Kasperski | Mord im Grand Hotel Matterhorn | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reihe: Alibi

Kasperski Mord im Grand Hotel Matterhorn

Ein Fall für Libby Andersch Band 1
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-311-70554-3
Verlag: OKTOPUS bei Kampa
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Fall für Libby Andersch Band 1

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reihe: Alibi

ISBN: 978-3-311-70554-3
Verlag: OKTOPUS bei Kampa
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Seine besten Zeiten hat das Grand Hotel Matterhorn hinter sich. Ohnehin ließe es sich als Mogelpackung bezeichnen: Eine Sonnenterrasse mit Panoramasicht hat es nie gegeben;um einen Blick auf den bekanntesten Berg Europas zu erhaschen, dem es seinen Namen verdankt, müssen die Gäste mit einem Sessellift in die Höhe fahren – und auf gutes Wetter hoffen. Die rüstige Rentnerin Libby Andersch und ihren elfjährigen Nachbarsjungen Noah hat es eher unfreiwillig hierher verschlagen. Eigentlich wollen sie mit dem Glacier Express bis nach Zermatt reisen, doch ein Schneesturm verhindert die Weiterfahrt. Mit ihnen gestrandet ist eine Filmcrew, die kurzerhand umdisponiert und statt in einem exquisiten Belle-Époque-Haus in dem stillgelegten Berghotel dreht. Bis die Hauptdarstellerin Gwendolin mit gebrochenem Genick im Foyer liegt. Da das Hotel vollends eingeschneit und von der Außenwelt abgeschnitten ist, bleibt den Anwesenden nicht viel mehr, als sich gegenseitig zu verdächtigen. Libby Anderschs Spürsinn ist gefragt!
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3


Das Bahnhofsbuffet stellte sich als Enttäuschungheraus. Der historische Saal war abgerissen und durch ein Bistro ersetzt worden. Es war überheizt und eng, im Hintergrund lief von Helene Fischer, und neben der Theke gab es Platz für zwei runde Plastiktische. Einen davon okkupierte eine kleine Frau mit zerzauster Lockenfrisur und einem satt sitzenden feuerroten Mantel. Beim Anblick Libbys legte sie einen Regenschirm auf die Stühle. Besetzt, sagte ihre Miene. Libby nahm mit dem kleinen Hocker in der Nähe des Verkaufstresens vorlieb, ihre Hüfte brauchte Entlastung. Während sie auf die Bedienung wartete, musterte sie den Mann am anderen Tisch.

Er war untersetzt mit Dreitagebart und tat so, als ob er Notizen durchlesen würde, in Wirklichkeit fütterte er einen Hund mit Pommes Chips. Dabei zitterten seine Hände, was er ganz offensichtlich zu verbergen versuchte.

Die Frau hatte jedoch nur Augen für ihr Handy. »Wir hätten früher losfahren sollen, Rupert, wie ich gesagt habe. Wir wollten doch gleich nach der Ankunft mit dem Dreh anfangen. Pjotr wird nicht erfreut sein.«

Dreh? Pjotr? Was Libby eben vermutet hatte, bestätigte sich. Das Filmteam gehörte zu Pjotr Voss. Sie musste also mit dem Altstar durch die Berge fahren.

Der unscheinbare Bärtige mit Namen Rupert versuchte, die Frau zu beschwichtigen. »Wir werden es schaffen, versprochen, Pommer. Pünktlich um sechs heute Abend ist Drehbeginn. Oben im Belvedere! Eine bessere Kulisse hätten wir uns wahrlich nicht wünschen können.«

Pommer hieß sie also, dachte Libby. Selten hatte ein Name so gepasst. In dem Mäntelchen und mit der getrimmten Carré-Lockenfrisur sah sie wirklich so aus, wie sich Libby eine Landpomeranze vorstellte.

Der Prospekt, den Rupert aus seiner Manchesterjacke zog, weckte Libbys Neugier endgültig: Sie kannte das Hotel auf dem Foto von einem anderen ihrer Montagsausflüge. Das Belvedere war eine Belle-Époque-Ikone der Extraklasse, etwas unterhalb der Furka-Passhöhe in der Nähe des RhÔnegletschers gelegen. Die Umgebung war wild und die Passstraße so kurvig, dass die Spitzkehre unweit des Hauses Schauplatz in einem James-Bond-Streifen gewesen war. Wenn der Film mit Pjotr Voss da gedreht werden sollte, war ihm nicht nur ein berühmtes, sondern auch ein schauriges Ambiente gewiss, denn das Hotel war seit einigen Jahren geschlossen und dem Verfall überlassen.

Libby wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Gespräch der beiden Filmleute zu. Nachdem sie die Drehörtlichkeit besprochen hatten, erkundigte sich Pommer nach einem Kameramann.

»Jules hat viel Gepäck«, antwortete Rupert. »Das Umsteigen war schwierig für ihn.«

»Gepäck? Wieso das denn?« Pommer verstand die Welt nicht mehr. »Er braucht doch nur seine Kamera.«

Der Hund unter dem Tisch winselte leise, und Rupert gab ihm die Chipstüte zum Auslecken.

»Offenbar wurden die beiden wichtigsten Kostüme vergessen. Der Materialwagen ist längst losgefahren, darum hat Jules alles mitgenommen.«

»Der Kameramann bringt die Kostüme? Ich glaube, ich hör nicht recht.« Pommer wechselte schon wieder die Gemütslage, von konsterniert zu schlecht gelaunt. Sie und Rupert waren nicht gerade das, was Libby sich unter einer Entourage von Hollywoodstars vorgestellt hatte.

Die Tür flog auf, und Noah stürmte herein. Er trat zu Libby, die den Finger auf den Mund legte.

»Das hier ist kein Spielplatz, Noah.«

Er zuckte zusammen. »Gibt’s was zu essen?«, flüsterte er zurück.

Die Speisekarte bot leider keine Überraschung – statt Sardellen-Kanapees wurden Mikrowellenmenus angeboten. Libby ignorierte Noahs Wünsche mit dem Hinweis auf die Vorschriften seiner Mutter und bestellte bei der Bedienung, die durch eine Hintertür hereingekommen war.

Das Gewünschte wurde nach neunzig Sekunden auf den Tisch gestellt. »Pizza, einmal mit , einmal ohne.«

Nach einem wehmütigen Blick auf den geschmolzenen Käse begann Noah, sich im Stehen seine vegane Ration reinzuschaufeln. Wieder öffnete sich die Tür, diesmal für eine Frau im Trenchcoat und mit Brille sowie gestrickten Pulswärmern, die aus den Ärmeln herausragten.

»Die Produzentin! Endlich!«, sagte Pommer. »Wo bist du abgeblieben, Mette?«

»Jemand musste ja den Sonderzug organisieren.« Die Frau namens Mette steckte dem Hund ein Leckerli zu, was dieser mit Begeisterung quittierte.

»Gibt es ein Problem?« Pommer wurde nervös. »Ich weiß nicht, ob ich meinem Chef noch mal was beibringen kann.«

»Lass es einfach«, sagte Mette. »Der und euer ganzer TV-Sender sollen am Schluss zur Premiere kommen und sich ansonsten raushalten.«

Pommer war offenbar vom Fernsehen, während Mette eine Produzentin war. In der Hierarchie, so schien es Libby, kam die Produktion vor dem Sender. Mette gab dann auch der Bedienung ein Zeichen. »Latte Macchiato für sieben.«

Also erwarteten sie noch vier weitere Leute, zwei davon dürften Pjotr Voss und die Diva aus dem Zug sein. Wie aufs Stichwort ging die Tür erneut auf. Ein junger Mann mit hochgebundenem Blondhaar manövrierte eine bauchige Umhängetasche, zwei Rollkoffer und einen Kleiderbügel mit Plastikhülle durch den Rahmen.

»Jules, was schleppst du da alles an?«, rief Pommer durch den Raum. »Die Kostüme, das weiß ich. Und deine Kamera. Aber was ist das?« Sie zeigte auf die Koffer.

»Licht, Stativ.«

»Dafür haben wir doch den Materialwagen.«

Jules, der Kameramann, gab sich entspannt. »Schon mal das Wetter gecheckt, Pommer? Oben auf dem Furka schneit es kräftig. Wer weiß, ob das Material rechtzeitig ankommt. So …«, Jules zeigte auf die Koffer, »bin ich auf alles vorbereitet. Außerdem transportiere ich die Kamera immer selbst. Sie ist mein Baby.«

Nachdem er die Umhängetasche vorsichtig auf die Tischplatte gestellt hatte, ließ er sich auf einen Stuhl fallen und streckte die Beine breit von sich. »Wo sind die anderen?«

Pommer, Mette, Jules und Ruprecht, zählte Libby mit, es fehlten also noch drei.

»Ich rufe mal an«, sagte Mette, während sie die Rechnung aus einem überquellenden Portemonnaie in bar beglich.

Der Hund heulte auf, er hatte wohl Durst nach all den Chips. Noah, der sein Stück Pizza mittlerweile verschlungen hatte, beugte sich zu ihm hinunter und kraulte sein Fell. Auch Jules schien Hunde zu mögen. Den Moment nutzte Pommer, um Mette in ein Gespräch zu verwickeln.

»Hör mal, es gibt noch ein Problem.« Sie sprach so leise, dass Libby mit dem Hocker ein wenig in ihre Richtung rutschte, um alles zu verstehen. »Das Wort kann nicht im Filmtitel vorkommen, unsere Rechtsabteilung hat sich eben gemeldet, sie haben große Bedenken. Nicht dass es uns geht wie Toblerone.«

Daran erinnerte sich Libby noch gut. Die bekannte Schweizer Schokoladenmarke hatte das Bild des Matterhorns von den dreieckigen Packungen entfernen müssen.

»Ich war schon immer für «, sagte Mette. »Der ursprüngliche Filmtitel ist altbewährt, manche kennen ihn noch. Er verströmt Geheimnis, Schatten und Nostalgie. Genau das, was sich das Publikum für einen Gruselfilm wünscht.«

»Aber ich verstehe nicht …« Pommer wirkte entrüstet. »Das Matterhorn war doch euer Vorschlag, nicht unserer. Edgar von Thun hat darauf bestanden. Egal wie, aber das Matterhorn gehört in den Titel, hat er gesagt. Wegen der Sponsoren.«

Edgar von Thun, dachte Libby, das müsste dann der Siebte im Bunde sein, und wie Mette war er von der Produktion.

»Edgar ist ein verkorkster Idiot. Und ein schlechter Produzent.« Hoppla, Mette schien den Kompagnon nicht zu mögen.

»Verkorkst oder verkokst?«, fragte Pommer. Damit hatte sie offenbar einen Punkt getroffen. Mette zog es vor zu schweigen, während sich Pommer an ihrem kleinen Sieg freute. Libby ertappte sich dabei, dass sie dem Gespräch ziemlich gebannt folgte, weil das, was nicht gesagt wurde, mindestens so wichtig war wie die Worte.

»Aus welchem Grund bist du eigentlich bei Scheinfilm eingestiegen?«, fuhr Pommer fort. »Wenn du so von Edgar denkst? Er ist immerhin dein Geschäftspartner.«

Mette holte eine Zigarette hervor. »Er hat die Kontakte, ich habe das Hirn. Und nach dieser Produktion bin ich weg.« Deren Handy klingelte. Libby gelang es, einen Blick auf den Bildschirm zu erhaschen, stand da geschrieben.

»Wenn man vom Teufel spricht …«, murmelte Mette. »Edgar ist mit unseren Stars unterwegs, mal hören, was er meint.«

Dieser Edgar, den die Frauen abwechselnd als verkoksten Idioten und als Thunfisch bezeichneten, reiste offenbar mit Pjotr und der Diva. Thunfisch, darunter stellte sich Libby einen aalglatten Menschen vor, kühl und glitschig. Während Mette zum Telefonieren das Bistro verließ und draußen ihre Zigarette anzündete, war Jules, der Kameramann, aufgestanden.

»Sag mal, Pommer, wegen der Zugreise … Wieso fahren wir eigentlich über Andermatt? Der Weg untenrum, durch den Simplon und über Visp, wäre doch viel schneller gewesen.«

»Anordnung von Scheinfilm, vermutlich sind die Pauschaltickets billiger. Mette spart ja, wo sie kann. Das Budget sei äußerst knapp, meint sie. Ich denke, sie lügt. Mit Pjotr Voss als Zugpferd ist doch Geld zu holen.«

»Zugpferd?« Jules lachte aus vollem Herzen. »Eher ein ziemlich abgehalfterter Gaul.«

Käme er nicht so selbstgefällig rüber, wäre Libby einig mit ihm.

»Alle mal herhören: Sie sind da.« Mette war wieder hereingekommen und schob ihre Brille zurecht. »Der Heli ist gelandet.«

Pommer schoss hoch. »Wieso Helikopter? Reisen die mit dem Hubschrauber an? Das geht gar...


Kasperski, Gabriela
Gabriela Kasperski studierte Anglistik und war Radio- und Fernsehmoderatorin, Schauspielerin, Sprecherin und Dozentin, bevor sie ihren Kindheitstraum verwirklichte, Schriftstellerin zu werden. Heute erobern ihre Krimis die Schweizer Bestsellerliste verlässlich im Sturm, mit der Kinderbuchreihe um das Mädchen Yeshi ist sie viel in Schulen unterwegs. Ihre Bücher wurden mehrfach ausgezeichnet und nominiert, u. a. für den Schweizer Krimipreis. 2024 wurde sie (für Zürcher Verrat) mit dem Zürcher Krimipreis geehrt. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich.



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