er in keine Tech-Firma investiere, deren Gründer oder CEO einen Anzug trage. Seit Steve Jobs im schwarzen Rollkragenpulli zur Lichtfigur der Tech-Community wurde (ein Look, den etwa die Hightech-Trickbetrügerin Elizabeth Holmes imitierte, um die gefakte Bluttest-Apparatur...




