E-Book, Deutsch, Band 41, 348 Seiten
Reihe: Hatje Cantz Text
Kase / Klingsöhr-Leroy Legende und Realität
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7757-6043-0
Verlag: Hatje Cantz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Max Beckmann in der Zeit des Nationalsozialismus
E-Book, Deutsch, Band 41, 348 Seiten
Reihe: Hatje Cantz Text
ISBN: 978-3-7757-6043-0
Verlag: Hatje Cantz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Max Beckmann gilt als einer der besterforschten Ku¨nstler der Klassischen Moderne. Seit seinem Tod im Jahr 1950 sind mehr als 4500 Publikationen erschienen. Die Zeit des Nationalsozialismus, in der er als 'entarteter Ku¨nstler' diffamiert wurde, und seine Emigration bilden Zäsuren in seiner Biografie. Überraschenderweise wurde Beckmanns Leben und Werk der Jahre 1933–1945 bislang aber kaum Systematisch auf quellenkritischer Grundlage untersucht. Dieser Forschungslu¨cke widmete sich das Symposium, das von der Kaldewei Kulturstiftung und dem Max Beckmann Archiv der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen im Mai 2024 in Mu¨nchen veranstaltet wurde. Der Band versammelt die vielschichtigen Beiträge der Tagung und eröffnet neue Perspektiven auf das Schaffen des Ku¨nstlers.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Geschichtliche Themen Kultur- und Ideengeschichte
- Sozialwissenschaften Politikwissenschaft Politische Ideologien Faschismus, Rechtsextremismus
- Geisteswissenschaften Kunst Kunstgeschichte Kunstgeschichte: 20./21. Jahrhundert
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Geschichtswissenschaft Allgemein Historiographie
- Geisteswissenschaften Kunst Kunst, allgemein Einzelne Künstler: Biographien, Monografien
Weitere Infos & Material
Abdeckung
Titelseite anhalten
Titelblatt
Inhalt
Vorwort
Von Frankfurt nach Berlin
Spuren des Nationalsozialismus im Werk Max Beckmanns
Emigration, Exil, Verfemung
„Entartete Kunst“ und die Folgen
Emigration und Neuorientierung
Ausstellungen und Kunstkritik (1930–1960)
Kunsthandel (1933–1950)
Abstracts in englischer Sprache
Kurzbiografien
Werkverzeichnisse
Bildnachweis
Impressum
Iris Schmeisser „So schöne Zeiten und ein so bitteres Ende“ Die letzten Jahre in Frankfurt
Beckmann verbrachte die längste Zeit seines Schaffens – mehr als siebzehn Jahre – in Frankfurt am Main, wo er von Oktober 1915 bis Ende Mai 1933 lebte.1 Nach der traumatischen Erfahrung als freiwilliger Sanitätssoldat im Ersten Weltkrieg fand er dort zu einem neuen Stil, konnte bald auf ein Netzwerk an privaten Förderern bauen und profitierte insbesondere in den Jahren der Weimarer Republik von der progressiven Kunst- und Kulturpolitik der Stadt. Beckmanns Werke wurden damals in achtzehn Gruppen- und Einzelausstellungen präsentiert und die Frankfurter Zeitung trug dank zahlreicher Beiträge zu seiner hohen öffentlichen Wahrnehmung bei. Unter dem seit Herbst 1924 amtierenden linksliberalen Oberbürgermeister Ludwig Landmann kam es zu einer umfangreichen Modernisierung der städtischen Kulturlandschaft und Kunstförderung, die Frankfurt für Beckmann attraktiv machte. In der Stadtverordnetenversammlung waren die Sozialdemokraten tonangebend. Im Magistrat standen Landmann visionäre Persönlichkeiten wie der von ihm neue berufene Leiter des Städtebaudezernats Ernst May, der reformorientierte Finanzdezernent und spd-Mann Bruno Asch und der Sozialpolitiker und (seit 1927) Kulturdezernent Max Michel zur Seite. Zudem hatten der von Landmann bestellte Direktor der kommunalen Kunstgewerbeschule Fritz Wichert (seit 1928 „Stadtkunstwart“2) und der Leiter der dem Städelschen Kunstinstitut angegliederten Städtische Galerie Georg Swarzenski (seit 1928 Generaldirektor der städtischen Museen) in Gremien entscheidenden Einfluss auf die Kulturpolitik. Für die Akteure des Wohnungs- und Städtebauprogramms „Neues Frankfurt“ und ihr umfassendes kulturelles Modernisierungsprojekt war es identitätsstiftend, einen so bedeutenden Künstler wie Beckmann an die Stadt zu binden. Diese geradezu programmatische Rolle machte Beckmann jedoch auch angreifbar. Die substanzielle Anzahl an Ankäufen seiner Werke für die moderne städtische Sammlung, die der mit ihm befreundete Swarzenski verantwortete, setzten ihn zudem öffentlicher Kritik aus. Spätestens seit der Wirtschaftskrise und mit Zunahme der politischen Instabilität gewannen antimoderne und rechtsextreme Kräfte an Boden. So waren Beckmanns letzte Jahre in Frankfurt geprägt von der Spannung zwischen der fortschrittlich gesinnten Kommunalverwaltung Landmanns, die ihn weiterhin mit Auftragswerken und Erwerbungen förderte, und den erstarkenden antidemokratischen und antisemitischen Kulturnationalisten, die seine Werke diskreditierten. Der Künstler wurde zunehmend zum Politikum.
„Zeitwende Kunstwende“:3 Beckmann und die kommunale Kulturpolitik
Im Juni 1925 berichtete Beckmann in einem Brief an seine zukünftige Frau Mathilde von Kaulbach, genannt „Quappi“, von einem Telefonat mit dem Direktor der Frankfurter Kunstgewerbeschule: „Heute habe ich mit Wichert telefoniert“,4 schrieb er und fuhr fort: „Er war sehr nett und erzählte, wie er für mich gekämpft hatte, damit ich eine absolute Sonderstellung bekäme […].“5 Bald darauf unterzeichnete Beckmann am 1. Oktober 1925 dank Wicherts Engagement einen Vertrag mit der Stadt, der ihm die Leitung einer Meisterklasse für Malerei an der Frankfurter Kunstgewerbeschule übertrug. Die neue städtische Lehranstalt war im Jahr 1922 aus der Zusammenlegung der kurz zuvor kommunalisierten Kunstgewerbeschule, deren Träger bis 1921 die Polytechnische Gesellschaft war, und der freien Kunstschule des Städelschen Kunstinstituts hervorgegangen, die bereits seit dem frühen 19. Jahrhundert bestand (Abb. 1).6 Die Leitung des neu zu gestaltenden Instituts hatte der zu diesem Zweck berufene Wichert inne, der dieses Amt im April 1923 antrat. Für die neue Frankfurter Kunstgewerbeschule hatte er einen innovativen Reorganisationsplan entworfen, der sich an den Ideen der Bauhauslehre orientierte. Der Lehrplan der städtischen Kunstgewerbeschule sollte durch die Einbeziehung der freien Künste und um die, durch kommunale Mittel finanzierte, Einrichtung von sogenannten „Meisterateliers“ erweitert werden. Beckmann, der 1924 augenzwinkernd über sich selbst geschrieben hatte, er sei „Berliner“ und „leb[e] in Frankfurt a. M.“,7 ermöglichte die neue Stelle ohne feste Lehrverpflichtung außergewöhnliche Freiheiten in der Lehre und Flexibilität zu reisen. Seine Lehrtätigkeit beschränkte sich auf wöchentliche Korrekturen. Der Vertrag garantierte Beckmann ein festes jährliches Einkommen in Höhe von 10 000 rm.8 Sein Gehalt wurde zudem mit 2000 rm durch die private Spende eines „Frankfurter Kunstfreunde[s]“9 finanziert. So brachte er es zuzüglich der Einnahmen aus Bilderverkäufen dank seines Vertrages mit J. B. Neumann auf ein „Ministereinkommen“10 – wie er an Quappi schrieb. Die neue städtische Unterstützung ermöglichte ihm zugleich Schutz und Förderung seiner künstlerischen Freiheit.
Abb. 1: Ateliergebäude der ehemaligen Kunstschule des Städelschen Kunstinstituts, 1920er Jahre, Städel-Archiv, Frankfurt am Main
Neben Wichert und dem einflussreichen Herausgeber und Chefredakteur der Frankfurter Zeitung Heinrich Simon, war der mit beiden eng vertraute Swarzenski einer der wichtigsten Fürsprecher Beckmanns. Bis 1931 trug Swarzenski die damals größte öffentliche Sammlung an Werken Beckmanns zusammen: insgesamt 13 Gemälde und über 100 Arbeiten auf Papier. In der Kunst Beckmanns sah er, wie er 1927 in der Zeitschrift Das Neue Frankfurt schrieb, „die Äußerung einer der wesentlichsten geistigen Kräfte unserer Zeit“.11 Sogar ein eigener „Beckmann-Raum“ habe sich im Städel befunden, wie sich die Kunsthistorikerin Doris Schmidt erinnert.12 Ein weiteres Instrument der fortschrittlichen Kunst- und Sozialpolitik der Ära Landmann war die „Frankfurter Künstlerhilfe“. Ursprünglich während der Inflation als private Initiative für bedürftige Kunstschaffende ins Leben gerufen, wurde diese ab 1924 durch städtische Mittel in Höhe von 100 000 rm aufgestockt und ging ab 1928 gänzlich in kommunale Trägerschaft über.13 Bereits ab 1925 war der Anwendungsbereich der Förderung ausgedehnt worden, um zeitgenössische Kunst einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, indem man Auftragswerke für kommunale Bildungseinrichtungen vergab und besonders qualitätvolle Arbeiten hiesiger Künstler für die städtischen Sammlungen erwarb.14 Insgesamt sieben Gemälde Beckmanns15 fanden auf diesem Weg zwischen 1925 und 1930 Eingang in den Bestand der Städtischen Galerie, darunter das ursprünglich für das Volksbildungsheim vorgesehene Bild Der Strand. Darüber hinaus wurde 1927/28 Grafik von Beckmann in Höhe von 10 000 rm überwiesen.16
Bereits das erste Gemälde von Beckmann, Kreuzabnahme (1917, mb-G 192), das Swarzenski für die Galerie vorschlug – er hatte das Werk noch in der Endphase des Ersten Weltkriegs bei seinem Besuch im Atelier des Künstlers ausgewählt17 –, wurde damals nicht von allen Mitgliedern des städtischen Ankaufsgremiums (unter Landmanns Vorgänger Georg Voigt) befürwortet. Insbesondere der fast achtzigjährige Leo Gans hatte sich vehement dagegen ausgesprochen und trat danach aus der sogenannten „Galeriedeputation“ aus.18 Der Konflikt zwischen deren alteingesessenen Mitgliedern und Swarzenski deutete bereits an, dass über Beckmanns Kunst kulturpolitische Kontroversen verhandelt wurden, die sich bis zum Ende der Weimarer Republik verschärften und von zunehmend radikalen antimodernen und antidemokratischen Positionen in Anspruch genommen wurden.
Die Jahre 1929–1932: turbulente Zeiten
1929 erhielt die spd bei den Stadtverordnetenwahlen im November zwar nach wie vor die Mehrheit der Mandate, aber die nsdap erhielt erstmals 10 Prozent (neun Mandate) der abgegebenen Stimmen. Die Frankfurter Jahre von 1929 bis 1932 waren für Beckmann geprägt von einem Wechsel zwischen Höhen und Tiefen. Die Weltwirtschaftskrise beschleunigte die angespannte politische Situation, da die kommunalen Finanzen zunehmend unter Druck gerieten. Im Herbst 1929 verlieh ihm die Stadt auf der Jubiläumsausstellung des Kunstvereins den Großen Ehrenpreis. Es folgte – ebenfalls im Kunstverein und mit einer Eröffnungsrede von Heinrich Simon – eine große Einzelausstellung seiner neueren Werke und zeitgleich eine Schau seiner Grafik im Kunstsalon Schames. Bereits 1928 hatte er einen mit 8000 rm dotierten Auftrag19 für ein öffentliches Kunstprojekt von der Frankfurter Künstlerhilfe erhalten, die sich mittlerweile aber aufgrund der „ausserordentlichen Anforderungen, die in dieser Notzeit an sie gestellt“,20 in einer „sehr schwierigen finanziellen Lage“21 befand. Vereinbart war, dass Beckmann die Aula der Friedrich-Ebert-Reformschule mit Wandmalereien ausgestalten sollte. Er lieferte jedoch lediglich als Supraporte ein Stillleben mit Musikinstrumenten (mb-G 338) für den Eingang des Saals (Abb. 2), sodass nachverhandelt werden musste, dass er der Stadt zusätzlich drei kleinformatige Gemälde überlassen sollte, die an die Galerie gingen.22
Abb. 2: Stillleben mit Musikinstrumenten, 1930, Verbleib unbekannt, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv, München
Seit 1929 verbrachte Beckmann die Monate September bis Mai in Paris und reiste nur für jeweils eine Woche im Monat nach Frankfurt zur Korrektur der Arbeiten seiner...




