Karpe | Die Göttin, die von Blüten träumte | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Reihe: Nagel & Kimche

Karpe Die Göttin, die von Blüten träumte

Kriminalroman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-312-01239-8
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Reihe: Nagel & Kimche

ISBN: 978-3-312-01239-8
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Peter Falcon ist ein Mann, zu dem die Kunstwerke sprechen. Das Auktionshaus Chroseby bittet ihn um seine Hilfe bei der Frage, ob eine berühmte Wachsbüste, die Flora, von Leonardo da Vinci stammt oder doch nur eine Fälschung ist - bis heute ungeklärt. Die Wissenschaftlerin Laura Petreus hat bereits ein neues Datierungsverfahren gefunden, was bei der Flora eingesetzt werden soll. Doch plötzlich ist nicht nur die Wissenschaftlerin verschwunden: es wurde auch die Büste aus dem Museum gestohlen!
Was hat die brasilianische Wissenschaftlerin mit der Bienenzüchterin in der Märkischen Heide zu tun, auf die Peter Falcon bei seinen Nachforschungen stößt? Und welche Rolle spielt in der ganzen Angelegenheit der Urururenkel des Künstlers Richard Cockle Lucas, der als einer der potentiellen Urheber der Büste gilt?
Peter Falcon begibt sich auf eine spektakuläre Verfolgungsjagd quer durch Europa, die ihn schließlich nach Italien führt, auf die Route der Renaissance.



Leif Karpe, geboren 1968, wuchs im Schwarzwald, in Brasilien und dem Ruhrgebiet auf. Seit über dreißig Jahren arbeitet er als Regisseur und Kameramann für Dokumentar- und Spielfilme mit dem Schwerpunkt Kunst. Daneben betätigt er sich als Autor. Seine Romane sind vom Magischen Realismus geprägt.

Karpe Die Göttin, die von Blüten träumte jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Die Weltverbesserungsmaschine

»Leonardo oder nicht, das ist hier die Frage!« In seinen kleinen Laden »Falcon’s Comics & Records« in New York war Giovanna gekommen, wie sie es bisweilen tat, wenn sie wieder einen heiklen Auftrag für ihn hatte. »Tiffany« lag nicht gerade um die Ecke, aber auch hier, im Souterrain seines Ladens, erschien nicht nur ihr Kostüm von einer zeitlosen Eleganz.

Das einfallende Frühlingslicht verfing sich in ihrem dichten, schwarzen Haar und auch Peter schien Ähnliches zu widerfahren. Schon einmal hatte er sich eingeredet, dass er einen Auftrag von ihr nur des Geldes wegen annahm, um seinen kleinen Laden zu erhalten. Doch es war wohl eher das Lächeln der schönen Italienerin, das ihn dazu brachte, in ein verhasstes Flugzeug zu steigen und über den Atlantik zu fliegen.

Giovanna Ferrara vertrat das Auktionshaus Chroseby, eines der größten der Welt. Milliarden wurden hier umgesetzt, Werke für dreistellige Millionensummen versteigert. Eine glamouröse Welt, der Peter vor über zwanzig Jahren den Rücken zugekehrt hatte. Die Welt der Kunst war längst ein Dschungel geworden, in dem das Täuschen und Tricksen an der Tagesordnung war. Kunstraub und Fälschungen zählten mittlerweile neben dem Drogen- und Menschenhandel zu den lukrativsten kriminellen Delikten. Doch vor drei Jahren, bei dem »Sternennacht-Fall«, hatte Giovanna Ferrara ihn entdeckt: Peter Falcon, den Comic-und Schallplatten-Händler am Rande von East Village, der eine gewisse Gabe hatte. Und nun schien es ganz so, als wäre es wieder an der Zeit, diese unter Beweis zu stellen.

»Sie kennen das Bode-Museum in Berlin?«, fragte sie.

»Ja«, erwiderte er, ein wenig misstrauisch. »Natürlich. Ich war allerdings noch nie dort.«

»Das wird sich ändern«, meinte sie fröhlich und blätterte gedankenverloren in einem Manga-Comic.

Peter stöhnte auf.

»Es geht um eine Wachsfigur, genauer um eine Büste.«

»Ich bitte Sie, Giovanna. Da finden Sie doch sicher einen Experten bei Madame Tussauds.«

Giovanna Ferrara lächelte amüsiert.

»Oh, mein lieber Peter. Eine solche Skulptur werden Sie schwerlich in einem Wachsfigurenkabinett finden. Es handelt sich angeblich um ein Werk von Leonardo da Vinci.«

Peter sog scharf den Atem ein. Er war sich nicht sicher, ob sie ihn auf den Arm nahm. Sicher, sie neigte nicht dazu. Aber eine Wachsfigur von Leonardo?

»Entschuldigen Sie, Giovanna. Das klingt ja wie: Ein Traktor von Porsche.«

Nun lachte sie laut auf.

»Ja, in der Tat. Und ob Sie es mir glauben oder nicht. Es gibt auch Traktoren von Porsche. Mein Großonkel Umberto besaß einen, mit dem er seinen Hof im Trentino bewirtschaftete.«

Das Bild einer jungen Frau, die im Spätsommerlicht auf dem Radkasten eines roten Traktors sitzend durch eine zypressengesäumte Hügellandschaft fährt, blitzte kurz bei Peter auf.

»Es gibt also eine Wachsfigur von Leonardo?«

»Oder auch nicht. Es könnte sich auch um eine Fälschung aus dem 19. Jahrhundert handeln, geschaffen von einem englischen Schlitzohr namens Richard Cockle Lucas. Doch die Befürworter der Leonardo-Hypothese argumentieren mit dem unverwechselbaren leonardischen Lächeln. Dafür gibt es aber keinen Beweis, denn es ist eine klassische Interpretation. Aber das könnten Sie doch noch ganz nebenbei herausfinden«, zwinkerte sie ihm zu.

»Nebenbei?«

Sie fuhr sich mit der Hand vors Gesicht, als wolle sie eine Fliege verjagen.

»Schauen Sie mich nicht so an, Sie wissen genau, das zieht bei mir nicht. Ich … also, seit hundertzehn Jahren wird darüber gestritten, ob die Büste nun Leonardo zugeordnet werden soll. Doch nun ist etwas passiert, was alles verändert.«

Peter stutzte. Giovanna wirkte plötzlich verunsichert. Er konnte den Kloß, der in ihrem Hals steckte, förmlich selbst spüren. Fast hätte er sich geräuspert.

Sie räusperte sich. »Also, die Sache ist die …«, sie unterbrach sich und wusste offenbar selbst nicht genau, wo sie ansetzen sollte. Ziemlich untypisch für Giovanna, wie Peter erstaunt feststellte, »Es gibt da eine Wissenschaftlerin. Sie heißt Laura Una Petreus. Bis vor Kurzem hat sie in unserem Haus gearbeitet. Petreus gilt weltweit als führend bei der Entwicklung von neuen forensischen digitalen Techniken zur Untersuchung von Kunstwerken. Ihr eilt der Ruf voraus, dass sie Kunstwerke in eine Formel übersetzen kann.«

»Dann brauchen Sie mich ja nicht mehr!«, unterbrach Peter sie erfreut.

Giovanna setzte unbeirrt fort: »Frau Petreus gilt als genial, aber auch als schwierig. Dennoch haben wir sie engagiert. Nach dem Skandal um unseren letzten Experten Charlie White …«

Peter zuckte innerlich, als er den Namen hörte. Sein alter Studienkollege Charlie White. Er hatte durch manipulierte Expertisen zunächst Millionen verdient. Peter hatte ihn in seinem letzten Fall überführt. Nun saß Charlie ein. Wie lange eigentlich noch?

»Die ganze Kunstgeschichte muss auf ein naturwissenschaftliches Fundament gestellt werden, daran hat auch unser Haus ein großes Interesse«, riss Giovanna Peter aus seinen Gedanken.

»Das versprachen wir uns von Laura Petreus’ Engagement und zunächst erfüllte, ja übertraf sie unsere Erwartungen. Die gesamte Kunstwelt staunte über ihre offenbar perfekten Datierungen, die sie, teilweise auf die Woche genau, selbst bei Renaissancewerken machen konnte. Wir bekamen Anfragen aus aller Welt.«

»Klingt doch nach einer Erfolgsgeschichte!?«

»Zunächst einmal eine sehr kostspielige! Frau Petreus orderte immer neue, teurere Geräte für ihr Labor. In unserem Glauben an sie, floss sehr, sehr viel Geld! Sie tat geheimnisvoll und sprach davon, dass sie an einer Art Weltverbesserungsmaschine – ja, so nannte sie es – arbeiten würde, die es ihr bald erlauben würde, alle Kunstwerke zu dechiffrieren.«

»Sie meinen, Kunst in eine Formel zu übersetzen? Was hat das bitte mit Weltverbesserung zu tun?«, fragte Peter ungläubig.

»Tja, Frau Petreus fühlt sich offenbar zu Höherem berufen. Jedenfalls behauptet sie, jedes Kunstwerk bestehe aus Bausteinen und ließe sich in Zahlen übersetzen. Das werde sie bald beweisen können.«

Als würde Giovanna bei ihm einen Nerv treffen, zog Peter eine Schallplatte aus einer Verkaufskiste. »Kennen Sie, oder? ›The Girl from Ipanema‹!?«

»Genau, eine musikalische Mona Lisa …«

Giovanna lächelte: »Kostet aber weniger …«

»Na, immerhin neunzig Dollar. Erstpressung, Verve.«

Peter strich mit seiner flachen Hand sanft über das Cover, als wollte er darin etwas beschützen.

»Vinyl. Dann kam die »Weltverbesserung«: Anfang der der 1980er Jahre wurde die digitale Compact Disc eingeführt, mit dem Versprechen die Schallplatte abzulösen. Digitales ReMastering hieß das Stichwort, und man überredete auch João Gilberto seine Platten ›verbessern‹ zu lassen. Und wissen Sie was? Sie haben die Musik zerstört, als sie auf CD übertragen wurden. Sie haben die Musik in Nullen und Einsen überführt und neu gemischt. Ein Tontechniker schlug vor, die Frequenzen und Dynamiken messen zu lassen, und es stellte sich heraus: Sie sind anders!«

Peter zog die Schallplatte aus dem Cover und drehte das Vinyl so, dass sich das Licht in den Rillen spiegelte.

»Da. Drei Minuten und neunzehn Sekunden. Vierzig Takte. AABA-Form. Zweiviertel Takt. Eine der hervorstechendsten Eigenschaften der Melodie ist die auffallende Beschränkung auf wenige, einfache Motive und deren konsequente Weiterführung durch die …«, Peter hielt kurz inne, als wolle ihm das Wort nicht einfallen. »Akkordfortschreitungen! So einfach ist die Musik des Bossa Nova, ein bisschen so wie ein Kinderlied.«

Auch Peter ereiferte sich wie ein Kind, als würde ihm gerade wieder einfallen, wieso er sich ausgerechnet in dieser prekären Nischenwelt aus Bootlegs und Sonderdrucken im Souterrain einer doch noch ziemlich runtergekommenen Gegend sein Leben eingerichtet hatte. Er schaute Giovanna an. Das Girl from Trentino – wo immer das auch lag: Sie hatte eine Weltkarriere gemacht – ganz im Gegensatz zu ihm.

»Ein A, ein D, ein C. Dann vielleicht wieder ein Akkord. Funktioniert so die Kunst? Nach einer Formel, die es womöglich zu entschlüsseln gilt?«

Peter schüttelte den Kopf und Giovannas grüne Augen blitzten auf. Sie mochte Peters Scharfsinn schon seit ihrer ersten Begegnung, doch so energisch kannte sie Peter nicht. Peter strahlte eine Wärme aus, die nicht berechnend war.

»Nun, Frau Petreus meint genau das. Sie vertritt die Meinung, dass wir durch die Dechiffrierung von Kunst ein völlig anderes Verständnis von den Dingen erreichen könnten. Aber auch sonst wurde sie mit der Zeit immer seltsamer. Sie verweigerte den Zutritt zu ihrem Labor und arbeitete meist bis tief in die Nacht. Schließlich, im Vorfeld unserer großen Herbstauktion moderner Malerei des 20. Jahrhunderts, begann sie sich öffentlich negativ über moderne Malerei zu...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.