E-Book, Deutsch, 296 Seiten
Kanofsky Wulfestieg
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-0002-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Improvisation
E-Book, Deutsch, 296 Seiten
ISBN: 978-3-6957-0002-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michael Kanofsky, Werbetexter und Autor in Berlin, zuvor viele Jahre in Wien. Studium Neuere deutsche Literatur und Politische Wissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Veröffentlichungen von Romanen, Prosatexten, Essays und Hörkunstprojekten. www.michaelkanofsky.de
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Vorspiel
Kulleraugen & Koksnäschen, Schmollmündchen & Wimpernklimpern, Mäuschen & Häschen, Flittchen & Görls, Rein & Raus, Immer & Wieder. Veronique. Simone. Clara. Stevie. Katherina (die mit der Zahnlücke). Yvonne. Michaela. Anettettette. Die niederen Triebe höherer Töchter: Wulfestieg in seinem Element. Es sind so viele, und es werden immer mehr. Das hört ja gar nicht mehr auf, gut so, weiter so. Wulfestieg ist ein wenig durch den Wind: versucht, sich ein Bild zu machen, die Dinge wieder gerade zu rücken, Strukturen zu schaffen, Orientierung zu gewinnen, und verlorenes Land zurück. Was zur Hölle war gestern passiert? what happened the night before? da waren doch diese Jeans, nicht wahr? so knalligeng, das nüscht mehr dazwischen geht, was für ein niedlicher flachbrüstiger Kurzblondschopf, freche Göre, du.
Der Abend war also erfolgreich gewesen (wie erwartet). Natürlich: Hildchen (gerade wieder einmal aus dem Krankenhaus entlassen, geheilt, aber nicht gesund, nein, das nicht) hatte ihn gewarnt, den Zeigefinger gehoben (erhoben). Weiber! Wodka! Whisky! Wahnsinn! Wulfestieg! Willst du das wirklich, mein Lieber? willst du das wirklich?? hatte sie gesagt, geklagt, gejammert über den Heinz mit seiner Blechtrompete, ihren halben Bruder, dessen Kinn in der Tat (und man muss es so sagen) ausgesprochen markant ist, dessen Gesicht Kanten hat und Ecken, da wo´s passt, kein Wunder, dass sie alle (wirklich alle) auf diesen langen Lulatsch standen (Einsdreiundneunzig, die hat nicht jeder). Er (Wulfestieg) musste lächeln. Ein wenig eitel war er schon, das konnte er ruhig zugeben, warum auch nicht? Und der graue Anzug stand ihm wirklich gut, wenn er mit seinen beinahe zwei Metern dort oben auf der Bühne stand, dazu ein weißes Hemd, schmale, dunkle Krawatte, schwarzgelackte feste Schuhe, gewienert auf Hochglanz, so stand er da, so gefiel er sich, so gefiel er den anderen, den Mädels, die johlten, als gäb´s kein Morgen mehr, wenn er seine Soli blies, wie dann alles bebte und vibrierte! das war cool! das war Jazz! das war Berlin! gab´s was Besseres?
Aber Hildchen hatte nicht lockergelassen, hatte ihre qualmende Stuyvesantfluppe auf ihn gerichtet, irgendwie drohend. Diese Groupies werden dich nie in Ruhe lassen, hatte sie gesagt, das alles wird dich irgendwann noch mal umbringen, dabei hab ick doch schon jenuch Sorgen mit mir selba! So nicht, Heinz, so nicht! Heinz, bitte!
Aber Wulfestieg hatte (wie immer) mit nur einem Ohr hingehört, eher noch mit einem halben (wenn man ehrlich ist, und Hilde ist ja auch nur seine halbe Schwester). Dabei hat er grundsätzlich ein gutes Ohr, muss er ja, immerhin ist er Musiker. Insgeheim wusste er natürlich, dass Hilde recht hatte. Hatte sie das nicht immer? Aber was sollte er machen? Michaela und Püppi, Andrea und Sybille, es sind einfach zu viele, und sie sind immer da, wo er sie haben will: ganz, ganz nah bei sich, an seiner Brust, in seinen Armen, im Bett, am sonnigen Wannseestrande, in einer rotstichigen Bar, auf irgendeinem flauschigen Flokati, in einer flackernden Disko. .
Später dann ab zum Auftritt in dem Jazzklub am Mehringdamm, wo sich der Roth Händle-Nebel ungefiltert bis zum Himmel türmte und dort oben klebte seit Jahr und Tag und ohne, dass es jemanden störte. Dabei weiß jeder, dass Husten nicht gut ist fürs Spielen, aber immerhin: die Atmosphäre stimmte. Die anderen waren schon hinter der Bühne als er (verspätet wie meistens) ankam, das war gegen zwanzig nach acht Uhr, und draußen war der Asphalt nass von einem duftenden Mairegen. Er hatte die Luft tief in sich eingesogen. Die Augen geschlossen, dachte er zurück an die Zeit, als die Stadt noch in Trümmern lag, und er ein Knirps war, der von den Amis Chewing Gum bekam, schön war die Zeit. Als er die Augen wieder geöffnet hatte, stand die Wirklichkeit ganz und gar real und ein wenig unschön vor ihm, was ihn irgendwie erschreckte. Die anderen waren also schon da, als er hinter die Bühne schlurfte: Klaus, Andrew, Sergej, Michael und Bernd standen herum wie bestellt und nicht abgeholt, tolle Truppe, zackbumm, da gab´s nichts. Hinter der Bühne war´s finster. Überall Kabel und Stühle und ein zusammengerollter ehemaliger Stammgast, der in seiner Ecke kauerte und Sinnreiches über den Dialektischen Materialismus in seinen Rauschebart murmelte. Bernd das Klavier, hatte einen beachtlichen Pickel auf der Oberlippe, was ihm ein leicht philosophisches Aussehen gab. Klaus, Bass, hatte eine neue Flamme, die ihn ordentlich auf Trapp hielt und zu jeder FU-Demo schleifte. Der Kampf geht weiter! Andrew: Schlagzeuger, Amerikaner, im Hauptberuf Deutschlehrer bei der US Army. Sergej, vor hundert Jahren aus der Ukraine nach Charlottenburg gekommen, spielt Saxophon, Michael eine Halbakustische von Fender. Wulfestieg hatte das Mundstück aus seiner Sakkotasche gekramt und es vor sein kritisches Auge gehalten. Scheint viel los zu sein heute, die Hütte ist voll, oder? Dann hatte er das schön kühle und schön blonde Nullviererschultheiss entgegengenommen, das man ihm freundlicherweise reichte. Draußen, auf der Bühne, mühte sich inzwischen noch eine Combo aus Braunschweig ab.
Doch zurück zu dieser Flachbrüstigen in der ersten Reihe. Meterweise Bein in einer Jeans, die so eng war, dass, wie gesagt, nüscht dazwischen passte, aber auch wirklich gar nüscht (selbstverständlich hatte er´s später probiert mit seiner linken besoffenen Hand, rund geschnittene Fingernägel, man weiß immerhin, was sich gehört). Also: die Simone, vierunddreißig, geschiedene Von Sowieso, fahles Blond, fast so kurz geschnitten wie die Cuts der GIs, die drüben an der Theke mümmelten in ihren Ausgehuniformen, taffe Jungs von der 94th Field Artillery, soldier, why are you in Berlin? to show the Berliners, your allies and the communists the best soldiers in our army!
Die Blonde, von der er inzwischen wusste, dass sie Simone heißt, Simonchen hockte da in der ersten Reihe, ganz vorne, VIP-mäßig fast, lässig, ein blendendes Platinblond im dumpfen Schemen der schummrigen, weil bewusst wattschwachen Clubfunzeln (Peter, der Wirt des Schuppens, wusste, wie man für Stimmung sorgt) und drohte mit den roten Spitzen ihrer knalligen Highheels zu ihm nach oben auf die Bühne, wo´s ihm immer schwerer fiel, sich auf seine Einsätze zu konzentrieren. War er eigentlich so gut wie Miles und Bix und Ornette und Kenny? Nein, das war er nicht, das würde er auch nie werden, aber wenn er jenuch intus hatte, dann vielleicht ja doch. Wer weiß. Der Tag geht, Johnny Walker kommt. Er war ins Schwitzen geraten, weil das Spielen ihm heute so verfluchtverdammtschwer fiel. . In der Pause hatte sie ihm eine Pulle Bier in die Hand gedrückt und mit ihm angestoßen und dazu hübsch gelächelt mit ihren blitzenden Kajaläuglein, .
Später dann, im lichten Glanz einer nach Heu duftenden Mainacht, fuhren sie im Taxi zu ihr. Das Glitzern der Stadt zog an ihnen vorüber. Der Marlboro Man winkte ihm aus seinem Sattel zu, der Geschmack von Freiheit und Abenteuer, er lag ihm auf der Zunge, schon sah er sich in der Carnegie Hall im Charlie Parker-Quintett, doch es ging bloß nach Tiergarten.
Sie hatten geschwiegen, nebeneinander im Fond des Mercedeswagens, der von einem Soziologiestudenten im zwanzigsten Semester gesteuert wurde. Simones Hand auf seinem linken Oberschenkel. Im Radio RIAS, mit Musik zur Nacht und den Kurzmeldungen vom Sport, Klaus Toppmöller hatte den FCK wieder mal in Führung gebracht, was den Fahrer zu einem Brummen veranlasste. Durch das halb geöffnete Fenster kam ein Geruch, dessen DNA Hoffnung auf vielversprechende Ereignisse und verheißungsvolle Abenteuer machte (doch Wulfestieg wusste, dass sich solche Erwartungen niemals erfüllen würden).
Als sie aus dem Taxi stiegen, schwankte Wulfestieg ein wenig. Kein Grund zur Sorge, auch wenn seine Augen ganz schön glasig waren, seine Gesichtsfarbe zugleich käsig schwammig und dunkelgerötet.
Während er, kaum dass sie oben angekommen waren in der hübschen Dreizimmerwohnung mit Blick auf die rotaugigen Schornsteine eines Kraftwerkes, wacker an Simones wirklich bemerkenswert festem und ansehnlichem Ärschchen herumknusperte, hörte er durch das geöffnete Fenster den Kohlefrachter auf der Spree, tucktucktucktucktucktuck, so ging das die ganze Zeit, diese hämmernde Musik wollte gar nicht mehr aus seinem Schädel, dieses tucktucktucktucktucktuck, um ehrlich zu sein hatte er ziemliche Kopfschmerzen von irgendeinem Zwei-Uhr-Morgen-Fusel in einer Bar in der Mommsen Ecke Schlüter, vermutlich Mampe halb und halb, wo er das Zeug doch nicht ausstehen konnte, das weiß doch inzwischen jeder. Tucktucktucktucktucktuck: Wulfestieg stellte sich die Männer auf dem Kohlefrachter vor, unterwegs zu irgendeinem geheimnisvollen Hafen hinter dem Eisernen Vorhang. An Deck zwei Fahrräder, auf einer Wäscheleine die ölfleckigen Hosen und Hemden der Männer, die jetzt in ihren Kojen schliefen, während der Steuermann alles im Griff hatte. Wie gern wäre er jetzt dort und würde weit, weit, weit, weit wegfahren, doch für den Moment streichelte er noch immer über Simones Hinterteil, fahrig, unkonzentriert, sogar ziemlich...




