E-Book, Deutsch, 308 Seiten
Kanofsky Ready for take-off
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-2109-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 308 Seiten
ISBN: 978-3-6951-2109-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michael Kanofsky, Werbetexter und Autor in Berlin, zuvor viele Jahre in Wien. Studium Neuere deutsche Literatur und Politische Wissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Veröffentlichungen von Romanen, Prosatexten, Essays und Hörkunstprojekten. www.michaelkanofsky.de
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1
Ein hübscher Phallus ist das, der sich da vor dem milchigen Julihimmel abhebt: Die Eichel ein Turmhelm aus hellem Gestein, durchbrochenes, kunstvolles Rankenwerk, Spätgotik, mit dem Kreuz an der Spitze. Im Schatten von Maria am Gestade, auf der vorletzten Stiege vor dem Eingangsportal, steht Stidmann, Dr. Franz Stidmann, der Literaturwissenschaftler. Interessiert betrachtet er den sich nach oben hin verjüngenden Glockenturm der Kirche.
Neben Stidmann sehen wir Daniel, einen halben Kopf kleiner und, was bemerkenswerter ist, über dreißig Jahre jünger. Genau wie Stidmann hält der Student seine rechte Hand gegen die Stirn, die Mittagssonne, sie blendet.
Auch heute ist es wieder sehr warm und schwül, die Stadt liegt da wie tot. Immerhin: Vom Donaukanal kommt ein Lüftchen die Stiegen herauf. Es ist still, das Hufgeklapper der Fiaker, das Bimmeln der Trambahnen, das Gurren der Tauben: überdeutlich. In der Luft ein süßlich-chemischer Geruch, vermutlich von der Müllverbrennungsanlage in der Spittelau, was Stidmann aber nicht wissen kann, dazu fehlt ihm als sogenannter Kulturtourist eine tiefere Vertrautheit mit den örtlichen Gegebenheiten der Metropole.
Stidmann zeigt sich überrascht, überrascht und angetan von den kunstgeschichtlichen Kenntnissen Daniels, beachtlich für einen gerade einmal Vierundzwanzigjährigen. Kreuzrippengewölbe, Strebewerk, Flamboyant, Tympanonrelief: Diese und andere Weisheiten fliegen nur so heraus aus dem hübschen Mund unseres jungen Genius. Ebenso profund wie sein Wissen über die Bau- und Kirchenkunst der Gotik ist übrigens Daniels Geschicklichkeit mit seinen Händen, seinen Lippen, seiner Zunge, davon konnte sich Stidmann vor nicht einmal zwei Stunden wieder einmal überzeugen, im Badezimmer ihrer Suite in dem Ringstraßenhotel, das Stidmann von Berlin aus gebucht hatte, obwohl er sich die exorbitanten Zimmerpreise eigentlich nicht leisten konnte. Hochriegl brut im Flaschenkühler, Daniels eingeölter Körper im Spiegel goldener Wasserhähne, sag mir, welcher Meister hat diesen jungen Apollon geschaffen? welcher Künstler diese Wangen? welcher Gott diese Ästhetik, gegen die jeder Widerstand zwecklos ist? wie ausnehmend frech, wie quälend langsam sich dieser Spund die geschälte Banane in den Mund geschoben hatte, zum Glück wird der Obstkorb vom Personal täglich frisch befüllt, auch Erdbeeren, Trauben, was immer du willst.
Der Ausblick von ihrem Hotelzimmer entschädigt die Kosten ein wenig. Unten der Schwarzenbergplatz mit der Tram der Linie 71 in Richtung Zentralfriedhof, weiter drüben das Untere Belvedere und das Sowjetische Ehrenmal, der Soldat eisern auf seinem Posten, traurig blickt er von seiner Säule in eine unendliche Ferne aus Birkenwäldern, Sümpfen, Hügeln, in Gedanken bei der Schlacht am Assowschen Meer, oder bei seinem Mädchen, das in der Leningrader Vorstadt auf seine nicht sehr wahrscheinliche Rückkehr wartet. In der Nacht dann Neonreklamen und anderes großstädtisches Glitzerwerk. Stidmann schläft im Übrigen ganz ausgezeichnet in dem Kingsizebett, es gibt eine Klimaanlage, und Daniel schnarcht nicht.
Jetzt treten Stidmann und Daniel in den Schatten des verschlossenen Chorportals. Schutzmantelmadonna und Marienkrönung: Daniel macht ein paar Fotos, auch von den Tauben, dann von Stidmann, der sich zunächst ziert und Daniel mit seinem Gehabe zum Lachen bringt. Wie üblich ist Daniel mit einer Jeans bekleidet, und einem T-Shirt, Baumwolle, weiß, runder Kragenausschnitt, Größe M, unter der Hose eine hellblaue Short, dünngestreift, an den Füßen flappsige Treter aus braunem Leder. Gib mir bitte rechtzeitig Bescheid, wenn ich dir zu alt bin, sagt Stidmann, der nun ein paar Meter weiter geht, um die Kirche durch das Hauptportal zu betreten. Irritiert betrachtet Stidmann den Kadaver einer Ratte. Dieser unheimliche unterirdische Schlund. Abwasser, Exkremente, Schmutz, Getier, Papierfasern, Brodem, Gase, Miasmen, Totendünste, Dunkelheit. Seit seine Frau ihn verlassen hat, leistet sich Stidmann Dinge, die er früher nie gewagt hätte, und Daniel gehört dazu. Mut der Verzweiflung? Oder neues Leben? Wenn man das nur wüsste. Daniel will ihn jetzt sogar nach New York begleiten. Was sagt man dazu? ein Student der Architektur auf einem Kongress voller Literaturwissenschaftler? mit seinem von Michelangelo gemeißelten Gesicht, seinen wirr in die Stirn hängenden brünetten Haaren, der Unbekümmertheit seiner Jugend und der Anmut (was für ein hübsches Wort!) seines Körpers wird Daniel vielen dort ins Auge fallen, Frauen wie Männern, Männern wie Frauen, damit ist zu rechnen. Und wer bezahlt das Ganze? Flug? Hotel? Restaurants? Sightseeing? du, wer auch sonst?
Stidmann ruckt taubenartig mit dem Kopf, wie um einen bösen Gedanken zu verscheuchen, tritt dann, unter den müden sandsteinernen Augen von Johannes, dem Täufer, und Johannes, dem Evangelisten, durch das Haupttor in die Kühle des Kirchenschiffes. Warum mussten sie ausgerechnet im Hochsommer nach Wien reisen? anstatt zu plantschen in der Krummen Lanke? so wie vor zwei Monaten erst, Ende Mai. Stidmann hatte Daniel mit seinem Wagen vor dem Studentenwohnheim abgeholt, der war barfuß, trug nicht viel mehr als eine kurze Hose und ein ärmelloses Shirt, keine Unterhose, wie sich später, auf der nach Wald und Moosen und dem Regen der vergangenen Nacht duftenden Wiese an der Fischerhüttenstraße, herausstellte. Stidmann, seinen vor hundert Jahren in Rio de Janeiro während einer Stefan Zweig-Exkursion nach Brasilien (trotz seiner Flugangst hatte er die lange Reise gewagt und gut überstanden) erworbenen Strohhut auf dem Kopf, hatte Gas gegeben, angenehm berührt vom sanften Druck, der von Daniels linker Hand ausging, die es sich gleich auf seinem Oberschenkel bequem gemacht hatte, nicht doch, nicht während der Fahrt, mein Lieber, nicht bei diesem Verkehr. War das Wetter nicht herrlich mild gewesen? Klare Luft aus Nordwest, und schon warm genug, in das Wasser der Krummen Lanke zu hüpfen, dort, wo der Strand reserviert ist für Nacktheit und Freizügigkeit. Die Kühltasche aus dem Kofferraum holend, warst du dir wie ein Spießer vorgekommen, dabei hattest du dir so viel Mühe gegeben, Getränke, belegte Brote, Tomaten, hartgekochte Eier, feingeschnittene Salatgurken, Radieschen, Obst, Käsewürfelchen, Schokoladenkekse, Küchenrolle, alles da, mein Gott, was sollte der an deiner Seite daher schreitende Jüngling mit dem Künstlergesicht und dem stets ein wenig offenstehenden Mund nur von dir halten? Immerhin hatte Daniel dir die schwere Kühltasche, ein banales hellblaues Ding vom Baumarkt, gleich abgenommen, was du als einen kaum versteckten Hinweis auf den erheblichen Altersunterschied zwischen dir und deinem jungen Freund, deinem Geliebten, interpretiert hast, Kamerad, Gefährte, Lebensbegleiter, Partner seit ein paar Monaten.
Kaum hattest du die karierte Decke auf das Grün gebreitet, unter einer ausufernden Weide, in dem die Spätzchen trällerten und die Eichhörnchen Saltos schlugen, die Blätter zart und hellgrün im blitzenden Licht der Sonne, kaum bewegt in der milden Luft, da stand Daniel auch schon nackt vor dir, jaja, wenn man auf eine Unterhose verzichtet, gehen die Dinge gleich noch einmal so schnell. Daniels schmaler Körper kam dir mit einem Mal ganz und gar unberührt vor, jungfräulich, rein, unerforscht, und hatte dich wieder an die Marmorgötter in der Münchner Glyptothek erinnert. Barberinischer Faun. Diomedes. David. Kouros. Satyr von Praxiteles. Allerdings wurde die Ästhetik des Bildes verzerrt durch die Tatsache, dass Daniel auch nackt noch die profane Kühltasche herumtrug, wie gern hättest du ein Foto von dieser kuriosen Szene gemacht. Du hattest dir zudem die Frage gestellt, ob auch in der klassischen Antike bereits Tätowierungen üblich waren und dir vorgenommen, dieses Thema später zu recherchieren. Daniels Tattoo, rechte Brustkorbseite, rechter Oberarm, zeigt offenbar Motive aus der Kultur der Maori, für dich nichtssagend und kryptisch, allerdings ausgesprochen erregend diese kunstvoll inszenierte Überhöhung körperlicher Gegebenheiten, erinnere dich an den Moment, als du Daniel das erste Mal nackt gesehen hast, das erste Mal die sich vor dir ausbreitende Landschaft seines Körpers berührt, mit welcher Gier du auf das Tattoo gestarrt hast und wieder und wieder mit Hand und Zunge über die kunstvoll verzierten Körperstellen gefahren bist, hemmungslos, dabei den angenehmen Geruch der warmen Haut in dich aufnehmend. Es war das erste Mal, dass du mit einem Mann geschlafen hattest.
Nach einem Blick in die Runde, es waren trotz des schönen Wetters kaum Menschen zu sehen, hattest auch du dich endlich getraut, deine Kleidung abzulegen. Behalt den Strohhut auf! hatte Daniel zum Spaß gerufen, so ein Frechdachs. Wie auch immer: Dein sechsundfünfzig Jahre alter Körper, deine ganze, vom Lebensalter geprägte Kör-per-lich-keit, hält keinem Vergleich stand mit dem jungen Mann, der es sich da bäuchlings auf der Decke bequem gemacht hatte. Wo waren deine Muskeln geblieben? deine Straffheit? deine Kraft? immerhin hast du keinen Bierbauch, und das will schon etwas heißen.
Wie Daniel dann hatte lachen müssen über das...




