E-Book, Deutsch, Band 2, 221 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 215 mm
Reihe: Im Packeis-Trilogie
Kanofsky Quatre-Bras
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-946086-85-7
Verlag: Verlag duotincta GbR
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, Band 2, 221 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 215 mm
Reihe: Im Packeis-Trilogie
ISBN: 978-3-946086-85-7
Verlag: Verlag duotincta GbR
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Michael Kanofsky wurde in Fürth geboren. Er lebt und arbeitet seit 2016 in Berlin, davor viele Jahre in Wien. Nach einem Studium der Sprach- und Literaturwissenschaften an der LMU München wurde er Werbetexter und Autor. Es folgten verschiedene Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien. Auszeichnungen erhielt er in Leipzig und Berlin für sein Hörspiel zukunft, re-visited - materialien und textmodelle für die produktion literarischer und filmischer utopien.
Autoren/Hrsg.
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Sol Duc Road
1
Es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätten die Sol Duc Road verpasst.
Reines Glück, dachte Kevin Dauth, als er das Lenkrad des Wohnmobils einschlug. Das cremefarbene Kunstleder fühlte sich warm an, fast geschmeidig unter seinen Händen, die klebrig waren vom langen Fahren. Träge scherte das massige Gefährt aus und querte die Abbiegespur, die schon fast vorüber war. Der weiße Linkspfeil auf dem aufgerauten Straßenbelag wirkte eigentümlich gedrungen. Als wäre dort, wohin er zeigte, nicht genug Platz.
Im Rückspiegel war kein anderes Auto zu sehen. Auch keiner jener schwer beladenen Holzlaster, die immer wieder und weit über der zulässigen Höchstgeschwindigkeit über den Highway preschten, oft zwei oder drei dicht hintereinander. Kevin setzte den Blinker. Dabei umfasste er den Hebel neben dem Lenkrad mit der ganzen Faust, ein Griff, der ihm für einen solchen Wagen, der größer war als alles, was er je gefahren war, irgendwie passend schien. Das gleichmäßige Klacken, das jetzt ertönte, klang tiefer als in deutschen Autos. Kevin mochte das Geräusch. Es war beruhigend. Und vorwärtsgerichtet.
Unter dem Kamm des Bergmassivs, auf das sie bis eben zugefahren waren und das von demselben dichten, smaragdgrünen Wald überzogen war, der hier überall wuchs, hatten sich einige lose Wolken gesammelt, die an ihren Rändern ausfransten. Wie Fetzen von etwas, das einmal ganz gewesen war. Kevin wollte einen letzten Blick darauf werfen. Aber die Bäume der Sol Duc Road verbargen bereits alles, was dahinter lag, und rückten es in eine weite, irrelevante Ferne.
Es war aber nicht nur Glück, entschied Kevin dann. Wie ein guter Pass im Handball eben nur dann funktionierte, wenn derjenige, zu dem der Ball gespielt wurde, es auch mitkriegte, war auch Kevin im richtigen Moment geistesgegenwärtig gewesen. Wachsamkeit. Ganz im Hier und Jetzt zu sein. Das war etwas, was ihm schon immer leichtgefallen war. Und offenbar, stellte er zufrieden fest, gehörte es auch zu den Dingen, die wichtig waren, wenn man sich auf einer Reise befand. Wenn man unterwegs war, am Rande der Wildnis. So wie Lara und er.
Eben noch hatten seine Augen auf Laras nackten Zehen gelegen, mehr aus Langeweile. Sie hatte sich die Nägel frisch lackiert, vorhin, während er mit seiner neuen Kamera ein paar Fotos von dem sichelförmigen See geschossen und dabei versucht hatte, die bewaldeten, sich im stillen Wasser spiegelnden Hänge mit aufs Bild zu bekommen. Er hätte gern auch eine Aufnahme mit Lara gemacht, im Vordergrund, aber sie war nicht aus dem Wohnmobil gekommen. Wenn er an den Abenden die Fotos auf dem kleinen Display durchging, stellte sich bei ihm oft der Eindruck ein, dass die Bilder allesamt seltsam leer blieben und ohne Bedeutung, wenn nicht Lara mit drauf war, oder sie beide. Vielleicht war es aber auch nur eine Sache des Fokus. Die Bedienungsanleitung für die Kamera hatte er zu Hause gelassen.
Seit der kurzen Pause am See war sein Blick immer wieder zu ihren Füßen gewandert, die sie hochgelegt hatte, auf die Ablage über dem Handschuhfach. Es gab da eine Stelle, kurz oberhalb des Nagelbetts an ihrem linken mittleren Zeh, die sie offenbar übersehen hatte und die jetzt fahl und hell glänzte, immer dann, wenn die Bäume einen Strahl der Nachmittagssonne durchließen, der dann, plötzlich und warm, in die Fahrerkabine fiel.
Lara war neunundzwanzig. Die letzten fünfzehn Jahre da-von – inzwischen bereits etwas mehr als die Hälfte ihres Lebens – waren die beiden ein Paar. Trotz der fast kreisrunden Form mit den hohen, prallen Wangen hatte ihr Gesicht einen ernsten, entschlossenen Ausdruck, der besagte, dass man bei Entscheidungen im Leben ebenso sehr auf die möglichen Wechsel- und Nebenwirkungen achtgeben müsse wie sie es bei ihrer Arbeit in der Apotheke tat. Die dunkelblonden Haare, die sie wieder länger wachsen ließ, trug Lara die meiste Zeit über offen, was ihr gut stand.
Kevin ließ das Wohnmobil ausrollen und schaute der schwarzen Nadel auf der Geschwindigkeitsanzeige dabei zu, wie sie zitternd absank, hin zu den dreißig Meilen pro Stunde, die das rot umrandete Schild am Rand der schmalen Fahrbahn noch erlaubte. Zwischen den mächtigen Douglasien auf beiden Seiten der Straße wucherten helle Flechten, farnartiges Gestrüpp und ein Gewächs, das aussah wie Beerensträucher, und wohl Dornen besaß. Der kleine asphaltgraue Fleck im Rückspiegel, das letzte Stück der Schnellstraße, wurde rasch immer kleiner.
Kevin schaute zu Lara, die ihn interessiert musterte. Er hatte nicht angekündigt, dass er abbiegen würde. Sie strich sich eine blonde Strähne aus der Stirn, sagte aber nichts.
»Das muss sie sein«, sagte Kevin. »Das ist die Sol Duc Road.«
Wie zur Bestätigung setzte er sich im Fahrersitz aufrecht. Er schaute auf die Straße und kniff die Augen zusammen, obwohl ihn die Sonne nicht blendete.
Lara beugte sich vor und zupfte an einem Zeh.
»Das letzte Mal, als du dir sicher warst, musstest du das Wohnmobil im Schnee wenden«, sagte sie.
Ihre Stimme klang, als würde sie das, was sie da sagte, gar nicht betreffen. Und, fügte Kevin in Gedanken hinzu, als hätte sie ihm damals nicht in seiner Einschätzung zugestimmt, dass das kleine, unscheinbare Schild mit der Aufschrift Road closed for winter gewirkt hatte, als sei es vor langer Zeit am Straßenrand vergessen worden. Die Sonne hatte an jenem Tag, es war erst ihr zweiter im Wohnmobil gewesen, klar und leuchtend geschienen und sie waren beide im T-Shirt in der Fahrerkabine gesessen. Kurzerhand hatte Kevin das Wohnmobil um das Schild herumgelenkt. Die Straße sollte sie durch die Cascades-Gebirgskette bringen, weit oben im Norden, fast schon an der Grenze zu Kanada. Sie nicht zu nehmen, hätte einen Umweg von mindestens einer Tagesfahrt bedeutet.
Wenn er es genau bedachte, überlegte Kevin jetzt, hatte er da schon kein gutes Gefühl bei der Sache gehabt. Aber es war immerhin schon Mai, der Winter also lange vorüber. Außerdem hatte er nicht übervorsichtig wirken wollen, nicht unerfahrener als Lara. Dabei wusste Kevin natürlich, dass Lara ebenso wenig Erfahrung im Reisen besaß wie er.
Sie waren dann noch über eine Stunde gefahren, bis er den Wagen hatte wenden müssen. Der Schnee hatte da schon den Asphalt überzogen, wie ein dünner, trügerischer Film. Zwischen den Bäumen links und rechts der Straße hatte er deutlich höher gelegen, ein festes, dreckiges Weiß. Die allein stehende junge Fichte, deren Stamm aufrecht und störrisch aus der geschlossenen Schneedecke herausgeragt hatte, ganz nah am Straßenrand, hatte er im Rückspiegel nicht gesehen.
»Immerhin hast du an dem Baum deine Spur hinterlassen«, sagte Lara. Kevin wusste nicht, ob sie scherzte. Es klang eher so, als würde sie etwas daran bedauern.
Er sagte nichts.
Am Abend waren sie wieder zurück im Tal gewesen. Der Schriftzug Welcome to Concrete hatte die verwitterte Fassade eines wuchtigen Betonsilos am Ortseingang einer kleinen Stadt überzogen, in ausgeblichenem Orange. Er hatte diesen Anblick im Abendlicht fotografieren wollen, es dann aber vergessen, da er mit der Taschenlampenfunktion seines Mobiltelefons die Stelle am Wagen abgesucht hatte, mit der er beim Wenden die Fichte gestreift haben musste. Millimeter um Millimeter hatte er inspiziert, ohne auch nur den kleinsten Kratzer zu finden. Laras Eltern hatten das Wohnmobil angemietet und bezahlt. Kevin wusste nicht, welche Art von Schäden abgedeckt sein würden.
Weiter vorn tauchte jetzt ein braunes Schild am Straßenrand auf.
Lara schnalzte mit der Zunge. »Elf Meilen bis zu den heißen Quellen«, las sie laut vor, »zwölf bis zum Wanderparkplatz.«
Über den Entfernungsangaben prangte groß der Schriftzug Sol Duc Road.
Kevin trommelte leise mit den Fingern auf das Lenkrad. Er besaß eben doch ein Talent für das Unterwegssein, dachte er.
»Glück gehabt«, sagte Lara.
Sie klappte die Sonnenblende herunter. In dem kleinen Spiegel betrachtete sie ihre Lippen, die sie über den Zahnreihen spannte, bis sie fast weiß waren. Mehrmals schob sie ihr Kinn dabei vor und zurück.
Kevin setzte an, um ihr zu widersprechen. Es war eben nicht nur Glück gewesen. Aber dann tat er es nicht. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, die trocken waren, und ließ das Fenster herunter.
Kühle, raue Waldluft, die noch nach dem morgendlichen Regen roch, blies ihm an der Wange vorbei. Er meinte, noch etwas anderes darin zu riechen. Einen scharfen, wilden Geruch. Wie nach etwas Lebendigem.
2
Kevin Dauth und Lara Michalsky waren vor etwas mehr als zwei Wochen von Köln mit dem ICE zum Flughafen nach Frankfurt gefahren und von dort aus über London nach Seatt-le geflogen. Auf dem Flug gab es Hähnchenbrust, in einer weißen Parmesansoße und mit einem cremigen Häufchen Kartoffelpüree. Lara schob die Reste von Kevins Püree auf ihre schwarze Plastikgabel und erzählte dabei, dass Flugzeuggerichte so stark gewürzt seien, dass sie, würde man sie am Boden probieren, vollkommen ungenießbar wären. Gemeinsam über-legten sie dann, woran das liegen mochte (Lara konnte sich nicht mehr erinnern) und überboten sich in immer aberwitzigeren Erklärungen, bis ein älterer Herr in der Reihe vor ihnen gereizt den Kopf wandte. Später schaute sich Kevin einen...




