E-Book, Deutsch, 320 Seiten, Format (B × H): 115 mm x 190 mm
Kamber Die himmlischen Versuchungen des Conrad Grebel
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-03855-291-8
Verlag: Limmat
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 320 Seiten, Format (B × H): 115 mm x 190 mm
ISBN: 978-3-03855-291-8
Verlag: Limmat
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Peter Kamber, 1953 in Zürich geboren, begann nach dem Studium der Geschichte mit freiem Schreiben. Sein Debüt von 1990, die Doppelbiografie «Geschichte zweier Leben» über Wladimir Rosenbaum und Aline Valangin, ist in 5. Auflage lieferbar. Er publizierte zahlreiche weitere Bücher, zuletzt «Fritz und Alfred Rotter. Ein Leben zwischen Theaterglanz und Tod im Exil». Peter Kamber lebt in Berlin.
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1
Als Schwester Conrad Grebels bekenne ich, Barbara, ohne Umschweife: Das Leben meines geliebten, zuzeiten melancholischen, dann wieder überschießend heiteren, dem unausschöpf baren Zauber der Bücher verfallenen Bruders Conrad Grebel stellte mich nicht nur einmal, sondern wiederholt vor ein Rätsel. Eben noch ein humanistischer junger Dichter, wurde er ein Aufrührer und Mitbegründer der Tauf bewegung, die sich von Zürich aus in zahlreiche Länder verbreitete. Als sich 1525 die bäuerliche Bevölkerung erhob, zog er predigend und taufend über die Lande, ständig auf der Flucht.
Aus Liebe und Zuneigung möchte ich ihn zwar verteidigen, aber fände ich nicht genauso Worte der Nachsicht für seine machtvolleren Gegenspieler, wenn ich diese ebenso gut und von klein auf gekannt hätte wie ihn?
Meinen ersten Mann verlor ich Anno Domini 1520 durch die Pest. Jahre später lebte ich mit meinen drei Töchtern aus jener ersten Ehe bei meinem neuen Mann, Beatus, im Bündner Weinbaustädtchen Maienfeld, als die Pestilenz gewaltsam wiederkehrte. Täufer und Täuferinnen predigten nunmehr auch im Rheintal – obwohl die Gerichte ihnen mit der Todesstrafe drohten.
An einem jener Tage, es mochte gegen Ende Juni 1526 gewesen sein, war Beatus schon in der Morgendämmerung mit meiner ältesten Tochter nach Ilanz geritten. Grellsilbern und drückend lagen die Wolken über der Flussebene. Da meinten plötzlich die zwei bei mir gebliebenen kleinen Töchter übereinstimmend, sie hätten eine seltsam leise Stimme und ein Klopfen gehört. Kaum hatte ich die Tür, die sich nach außen hin öffnete, aber sonderbaren Widerstand leistete, aufgestoßen, ertönte ein dumpfes Geräusch, als ob ein schwerer Gegenstand umstürzte. Da erst erkannte ich meinen Bruder Conrad in weißen Kleidern am Boden liegen.
Er gab keinen Laut von sich. Die beiden Mädchen schrien auf. Was war mit ihm? Er öffnete die Augen. Wollte er auch wie Beatus nach Ilanz?
Dort hatte bereits Anfang des Jahres eine Glaubensdisputation zwischen den katholischen Anhängern des Fürstabts von Chur und seinen evangelischen Herausforderern stattgefunden – jedes der beiden Lager stellte sich nachträglich als Sieger hin. Nun aber sollten für ganz Graubünden sogenannte Artikel aufgestellt werden, die den Fürstabt endlich seiner weltlichen Macht berauben, die Klöster unter Kontrolle stellen und die Leibeigenschaft der Bauern abschaffen oder mildern würden. Beatus wollte, dass wenigstens eine meiner Töchter diesen Triumph mit eigenen Augen sähe, und sie beide beabsichtigten, mehrere Tage wegzubleiben.
«Barbara», stammelte Conrad und suchte meinen Blick. Müde, fiebrig, schwankend musste sein Schritt gewesen sein, ehe er vor dem Haus, das ihm bekannt war, umsank. Die Lippen wirkten ausgetrocknet. Er klammerte sich an ein Bündel, aus dem die Kante eines Buches und lose Papiere ragten.
«Ich bin auf dem Weg nach … wo sich große Dinge tun … ich darf da nicht fehlen», flüsterte er stockend und kaum verständlich. Er müsse sich nur kurz ausruhen, er fühle sich nicht gut, in ihm drehe sich alles … sein Kopf drohe zu zerspringen – wie er meinte: wegen der Sonne, die hinter dem dünnen Schleier der Wolken in seltsam mattem Glanz, aber umso durchdringender strahlte.
Den Bart hatte er sich lange nicht mehr geschoren, und das Haar war struppig und lang. Ich beugte mich über ihn und rief der mittleren Tochter zu, einen Wasserkrug und ein Tuch zu holen.
Doch da trat von hinten plötzlich unser Knecht hinzu und zog mich mit einem Warnruf weg. Er war früher als Söldner Graubündens durch zahlreiche italienische Städte gezogen, die Adern an seinem sehnigen Hals waren so dick wie Schilfrohre und die dünnen Beine vom Reiten gekrümmt.
«Vorsicht, Meisterin! Nicht berühren! Wenn er die Pest hätte?»
Ich überredete Conrad, die Kleider selbst auszuziehen. Schuhe trug er keine. Nur Lappen hatte er sich um die Füße gebunden. Während der Knecht mit Stroh und Holz an Ort und Stelle in der Gasse Feuer entfachte und, nur mit einem Ast hantierend, auch Wams, Hose mitsamt der wenigen Münzen verbrannte, überlief Conrad ein Kälteschauer.
Der Knecht holte starken Essig und Wein, goss beides in einer Schale zusammen und reichte diese meinem Bruder. Der schien plötzlich Bescheid zu wissen, ließ den Stoffbeutel mit dem Buch zur Erde sinken und unterzog sich der Reinigung.
Mit wässrig-glänzenden Augen sah er mich seltsam entrückt an und murmelte:
«Erster Korintherbrief, Paulus: Wie zum Tode Verurteilte, zum Schauspiel – théatron – sind wir geworden für die Welt, für Engel und für Menschen, … leiden … Hunger und Durst, entblößt … Auswurf der Welt …»
Der Knecht fluchte:«Er redet wirr, ein schlechtes Zeichen!»
Rasiermesser und eine Schale mit aus Asche gewonnener Lauge folgten; die jüngste Tochter brachte auch einen kleinen Spiegel.
«Hier, Onkel», sagte sie.
Ich schob Conrad die Schere hin. Im Feuer verbreiteten die abgetrennten Haarsträhnen einen beißenden Geruch. Das verbliebene, ungleich geschnittene Haar wusch er sich mit dem Rest der Lauge und spülte es mit Essig und Wein, von dem er zuerst begierig trank. Am Finger blieb ihm nur der Siegelring – das Wappen der Grebel mit den Initialen cg, und er wankte, mir folgend, ins Haus. Auf der Schwelle blieb er stehen und streckte seine Hand nach der liegen gebliebenen Stofftasche. «Das letzte Exemplar …», flüsterte Conrad, «ein Buch, es darf nicht verloren gehen …»
«Lasst, Meisterin», wehrte der Knecht ab,«ich werde mich darum kümmern und es ausräuchern – für den Fall, dass die Pest den Weg bis in das Papier hineingefunden hat.»
Er holte die Feuerzange. Drinnen sank Conrad auf einen Strohsack nieder und verdeckte seine Scham mit einem Leintuch. Unruhig fragte er:«Wo ist es? Alle anderen Drucke wurden abgefangen und vernichtet …» Kaum lag er ausgestreckt, verließ ihn das Bewusstsein.
Ich schickte die beiden Töchter los, um dem Bruder meines Mannes, der in Maienfeld Landvogt war, eilig Bericht zu geben. Sie kehrten nicht zurück. Dafür kam einer von seinen Bediensteten schwer bewaffnet herangeritten und zog, als er den Knecht und mich am Feuer sah, die Zügel straff an, um das Pferd auf Abstand zu halten. Vor die Nase presste er sich einen tropfenden Schwamm.
Mit einem Stecken hatte ich inzwischen das Buch durchgeblättert, und der Knecht hielt es mit der langen Zange in den Qualm. Es war nicht dick und in großen Buchstaben gedruckt. Als der Knecht auf blickte, löste sich ein eingelegter Brief und entzündete sich. Fluchend wollte er ihn mit dem Schuh retten, doch vergeblich.
Laut und mit halb verdecktem Gesicht überbrachte der Reiter den Befehl des Landvogts: Der Knecht, mein Bruder und ich dürften das Haus nicht mehr verlassen. Alle Fenster und Türen würden mit Nägeln und Brettern zugesperrt. Was wir an Nahrung benötigten, würde uns durch die kleine Öffnung beim Fenster hereingereicht. Das Feuer vor dem Haus müsse weiter brennen, die Nachbarn hätten es der verpesteten Luft wegen mit Wacholder und anderen Hölzern und Kräutern stets neu zu entfachen. Oberhalb der Tür werde ein Büschel Stroh befestigt, als Zeichen für jede Person, zurückzuweichen.
Dann lenkte er sein Pferd zu uns, zog sein Schwert und schlug dem Knecht die Zange mit dem Buch aus der Hand. «Nein, nicht!», rief ich. Doch sofort begannen die Seiten zu brennen. Vor mir lag der Stoff beutel mit Briefen und Aufzeichnungen. Auf Anordnung des Landvogts sei alles zu verbrennen, befahl er, beugte sich über den Hals des wiehernden Pferdes, spießte mit der Klinge den Beutel auf und schleuderte ihn ebenfalls ins Feuer. Das Schwert drückte er in die Flamme, bis Stoff und Papier vollkommen verkohlt waren.
2
Schon einige Tage nach der Ankunft Conrads hatten sich unter seinen Armen rötliche, beulenartige Geschwüre gebildet, die viel größer waren als Karfunkel. Wenn er die Augenlider aufschlug, beschrieb er mir die grässliche innere Hitze und den unstillbaren Durst.
«Pestilenz», sagte der Knecht und begann sich von da an schon frühmorgens zu betrinken – was auch auf den Kriegszügen seine bevorzugte Schutzmaßnahme gewesen sei, meinte er.
Die Pillen aus Rhabarber, Sauerampfer, Enzian, Bibernelle, Baldrian, Knoblauch und Safran, die mir mein Mann Beatus nach seiner Rückkehr aus Ilanz durch die Öffnung hineinschob, nahm ich dankbar. Der Knecht ließ sie unberührt. Auch dem Bettlager mit Stroh, auf dem Conrad zitternd und unruhig, aber tapfer und ohne je zu klagen lag, näherte sich mein Knecht nur unter einem kräftigen Schluck aus dem Weinkrug oder kniff sich die Nase zu und drehte sich gleich wieder schimpfend ab, denn Conrads Atem roch im Wortsinn pestilenzialisch: Die Innenseite der Lippen war voller Blasen und seine Zunge verfärbte sich allmählich schwarz. Den schleimigen Nachttopf, der vom Pestgift über alle Maßen stank, vermochte auch ich nicht auszuschütten und zu spülen, ohne mir dabei ein mit Essig getränktes Tuch ans Gesicht zu pressen. Der Harn war bleifarben schwärzlich – um meine Beschreibung auf das auszudehnen, was andere, Gott bewahre, vielleicht einmal auf diese schwere Aufgabe vorbereiten kann.
Conrad wollte nur trinken, verweigerte auch wohlriechende Speisen, etwa mit Thymian, Basilikum und Myrrhe gefüllte gekochte Äpfel. So bemühte ich mich, ihm das Gemüt und das Herz zu stärken, mit klarem Wein und meinem Spiel auf der Laute, und hörte ihm zu, wenn er denn zuweilen, vom...




