E-Book, Deutsch, Band 2, 368 Seiten
Kanaris Die Toten von Athen
2. Auflage 2018
ISBN: 978-3-8412-1485-0
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Fall für Detektiv Zafiris. Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 2, 368 Seiten
Reihe: Privatdetektiv George Zafiris
ISBN: 978-3-8412-1485-0
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Griechenland - authentisch und gefährlich.
Mario Filiotis, der sehr sozial und ökologisch gesinnte Bürgermeister der Insel Astypalea, kommt in Athen bei einem mysteriösen Fahrradunfall ums Leben. Privatdetektiv George Zafiris ist der festen Überzeugung, dass sein Freund ermordet wurde. Doch bei Marios Beerdigung liegt nicht der Tote, sondern ein antiker Goldschatz im Sarg. George Zafiris nimmt die Ermittlungen auf und gerät in ein Labyrinth aus Korruption, Betrug und Gewalt ...
Leo Kanaris ist griechischer und irischer Abstammung, er hat in Italien, Deutschland, Rumänien, der Türkei und Mexiko als Lehrer, Journalist und Animateur gearbeitet. Zurzeit lebt er Im Süden Griechenlands. 'Inseltod' ist sein erster Roman.
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Treffen in Maroussi
Athen, September 2015. George Zafiris, Privatdetektiv, saß in einem Café in Maroussi und las einen Polizeibericht. Eine Tasse mit griechischem Mokka stand unberührt vor ihm auf dem Tisch. Der Tag war kühl für diese Jahreszeit, ein leichter Wind strich über das Blatt in seiner Hand.
Am Freitag, dem 29. August, fuhr ein Fahrradfahrer, ein fünfzigjähriger Mann im grauen Anzug, auf der Spyros Louis vom Olympiastadion Richtung Einkaufszentrum Golden Hall. Ein mit Feuerholz beladener Lastwagen befand sich hinter ihm. Aus unbekannten Gründen verlor der Radfahrer das Gleichgewicht und wurde von dem Lkw überfahren. Um 11.03 Uhr ging ein Notruf bei der Polizei ein. Um 11.15 Uhr erreichten die Einsatzfahrzeuge den Unfallort. Der Fahrer des blauen Magirus Deutz HK 4596, der siebenunddreißigjährige Gavrilis Pagakis aus Larissa, wurde wegen fahrlässiger Tötung festgenommen. Das Unfallopfer erlag seinen Verletzungen. Es handelt sich um Mario Filiotis, den Bürgermeister von Astypalea.
George las den Bericht ein zweites Mal, faltete ihn zusammen und legte ihn auf den Tisch.
Ihm gegenüber saß Kriminaldirektor Sotiriou, der Leiter des Dezernats für Gewaltkriminalität, und beobachtete ihn aufmerksam.
»Nun?«, fragte Sotiriou.
»Das hat ein Schwachsinniger geschrieben«, antwortete George.
»Ich gebe zu, es handelt sich nicht gerade um einen mustergültigen Polizeibericht«, erklärte Sotiriou. »Aber das heißt noch lange nicht, dass der Verfasser schwachsinnig ist.«
»Okay«, sagte George. »Vielleicht ist er nur schlecht ausgebildet. Oder auf Drogen. Vielleicht haben Todesstrahlen aus dem Weltall ihm den Kopf verwirrt. Aber darum geht es doch gar nicht.«
»Worum geht es denn?«
»Warum ist Mario Filiotis vom Fahrrad gestürzt? Das passt überhaupt nicht zu ihm.«
»Gute Frage.«
»Sie müssen doch wissen, wer das geschrieben hat.«
Statt einer Antwort starrte Sotiriou ihn ausdruckslos an.
»Also kennen Sie den Verfasser?«
Sotiriou zog eine indirekte Antwort vor. »Er ist kein Schwachkopf.«
»Warum sagen Sie das?«
»Er hat den Bericht persönlich an mich weitergeleitet.«
»Und was sollten Sie damit machen? Abgesehen von der üblichen Vorgehensweise?«
Sotiriou antwortete nicht.
»Es handelt sich um einen Verkehrsunfall«, bemerkte George, »nicht um ein Gewaltverbrechen.«
»Richtig.«
Sotiriou musterte ihn aufmerksam.
»Okay«, sagte George. »Also weiß er mehr.«
»Genau das nehme ich an.«
»Haben Sie ihn nicht gefragt?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
Der Kriminaldirektor ignorierte die Frage. »Geben Sie mir den Bericht«, sagte er.
George schob das Papier über den Tisch. Sotiriou hielt ein Feuerzeug an eine Ecke des Blattes, das aufflammte und im Aschenbecher in sich zusammenschrumpfte.
»Wie heißt der Beamte?«, fragte George.
»Karás«, antwortete der Kriminaldirektor. »Polizeileutnant Nikolaos Karás.«
»Kann ich mit ihm sprechen?«
»Nur als Privatperson.«
»Wie soll ich das anstellen?«
»Er spielt Rugby.«
»Rugby?«
»Ganz richtig.«
George sah ihn verwirrt an.
»Das ist eine Art Fußball«, erklärte Sotiriou. »Man spielt es mit einem olivenförmigen Ball.«
»Himmeldonnerwetter, das weiß ich auch.«
»Er spielt bei den ›Kriegern von Attika‹. Seine Mannschaft trainiert dienstagabends auf dem Olympiagelände, Platz B. Gehen Sie morgen um 20.30 Uhr hin. Schauen Sie die letzten zehn Minuten zu. Er wird Sie finden.«
»Und falls ich morgen schon was anderes vorhabe?«
»Wenn Sie den Job wollen, seien Sie da.«
»Wer ist mein Klient?«
»Im Augenblick bin ich das.«
»Sie?«
»Streng vertraulich.«
»Bezahlen Sie mich auch?«
»Es werden Mittel bereitgestellt.«
»Öffentliche oder private?«
»Lassen Sie das meine Sorge sein.«
Sotiriou erhob sich. Sie schüttelten sich geschäftsmäßig die Hände, und der Kriminaldirektor eilte davon.
George blieb und trank seinen Kaffee aus. Er ließ das Gespräch in Gedanken noch einmal Revue passieren und sah dabei das Gesicht des Kriminaldirektors vor sich, seine graugrünen Augen und den kahlen Schädel, über den sich gelbliche Haut spannte. Was für ein merkwürdiger Mann. Kalt, systematisch, schwer zu begreifen. Er hatte darauf bestanden, sich in Maroussi zu treffen, kilometerweit von seinem Büro entfernt. George hatte gestern um Einblick in den Polizeibericht über Marios Tod gebeten und eine Abfuhr erwartet. Doch Sotiriou hatte sofort zugestimmt.
Er bezahlte die Rechnung und ging die Thiseosstraße hinunter, vorbei an einem bettelnden Kind, das ein leierndes La Cucaracha aus seinem Akkordeon herausquetschte, vorbei an leeren Geschäften, von deren Schaufensterscheiben die gelben »Zu vermieten«-Schilder nach und nach abblätterten, vorbei an einem weiteren Bettler – einem alten Mann in einem verschlissenen Anzug, der auf einer zusammengefalteten Zeitung kniete. Schließlich erreichte er den Platz und eine Bäckerei, aus der der Duft von frisch gebackenem Brot herüberwehte.
Er verlangte horiátiko psomí und zahlte zwei Euro. Dafür bekam er fünfzig Cent Wechselgeld zurück und das noch warme Bauernbrot in einer Papiertüte. Er drückte es an sich wie ein Baby. Draußen auf dem Bürgersteig ließ er die Fünfzig-Cent-Münze in die Handfläche des Alten fallen, der sich höflich bedankte. Er war kein professioneller Bettler, sondern wirkte wie ein gebildeter Mensch. Vielleicht ein pensionierter Lehrer oder Bankangestellter. Gott weiß, was ihm widerfahren sein mochte. George war nicht danach zumute, ihn zu fragen. Die nicht enden wollende, zermürbende Krise hatte zahllose Schicksale wie dieses hervorgebracht.
Sein Freund Mario war tot. Im Augenblick war in seinem Herzen kein Platz für andere.
George lief die Thiseosstraße zurück zu seinem Motorrad, schloss die Gepäckbox auf und verstaute das Brot zwischen allerlei Quittungen und Visitenkarten. Das Motorrad verdankte er Mario, der ihm geraten hatte, in der Stadt nicht mehr Auto zu fahren.
»Und wie zum Teufel soll ich mich dann fortbewegen?«, hatte George gefragt.
»Fahr Motorrad.«
»Motorrad, mitten in Athen? Glaubst du, ich will mich umbringen?«
Und dann Marios Satz: »Schon dadurch, dass du hier lebst, stirbt jeden Tag ein Stück von dir.«
George ließ die Ducati schwungvoll vom Ständer gleiten, betätigte den Kickstarter und spürte die unbändige Kraft des Motors, als er ihn aufheulen ließ. Er fädelte sich zügig in den Verkehrsstrom ein.
Während er die Kifissias-Avenue Richtung Süden fuhr, dachte er an seinen Freund. Hoch über den Fahrzeugen, den Glastürmen und dem dunklen Abgasschleier erblickte er den blauen Himmel und ein paar überdimensionale Regenwolken. Er stellte sich vor, dass Marios Seele dort oben im Weltraum schwebte, sah sie lautlos dahingleiten wie einen Adler und herunterschauen auf all die Mühsal, von der sie nun erlöst war. Für Mario würde Athen jetzt aussehen wie ein Spielzeugdorf, und die aberwitzigen Machenschaften der Menschen wären für ihn so belanglos wie für uns das Gewimmel in einem Ameisenhaufen.
George hoffte, dass etwas von diesem bemerkenswerten Mann erhalten bliebe. Sein innerstes Wesen, ein unverwüstlicher Kern aus Energie. Es erschien ihm unwahrscheinlich. Andererseits aber auch notwendig. Welchen Sinn sollte das alles sonst haben?
Rechts rückte das Olympiastadion ins Blickfeld, dessen weiße Stahlbögen aussahen wie die Knochen eines Vogels, der seine Flügel gen Himmel reckt. Einem Impuls folgend, bog er von der Kifissias in die Spyros Louis ab. Warum nicht mal nachsehen. Am Unfallort.
Auch diese Straße war stark befahren, Kolonnen von Pkw, Lastwagen und Bussen brausten vorbei. Das Stadion lag hinter einem Zaun zu seiner Rechten, die imposante schwebende Konstruktion wirkte wie ein Denkmal aus dem Zeitalter der Extravaganz. Wo war das alles nur geblieben? All der Ehrgeiz, Optimismus und Enthusiasmus der Griechen? Nur eine unvorstellbar hohe Rechnung war davon übrig, Zinsen, die sich permanent vervielfachten, sich unaufhaltsam vermehrten und Griechenland in ihrem Würgegriff erstickten.
An einer Haltebucht für Busse fuhr er rechts ran, stellte den Motor aus, nahm den Helm ab und blinzelte ins gleißende Licht. Ringsum eine Landschaft aus Beton. Der Verkehr bewegte sich mit siebzig bis achtzig Stundenkilometern. Ein merkwürdiger Ort, um mit dem Rad unterwegs zu sein. Praktisch eine Einladung an jeden Schwachkopf, der am Steuer mit seinem Mobiltelefon herumhantierte, dich über den Haufen zu fahren. Andererseits stand die ganze Stadt auf Kriegsfuß mit Radfahrern. Auch mit Fußgängern, Hunden, Vögeln, mit Lebewesen im Allgemeinen. George stieg vom Motorrad und folgte einem schmalen Bürgersteig. Überall lagen zerdrückte Coca-Cola-Dosen und leere Marlboro-Schachteln, deren Farben von der Sonne ausgebleicht waren. Unkraut drängte sich kampfeslustig durch die geborstenen Pflastersteine. Der Verkehr rauschte vorbei.
George blickte nach oben und suchte nach Überwachungskameras. Hier musste es doch welche geben....




