Kaltenstein | Stille | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 144 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 215 mm, Gewicht: 360 g

Kaltenstein Stille

9 Porträts
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7025-8056-8
Verlag: Verlag Anton Pustet Salzburg
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

9 Porträts

E-Book, Deutsch, 144 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 215 mm, Gewicht: 360 g

ISBN: 978-3-7025-8056-8
Verlag: Verlag Anton Pustet Salzburg
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Immer mit der Ruhe Wir brauchen sie dringend - finden sie aber immer seltener: die Stille. Neun ganz unterschiedliche Menschen erzählen vom Leben und Arbeiten mit dieser ruhigen Qualität. Wir begegnen einem Geigenbauer in seiner Werkstatt, der Enkelin von Marc Chagall in ihrem Blumenstudio, einem Gestalter, der aus alten Stahlrahmen neue Fahrräder macht, einer Gemeinschaftsgärtnerin, einem Kapuzinermönch, einer Expertin für Oral History und einigen anderen leisen Zeitgenossen. München und Wien, New York und Salzburg. An diesen Orten sind unsere Protagonisten zu Hause und manchmal gar nicht so leicht zu finden. Die meisten von ihnen werken lieber in der zweiten Reihe und brauchen keine große Bühne für ihr Glück. Sie schöpfen ihre Energie aus den Momenten der Stille und finden ihre Freude im Tun. Wir treffen auf Menschen, die so sehr in ihrer Arbeit versinken, dass sie manchmal erschrecken, wenn plötzlich jemand zur Türe hereinkommt. Lassen Sie sich in neun Gesprächen von all den wunderbaren Dingen und Erkenntnissen erzählen, die leise entstehen ... ? Bruder Bernd, Kapuzinermönch ? Sven Jungclaus, Maßschneider ? Bella Meyer, Floristik-Künstlerin ? Karin Michalke, Drehbuchautorin ? Peter Svatek, Geigenbaumeister ? u.a

Micky Kaltenstein ist freie Journalistin, Autorin und Sprecherin. Sie hat Kommunikationswissenschaften studiert und schreibt für Magazine, Zeitungen, Unternehmen und private Auftraggeber. Die Autorin lebt in Salzburg, reist gerne durch die Welt und begeistert sich für gute Gespräche.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


In meinem Beruf als Geigenbauer ist Stille gefragt, aber ganz leise ist es nie, weil ich ja mit akustischen Instrumenten zu tun habe. Die Stille für meine Arbeit kommt aus meinem Inneren. Ich bin selten impulsiv, ich brauche die Stille, weil ich mich in das Instrument vertiefen muss – und hinter diesem Instrument steht ein Mensch.

Handelt es sich um einen Profimusiker, verbringt er mit seinem Instrument mehr Zeit als mit seiner Familie. Wenn ich an einer Geige arbeite, zum Beispiel im Zuge einer Reparatur, muss ich auch den Musiker im Kopf haben. Es hilft, wenn ich weiß, wie er spielt, was seine Stärken und vielleicht auch, was seine Schwächen sind.

Mit all dem Wissen kann ich versuchen, das Instrument so hinzubekommen, wie dieser Musiker es sich wünscht. Dazu muss man erst einmal als Persönlichkeit in sich selbst ruhen. Das klingt populär-esoterisch, aber ich finde, man sollte mit seinem Leben zufrieden sein und mit der Situation, in der man ist. Die meisten Geigenbauer sind so.

Natürlich gibt es auch unter Geigenbauern sehr impulsive Menschen, aber wenn sie mit einem Instrument und dadurch mit einem Musiker zu tun haben, kehren sie auf ihren Kern zurück. Das hängt meiner Meinung nach damit zusammen, dass wir in unserem Beruf glücklich sind.

Ich kenne keinen einzigen Geigenbauer oder Bogenmacher, der seinen Beruf an den Nagel gehängt hätte. Der Großteil arbeitet – so wie ich – über das Pensionsalter hinaus. Mich zwingt niemand aufzuhören. Ich liebe es, in die Werkstatt zu kommen, hier ist es ruhig, hier ist mein Bereich. Wenn ich abends wieder rausgehe, bin ich nicht aufgeregt. Ich lasse noch einmal den Tag Revue passieren, schaue die Arbeit an, die ich gemacht habe und frage mich, ob ich damit zufrieden bin …

DIE MENSCHEN LESEN


Ich beobachte die Menschen, wenn sie in meiner Werkstatt sind und mir das Problem mit ihrem Instrument beschreiben. Wenn jemand zu mir kommt, ist der Grund, warum er da ist, der geringste Teil. Ich versuche immer, den Kunden auch in ein anderes Gespräch zu verwickeln. Damit lerne ich seine Persönlichkeit kennen und kann die ganze Situation besser einschätzen.

Wenn ich ein Griffbrett abziehen oder neue Wirbel einbauen soll, sind das Standard-Arbeiten, da brauche ich nicht zu diskutieren. Ich weiß, wie es sein muss – und der Musiker weiß, wie es sich anfühlen muss. Einmal war ein Geiger bei mir, der hatte sich woanders ein Griffbrett machen lassen und war damit absolut nicht zufrieden. Ich kenne ihn ziemlich gut und weiß, wie er sich ausdrückt und was er sagen möchte. Also habe ich ihm sein Griffbrett so abgezogen und hergerichtet, dass er damit total glücklich war. Nun war es für ihn spielbar. Er ist völlig zufrieden hinausgegangen – das ist das Wichtige für mich.

Ich bekomme oft positive Rückmeldungen, das gibt mir Selbstsicherheit. Dadurch bin ich stabiler und auch ruhiger. Negative Rückmeldungen sind noch fast nie gekommen. Natürlich geht manchmal etwas schief – das muss man halt wieder geradebiegen. Das Schöne an meinem Beruf ist: Es ist nie langweilig. Selbst wenn es nichts zu tun gäbe, gibt es immer was zu tun.

JEDEN WAHRNEHMEN


Meist kommen viele Leute gleichzeitig zu mir, die alle etwas anderes wollen: Die einen möchten Instrumente ausprobieren, die anderen Saiten kaufen, die dritten brauchen eine Reparatur. Je wilder es zugeht, umso ruhiger werde ich. Das überrascht mich selbst. Ich versuche, alle irgendwie zu beschäftigen, sodass sie wissen, ich habe jeden Einzelnen wahrgenommen. Das funktioniert nur, wenn man weiß, was man tut und ein bisschen auf die Menschen eingehen kann.

Je wilder es zugeht, umso ruhiger werde ich.

Die eigene Ausgeglichenheit, diese Balance, kommt nicht von irgendwo, die muss man von außen zuführen. Ich mache relativ viel Sport – solchen, der vor dem Verfall bewahrt: Gymnastik, Krafttraining und natürlich auch etwas fürs Herz – bei mir ist das Zumba. Dort sind wir nur zwei Männer unter vielen Frauen. Zum Spaß spiele ich auch Faustball, ich bin der Zweitjüngste in der Gruppe. Das ist wahnsinnig lustig, ich sage immer, es spielen Rentner gegen Pensionisten. Aus all dem schöpfe ich meine Kraft.

RUHE & DYNAMIK


Tagsüber in der Werkstatt bin ich relativ ruhig – die Dynamik hole ich mir woanders. Meine Arbeit ist körperlich nicht besonders belastend, es ist eine feine Arbeit, eine „Fitzlerei“, wie ich es nenne. Neulich habe ich mit einem Kollegen gesprochen, der in seiner Werkstatt sehr hochwertige Reparaturen macht. Dort geht es beim Holz manchmal um Jahresring für Jahresring, wenn ein Instrument wiederaufgebaut wird. Er spricht von seiner „Bastelstube“.

Da ich selbstständig bin, mache ich alles selbst. Aber durch mein Alter bin ich in einer Position, wo ich sagen kann: Ich muss nicht mehr alles machen. Das gibt mir eine gewisse Ruhe und ist ein schönes Gefühl. Früher war es wirtschaftlich notwendig, alles zu machen. Ich war noch nicht so bekannt und hatte durch meine Familie viele Ausgaben. Das fällt inzwischen weg, meine Kinder sind längst erwachsen.

WARUM GEIGENBAU?


Es ist mir gar nicht speziell um die Geige gegangen, sondern ums Handwerk. Ich habe die Ausbildung zum Elektrotechniker gemacht, das war der Wunsch meines Vaters. Mit vierzehn Jahren hatte ich einfach keine Ahnung, was ich sonst tun sollte. Nach meiner Matura in Salzburg und der Zeit beim Bundesheer habe ich in München bei Siemens gearbeitet, das war absolut nicht meine Welt. Anfang der 1970er-Jahre war ja alles in Aufruhr, die Haare sind gewachsen, die Bärte sind gewachsen … Siemens war erzkonservativ, wir haben uns nicht gut vertragen.

Ich habe mir damals gedacht: Eigentlich mag ich Kinder gerne und Volksschullehrer ist ein schöner Beruf. Also habe ich die Ausbildung gemacht. Nach dem Abschluss sollte ich eine Stelle weit weg von meinem Lebensmittelpunkt bekommen. Das konnte ich nicht annehmen und damit war meine Karriere als Volksschullehrer wieder zu Ende.

Meine Frau ist Amerikanerin und wir haben eine Zeit lang in den USA gelebt. Ich habe dort als Techniker und als Lehrer gearbeitet, war aber nie ganz zufrieden mit dem, was ich gemacht habe – bis ich durch Zufall den Direktor der Geigenbauschule Mittenwald kennengelernt habe. Er hat ein Seminar an der Uni gehalten, an der ich damals unterrichtet habe. Es hat „klick“ gemacht – ich wusste plötzlich genau: Das will ich machen!

EINE NEUE PERSPEKTIVE


Ich habe also meinen ganzen Mut zusammengenommen und gefragt, ob ich in die Geigenbauschule gehen könnte. Ich war aber mit meinen 28 Jahren bereits zu alt für die Ausbildung, es gab ein Alterslimit von 21. Der Direktor hat versprochen, sich nach einer Lehrstelle für mich umzuschauen und hat tatsächlich eine in Stuttgart aufgetan. Also sind wir von den USA nach Stuttgart übersiedelt, ich habe die Ausbildung zum Geigenbauer gemacht, meine Gesellenzeit absolviert und die Meisterprüfung abgelegt.

Inzwischen hatten wir Kinder und ich bin ein Jahr lang zu Hause geblieben. Dann sind wir wieder in die USA gegangen und wollten uns dort niederlassen. Das war ein Fehler, wie wir uns bald eingestehen mussten. Meine Frau und ich kannten Amerika ja nur ohne Kinder – mit Kindern bekommt man einen völlig anderen Blick und neue Aspekte spielen plötzlich eine Rolle.

Wir haben beschlossen, dass die Kinder besser in Europa aufwachsen sollen. Eigentlich wollte ich wieder nach Deutschland, das hat sich aber nicht ergeben – doch in Salzburg gab es eine Lücke im Bereich Geigenbau. Ich wollte gar nicht dorthin zurück, die Stadt war mir damals noch zu konservativ. Eine Wohnung hatte ich und als sich auch gleich eine Werkstatt fand, habe ich meine Frau angerufen: „Wir gehen nach Salzburg.“ Sie war sofort einverstanden.

Inzwischen bin ich seit über 30 Jahren hier und habe es nie bereut. Im Gegenteil, manchmal denke ich mir bei Menschen, die jetzt in Pension gehen: Eigentlich sind das arme Kerle. Bei mir dagegen wird es seit den letzten zehn Jahren immer besser …

FLEXIBLE RHYTHMEN


Mein Arbeitsrhythmus kommt von außen, die Arbeit ist ja nicht kontinuierlich vorhanden. Mal ist es mehr, mal weniger. Aber ich bin flexibel und kann mich gut anpassen. Einmal war ein Orchester aus Venezuela da, das bei den Salzburger Festspielen aufgetreten ist. Es gibt bei „El Sistema“ verschiedene Qualitäten von Orchestern, Gustavo Dudamel dirigiert natürlich die besten – aber da sind auch andere …

Die Venezolaner, die damals zu mir in die Werkstatt gekommen sind, hatten zum Teil wirklich furchtbare Instrumente. Da musste ich Stege, Griffbretter und Wirbel machen und das Notwendigste leimen. Damals bin ich bis ein Uhr früh in der Werkstatt gesessen. Manchmal muss ich auch am Wochenende etwas erledigen, aber das ist selten und es macht mir nichts aus.

STILLE ZUFRIEDENHEIT


Stille bedeutet...



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