E-Book, Deutsch, Band 4, 608 Seiten
Reihe: Gower Street Detective
Kasasian Die Geheimnisse der Gaslight Lane
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-455-00660-5
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 4, 608 Seiten
Reihe: Gower Street Detective
ISBN: 978-3-455-00660-5
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Martin R. C. Kasasian ist im englischen Lancashire aufgewachsen, hat in Fabriken und Restaurants gearbeitet, auf dem Rummelplatz, beim Tierarzt und als Zahnarzt, bevor er zu schreiben begann. Die Sommer verbringt er mit seiner Frau in Suffolk, im Winter leben die beiden auf Malta. Kasasians beliebte Gower Street-Reihe um Detektiv Sidney Grice erscheint bei Atlantik.
Weitere Infos & Material
Cover
Titelseite
Widmung
Einleitung
1 Das Garstang-Massaker
2 Weichenstellungen
3 Die Dämonen der Nacht
4 Der Zyklop von Sydenham
5 Hezzuba Grebe und die Schlacht von Ruspina
6 Die alte Wunde und die Bestie
7 Die Neun
8 Ausgestochene Augen und Fehdehandschuhe
9 Der steinerne Sarkophag
10 Kutschergrips und Pferdehirn
11 Verschluckte Schlüssel und der unappetitliche Snood
12 Das tollwütige Mündel und Lord Alphretons Sohn
13 Der Fremde im Salon
14 Der Mann im Fliegenschrank und der Elefant im Park
15 Gelbe Meere und perfide Ballungen
16 Der Gipfel der Geistlosigkeit und der schlafende Wandergesell
17 Der Mann, der nicht da war
18 Laute in der Nacht
19 Fleisch und Blut
20 Die Krampe und die Spitzen
21 Das Gästezimmer
22 Die Welt hinter dem Glas
23 Der Tyrann und der Spiegel
24 Brian
25 Die Lampe und die Löwen
26 Der Haken
27 Die Rille und die Narbe
28 Jenseits der Schwelle
29 Die Kurtisane und die Maus
30 Hammelfleisch und Mr Marwood
31 Der erste Dämon
32 Die Psalmen und die Bambusratte
33 Die Augen des Todes
34 Der Axtmörder von der Oxford Street
35 Aufgespießte Blumen und Herzen
36 Die Königin und die Kniescheibe
37 Spuren und Schnecken
38 Unheil im Nebel
39 Falsche Fässer und böse Frauen
40 Leichenverbrennung und der Lohn der Gerechtigkeit
41 Der Mann im Dickicht
42 Saruskraniche und das Kaspische Meer
43 Der Bahnhofsvorsteher, Whisky und der tollwütige Köter
44 Der Mann vor der Tür
45 Notfälle und Verwandlungen
46 Füße, Ellbogen und Leber
47 Die Nacht des Dachses
48 Das Auge des Betrachters
49 Die Mathematik des Mordes
50 Tigerjagd
51 Moses und der Affe
52 Die Tore der Hölle
53 Der Schatten eines Engels
54 Im Namen der Pathologie
55 Die Elgin-Skulpturen und die Größe einer Träne
56 Das Pendel und die Grube
57 Der Himmel und der Mann in Schwarz
58 Affen, Katzen und Drachen
59 Kavaliersäbel und Fegefeuer
60 Geister in der Scheibe
61 Brandy, Gin und Seemannssprache
62 Amtstinte
63 Zigeuner-James und die sanfte Faust
64 Unverschämtheit und Arthritis
65 Doppelte Buchführung und verstopfte Abflüsse
66 Der Steinhagel
67 Schurken und der lackierte Schädel
68 Château Lafite
69 Schlangen
70 Tote Akten
71 Der erste Zustand
72 Die Gassen der Logik
73 Der Gefängniswagen und das leere Geschirr
74 Die Träume der Toten
75 Blut im Gaslicht
76 Der verwundete Tiger
77 Die gefallene Frau
78 Der Preis eines Lebens
79 Der fliederfarbene Finger
80 Die Mary-Morde
81 Ein Spaziergang in den Wolken, schwarzer Schnee
82 Der Bluthund und die Bestie
83 Geister, Ghule und Dämonen
84 Der gefangene Schrei
85 Das Lachen des Teufels
86 Das Rasen des Dämons
87 Der Matratzenmord
88 Die Sintflut
89 Spinnweben und kalte Asche
90 Ein Meer von Ängsten
91 Pan troglodytes
92 Der Blindgänger
93 Die Besitznahme der Toten
94 Der Schneemann
95 Leichenschau
96 Die letzte Stunde
97 Der letzte Grice
98 Scherben
99 Rumpelstilzchen und sein Drache
100 Aufziehsoldaten und die drei Augen des Sidney Grice
101 Sein letzter Diener
102 Fordernde Frauen
103 Im Tode vereint
104 Der Jüngste Tag
105 Crumpets und Katzenminze
Nachwort
Biographien
Impressum
4 Der Zyklop von Sydenham
Ein Regentropfen traf die Scheibe und zerplatzte.
»Fünfundzwanzig«, sagte Sidney Grice.
Fast eine Stunde stand er nun bereits verdrossen am Fenster der Gower Street 125 und hatte sein Schnaufen nur unterbrochen, um hin und wieder um den runden Tisch in der Zimmermitte zu humpeln, bevor er seinen Posten wieder einnahm.
»Fünfundzwanzig was?« Ich gab auf, weiter an meinem Bericht über den Zyklopen von Sydenham zu arbeiten, einem unserer letzten Fälle, und ließ meine Aufzeichnungen sinken.
»Das ungefähre Alter der Frau dort auf dem Gehsteig. Ich kann ihr Gesicht durch den Schleier nicht gut erkennen«, raunte mir mein Vormund über die Schulter zu. »Aber sie hat gerade ihre Brille aufgesetzt, um mein Schild zu lesen, und sie trägt sie fast auf der Nasenspitze.« Er wischte den Beschlag von der Scheibe. »Mir ist schon des Öfteren aufgefallen, dass Männer ihre Brille mit zunehmendem Alter weiter unten auf der Nase tragen, weil sie sie zum Lesen brauchen, aber, da sie weitsichtig geworden sind, ansonsten über sie hinwegspähen. Junge Frauen, die Sehhilfen bedürfen, setzen sie sich anfangs weit unten auf die Nase, um nicht ihre vermeintlich so bestrickenden Augen zu verbergen, und schieben sie dann allmählich weiter empor – je mehr die Notwendigkeit über die Eitelkeit triumphiert.«
»Folglich müssten beide Geschlechter sie mit etwa vierzig Jahren auf dem Nasenrücken tragen«, spekulierte ich.
»Fünfundvierzig«, korrigierte er, »doch ausnahmsweise haben Sie das Prinzip einmal begriffen. Nun hat sie die unterste Treppenstufe betreten.«
»Müssen Sie sie denn so angaffen?«, fragte ich und erntete ein abschätziges Schnauben.
»Aber natürlich muss ich das. Es gehört zu meinem Beruf, Leute anzugaffen.« In der Diele ertönte die Türglocke, und Mr G wandte sich um. »Enttäuschenderweise ist Molly bereits auf dem Weg.«
Ich hörte sie die Treppe hochtrampeln.
»Wieso denn ?«
Mr G nahm seine weinrote Augenklappe ab und ein Glasauge aus seiner Westentasche. Er hielt es zwischen Daumen und Zeigefinger wie ein gütiger Onkel, der Kindern Bonbons anbietet. »Denn wenn sie ihrer Arbeit nachkäme, müsste sie Erstere kurz beiseitelegen, bevor sie sich aus ihrem Schlupfwinkel emporarbeitet.« Dann spreizte er seine rechten Lider und presste das Auge in die Höhle. »Wohingegen ihre rasche Reaktion eher auf ein schuldbewusstes Hochschrecken hindeutet.«
»Auch Molly darf sich hin und wieder ausruhen«, sagte ich.
»Humbug.« Mr G humpelte zum Kaminspiegel und fuhr sich mit den Fingern durchs dichte pechschwarze Haar. »Ihr ganzes Leben besteht aus purem Müßiggang.«
Ich wollte ihn gerade fragen, wer wohl hier die ganze Hausarbeit erledigte, als Molly hereinplatzte. Zu meinem Erstaunen – schließlich bezichtigte Sidney Grice unser Dienstmädchen regelmäßig, in ihrer Uniform zu schlafen –, war ihre Schürze strahlend weiß und faltenlos, wenngleich ihr fuchsrotes Haar wie so oft aus den Spangen gerutscht war, die es bändigen und unter der gestärkten Haube halten sollten.
»’ne Dame wünscht Sie zu sehen, Sir«, verkündete sie und präsentierte ihm das silberne Visitenkartentablett. »Ich hab ihr gesagt, dass Sie sich nich recht wohlfühlen nich, aber sie meinte, es ist dringend.«
»Was fällt dir ein, mit Wildfremden über meine Gesundheit zu reden?«
»Aber es is doch niemand sonst nich da, mit dem ich drüber reden könnte«, erwiderte sie schlüssig. »Miss Middleton ist zu – ach, wie heißt das Wort noch mal?«
»Diskret«, schlug ich vor.
»Langweilig«, beschloss sie.
Ihr Dienstherr schnappte sich die Karte vom Tablett und beschirmte sie mit der Hand wie ein argwöhnischer Pokerspieler. »Miss Charity Goodsmile – was für ein deprimierend fröhlicher Name – aus der West Grundy Street 28.« Er verzog das Gesicht. »Keine sehr angesehene Adresse. Hoffentlich glaubt sie nicht, ich würde mit meinem Honorar runtergehen, wenngleich ihr Aufzug durchaus vermuten lässt, dass sie es sich leisten kann.«
»Sie redet nich wie ’n armer Schlucker«, warf Molly ein.
»Mein Gedächtnis muss nachlassen.« Ihr Dienstherr rieb sich die Stirn. »Ich kann mich nicht entsinnen, dich je um deine hirnlosen Mutmaßungen gebeten zu haben.«
»Machen Sie sich da mal ja nich keine Sorgen«, versicherte ihm Molly. »Ich vergess ständig, beim Kaufmann nach Ihrem Wechselgeld zu fragen oder furchtbar wichtige Nachrichten weiterzugeben, und mit meinem Gehirn is alles in bester Ordnung.«
»Außer, dass du es nie in Betrieb genommen hast«, ätzte mein Vormund. »Führ meinen Besuch herein.«
Ich klappte meine Aufzeichnungen zu und erhob mich, während Molly hinausging, um unseren Gast hereinzubitten.
»Miss Charitable Goodsmell«, verkündete Molly großtönend, und eine schlanke junge Dame folgte ihr ins Studierzimmer.
»Smile«, verbesserte sie die Frau mit sanfter Stimme. Molly bleckte unsicher die Zähne.
»Raus mit dir«, schalt Mr G. »Und bring uns Tee.«
Molly lief rot an, knickste linkisch und verschwand.
»Mr Grice«, sagte die Dame leise. Sie war im Trauerstaat, nur den dünnen Florschleier an ihrem Hut hatte sie zurückgeschlagen. »Wie freundlich von Ihnen, mich zu empfangen.«
»Bitte verwechseln Sie meine Neugier nicht mit Freundlichkeit.« Mr G nahm ihre Hand und verbeugte sich, weniger aus Höflichkeit, als um ihre Hand eingehender zu studieren. Sie war eine bildhübsche Frau, gut zehn, zwölf Zentimeter größer als wir beide, deren rabenschwarzes Haar und nachtfarbenes Kleid sich vorzüglich von ihrem blassen Teint abhoben. Sie hatte weiße makellose Haut und lange Wimpern, die einzigen Farbtupfer in ihrem Gesicht waren das Zartrosa ihrer Lippen, die dunklen, schmalen Linien ihrer Brauen und ein leiser Schimmer Himmelblau in ihren mandelförmigen Augen.
»Setzen Sie sich doch, Miss Goodsmile.« Er geleitete sie zu meinem Sessel, und sie hockte sich aufrecht ganz vorn auf das Polster.
»Meine Freunde nennen mich Cherry.«
»Es tut mir leid, das zu hören.« Er nahm im Sessel gegenüber Platz. »Diese andere Frau hier …«, er wies flüchtig in meine Richtung, »… ist meine Assistentin Miss Middleton.«
Ich gab ihr die Hand. »Wie geht es Ihnen, Cherry? Nennen Sie mich doch March.«
Ich zog mir einen der Walnussstühle vom runden Tisch herüber und nahm zwischen den beiden Platz, dem Kamin zugewandt.
»Der kürzliche Verlust Ihres Vaters muss Sie schwer getroffen haben, insbesondere, da er von Ihrer Mutter getrennt lebte und Sie weder Brüder noch ältere Schwestern haben«, erklärte mein Vormund, und unser Gast straffte den Rücken.
»Sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht, Mr Grice.« Zwei dicke Falten kräuselten ihre Stirn. »Aber woher wussten Sie, dass ich zu Ihnen kommen würde?«
Mr G ließ ein dünnes Lächeln aufblitzen. »Noch vor zwei Minuten und vierzehn Sekunden wusste ich nicht einmal, dass Sie existieren.«
»Man muss kein Detektiv sein, um zu sehen, dass ich einen Verlust erlitten habe.« Sie griff sich an den Schleier. »Doch der Rest Ihrer Ausführungen verblüfft mich.«
»Das ist der Siegelring eines Mannes.« Mr G wies auf die Silberkette um ihren Hals, an der ein goldener, mit einer Siegelplatte versehener Ring baumelte.
»Der könnte auch meinem verstorbenen Gatten gehören«, wandte Cherry Goodsmile ein, doch Mr G schnaubte nur verächtlich.
»Sie tragen keinen Ehering, und wenn Sie ihn abgenommen hätten, um Ihre neuerliche Verfügbarkeit auf dem Heiratsmarkt kundzutun – was obendrein geschmacklos wäre, da Sie noch in tiefer Trauer gehen –, befände er sich ebenfalls an dieser Kette.« Sidney Grice musterte sie prüfend. »Und besäßen Sie einen Bruder oder eine ältere Schwester, wäre der Ring an einen von ihnen gegangen.«
Sie nickte kaum merklich. »Und was ist mit meiner Mutter?«
Mr G ließ seinen linken Daumen über die Nägel seiner Linken gleiten. »Würde sie noch immer mit Ihrem Vater zusammenleben, hätte sie den Ring genommen. Wäre sie tot, würden Sie auch ihren Ring tragen.«
Cherry Goodsmile sah ihn an. »Sie haben ein scharfes Auge, Mr Grice.«
Mein Vormund zuckte mit den Schultern. »Ich sehe nichts, was andere nicht auch sehen können. Was mich von ihnen unterscheidet, ist, dass ich dem, was ich sehe, tatsächlich Beachtung schenke. Mein kolossaler Scharfsinn liegt darin, dass ich weiß, welche Schlüsse ich aus meinen Beobachtungen zu ziehen habe.«
»Dann können Sie mir vielleicht auch sagen, warum ich hier bin?«, wollte sie wissen. Mein Vormund legte den Kopf zur Seite.
»Ich bin imstande, Bücher, Straßenschilder und Zeitschriften in acht Sprachen zu lesen, Gedanken jedoch in keiner davon.« Er lehnte sich zurück. »Nun, selbstverständlich könnte ich mutmaßen, dass es etwas mit dem Tod Ihres Vaters zu tun hat, aber das Selbstverständliche war mir schon immer höchst zuwider, und ich hasse Rätselraten.«
Molly kehrte zurück und stellte ein Tablett auf den Tisch zwischen uns.
»Das stimmt«, beschied sie unseren Gast. »Letztes Weihnachten hat er sich sogar geweigert ›Wer bin ich?‹ mitzuspielen, als Miss Middleton so getan hat, als wär sie dieser Bohner-Pate, oder wie der noch mal heißt.«
»Napoleon«, korrigierte ich sie.
»Mmh, ich hätt schwören könne, der hieß Bohner-Pate«, sinnierte sie. »Und dann haben Sie diesen lustigen...




