E-Book, Deutsch, 624 Seiten
Kandolf / Schmid Die Söhne des Scheiks
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7802-1626-7
Verlag: Karl-May-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Auf der Suche nach Marah Durimeh, Reiseerzählung
E-Book, Deutsch, 624 Seiten
ISBN: 978-3-7802-1626-7
Verlag: Karl-May-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Franz Kandolfs in den 1930er-Jahren entstandene spannende Karl-May-Pastiche knüpft inhaltlich an Ereignisse aus den Bänden 2 und 3 der Gesammelten Werke an, "Durchs wilde Kurdistan" und "Von Bagdad nach Stambul".
Die geheimnisvolle Marah Durimeh schickt Brief und Amulett an Kara Ben Nemsi mit der Bitte, sich des Ssali Ben Aquil anzunehmen. Diese Gestalt, die im Werk Karl Mays eigentlich eine Nebenfigur ist, wird von Kandolf nun in den Mittelpunkt seiner Fortsetzungsgeschichte gerückt. Die zwei Söhne eines kurdischen Scheiks sind vom rachsüchtigen und goldgierigen Sekmet Beg entführt worden. Kara Ben Nemsi macht sich zusammen mit seinen Gefährten Hadschi Halef Omar, dessen Sohn Kara Ben Halef und Sir David Lindsay auf die Suche nach den beiden Kindern.
Mit einem erläuternden Nachwort von Prof. Dr. Christoph F. Lorenz.
Weitere Infos & Material
Eine rätselhafte Botschaft
Vom Tigris zum Zab
Durch die Schluchten des Dschelo Dagh
Das Amulett
Ein frohes Wiedersehen
Die 'Schnur der tausend Wunder'
Über die Grenze
In der Köhlerhütte
Trübe Nachrichten
Bei Ssali Ben Aqil
"Ihr wütet gegen euer eigenes Blut!"
Waffenstillstand
"Blutrache ist Selbstmord!"
Ein frecher Raub
Um Ssalis Willen
Gold
Der Verrückte
Die Teufelslosung
Halefs Meisterstück
Auf dem Rückzug
Der 'Blutpreis'
Wieder bei den Bebbeh
Der 'Gelbe'
Der Sieg
Einleitung
„…und wen ich da oben auf dem Felsen fand?“
Viele Personen sind mir auf meinen Reisen begegnet, die einen starken Eindruck hinterlassen haben, wenige dagegen, bei denen dieser Eindruck so nachhaltig war wie bei Ssali Ben Aqil. Meine Leser wissen, wo ich diesen merkwürdigen Mann zum ersten Mal traf. Es war in dem kleinen Ort Khoi, nahe der persischen Grenze. Sein erstes Auftreten gegen mich und meinen Freund Hadschi Halef Omar war indes ein äußerst feindseliges – er trachtete uns nach dem Leben. Die Geschehnisse brachten es aber im Lauf von wenigen Stunden mit sich, dass sein Hass sich in Dankbarkeit, ja in Freundschaft verwandelte und dass der fanatische mohammedanische Theologe schließlich von mir, dem verachteten und gehassten Christen, mit einem Gefühl des Bedauerns schied. Ich habe von dieser ersten Begegnung in Band III meiner Reiseerzählung Im Lande des Mahdi erzählt. Nach Jahren sollte er in einer Gegend, wo ich ihn am wenigsten erwartet hätte, zum zweiten Mal meinen Weg kreuzen. Die Verfolgung des berüchtigten Sklavenjägers Ibn Asl hatte mich bis in den tiefsten Sudan hineingeführt. Auf der Rückkehr, und zwar in der Nähe der Insel Aba, wo der Derwisch Mohammed Achmed auf den Zeitpunkt seiner ‚Berufung‘ harrte, kam ich abermals auf die Spur eines Sklavenzugs. Es gelang mir nicht nur, das Versteck der Sklavenjäger zu entdecken und die Sklaven zu befreien, sondern auch einem Gefangenen besonderer Art die Fesseln zu lösen. Es war – – Ssali Ben Aqil. Der junge Wunderprediger war auf seiner Suche nach dem Mahdi – das baldige Erscheinen eines ‚Führers‘ lag damals gewissermaßen in der Luft – nach Ägypten gekommen, und man hatte ihn an den Derwisch Mohammed Achmed verwiesen als denjenigen, auf dem die Hoffnungen des Islam ruhten. Aber die Lehre des ‚Führers‘, die nichts als Gewalt und Hass predigte, hatte den Wahrheitssuchenden eher abgestoßen als angezogen, und er hatte dieses Gefühl seinem Lehrer nicht verschwiegen. Doch der ‚Führer‘ war nicht gewillt, auf eine solche Kraft – Ssali verfügte über eine glänzende Rednergabe – ohne Weiteres zu verzichten. Und da er seinen hoffnungsvollen Schüler nicht durch Worte von seiner ‚Berufung‘ überzeugen konnte, so ließ er ihn einsperren und ihm die Nahrung entziehen, in der Erwartung, die Qualen des Hungers würden ihm die fehlende Überzeugung beibringen.1 Als ich Ssali fand, war er dem Tode nahe. Ich nahm ihn mit mir, und während der Tage und Wochen unseres Beisammenseins schloss er sich noch viel inniger an mich an, als in den wenigen Stunden unserer ersten Begegnung möglich gewesen war. Ich führte ihn nach Jerusalem und zu den heiligen Stätten der Christenheit, und als wir zum zweiten Mal voneinander schieden, teilte er mir mit, dass er sich nicht nur innerlich von Mohammed und seiner Lehre entfernt habe, sondern dass er entschlossen sei, diesen Trennungsstrich auch äußerlich zu ziehen. Er wolle Christ werden, ja noch mehr, er fühle die Berufung zum Priester und zum Verkünder der christlichen Liebe in sich. Ich war darüber nicht im Geringsten erstaunt, doch unterließ ich es nicht, ihm die Schwierigkeiten vor Augen zu stellen, die auf ihn warteten. Er hörte mich lächelnd an und meinte dann frohgemut: „Effendi, ich weiß, dass ich viel, unendlich viel zu lernen haben werde, bis das Ziel erreicht ist. Aber mit Fleiß und der Hilfe Allahs hoffe ich es so weit zu bringen, dass ich auch vor einem Abendländer, was Wissen anbelangt, nicht zu erröten brauche. Oder meinst du vielleicht, dass mir die dazu notwendigen Fähigkeiten mangeln?“ „Das wollte ich natürlich nicht sagen, sondern nur andeuten, dass dein Weg in den nächsten Jahren nicht mit Rosen bestreut sein wird.“ „Das verlange ich auch gar nicht, Effendi. Ich fürchte mich vor keinem Opfer und vor keiner Anstrengung, so groß sie auch sein mögen. Das Ziel, das ich im Auge habe, ist es wert, dass ich mich durch nichts abschrecken lasse.“ Vor solcher Hoffnungsfreudigkeit mussten meine Bedenken freilich verschwinden. Nun, Ssali schien mir aus hartem Holz geschnitzt zu sein, und die Stürme des Lebens würden nun, da er seine Lebenslinie endlich gefunden hatte, es wohl fertig bringen, ihn mit scharfem Meißel zu ritzen, nie und nimmer aber zu zerbrechen. – – Wir haben uns hernach öfters geschrieben. Wenn ich von einer längeren Reise nach Hause zurückkehrte, konnte ich stets damit rechnen, einen mit arabischen Schriftzeichen bedeckten und mit einer türkischen Marke beklebten Brief vorzufinden. Die Nachrichten lauteten immer günstig und ich konnte ihnen entnehmen, dass seine Studien, die er im Seminar zu Mossul betrieb, rasch voranschritten. Von ihrem Abschluss erfuhr ich indes nichts, denn ich war vorher wieder auf Reisen gegangen, in den Orient, zu meinem Hadschi Halef Omar. Da mich mein Weg diesmal nicht über Mossul führte, konnte ich Ssali nicht besuchen, so sehr ich das gewünscht hätte, und ich war daher über sein ferneres Schicksal im Unklaren. Monatelang vergruben wir uns – Halef und ich waren meistens allein – in die Berge und Täler des wilden Kurdistans und schlugen uns mit den dortigen halbwilden Stämmen herum. Was wir damals erlebten, gehört nicht hierher; ich habe an anderer Stelle davon erzählt.2 Über Bagdad und Tekrit suchten wir dann die Weidegründe der Haddedihn zu gewinnen. Dabei gelang es uns, zwei Männer aus der Hand räuberischer Schiiten zu befreien. Der eine von ihnen war ausgezogen, um den Anezeh-Arabern das Lösegeld für seinen Vater zu bringen, der von ihnen in ihrem Duar zurückgehalten wurde. Der junge Mann gewann unsere Teilnahme und wir schlossen uns ihm an, bereit ihn in seinem gefährlichen Vorhaben zu unterstützen. Denn es war anzunehmen, dass die Anezeh, anstatt seinen Vater auszuliefern, sich seiner und des Lösegelds bemächtigen würden. Die Abteilung der Anezeh, bei der der Gefangene zurückbehalten wurde, lagerte zu der Zeit südwärts der Sindscharberge am Fuß des einsam aus der Ebene emporragenden Felsens Wahsija. Auf diesem Felsen hauste in einer Höhle ein Einsiedler, der sich nicht nur bei den Anezeh, sondern auch bei den übrigen in der Nähe schweifenden Stämmen des größten Ansehens erfreute. Ihm und seinem Einfluss war es denn auch hauptsächlich zu verdanken, dass unser Schützling sein Ziel erreichte. Ja, noch mehr! Der Gefangene wurde ohne Lösegeld freigegeben und erhielt sogar die Summe wieder zurück, die man ihm abgenommen hatte. Mir aber ließ der Einsiedler sagen, ich möchte ihn am nächsten Morgen auf seinem Felsen besuchen. In der Erzählung „Himmelslicht“3 habe ich von diesem Erlebnis berichtet. Eines aber habe ich damals dem Leser vorenthalten, nämlich, wen ich am nächsten Morgen oben auf dem Felsen fand. Da dies nicht unbedingt zum Verständnis der Erzählung gehörte, glaubte ich darüber hinweggehen zu dürfen. Heute will ich die Lücke ergänzen und das Versprechen einlösen, mit dem ich damals den geduldigen Leser auf ein andermal vertröstete. Indem ich dies niederschreibe, bin ich mir freilich bewusst, dass der scharfsinnige Leser bereits hinter das Geheimnis gekommen ist. Ich aber hatte damals, als die Lichter des Weihnachtsbaums von oben herableuchteten, nicht die leiseste Ahnung. Im Gegenteil, ich zerbrach mir den Kopf über die geheimnisvolle Persönlichkeit dort oben. Ein Weihnachtsbaum mitten unter Beduinen! Kaum zu glauben! Es konnte sich nur um einen Europäer handeln, der die Sitte des Weihnachtsbaums kannte, vielleicht sogar um einen Deutschen, auf alle Fälle aber um einen Christen. Und doch, wenn ich ernsthaft nachdachte, wollte mir diese Schlussfolgerung wieder als falsch erscheinen. Ein christlicher Einsiedler, der eine solche Macht über die diebischen Anezeh ausübte, die doch Muslime waren! Fast unmöglich! Wahrscheinlich war es doch einer jener frommen Büßer, die im nordwestlichen Afrika Marabuts genannt werden. Aber gegen diese Annahme sprach wieder der Weihnachtsbaum! Ich wandte mich an den Scheik der Anezeh um Aufschluss, aber er konnte mir nicht mehr sagen, als was ich bereits wusste. Den frommen Marabut hatte überhaupt noch niemand gesehen außer den beiden Knaben, deren Mutter am Fuß des Felsens wohnte und deren er sich beim Verkehr mit der Außenwelt bediente. Die Leute, die ein Anliegen hatten, teilten dies den Knaben mit, und diese stiegen zu ihm hinauf, um den Bescheid zu vernehmen, den sie den Wartenden bringen sollten. Aber hinauf zu ihm in seine Zelle durfte keiner. Das war die ganze Auskunft, mit der ich mich wohl oder übel einstweilen zufrieden geben musste. Bereits zu früher Morgenstunde des nächsten Tages stellten sich die beiden Knaben ein, um mich zum Einsiedler zu führen. Halef wäre gern mitgegangen, aber da nur ich in der Einladung genannt war,...




