E-Book, Deutsch, 271 Seiten
Karasek Süßer Vogel Jugend
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-455-81207-7
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
oder Der Abend wirft längere Schatten
E-Book, Deutsch, 271 Seiten
ISBN: 978-3-455-81207-7
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hellmuth Karasek, Journalist und Schriftsteller, leitete über zwanzig Jahre lang das Kulturressort des Spiegel, war Mitherausgeber des Berliner Tagesspiegel und schrieb u.a. für Die Welt und Die Welt am Sonntag. Er veröffentlichte u.a. Billy Wilder. Eine Nahaufnahme (1992), Mein Kino (1994), ein Buch über seine Lieblingsfilme, Go West! (1996), eine Biographie der fünfziger Jahre, die Romane Das Magazin (1998) und Betrug (2001), Karambolagen. Begegnungen mit Zeitgenossen (2002), seine Erinnerungen Auf der Flucht (2004), den Bestsellererfolg Süßer Vogel Jugend oder Der Abend wirft längere Schatten (2006), Ihr tausendfaches Weh und Ach. Was Männer von Frauen wollen (2009) sowie die Glossenbände Vom Küssen der Kröten (2008), Im Paradies gibt's keine roten Ampeln (2011), Auf Reisen. Wie ich mir Deutschland erlesen habe (2013) und Frauen sind auch nur Männer (2013). Hellmuth Karasek starb am 29. September 2015 im Alter von 81 Jahren.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Cover
Titelseite
Alter ist immer noch [...]
Das Zirpen der Grillen
Die Wut über den verlorenen Groschen
Wachtraum: Ödel sei der Mensch, hilfreich und gut
Im freien Fall
Wachtraum: Nicht jugendfrei
Hartz-Reise zum Blocksberg
Im Sog der Elemente
Kollegen, Freunde: Unter Geiern
Der ewige Jugendstil
Schlafes Bruder
Im Konjunktiv
Unsterblichkeit
Das ewige Leben – ein Traum ohne Todesfurcht
Der Jungbrunnen
Marienbad – der letzte Jungbrunnen
Schönheit ist machbar, Herr Dr. Nachbar
Am Styx – ein Traum
Zwei Ärzte
Erinnerung an eine weiße Wolke
Matchpoint
Vom armen und vom reichen B.B.
Es war einmal
Wie Onan seine Nachkommen in den Sand setzte
Als die Eltern noch Mutti und Vati waren
Von der Resignation
Wohin mit den Alten?
Das Alter – ein Witz
Vom Hölzchen aufs Stöckchen
Akt
Dass wir in einer [...]
Gesegnetes, verfluchtes Alter
Großväter und Großmütter – Das zweite Alter
Gevatter Tod
Quellennachweis
Anmerkungen
Über Hellmuth Karasek
Impressum
Das Zirpen der Grillen
Wer Grillen jagt,
wird Grillen fangen.
Deutsches Sprichwort
Früher hieß es von den Alten, dass sie »Grillen« haben, »Grillen fangen«, was so viel bedeuten sollte wie Marotten haben, wunderlich werden und versponnen, zu fixen Ideen neigen.
Ich bin den Grillen bei einer gründlichen Untersuchung, einem sogenannten »Check-up«, begegnet, bei dem sich Apparate über uns hermachen, die immer genauer, immer bunter, mit immer phantasiereicheren Bildern und Symbolen unser Innerstes nach außen bringen, in teils naturgetreuen, sozusagen in der Körperlandschaft abfotografierten Bildern, teils in Bildern, übersetzt aus Daten vom pulsierenden Pumpen in der Aorta, von der Ausdehnung der Leber, der Füllung der Blase. Ultraschall heißt das. Und die Bilder, die produziert werden, haben die gleiche Entwicklung durchlaufen wie der Film und das Fernsehen: Sie werden immer bunter, können Töne absondern und werden von Computern gesteuert. So habe ich meine Kinder bereits im Mutterleib sehen können, damals noch als primitive schwarz-weiß schraffierte Strichzeichnung, wenn auch bewegt. Und der Arzt fragte: »Wollen Sie wissen, was es wird?« Und wir, die künftige Mutter und ich, haben »Nein« gesagt. Und er hat zu seinem Glück gesagt, er wisse es auch nicht. Zu seinem Glück! Denn wenn er etwas gesehen hätte, hätte er bloß etwas sehen können, was nur ein Junge hat. Logisch! Der Mehrwert! Das Plus! Selbst Tomographen sind Chauvis! Es wurde ein Mädchen.
Inzwischen zeichnen die Geräte die Babys in Utero als hinreißende Technicolor-Bilder auf. Der Fortschritt lässt sich auch hier nicht aufhalten. Und das Alter bleibt auch hier hoffnungslos zurück.
Eines Tages werde ich traurig sagen: »Ich gehöre noch zu der Generation, die ihre Babys nur unscharf schwarz-weiß im Bauch der Mutter gesehen haben!« Und meine Tochter wird sagen: »Ich habe mein Baby farbig gesehen. Farbig, scharf gestochen. Wie im richtigen Leben!«
Alles ist viel genauer. Und so hat die Assistentin mir alles auf dem Bildschirm des Ultraschallgeräts gezeigt, wirklich alles, nachdem sie lange gebraucht hatte, das neue Gerät zu verstehen. Sie musste erst mit ihrer Kollegin telefonieren. Und hat dann immer »Aha« gesagt. »Aha!« und eine Taste bedient. »Aha! Ja so!« – »Ich muss mich entschuldigen«, sagte sie zu mir, »ich war länger im Urlaub, und in der Zeit haben wir einen neuen Sonographen bekommen. Elektronisch!« – Ich sah also blaue und rote Blutströme ums Herz und aus dem Herzen pulsieren, manchmal schaltete die Assistentin auf Momentaufnahme, und das Bild blieb stehen, und mir stockte der Atem unwillkürlich, als wäre mein Herz über den Stillstand so erschrocken, dass es stillestehen wollte. Doch dann, Gott sei Dank, setzte sie das Herz wieder in Gang, ich atmete durch. Sie konnte es auch klopfen lassen. Und dann schlug es laut, regelmäßig, aber schleppend, fast ein wenig schmatzend. Und ich war meinem eigenen Herzen noch nie so fremd gewesen – außer bei einer Gemeinheit, wo ich es auch laut schlagen hörte, wenn auch nicht so laut.
Einmal habe ich auch schon in mein Herz gesehen. Nicht nur sonogrammatisch übersetzt, sondern wirklich. Tief ins Herz. Durch eine Kanüle, die Bilder senden konnte. Aus dem Herzen und seiner Finsternis. »Das Herz ist ein Muskel, Maske«, heißt es bei Carl Sternheim in der »Hose«. Aber was für einer!
Dass ich in mein Herz blicken durfte, hing damals schon, es ist zehn Jahre her, mit dem Alter zusammen! Ich war früh ins Büro gekommen, noch vor den Sekretärinnen, und hatte mir so ungeschickt die Post und einen Stapel neuer, unausgepackter Bücher unter den Arm geklemmt, dass mich bald darauf ein ziehender Schmerz im linken Arm und in der Brust plagte. Das heißt, er plagte mich nicht, weil er leise war, er beunruhigte mich, weil ich mit meinem in den Illustrierten angelesenen medizinischen Halbwissen (Halbwissen ist noch geprahlt, Deziwissen wäre besser, auch eher ein Fluch als ein Vorteil der Informationsgesellschaft) dachte, Achtung!, das habe ich doch neulich im »Stern«, oder war es in der »Bunten«, egal, gelesen: So kündigt sich ein Herzinfarkt an. Allerdings nur, wenn er mit einem tiefen unerklärlichen Angstgefühl verbunden ist.
Ich hatte kein unerklärliches dumpfes Angstgefühl, bekam es aber sofort, als ich mich angesichts des langsam wachsenden Schmerzes an die Lektüre des »Stern« oder der »Bunten« erinnerte. Unsinn, dachte ich und wollte den Gedanken an den Schmerz beiseiteschieben, als die Sekretärin hereinkam, mich begrüßte und mir irgendetwas von einem Anruf sagte und dass ich dringend zurückrufen solle. War es, weil diese Mitteilung mich an die Nervensäge erinnerte, die sich hinter dem Namen zu dem Rückruf verbarg, war es, weil ich beim Herumdrehen zu der Sekretärin wieder auf meinen Schmerz aufmerksam wurde, jedenfalls machte ich offenbar eine übertriebene Leidensmiene, vielleicht auch um mich vor weiteren unangenehmen Terminankündigungen meiner Sekretärin zu schützen!
Sie sah mich an und fragte erschrocken: »Fehlt Ihnen was? Haben Sie Schmerzen?«
»Ach, es ist nichts«, sagte ich scheinbar beschwichtigend, aber in Wahrheit hypochondrisch aufwiegelnd. »Ich hab nur so einen momentanen Schmerz in der Brust« – ich zeigte auf meine Herzgegend – »der zieht sich in den linken Arm hier!« Ich folgte mit dem rechten Zeigefinger dem unsichtbaren Aderverlauf im linken Arm herab bis zum Handteller.
»Damit soll man nicht scherzen«, sagte die Sekretärin. »Vor allem nicht in Ihrem Alter.«
Offenbar hatte sie auch den Artikel im »Stern« oder in der »Bunten« gelesen. Oder eine entsprechende Gesundheitssendung im Fernsehen gesehen. Oder die Apothekerzeitschrift mitgenommen, als sie sich Aspirin besorgte oder Zahnseide.
Ich zuckte die Achseln. Das heißt, ich wollte die Achseln zucken, was aber nur den Schmerz im Arm verstärkte.
»Damit soll man nicht spaßen!«, wiederholte die Sekretärin.
»Ich weiß«, sagte ich, »vor allem nicht in meinem Alter.«
»Soll ich einen Arzt rufen?«, fragte sie.
»Geben Sie mir noch eine halbe Stunde«, bat ich sie. »Wenn es dann nicht besser wird …«
»Also gut«, sagte sie, »eine halbe Stunde … wenn es dann nicht zu spät ist …«
Sie hat dann aber gleich den Notarzt angerufen. Sie war eine Aushilfssekretärin, und ich war wirklich nicht mehr der Jüngste. Von einem gewissen Alter an, so steht es in der »Apothekerrundschau«, im »Stern« und in der »Bunten«, ist man dauernd in Gefahr.
Dann kam mit Blaulicht ein Notarztwagen. Und zwei Männer maßen meinen Blutdruck, fühlten meinen Puls, schnallten mich auf eine Trage und fuhren mich im Lift hinunter. Die Menschen in dem Bürohaus, die mich sahen, blickten mich mitleidig an, ließen ihre Augen besorgt meiner Trage folgen. Und dann ging es ins Krankenhaus. Dort wartete ich zwei Stunden, da aber mein Schmerz nicht nachließ, wartete ich geduldig. Und alles wurde wieder gemessen und wieder nichts festgestellt. Ich wurde in einen Flur gelegt, und ein Arzt mit einem jugoslawischen Namen auf dem Namensschild sah meinen tschechischen Namen auf dem Bettschild und fragte: »Du krank? Was fehlen?«
Und das trotz meines Alters! Daraufhin hat ihm die Schwester, die neben ihm stand, etwas ins Ohr geflüstert. Und er ist gegangen. Später kam er zurück und sagte fließend, die Schwester kenne mich aus dem »Literarischen Kabarett«. Ob das sein könne. Dann wollte der Chefarzt einen Buchtipp von mir, nachdem er mir gesagt hatte, dass mir nichts fehle. Trotzdem wolle er mich zur Beobachtung dabehalten. Ich musste aus der Klinik flüchten, weil ich in München eine Lesung hatte.
Zurück in Hamburg, hatte ich wieder das schmerzliche Ziehen in der Brust. Und als ich einen befreundeten Oberarzt des gleichen Krankenhauses bei einer Abendveranstaltung traf, sagte auch er: »Damit soll man nicht scherzen! Lass uns auf Nummer sicher gehen.« Und holte mich nächtens wieder ins Krankenhaus.
Und dann wurde ich für eine Computertomographie in eine Trommel geworfen. Und dann stellte sich heraus, dass es nicht das Herz, sondern ein eingeklemmter Nerv war.
Also wurde ich zu einem anderen Arzt geschickt, der sich mein Röntgenbild ansah und »Hmm!« sagte.
Und dann erzählte er mir, dass unser Rückgrat nicht für den aufrechten Gang geschaffen sei. Wir Menschen! Wir Steppentiere! Zuerst Jäger, Sammler und Aasgeier auf allen vieren. Mit dieser falschen Wirbelsäule, das könne nicht funktionieren! Erst recht nicht, seit wir über dreißig Jahre alt würden.
Ich lächelte geschmerzt.
Mein Nerv habe sich in der Wirbelsäule verklemmt, weil ein Wirbel … Und dann empfahl er mir eine gymnastische Therapie.
Mein Schmerz verflog aber schon auf dem Heimweg. Wahrscheinlich hatte sich der Nerv aus Angst vor der gymnastischen Therapie selbst aus der Verklemmung im Rückenmarksgelenk befreit. Und ich konnte, obwohl längst über dreißig, beim aufrechten Gang bleiben. Ohne Gymnastik und ohne Gesundheitsschuhe.
Doch zurück zu meinem Check-up 2006 und den Grillen des Alters. Als nämlich der Arzt das Ergebnis vom Ultraschall in Technicolor in Händen hielt, sagte er mir, eigentlich sei alles in Ordnung: EKG, Belastungs-EKG, Ultraschall. Nur die eine Herzklappe, die gebe am unteren Ende ein wenig nach, aber es sei so wenig, dass es den Bluteintritt in die Herzkammer nur unwesentlich beeinflusse. Eigentlich überhaupt nicht. Und bis vor ein paar Jahren hätte das mit einem Ultraschallgerät noch gar nicht festgestellt werden können. Und so solle ich mich – seine Betonung lag auf...




