Karrie | Land der Selbstmörder - Roman | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Karrie Land der Selbstmörder - Roman


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-95753-452-1
Verlag: Verlag DeBehr eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-95753-452-1
Verlag: Verlag DeBehr eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Bein war schon über dem Geländer, er würde in die Tiefe und somit in Ruhe und Frieden stürzen, von dieser einsamen Brücke herab, irgendwann würde er sicher gefunden werden, vielleicht schon skelettiert, oder die Tiere würde seine Überreste im Wald verteilen. Plötzlich jedoch hielt er inne, er war nicht allein, ein Schatten, ebenso lebensmüde wie er, kletterte in der Dunkelheit über die Brüstung... In naher Zukunft: Deutschland wird fast täglich von Selbstmord-Attentaten erschüttert. In Kaufhäusern, auf Marktplätzen, in Stadien beenden Terroristen ihr Leben und übergießen mit dem Blut 'Ungläubiger' die Böden. Die 15-jährige Muslimin Laila sucht im Sprung in den Tod den Schutz vor einer arrangierten Ehe mit ihrem Vergewaltiger, doch ein ebenso lebensverdrossener junger Mann namens Konstantin rettet ihr das Leben. Die Gerettete gerät jedoch ins Fadenkreuz des IS, sie soll als Selbstmordattentäterin ein blutiges Werk verrichten. Derweil planen Islamisten einen Anschlag in Deutschland, der auf einen Schlag Millionen das Leben kosten soll. Jahre später steht Leila plötzlich vor Konstantin, mit einem Sprengstoffgürtel um den Körper.

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  I Ich war tot. Aber kann ein Toter wieder aufwachen, sprechen und Geschichten erzählen? Doch, er kann. Denn tot ist nicht tot. Wann ist ein Mensch tot? Wenn er oben oder unten angekommen ist – je nach Lebenswandel? Und ab wann ist er tot? Wenn sein Herz zu schlagen aufgehört hat oder erst, wenn sein Hirntod eingetreten ist? Oder erst dann, wenn er – total vergessen in der Erinnerung seiner Freunde, auch seiner Feinde und Verwandten – im Nichts verschwunden ist? Oder einfach nur, wenn er in seinem Leben keinen Sinn mehr sieht?   Für die meisten Menschen ist es schrecklich, den Abgrund vor Augen zu sehen. Der Krebskranke, dessen Tage gezählt sind. Oder der Bergsteiger, der dem Abgrund entgegensieht, und das nicht nur im übertragenen Sinne. Dem Selbstmörder wohl eher nicht, denn er hat ihn ja gewählt. Doch wie steht es um ihn, wenn der Absprung erfolgt ist und er, Turm oder Brücke hinter sich gelassen, die Uhr nicht mehr zurückdrehen kann? Was mag in seinem Kopf vor sich gehen in den ewigen Sekunden vor dem Aufprall? Er wird es uns nicht mehr sagen können. Ich kann es euch auch nicht sagen, denn mein Sprung von der Brücke …   Ich sehe schon, ich laufe Gefahr, am Ende und nicht am Anfang beginnen zu wollen. Also, das hat sich so zugetragen: Ich war im Urlaub in Marokko gewesen. Stopp! Es hatte alles schon viel früher begonnen. Nämlich, als ich meinen marokkanischen Schulkameraden Youssef kennengelernt hatte. Nein, wohl eher schon zu dem Zeitpunkt, als ich beschlossen hatte, aufs Gymnasium zu gehen. Ja, eigentlich noch früher, nämlich als ich hörte, dass mein älterer Bruder Karl unseren Hof übernehmen sollte. Oder etwa noch früher?? Mir schwirrt der Kopf. Man weiß am Ende gar nicht mehr so recht, wann die Weiche gestellt wurde für das im Leben so entscheidende Ereignis. Oftmals kann man von Glück sprechen, da und dort zum richtigen Zeitpunkt gewesen zu sein oder vom Unglück, wäre man doch lieber zu Hause geblieben und nicht auf dem Glatteis ausgerutscht, hätte man lieber doch nicht den Fremden ins Haus gelassen oder wäre zu ihm ins Auto gestiegen. Am besten meidet man Autos, Flugzeuge, auf jeden Fall Glatteis oder …   Das führt jetzt doch zu weit. Was wollte ich noch sagen? Ach ja, mein Selbstmord. Also das war so: Besagter Youssef und ich, wir hatten uns angefreundet. Er hat mir oft von seinem schönen Land erzählt, auch dass es dort immer so schön warm sei und man an den weiten Stränden wunderschön baden könne. Und dann kam der Tag, als er mir Fotos von seiner Familie zeigte. Ein Foto fiel aus dem Rahmen. Es war das Foto mit einem bildhübschen Mädchen, seiner jüngeren Schwester. Erst kürzlich gemacht, zeigt es Laila, eine einmalig exotische Schönheit von siebzehn Jahren. Und da mich Mädchen noch nie so richtig interessiert hatten, bis zu jenem Zeitpunkt jedenfalls, sodass man mich schon fast als schwul eingestuft hatte, war es kein Wunder, dass ich plötzlich vom coup de foudre, also vom Blitz, getroffen wurde. Ich hatte mich sofort in das Mädchen verknallt. Und als mir dann Youssef auch noch berichtete, dass er seiner Schwester schon viel von mir erzählt habe und dieses hübsche Geschöpf mich unbedingt kennenlernen wolle, da war es um mich geschehen. Überdies würde seine Familie mich zu gerne mal zu sich laden. Ich überlegte dann auch nicht lange. Das Ereignis sollte sogleich in den anstehenden Sommerferien stattfinden. Meine kleine Schwester Emmi fand das alles ganz toll und hätte mich nur allzu gerne begleitet.   Meinen Eltern hingegen wollte das Ganze nicht so recht schmecken. Und mein Bruder Karl tönte am lautesten. Ängste hatten die! Und Vorurteile vom Feinsten. Angeblich wussten sie von Fällen, wo man auf diese Weise unser Land besucht, sich hier eingenistet und schließlich geheiratet hätte, nur um mit diesem üblen Trick die deutsche Staatsbürgerschaft und ein dauerhaftes schönes Leben im alemannischen Wunderland zu ergattern. Aber sie hatten auch schon sehr bald begriffen, dass gegen die Liebe immer noch kein Kraut gewachsen war. Also verabschiedeten sie sich mit den besten Wünschen für mein Wohlergehen und gaben mir noch Ratschläge mit auf den Weg, also immer schön wachsam zu sein und ja keine unüberlegten Zusagen machen. „Und bring uns die ja nicht erst mit nach Hause!“ Der Ton wurde an dieser Stelle fast schon bedrohlich, doch verzichtete ich auf jegliche unfreundliche Erwiderung. Das fiel mir sehr schwer, doch wollte ich in Frieden ziehen. Was sollte ich mich auch unnötig über ungelegte Eier aufregen.   Aber so ungelegt waren die gar nicht, wie sich sehr bald schon herausstellen sollte. Die Familie empfing mich dann auch, als hätte sie mich schon seit ewigen Zeiten gekannt und mich sehnsüchtig erwartet. Sie herzten und umarmten mich wie einen von ihnen, der nach langer Reise nach Hause zurückgefunden hatte. Und Speisen wurden aufgetragen! Ich wurde regelrecht gefüttert. Immer und immer wieder bot man mir die feinsten Leckereien an. Und ein bequemes Schlafgemach wurde mir auch zuteil. Ich begann dann auch schon recht schnell, mich richtig heimisch zu fühlen.   Doch wo blieb Laila? Immer wieder fragte ich nach ihr. Sie begleitete mich Tag und Nacht. Im Traum murmelte ich ihren Namen, so jedenfalls berichtete mir Youssef am nächsten Tag. Doch wo war sie abgetaucht? War sie etwa schüchtern und hielt sich versteckt? Ich werde sie noch rechtzeitig zu Gesicht bekommen, ließ man immer wieder verlauten. Sie sei im Augenblick verreist und erkrankt, nichts Schlimmes, aber schlimm genug, um eine Heimreise antreten zu können. Youssef hatte eine weitere Schwester, die nun immer mehr in den Vordergrund rückte. Sie glich ihrer Schwester Laila nicht sehr und war auch nicht so hübsch, ja, eher ein wenig von der Natur vernachlässigt. Und da sie stets lächelte und nur mir allein dieses Lächeln schenkte, war sie mir bald schon nicht mehr so fremd, ja fast schon vertraut. Sie schien mich zu mögen. Und da ich, wie bereits kundgetan, noch recht unerfahren war im Umgang mit dem anderen Geschlecht, fühlte ich mich geschmeichelt und auch ein wenig zu ihr hingezogen. Immerhin war sie das einzige junge weibliche Wesen um mich herum. Alle anderen waren alte Tanten und Großmütter und eine schon recht alte Mutter war auch dabei. Eben die Mutter von Yussef und seinen Schwestern.   Die Ersatz-Laila sprach einige Brocken Französisch, weshalb sich sehr bald schon kleine Unterhaltungen ergaben. Den Rest erledigten Gesten und Mimik. Vor allem Letzteres hatte es mir angetan, denn ich merkte mehr und mehr, dass sie mich sehr gut leiden konnte. Ihr Name war übrigens Rabia. Sie besaß den natürlichen Charme einer wilden Beduinin, ihre Blicke verzauberten mich mehr und mehr und ich spürte plötzlich ein Verlangen, das mir als Spätzünder in Sachen Liebe bislang in dieser Form noch nicht begegnet war. Und eines Tages, da küsste sie mich, unvermittelt und ohne ersichtlichen Grund. Also auf die Wange, das heißt, eigentlich auf beide. Das war, wie sich herausstellen sollte, erst die Anzahlung. Später dann küsste sie mich schon forscher, auf den Mund, allerdings nur auf, nicht in den Mund, wenn ich das mal so unromantisch sagen darf, und ab da fühlte ich mich erwachsen. Mich hatte ein Mädchen geküsst. Und ich durfte jetzt auch küssen. Also küsste ich sie, erst noch zaghaft und unbeholfen. Sie hingegen erwiderte meinen Kuss, heftig und ungestüm. Alle Lailas dieser Welt waren von nun an vergessen. Sie hatte mich an der Angel.   Youssef schien das zu gefallen. Und erst recht seiner Verwandtschaft. Unglaublich! Sie richteten ein richtiges Fest aus. Jetzt durfte ich sehen, wie groß diese Familie war. Die gesamte Sippschaft war angereist. Es wurde gegessen, getrunken, gesungen und getanzt. Auf dem Höhepunkt des Festes trat ein sehr alter Mann hervor, der Dorfälteste vielleicht oder ein Schamane, irgendein Würdenträger jedenfalls. Er führte Rabia zu mir, legte ihre Hand in die meine. Der Vater näherte sich uns mit einer Art Girlande, die er nun über uns ausbreitete. Darauf wandte sich Rabia mir zu und küsste mich zärtlich. Von da an hatte ich nur noch einen Gedanken: Sie und keine andere! Ich wollte sie unbedingt mit in meine Heimat nehmen. Meine Familie wäre gewiss von Rabia angetan. Und wenn es nur deshalb wäre, weil der Sohn der Familie von diesem Mädchen geliebt wurde.   Ich konnte es gar nicht abwarten. Wie würden sie staunen! Und vor allem Karl. Sein Spott war mir noch zur Genüge in den Ohren: „Immer noch keine gefunden. Mit neunzehn noch ohne! Aber wer nimmt auch schon so einen wie dich!“ Meistens folgten dann noch Schmähungen unter der Gürtellinie. Und mein Vater – meine Mutter wohl weniger – hatte sich mit Bemerkungen auch nicht zurückgehalten. „Willst du mal Priester werden oder gleich ins Kloster gehen?“, waren noch die harmlosesten Kommentare. „Was willst du überhaupt werden? Wofür das Abitur? Wofür studieren? Wir bräuchten dich auf dem Hof.“   Na ja, jetzt bekommen sie die nötig ersehnte Hilfe. Während ich während der Woche außer Haus und im Internat bin, kann Rabia bei der Hofarbeit gute Dienste leisten. So machte ich mir Mut. Diesbezüglich hatte ich Rabia schon in Kenntnis gesetzt und sie hatte sich geradezu erfreut gezeigt.       Endlich war er da, der ersehnte Tag meiner Rückkehr daheim. Und wie ein wunderschönes Überraschungsgeschenk, in bunter Folklore verpackt, trug ich sie über die Schwelle unseres Hauses. Meine Mutter tat einen Schrei, meinem Vater hatte es die Sprache verschlagen, Karl hielt sich die Augen zu – und ich stand da, ein...



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