E-Book, Deutsch, 228 Seiten
Kampmann Europa und das Reich im Dreißigjährigen Krieg
2. Auflage 2013
ISBN: 978-3-17-023694-3
Verlag: Kohlhammer
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Geschichte eines europäischen Konflikts
E-Book, Deutsch, 228 Seiten
ISBN: 978-3-17-023694-3
Verlag: Kohlhammer
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Professor Dr. Christoph Kampmann ist Inhaber des Lehrstuhls für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Philipps-Universität Marburg
Autoren/Hrsg.
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IV. Europäische Eskalation I: Der Niedersächsisch-dänische Krieg (1623/1630)
1. Der Kriegseintritt Dänemarks
a) Der Niedersächsische Kreis zwischen katholischer Bedrohung und dänischer Expansion
Mit besonderer Sorge betrachteten die – fast ausnahmslos protestantischen – Territorialherren des Niedersächsischen Reichskreises den Ausgang des Böhmisch-Pfälzischen Kriegs. Zunächst hatte der Kreis unmittelbar unter den Folgen des Krieges zu leiden, weil sein Territorium von zwei der im pfälzischen Krieg geschlagenen Söldnerführer des »Winterkönigs«, Christian von Braunschweig und Ernst von Mansfeld, als Rückzugsgebiet genutzt wurde. Die Anwesenheit dieser Truppen war im Kreis unerwünscht, und zwar nicht nur wegen der vielfältigen Belastungen, die von den schlecht bezahlten und versorgten Landsknechten selbst ausging, sondern weil der Niedersächsische Kreis dadurch auch zum Kriegsschauplatz zu werden drohte: Es bestand die Gefahr, dass der Kaiser und seine ligistischen Verbündeten die Präsenz der beiden feindlichen Söldnerführer nicht dauerhaft hinnehmen und ihren Truppen den Einmarsch in den Kreis befehlen würden. Militärisch konnten die niedersächsischen Kreisstände kaum etwas gegen die Anwesenheit der braunschweigischen und mansfeldischen Söldnertruppen unternehmen, weil sie – ebenso wie die meisten übrigen Reichsfürsten – nicht über die dazu notwendigen Streitkräfte verfügten. So waren Verhandlungen über einen gütlichen Abzug der Truppen erforderlich, die sich, nicht zuletzt wegen der enormen finanziellen Entschädigungsforderungen ihrer Kommandanten, als langwierig und kompliziert erwiesen.
Als Bedrohung wurde der Ausgang des Böhmisch-Pfälzischen Kriegs aber nicht nur wegen der aus der Pfalz vertriebenen Söldnertruppen, sondern auch wegen der Problematik der geistlichen Territorien im Reichskreis empfunden. Die weitaus überwiegende Zahl dieser geistlichen Herrschaften hatte sich im Verlauf des 16. Jahrhunderts der lutherischen Reformation angeschlossen; sie machten das Kerngebiet der »Verlustzone« (Eike Wolgast) reichsunmittelbaren Kirchenguts in Deutschland aus1. Von besonderer Brisanz war dabei, dass der Konfessionswechsel dieser geistlichen Herrschaften in der Regel erst nach 1552 vollzogen worden, mithin aus katholischer Perspektive rechtswidrig war (vgl. Kap. II 2 b). Die protestantischen Stände Niedersachsens fürchteten daher nach dem Böhmisch-Pfälzischen Krieg, dass der Kaiser und die Liga ihre neuerrungene militärische Machtstellung nutzen könnten, um diese Territorien mit Gewalt zu rekatholisieren – eine Sorge, die vor dem Hintergrund der massiven Auseinandersetzungen um den Geistlichen Vorbehalt seit den 1580er Jahren verständlich ist (vgl. Kapitel II 2 c). Den wiederholten Versicherungen des Kaisers und der Liga, den konfessionellen Status quo im Reich nicht durch einseitige Maßnahmen zu verändern, schenkte man auf Seiten der protestantischen Stände Niedersachsens, gerade nach dem rigorosen Vorgehen von Kaiser und Bayern bei der Kurtranslation, wenig Glauben.
Als eine Möglichkeit, der katholischen Bedrohung zu begegnen, erschien verschiedenen niedersächsischen Kreisständen der Schutz durch eine große, antihabsburgisch-protestantische Mächtekoalition in Europa. Zunächst waren die Aussichten für ein solches Schutzbündnis tatsächlich recht günstig. Eine Konferenz protestantischer Mächte, die 1621 im holsteinischen Segeberg stattfand, beschloss die Bildung einer antihabsburgischen Schutzallianz. Doch die Segeberger Allianz blieb – vor allem wegen der Zurückhaltung Englands und interner Differenzen im deutschen Protestantismus – zu vage und unverbindlich, um den niedersächsischen Kreisständen wirklich effektiven Schutz bieten zu können. Angesichts der Unwirksamkeit des Segeberger Bündnisses und der fortbestehenden Gefährdung durch kaiserlich-ligistische Truppen wuchs die Bedeutung des benachbarten Königreichs Dänemark als möglicher Schutzmacht des Kreises. Aufgrund seiner Finanzkraft, seiner militärischen Stärke und nicht zuletzt wegen seiner entschieden protestantischen Orientierung war König Christian IV. von Dänemark, der als Herzog von Holstein niedersächsisches Kreismitglied war, durchaus in der Lage, eine solche Rolle wahrzunehmen. Allerdings zeigte sich rasch, dass auch ein aktives dänisches Engagement in Norddeutschland erhebliche politische Risiken für den Niedersächsischen Reichskreis barg, denn Christian IV. nutzte die veränderte politische Lage im Reich nach 1621 aus, um alte territorialpolitische Ziele seiner Dynastie, des Hauses Oldenburg, zu verwirklichen. Sie richteten sich vor allem auf die geistlichen Territorien, die Christian IV. als Landesherrschaften für seine nachgeborenen Söhne zu gewinnen trachtete, einerseits, um diese standesgemäß zu versorgen, andererseits, um seinen politischen Einfluss in Norddeutschland zu vergrößern – eine Politik, die in den betroffenen Stiftern und der gesamten Region lange Zeit auf Widerstand gestoßen war. Unter dem Eindruck der bedrängten, schutzbedürftigen Lage des norddeutschen Protestantismus nach dem Böhmisch-Pfälzischen Krieg schwand der Widerstand gegen die Expansionspolitik der Oldenburger, die seit 1621 rasche Fortschritte machen konnten: In nur kurzer Zeit gelang es Christian IV., für seine Söhne Friedrich (geb. 1609) und Ulrich (geb. 1611) die Hochstifte Verden, Schwerin und Halberstadt zu gewinnen. Einen weiteren wichtigen Erfolg erzielte der Dänenkönig im Erzstift Bremen, das von Rang und Territorialbesitz her eines der bedeutendsten geistlichen Fürstentümer des Reiches darstellte: Auch dort konnte er schließlich das Nachfolgerecht seines Sohnes Friedrich gegen manchen Widerstand durchsetzen2. Abgerundet wurden diese beträchtlichen Zugewinne des Hauses Oldenburg durch einen Vertrag Christians mit der Hansestadt Hamburg, die darin auf die Wahrnehmung ihrer reichsständischen Rechte verzichtete und die Oberhoheit des dänischen Königs (in seiner Eigenschaft als Herzog von Holstein) anerkannte3.
Angesichts dieser Erfolge, die langfristig durchaus die Möglichkeit der Errichtung eines »Danish Protectorate in North Germany« (Michael Roberts)4 eröffnen konnten, wuchs auch die Bereitschaft des Dänenkönigs, sein politisches Engagement zur Sicherung des Kreises zu verstärken. Dies bewies er im Frühjahr 1623, als sich die Krise um den Söldnerführer Christian von Braunschweig dramatisch zuspitzte. Der wegen seiner zum Teil recht abenteuerlichen Planungen zeitgenössisch als »toller Christian« bekannte Söldnerführer hatte während der Wintermonate in seinen niedersächsischen Truppenquartieren enorme Rüstungsanstrengungen unternommen, offenbar mit dem Ziel, in Böhmen einzufallen und das Königreich den Habsburgern wieder zu streitig zu machen. Von diesen Plänen alarmiert, erschien eine starke Liga-Armee unter Tilly an den Südgrenzen des Niedersächsischen Reichskreises und machte Anstalten, direkt gegen den Braunschweiger vorzugehen. In dieser Situation schaltete sich der dänische König ein und warnte Tilly in ungewöhnlich scharfen Mahnschreiben vor einem Einfall in das Kreisterritorium. Diese Schreiben verfehlten ihre Wirkung nicht, denn Tilly verlangsamte seinen Vormarsch, was dem Braunschweiger Gelegenheit gab, nach Westen abzuziehen, um sich mit seinen Truppen in die Niederlande zu retten5. Auf dem Rückzug freilich verlor der Braunschweiger kostbare Zeit, weil er – vergeblich – auf eine Vereinigung mit den Truppen Mansfelds wartete. Es gelang Tilly daher, die Söldnertruppen des Braunschweigers bei Stadtlohn nahe der niederländischen Grenze einzuholen und vernichtend zu schlagen. Mit den Resten seiner Truppen konnte der Söldnerführer in die Niederlande entkommen, wo sie vor der Armee Tillys sicher waren: Sowohl die Liga als auch die Wiener Regierung waren sorgfältig darauf bedacht, alles zu vermeiden, was als Einmischung in den Niederländisch-Spanischen Krieg gedeutet werden konnte6.
Der Erfolg Tillys vor Stadtlohn demonstrierte erneut das militärische Ungleichgewicht zwischen den Konfessionsparteien im Reich. Dies trug natürlich zur weiteren Verunsicherung der niedersächsischen Kreisstände bei, zumal sich Tillys Armee bei der Verfolgung der verbliebenen Truppen Ernsts von Mansfeld erneut den Grenzen des Reichskreises näherte.
Der Schutz des Reichskreises konnte nach Lage der Dinge jetzt nur noch durch ein offenes militärisches Engagement Dänemarks garantiert werden. Freilich hegte die dänische Regierung starke Bedenken gegen ein solches Vorgehen. Denn Christian IV. musste einerseits erkennen, dass es im Niedersächsischen Kreis durchaus auch Opposition gegen ein aktives militärisches Eingreifen Dänemarks gab. Die Kritiker im Reichskreis fürchteten nicht zu Unrecht, dass der Kaiser bzw. die Liga einen solchen Schritt als offenen Bruch auffassen und militärische Gegenmaßnahmen ergreifen würden. Da der Dänenkönig sich somit nicht rückhaltlos auf den Niedersächsischen Kreis verlassen konnte, machte er ein weiteres aktives Vorgehen im Reich von der Unterstützung durch andere europäische Regierungen, namentlich jener Englands und Frankreichs, abhängig. Zudem befürchtete die dänische Regierung, dass ihr erstarkender Rivale im Ringen um die Ostseeherrschaft, das Königreich Schweden, ein Engagement im Reich zu eigener militärischer Expansion im Ostseeraum auf Kosten Dänemarks nutzen, der Regierung in Kopenhagen also in den Rücken fallen werde7. In der Tat betrachtete Schweden die Zugewinne des Hauses Oldenburg in Norddeutschland mit kaum geringerem Missfallen als den Aufstieg der...




