Kaspari / Lendawitsch / Ritter | Naikan - Eintauchen ins Sein 2 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

Kaspari / Lendawitsch / Ritter Naikan - Eintauchen ins Sein 2

40 Jahre Naikan in Europa
2. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-3420-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

40 Jahre Naikan in Europa

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

ISBN: 978-3-7534-3420-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Naikan ist eine einfache, jedoch sehr tief gehende Meditations-Methode, sich selbst zu erkennen, blockierende, aus der Kindheit oder späteren Traumatisierungen stammende Verhaltensmuster aufzulösen und das Leben zu verwirklichen, das wir leben wollen. Naikan öffnet in uns innere Türen, von denen wir oft nicht einmal ahnen, dass sie da sind. Keine andere Methode kann dies in so kurzer Zeit und führt uns zugleich in tiefste Schichten unseres Selbst. Trotzdem ist Naikan ein sicherer Weg dorthin, weil wir nur erfahren, für das wir bereit sind. So können wir uns mit uns selbst einlassen. 1980 fand im Buddhistischen Zentrum Scheibbs in Niederösterreich erstmals ein Naikan-Retreat außerhalb von Japan statt. Seither haben hunderte Naikan-Retreats allein im deutschsprachigen Raum stattgefunden und tausende Menschen haben in Naikan ein hilfreiches Instrument der Selbsterfahrung und Selbstheilung gefunden.

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Akira Ishii - Eine Empfehlung für Naikan


Wenn wir etwas sehen, dann nehmen wir es normalerweise durch unsere eigenen Interessen gefiltert wahr. Weil die Wahrnehmung durch unsere Interessen verändert wird, erkennen wir manchmal die Realität nicht so an, wie sie ist, sondern versuchen sie unseren Erwartungen anzupassen. Wenn ich meine Studenten bitte, ihre Augen zu schließen und sie frage, was die Farbe der Wandtafel ist, dann sagen viele Studenten, dass sie schwarz sei. Tatsächlich ist die Farbe Grün. In einer Klasse ist die Tafel sogar blau. Trotzdem können nur zwei von hundert Studenten die richtige Farbe nennen. Wir erwarten meist, dass eine Wandtafel (in Japan Blackboard genannt) schwarz ist und versehen sie darum mit einem Vorurteil, nämlich dem, dass alle Wandtafeln schwarz sind. So wird die Realität durch unsere Erwartungen verändert.

Wenn Jugendliche eine Verfehlung begehen, versehen wir diese jungen Menschen sofort mit einem Vorurteil. Dann werden diese Jugendlichen oft genauso wie es dem Etikett, mit dem wir sie versehen haben, entspricht. Manchmal sagen wir, „obwohl sie meine eigene Mutter ist, sorgt sie nicht gut für die Familie“. Oder „obwohl er mein Lehrer oder mein Chef ist, verhält er sich nicht wie ein Lehrer oder ein Chef“. Dann sehen wir nicht die Person, sondern nur die Rolle, die dieser Mensch spielen sollte.

Es ist auch nicht immer eine Tatsache, dass der „blaue“ Himmel blau ist. Der Himmel ist nur an manchen Tagen blau. In der Nacht ist er überhaupt schwarz. Zum Sonnenaufgang oder Untergang spielt er in vielen Farben. Oft ist er auch grau gefärbt von Regenwolken.

Wenn eine Frau schwanger ist oder die eigene Partnerin ein Kind erwartet, dann stechen einem viele schwangere Frauen in die Augen. Wenn die eigenen Kinder drei Jahre alt sind, dann sehen wir viele Dreijährige in Parks oder auf der Straße.

Vor kurzem haben wir in unserem Haus die Tapeten erneuert. In dieser Zeit sah ich in Kaffeehäusern nur die Farbe der Wandverkleidungen. Nachdem wir entschieden haben, welche Tapeten wir kaufen werden, habe ich anderswo nicht mehr auf die Wände geachtet. Wenn man den Führerschein machen möchte, dann fallen einem plötzlich alle Fahrschulautos auf. Hat man den Führerschein geschafft, dann sieht man plötzlich kaum mehr eines. So sehen wir nur die Einzelheiten, die zu uns passen und auch die nur von der Seite, die unserem Interesse entspricht.

Wenn wir einmal beschließen, dass wir eine Person nicht mögen, dann können wir nicht mehr die Wahrnehmung zulassen, dass dieser Mensch auch etwas für uns getan hat. Wenn man sich nur daran erinnert, dass einen der Vater einmal geschlagen hat, dann vergisst man alle netten Worte und Gesten, die auch vom Vater kamen.

Einmal schrieb ein Student, warum er nicht Naikan machen konnte: „Ich rede nur einmal oder zweimal pro Jahr mit meinem Vater. Wenn ich mit ihm rede, dann geht es nur um Geld, das er mir geben soll. Deswegen gibt es nichts, was ich für ihn gemacht habe und was er für mich gemacht hat.“ Dieser Student sieht die Sache wirklich nur von seiner Seite. Wenn wir unser Verhalten nur von dieser Seite sehen, dann sind wir die einzigen Menschen auf der Erde, die das so wahrnehmen. Alle anderen sehen uns von einer ganz anderen Seite, nämlich der, die sich nach außen zeigt. Und ich bin der Einzige, der sich nicht von dieser Außenseite wahrnehmen kann. Um aber wirklich zu wissen, wer ich bin, ist es notwendig, mich von der Außenseite her anzusehen. Wenn wir kritisieren, dass unsere Reisetasche schon alt und schäbig ist, dann vergessen wir, uns die Sache von der Seite der Tasche her anzusehen. Die Gestalttherapie zum Beispiel lädt uns ähnlich wie Naikan ein, die Sache mit den Augen der Tasche zu betrachten. Sie würde in diesem Fall sagen: „Ich habe Dich viele Jahre begleitet. Ohne mich hättest Du alle Sachen unterwegs verloren. Du hast mich schmutzig gemacht und mich nie gereinigt. Und jetzt sagst Du, ich bin schmutzig.“

So ähnlich könnten sich auch unsere Eltern über uns äußern. Kinder beklagen sich manchmal darüber, dass ihre Mutter nicht mehr so jung und hübsch ist. Aber sie vergessen, dass die Mutter jung und hübsch war, bevor sie geboren wurden. Die Geburt hat die Figur der Mutter verändert und die Sorgen ihr Gesicht. Während sich die Mutter um die kleinen Kinder kümmert, hat sie kaum mehr Zeit, sich mit ihrer Schönheitspflege zu beschäftigen. Und wenn sie Geld hat, kauft sie eher hübsche Kinderkleidung als sich selbst ein neues Stück.

Wir können die Sache natürlich auch wie im Psychodrama mit Hilfe eines Rollenspiels ansehen. Der Klient lässt dabei einen anderen die eigene Rolle spielen und übernimmt selbst die Rolle dessen, den er kritisiert. Dann würde der Junge, der sich über den Vater beklagt, selber den Satz sagen: „Du musst fleißig lernen, damit Du etwas im Leben erreichst.“

Vielleicht fängt das Rollenspiel so an: Es ist zehn Uhr abends und der Junge kommt nach Hause zurück. Der Vater liest gerade die Zeitung. Dann würde er als Vater sagen: „Warum kommst Du so spät zurück? Hast Du schon Deine Hausaufgaben gemacht?“ Dadurch, dass er selbst diesen Satz sagt, versteht er plötzlich den Standpunkt des Vaters. Und er versteht, wie er selber von seinem Vater gesehen wird.

In einer gruppendynamischen Sitzung würden andere das Verhalten des Teilnehmers beurteilen und vielleicht sagen: „Du bist zu stolz“ oder „Du wirkst depressiv auf mich.“ Es ist hart, wenn wir von außen ungefiltertes Feedback bekommen. Manchmal wird das Selbstbild zerstört und es dauert dann lange, bis wir uns von diesem Schlag erholen und ein neues Selbstbild aufbauen. Durch diese Methoden lernen wir, uns von unterschiedlichen Standpunkten her zu sehen.

Ich bin an der juristischen Fakultät tätig. Studenten lernen an dieser Fakultät von Anfang an, einen Fall mit juristischer Denkweise (legal mind) zu betrachten. Das heißt, dass man die Angelegenheit auch vom Standpunkt anderer Beteiligter sehen lernt. In einem Streitfall versteht man dann auch die Behauptung der Gegenseite von deren Standpunkt aus. Mit diesem Verständnis lernt man, eine Causa zu klären und zu interpretieren. Wenn man das schafft, dann hat man legal mind verwirklicht.

Durch diese Sichtweisen erkennen wir uns selbst und unsere Vergangenheit von einer ganz anderen Seite. Insofern ist Naikan ein Teil der vielen Methoden, die uns dies lehren wollen. Was Naikan von all diesen Methoden unterscheidet, ist die Arbeit mit den drei Fragen:

Mit diesen drei Fragen prüfen wir uns von der Kindheit bis zur Gegenwart. Das sind eigentlich Fragen, die wir uns normalerweise nicht stellen.

Wir denken nicht daran, was zum Beispiel unsere Mutter für uns getan hat, weil wir das als selbstverständlich ansehen. Dagegen erinnern wir uns sehr leicht daran, was unsere Mutter nicht für uns gemacht hat. Wenn uns ein Onkel ein kleines Geldgeschenk macht, dann freuen wir uns sehr darüber. Andererseits ist das Taschengeld der Eltern eine Selbstverständlichkeit, die wir aber nur dann wirklich wahrnehmen und kritisieren, wenn es niedriger ist als das Taschengeld unseres besten Freundes. Dieser Umstand kann zu Unzufriedenheit und sogar zu Hassgefühlen gegenüber den Eltern führen. Oft kaufen Mütter ein Kleidungsstück in einer größeren Größe, damit es einige Zeit getragen werden kann. Das Kind empfindet aber nur die Unförmigkeit beim ersten Anziehen und ist enttäuscht. Dass diese Kleidung später gut passte, wird nicht registriert. Man sieht auch nicht, dass die Mutter einige Stunden ihrer knappen Zeit dafür geopfert hat, dieses Kleidungsstück auszusuchen.

Wir erkennen oft nicht, wenn ein Mensch etwas für uns macht. Spielende Kinder in einem Sandkasten bemerken nicht, dass die Mutter die ganze Zeit nebenan auf der Bank sitzt und sie beobachtet. Ein Kind denkt in dieser Situation niemals daran, dass die Mutter etwas für es tut. Aber die Mutter sitzt auf der Bank, damit sie sofort eingreifen kann, wenn etwas passiert. Weil meist nichts passiert, sieht es so aus, als ob die Mutter nur einfach dagesessen hat. Den Zusammenhang zwischen sitzen und achtgeben registriert man als Kind nicht, sondern nur, wenn man sich später an diese Situation erinnert.

Oft denken wir auch nicht daran, was wir bekommen haben, weil es uns nicht angenehm war. Ein Seminarist von mir erinnerte sich daran, dass sein Vater vor seinem Eintrittsexamen zur Universität zum Schrein beten gegangen ist. Damals hat er seinen Vater verachtet, weil er persönlich das Beten für nutzlos hielt. In seinem Naikan hat er aber bemerkt, dass dies die einzige Möglichkeit für seinen Vater war, etwas für ihn zu tun.

Zu sehen, was die Mutter oder der Vater für uns gemacht hat, bedeutet, dass wir die Mutter oder den Vater als einen eigenständigen Menschen begreifen. Durch die erste Frage im...



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