E-Book, Deutsch, Band 2, 391 Seiten
Reihe: Elementa-Trilogie
Kappel Elementa
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7427-4911-6
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Heilende Rache
E-Book, Deutsch, Band 2, 391 Seiten
Reihe: Elementa-Trilogie
ISBN: 978-3-7427-4911-6
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Daniela Kappel wurde 1988 in Wien geboren und lebt derzeit mit ihrem Mann und den beiden Söhnen in Niederösterreich. Neben ihrem Beruf als Krankenschwester nutzt sie das kreative Schreiben als Ausgleich und Ruhequell im oftmals stressigem Alltag. 'Die Liebe zu Geschichten, vor allem fantastischen Geschichten, brachte mich dazu selbst zu schreiben.'
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“Hörst du das?”, flüsterte Daria und lauschte angestrengt. Vincent war sofort in höchster Alarmbereitschaft und tat es ihr gleich.
Ein leises Rascheln ertönte, gefolgt von einem heiseren Fiepen. Beide rissen den Kopf zur Seite und schauten in die Richtung, aus der die Geräusche kamen. Dann rappelten sie sich vorsichtig hoch und Vincent zupfte ein Blatt aus Darias Haaren.
“Da! Es kommt von dem Strauch da drüben.”, meinte Daria mit gesenkter Stimme. Vincent folgte ihr die wenigen Meter zum östlichen Zaun, wo ein halb kahler Holunderbusch in der Grundstücksecke thronte.
Wieder ertönte das armselige Fiepen und Daria ging in die Hocke. Als sie wieder aufstand, hielt sie ein ziemlich zerrupftes, kleines Vögelchen in Händen. Der hagere, wild zappelnde Kerl sah wirklich erbärmlich aus. Sein Körper wirkte abgemagert, soweit Vincent das sagen konnte. Das braune Federkleid war total durcheinander und auf der Seite zeigte sich sogar eine kahle Stelle. Außerdem fiel Vincent auf, dass einer der Flügel in einem ungesunden Winkel von dem zierlichen Körper des Tieres abstand.
Vielleicht war er einer Katze aus der Nachbarschaft zum Opfer gefallen.
Daria war jedenfalls tief erschüttert und sah Vincent verzweifelt an.
“Können wir denn nichts für das arme Ding tun?”, fragte sie mit belegter Stimme. Vincent zuckte unschlüssig mit den Schultern und nahm ihr das Vögelchen vorsichtig ab. Es zappelte aufgeregt in seiner Hand und sofort machte sich das altbekannte Ziehen in seinem Körper bemerkbar.
Zuerst unterdrückte Vincent es. Er war es nicht gewohnt, seinen Erdkräften einfach so freien Lauf zu lassen. Doch dann dachte er unwillkürlich an Darias Mohnblumenstrauß und fragte sich schließlich ob ...
Mit zusammengebissenen Zähnen schloss er vorsichtig eine Hand von oben um das Vögelchen, sodass es nun in den Mulden seiner Händen eingesperrt war.
Daria sagte nichts, sah ihn bloß mit großen Augen an und wartete gespannt.
Wieder fühlte er das Ziehen tief in seinem Inneren und diesmal ließ Vincent es bereitwillig zu. Die Kraft strömte durch seinen Körper, kanalisierte sich und ergoss sich dann mit einem sanften Glühen in den Körper des kleinen Geschöpfes.
Empfindungen durchströmten ihn, wie er sie nie zuvor verspürt hatte. Er konnte den Herzschlag des Vogels wahrnehmen. Das Blut, das durch die haarfeinen Äderchen schoss. Die Luft, die seine Lungen flutete und ihnen wieder entwich. Jeden einzelnen seiner Muskeln und Knochen und Nerven.
Vincent nahm auch eindeutig wahr, wann es geschafft war. Er lächelt breit und sah Daria erwartungsvoll an. Diese machte noch immer nur große Augen und nickt ihm fragend zu.
Da nahm er die obere seiner Hände weg und der zuvor schwer verletzte Vogel erhob sich heil und frei in die Lüfte.
Beide lachten laut und umarmten sich, während sie dem Vögelchen nachsahen.
“Das war einfach unglaublich Vincent! Ich hatte ja keine Ahnung, dass du so etwas kannst!”, sagte Daria ehrfurchtsvoll und kniff Vincent in den Arm.
“Ich auch nicht.”, gestand er leicht verlegen und auch irritiert von dem, was ihm da eben gelungen war.
Einen winzigen Moment lang konnte sie sich belügen. Sich etwas vorgaukeln, das so nie passieren würde. Mit einem Herzen, das sich tonnenschwer in ihrer Brust anfühlte, gab sie sich dem surrealen Tagtraum hin.
In einem anderen Leben wäre sie hier, um Daria abzuholen. Sie würde aussteigen und mit einem Lächeln im Gesicht zu ihrer Tochter gehen, sie begrüße, in den Arm nehmen und ihr einen Kuss auf das blonde Haar drücken. Dann würde sie wahrscheinlich auch den Jungen in eine Umarmung ziehen und ihm dafür danken, dass er ihre Kleine so glücklich machte. Sie würden nach Hause fahren, zu Erik. Gemeinsam kochen, essen, lachen, einschlafen, aufwachen. Gemeinsam Leben. In einem anderen Leben.
Ihr Hals war rau und die Augen brannten. Kurz glaubte Iris, sich den glimmenden Lichtschein nur eingebildet zu haben, der einige Sekunden lang von den Händen des Terresjungen ausging. Dann öffnete er die Handflächen und ein Vogel erhob sich augenblicklich in die Lüfte.
Eine alles verzehrende Leere breitete sich bei dem Anblick in ihr aus. Ihr Herz, das sich Momente zuvor noch übergroß in ihrer Brust angefühlt hatte, schien jetzt dünn wie Papier geworden zu sein.
Konnte es wirklich wahr sein? Eine Anomalie? Wenn es tatsächlich stimmte, dann wollte sie Daria vor dem was geschehen musste beschützen. Ihre Tochter hatte schon so viel durchgemacht. Sie durfte nicht zulassen, dass Darias Herz genauso brach, wie das ihre.
Gedankenverloren strich Daria sich ihr Kleid glatt und griff dann nach dem Kajal, um sich damit die Augen einzurahmen. Er hatte dieselbe Farbe, wie der glänzende Satin ihres Balloutfits. Kupfer.
Es war der Abend des alljährlichen Herbstballs der Schule. Der Dresscode verlangte der Jahreszeit angemessene Farben. Izzy, die sich gerade die Haare am Hinterkopf hochtoupierte, um sie dann mit einer schmalen Klammer festzustecken, trug einen Traum aus Tüll in einem warmen, kräftigen Orange. Dieser Farbton passte perfekt zu ihrem rötlichen Schopf und brachte ihre blasse Haut zum Strahlen.
“Hey nicht einschlafen! Wir haben heute noch was vor, Süße!”, feigste Izzy und stupste Daria spielerisch mit dem Ellenbogen an. Diese hatte, noch immer tief in ihre Gedanken versunken, den Kajal etwas sinken lassen und abwesend vor sich hingestarrt.
“Kannst du mir mal helfen?”, fragte Izzy, drehte sich halb um und hielt Daria über ihre Schulter hinweg einen Schmuckstecker für ihre Frisur hin.
“Klar.”, erwiderte Daria und nahm das kleine Gesteck aus Kunstblättern entgegen. Izzy zeigte nun auf eine Stelle an der Seite ihrer Frisur, wo Daria das Accessoire befestigen sollte. Wie geheißen schob sie die Klammer an der Unterseite vorsichtig in die toupierten Haare und kontrollierte, ob es auch hielt.
“Schüttle mal den Kopf.”, forderte sie ihre Freundin auf.
“Fühlt sich fest an.”, gab Izzy zurück, woraufhin Daria begann die feinen Satinschnüre, die aus dem Arrangement aus herbstroten Blättern hingen in Izzys Haare zu flechten.
Izzy hatte diesen Stecker selbst gebastelt, sowie auch Darias Haarschmuck, der auf der Kommode bereitlag.
Izzy stieß einen spitzen Schrei aus, weil im Radio eben eine Nummer angestimmt wurde, die sie besonders toll fand. Rasch beugte sie sich vor, drehte die Musikanlage lauter und begann ausgelassen mitzusingen.
Daria lachte und verflocht weiter die dünnen Bänder mit Izzys roten Locken.
Unwillkürlich wanderten ihre Gedanken wieder zu dem Traum von letzter Nacht. Wie gern würde sie ihrer Freundin davon erzählen. Doch dann müsste sie ihr auch von dem Vogel berichten, den Vincent mit seinen Kräften geheilt hatte und sie war sich nicht sicher, ob Vincent das wirklich recht wäre. Er hatte so erstaunt, ja beinahe erschrocken, über sich selbst gewirkt.
Noch immer sah sie das sanfte Glühen der Energie, die von Vincents Händen in den kleinen Vogel übergegangen war, vor ihrem geistigen Auge. In dem Traum der letzten Nacht hatte sie seine Kräfte auch am eigenen Leibe fühlen können. Sie war der Vogel gewesen, der dankbar die Lebenskraft aufgenommen hatte. Ihre Schmerzen und Ängste waren verschwunden. Wurden verdrängt von dem warmen Gefühl der ihre Glieder durchströmt hatte. Und dann war sie geflogen.
“Bist du fertig?”, fragte Izzy und riss Daria damit aus ihren Gedanken. Sie hatte den Zopf schon fertig geflochten und hielt nun das Ende zwischen ihren Finger. Rasch nahm sie sich eines der kleinen, durchsichtigen Gummiringe von Izzys Schminktisch und fixierte die Strähnen.
“So und jetzt bist du dran. Dreh dich um.”, forderte Izzy sie auf. Gehorsam wandte Daria sich dem Spiegel zu und beobachtete durch das Glas, wie Izzy ihre Haare frisierte.
“Sag mal, wie läuft es denn eigentlich zwischen Vinc und dir?”, fragte Izzy mit einem so beiläufigen Tonfall, dass Daria augenblicklich skeptisch wurde. Sie zog die Augenbrauen hoch und meinte vorsichtig: “Gut.”
Das war offenbar nicht das, was ihre Freundin hatte hören wollen. Izzy schnaubte belustigt und warf Daria einen vielsagenden Blick durch den Spiegel zu. Dann klemmte sie sich eine Haarnadel in den Mundwinkel und nuschelte daran vorbei: “Jetzt sag bloß nicht, dass da noch nichts zwischen euch gelaufen ist.” Daria lachte nervös und stieß ihren Ellenbogen nach hinten.
“Aua.”, quietschte Izzy. “Entschuldige bitte, aber ich bin deine beste Freundin. Ich habe doch wohl ein Anrecht darauf ein wenig bei dir mit zu leben. Schließlich hast du einen Freund und damit die Chance auf ein Liebesleben. Ganz im Gegenteil zu mir. Meines beschränkt sich, wie du ja schon weißt, auf einen sehr aufwühlenden Kuss. Er war zwar echt schön, aber um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass ich in dieser Hinsicht bald mehr erwarten darf.” Bei den letzten Worten verzog sie mitleiderregend ihr Gesicht. Wie ein Welpe, der um ein Stückchen Wurst bettelte. Daria musste lachen.
“Schon gut, schon gut. Nur muss ich dich leider enttäuschen. Ich habe zwar einen Freund aber mein Liebesleben ist trotzdem ziemlich unspektakulär.” Izzy musterte Daria eindringlich, als überlegte sie, ob sie ihrer Freundin das wirklich abkaufen sollte. Daria zuckte mit den Achseln.
“Meistens behandelt er mich wie ein rohes Ei. Ganz so als würde ich zerbrechen, wenn er mich zu fest anfassen würde. Und umso mehr er mich so behandelt, umso mehr fühle ich mich auch so.”, gestand sie leicht verlegen.
“Dann musst du einfach die Initiative ergreifen!”, sagte Izzy mit einem Zwinkern....




