E-Book, Deutsch, Band 1, 272 Seiten
Kanaris Inseltod
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8412-0902-3
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Fall für Detektiv Zafiris - Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 1, 272 Seiten
Reihe: Privatdetektiv George Zafiris
ISBN: 978-3-8412-0902-3
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zafiris auf den Spuren von Mord und Korruption.
Auf der Insel Ägina wird ein international anerkannter Professor für die Antike erschossen. Seine berühmte Familie will den Mord einem alten Offizier in die Schuhe schieben. Ein nicht gerade ehrenwerter Minister wird tot aufgefunden, ein Journalist ermordet. George Zafiris, Privatdetektiv aus Athen, ist gefragt. Er ermittelt oft dort, wo die Polizei das Interesse verliert ...
Leo Kanaris ist griechischer und irischer Abstammung, er hat in Italien, Deutschland, Rumänien, der Türkei und Mexiko als Lehrer, Journalist und Animateur gearbeitet. Zurzeit lebt er Im Süden Griechenlands. 'Inseltod' ist sein erster Roman.
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George wohnte den größten Teil des Jahres von seiner Frau getrennt. Die Regelung gefiel ihm zwar nicht, doch akzeptierte er sie als Kompromiss. Der stammte noch aus finsteren Zeiten. Sich näher damit zu befassen würde ihn ernsthaft deprimieren, so dass er sich dagegen entschied. Vom Frühlingsanfang bis spät in den Herbst hinein blieb Zoe auf Andros, im Landhaus ihres Vaters, malte, schrieb Gedichte und kümmerte sich um den Garten sowie um eine Reihe von Tanten und verschrobenen Cousinen. Unterdessen ging George in Athen seinem Broterwerb nach und besuchte die Insel gelegentlich am Wochenende und – wenn er Glück hatte – alljährlich zwei Wochen im August. Im Winter zog Zoe zu ihm in die Stadt, dann verlief ihr Eheleben in konventionelleren Bahnen. Ihr gemeinsamer Sohn Nick studierte in Newcastle Maschinenbau; ein sicherer Beruf, hofften sie, in unsicheren Zeiten.
Georges Arbeitstage waren, wie die aller Einwohner Athens, reich an Komplikationen. Ermittlungen wurden begonnen, weiterverfolgt, behindert, unterbrochen. Neue kamen hinzu. Klienten verstummten oder verschwanden. Manchmal mussten ihretwegen dann wiederum Nachforschungen angestellt werden. Entweder war ihnen das Geld ausgegangen oder sie hatten sich selbst in Schwierigkeiten verstrickt. Die nationale Krise machte es nicht besser. Unternehmen gingen pleite, Gehälter und Pensionen schrumpften mit erschreckender Geschwindigkeit. Die Menschen wurden krank oder verrückt oder wollten so nicht weiterleben.
»Ade na vris ákri.« Dieser Satz war in aller Munde. »Man weiß nicht, wo man anfangen soll.«
George hatte Glück. Bei ihm wurden keine Kredite fällig, niemand schuldete ihm Geld. Zumindest keine nennenswerten Summen. Doch die Auftragslage war miserabel. Nur die Reichen konnten sich die Ausgaben noch leisten, und selbst sie übten sich heutzutage in Zurückhaltung. Er übernahm jeden Fall, der ihm angeboten wurde.
Petrakis’ Stimme hatte ihn misstrauisch gemacht. Nicht was er sagte, sondern wie er es sagte. Nach einigen teuer bezahlten Fehlern hatte George einen Instinkt für schwierige Persönlichkeiten entwickelt. Vor Petrakis musste man auf der Hut sein.
George stand an Deck der Agios Nektarios in Piräus und genoss den Fahrtwind und die stetig breiter werdende Wasserrinne zwischen sich und der Stadt. Langsam, aber sicher fielen die zahllosen, wirr durcheinanderschwirrenden Eindrücke des Großstadtlebens von ihm ab. Am Horizont ragten Berge auf, deren scharfe Umrisse sich gegen den silbrig-blauen Himmel abhoben wie Metallschablonen. Möwen folgten im Windschatten des Schiffes, ohne die Flügel zu bewegen; nur ihre Köpfe drehten sich auf der Suche nach Nahrung von einer Seite zur anderen.
Die Fähre durchquerte eine gespenstische Meereslandschaft aus aufliegenden Tankern und Frachtschiffen. Sinnbilder einer zum Stillstand gekommenen Wirtschaft, ohne Fahrtziel. Sie warteten. Gelegentlich brauste ein Rennboot vorbei und durchschnitt die blaue Wasseroberfläche mit seiner strahlend weißen Schaumspur. Am Steuer ein Mann in den besten Jahren – mit fetter Wampe, Sonnenbrille, Goldkettchen und -armband –, in seiner Begleitung unweigerlich ein Bikini-Mädchen, halb so alt wie er und höchstwahrscheinlich aus Osteuropa stammend. Auf der Rückbank ein gelangweilter Schäferhund. Selbst nach dem Börsenkrach vor zwei Jahren erlebten Luxusgüter – diese skurrile Art von Luxus, die man aus der Zigarettenwerbung der sechziger Jahre kannte – nach wie vor eine Blütezeit. Genau wie die Cafés in der Athener Innenstadt, die immer brechend voll waren und in denen die Gäste unglaubliche Preise für einen Eiskaffee zahlten und im gleichen Atemzug über die Krise jammerten.
Nach einer Stunde erreichten sie Ägina. Die Ankerketten rasselten, in einer Wolke aus Dieselabgasen legte die Fähre rückwärts am Pier an. Eine Stimme aus der Lautsprecheranlage drängte die Passagiere schroff, unverzüglich von Bord zu gehen: »Das Schiff fährt gleich wieder ab.«
Das Hotel Brown lag wenige hundert Meter entfernt, am anderen Ende der Hafenmauer. George schlenderte an Fischerbooten vorbei, an Obstständen, Cafés und einem Kiosk, der mit Hochglanzzeitschriften und Plastikspielzeug vollgehängt war. Da ihm noch zehn Minuten Zeit blieben, setzte er sich in einen staubigen Kirchgarten; hier stand in einem Kreis aus Palmen eine Büste von Ioannis Kapodistrias – dem ersten Staatsoberhaupt Griechenlands, im Alter von fünfundfünfzig Jahren von einem politischen Gegner erschossen – und schaute hinaus aufs Meer.
Petrakis war schlank, präzise und siebzig Jahre alt. Seine hellgrünen Augen flackerten nervös. Schuhe, Hose und Hemd sahen teuer und elegant aus, seine Armbanduhr war ein grundsolides Schweizer Modell. Der Handschlag, mit dem er George begrüßte, wirkte hastig und geschäftsmäßig.
»Wir setzen uns in den Garten.«
Petrakis führte ihn zu einem Tisch unter einer Japanischen Mispel und fegte gereizt drei abgefallene Blätter von seinem Stuhl, bevor er Platz nahm. Einen Augenblick lang musterte er seinen Besucher schweigend.
»Zunächst möchte ich Ihnen einige Informationen über meinen Bruder geben. Danach werde ich Sie zu Madame Corneille begleiten. In ihrer Wohnung hat sich die Tragödie abgespielt.«
»Ich habe mir den ganzen Tag freigehalten«, sagte George.
»So lang werden wir nicht brauchen. Die Fakten sind eindeutig. Mein Bruder war ein klassischer Gelehrter. Er unterrichtete in Stanford, Princeton und zuletzt am King’s College London. Er war ein Mann mit unverblümten und durchaus umstrittenen Ansichten. Seine frühen Arbeiten beschäftigten sich mit Platon, doch am bekanntesten wurde er durch seine Veröffentlichungen über die weniger ehrenwerten Aspekte des Lebens im antiken Griechenland. Über das, was er als ›Dunkel hinter dem Licht‹ bezeichnete: Sklaverei, Prostitution, Verbrechen und Bestrafung, Pädophilie, Homosexualität und sogar, so ungern ich das erwähne, Kinderopfer, obwohl diese Annahme lediglich auf Indizien beruht. Sie können sich vorstellen, wie seine Arbeit hier aufgenommen wurde, besonders in patriotischen Kreisen.«
George nickte.
»John stand gerade im Begriff, bei der Historischen Gesellschaft von Ägina einen Vortrag über dieses total unappetitliche Thema zu halten. Madame Corneille hatte das gemeinsam mit einigen hiesigen Freunden arrangiert, und zwar für den 25.März um 21:00 Uhr.«
Petrakis machte eine Pause und wartete auf eine Reaktion.
»Erzählen Sie weiter«, bat George.
»Ich gehe davon aus, dass Ihnen die Bedeutung dieses Datums klar ist.«
»Vielleicht hat es eine Bedeutung, vielleicht auch nicht.«
»Selbstverständlich hat es eine Bedeutung!«
»Wir sollten keine voreiligen Schlüsse ziehen.«
Petrakis schien verärgert. »Wie Sie wünschen, Herr Zafiris. Ich bitte Sie lediglich, zur Kenntnis zu nehmen, dass mein Bruder genau an dem Tag erschossen wurde, an dem wir unsere nationale Unabhängigkeit feiern.«
»Ich halte diese Tatsache fest«, antwortete George. Ruhig erwiderte er den aufgeregten Blick seines Gegenübers. »Fahren Sie fort.«
»Gegen 19:00 Uhr ging John zum Duschen ins Bad. Er kam nicht mehr heraus. Eine halbe Stunde später klopfte Madame Corneille an die Tür, erhielt keine Antwort, trat ein und fand ihn. Jemand hatte ihn in den Kopf geschossen. Sie rief unverzüglich die Polizei, und seitdem, muss ich bedauerlicherweise feststellen, stagniert die Angelegenheit.«
George dachte nach, während der Kellner den Kaffee servierte.
»Erzählen Sie mir mehr über Ihren Bruder.«
»Mehr fällt mir dazu nicht ein.«
»Das kann nicht sein.«
»Ich wüsste nichts, was hier weiterhilft.«
»Ich brauche Informationen über sein Privatleben.«
»Da gibt es nichts zu verbergen.«
»Mag sein, aber ich benötige die Informationen.«
Wieder wirkte Petrakis verärgert. »Was genau möchten Sie denn wissen?«
»Zuallererst etwas über seine Beziehung zu Madame Corneille.«
»Sie ist über jeden Verdacht erhaben!«
»Andere Personen hier auf der Insel?«
»Ein paar Freunde. Vertrauenswürdige Leute.«
»Ich brauche ihre Namen.«
»Unwichtig.«
»Es könnte ausgesprochen wichtig sein.«
»Ich kann Ihnen versichern, dass dem nicht so ist.«
»Ich werde mir dazu selbst eine Meinung bilden.«
»Ich versuche nur, Ihnen Zeit zu sparen. Und mir Geld. Ich gehe übrigens davon aus, dass Sie auf Stundenbasis abrechnen, so wie Rechtsanwälte?«
»Richtig, allerdings nehme ich nicht annähernd deren Stundensatz.«
Petrakis warf ihm einen skeptischen Blick zu. »Wie hoch ist denn Ihr Honorar, wenn ich fragen darf?«
»Der Grundbetrag liegt bei fünfzig pro Stunde, zuzüglich Spesen.«
»Wie lange brauchen Sie normalerweise für so einen Auftrag?«
»Kann ich unmöglich sagen.«
»Warum?«
»Manchmal geht es schnell, manchmal dauert es Monate.«
»Ich möchte, dass es in diesem Fall schnell geht.«
»Ich auch.«
Petrakis verzog das Gesicht. Er nippte an seinem Kaffee, als könnte jemand Gift hineingemischt haben.
»Was müssen Sie noch wissen, Herr Zafiris?«
»Das sagte ich bereits. Etwas über sein Privatleben. Dort findet man normalerweise die Antworten.«
»In seinem Fall bezweifle ich das.«
»Wie Sie wünschen.« George leerte seine Tasse. »Ich schicke Ihnen die Rechnung für mein Gastspiel heute Vormittag.«
»Wir müssen noch Madame Corneille aufsuchen!«
George erhob sich. »Gehen Sie zu ihr. Ich verschwende hier nur meine Zeit.«
Petrakis erwiderte ruhig: »Sie sind ausgesprochen...




