Kasperski | Nachtblau der See | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

Reihe: Schnyder & Meier

Kasperski Nachtblau der See

Kriminalroman
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96041-532-9
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

Reihe: Schnyder & Meier

ISBN: 978-3-96041-532-9
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Schnyder und Meier ermitteln wieder. Kurz vor Beginn des Freilicht-Festspiels bei Schloss Greifensee stürzt eine junge Influencerin von der Tribüne in den Tod. Sie hätte in der Shakespeare-Komödie eine Hauptrolle gespielt. War es ein Unfall - oder wurde sie gestoßen? Werner Meier übernimmt den Fall, während Zita Schnyder ihre eigenen Interessen verfolgt und verdeckt ermittelt. Sie stößt auf ein System voller Intrigen, Korruption, Macht und Gewalt, doch die Zeit läuft ihr davon. Denn bald hebt sich der Vorhang ...

Gabriela Kasperski war als Moderatorin im Radio- und TV-Bereich und als Theaterschauspielerin tätig. Heute lebt sie als Autorin mit ihrer Familie in Zürich und ist Dozentin für Synchronisation, Figurenentwicklung und Kreatives Schreiben. Den Sommer verbringt sie seit vielen Jahren in der Bretagne. 2024 erhielt sie den »Zürcher Krimipreis« für ihren Roman »Zürcher Verstrickungen«. www.gabrielakasperski.com
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2


«Fertig.» Zufrieden sah sich Werner Meier um. Seit dem frühen Morgen hatte er sein kleines Büro in der Kantonspolizei Uster aufgeräumt. Nachdem er mit Zita und den Kindern aus dem Piemont-Urlaub zurückgekommen war, nutzte er den Umstand, dass er noch einige Tage Ferien hatte. Es war ein gutes Gefühl. Alle Akten waren eingeordnet, ein ganzes Regal voll abgeschlossener Fälle, die er auf Papier haben wollte; Digitalisieren war nicht seine Sache.

«Danke, Rahmadini, gut gemacht», wandte er sich an den jungen Mann mit dem Hip-Hop-T-Shirt und den Tattoos auf den Armen, der gerade das Fenster öffnete, um den Staublappen auszuschütteln und frische Luft hereinzulassen.

Miro Rahmadini, Meiers Praktikant. Oder Assistent. Eine genaue Bezeichnung gab es nicht, das Organigramm der Kantonspolizei sah eine solche Position nicht vor. Er hatte seine Lehre abgeschlossen und liebäugelte nun mit dem Polizeiberuf. Meier kannte ihn aus einem früheren Fall, Rahmadini war eine Art Projekt von ihm. Als Teenager war er einmal haarscharf an einer Verurteilung vorbeigeschrammt, jugendlicher Blödsinn. Für einen jungen Albaner schien es besonders schwierig, diesen Ruf wieder loszuwerden. Umso stolzer war Meier, dass Rahmadini es geschafft hatte. Der Antrag auf Schweizer Staatsbürgerschaft lief, und dann stünde dem Eintritt in die Polizeischule kaum etwas im Wege.

«Voll viel Platz», sagte Rahmadini.

Das stimmte, Meiers Kabuff wirkte aufgeräumt viel grösser. Es fühlte sich gut an, etwas vollbracht zu haben, das er seit vielen Jahren vor sich herschob. Meier sah in den strahlenden Nachmittag hinaus. Es hätte auch Juni sein können, nur die leicht verfärbten Blätter der Linde zeigten, dass der Sommer bald vorbei sein würde.

Es klopfte. Im Türrahmen stand Regierungsrat Mike König, in Anzug und Krawatte, adrett und hellwach. Wieso wusste er, dass Meier hier war? Offiziell hatte er noch Ferien. König war ein unermüdlicher Schaffer und mediensüchtig. Es war ein offenes Geheimnis, dass er jeden Morgen um vier aufstand, um sämtliche Netzwerke auf den neuesten Stand zu bringen.

«Meier, ein Wort», sagte er mit seiner voluminösen Stimme und zu Rahmadini: «Holen Sie uns Espresso, zweimal schwarz.»

Rahmadini zupfte sein T-Shirt lang, wippte auf den Fussballen und wiederholte gewissenhaft, was der Regierungsrat für Justiz und Inneres gefordert hatte. Und jetzt geh, signalisierte ihm Meier, der Rahmadinis Eigenheit, Aufträge mehrfach zu wiederholen, kannte.

«Ich brauche nichts, danke, Rahmadini.»

Als er weg war, betrat König das Zimmer. «Haben Sie noch nicht gepackt?», fragte er mit einer Handbewegung zum Regal.

«Gepackt?»

«Ab nächster Woche sind Sie im Aquarium.»

Was meinte König?

«Steht im Vertrag.» Er deutete auf die gehefteten weissen Blätter in der Mitte der ansonsten leeren Schreibtischplatte. «Ist er unterschrieben?»

Das hatte Meier verdrängt, obwohl er die Stelle noch vor den Ferien zugesagt hatte. Der demografischen Entwicklung geschuldet, wurde die Kantonspolizei See/Oberland in zwei eigenständige Teile aufgesplittet, und Meier war angefragt worden, das Oberland zu übernehmen. Irgendwie war es ihm nicht geglückt, mit Zita darüber zu reden, obwohl sie in den drei Wochen Ferien ununterbrochen zusammen gewesen waren. Es hatte sich einfach nicht ergeben.

König zückte einen Stift, golden und schmal. «Erledigen Sie das doch gleich. Übermorgen ist die offizielle Feier, wie Sie wissen. Da wäre es nett, wenn wir einen Vertrag hätten.»

Meier zögerte. Er hatte sich das Papier nicht genau angesehen. Das Einzige, das ihn interessiert hatte, war die Zahl. Ein sechsstelliger Jahreslohn, so viel hatte er noch nie verdient. Damit würde er seine Familie locker alleine ernähren können. Zum ersten Mal wären sie nicht mehr auf Zitas Gehalt angewiesen. Dies erfüllte Meier mit tiefer Befriedigung. Woher kam dieses absolut archaische Gefühl? Es musste etwas mit Jagen zu tun haben, mit Beschützen, mit Verteidigen. Verrückt vielleicht und aus der Zeit gefallen, aber es fühlte sich richtig an. Dafür würde er sein geliebtes Büro gegen das Aquarium mit den zehn Arbeitsplätzen und den minergetisch versiegelten Fenstern eintauschen.

Der Stift rutschte Meier aus den verschwitzten Fingern, er musste ein zweites Mal ansetzen. Seine Unterschrift wirkte eckig.

«Spielt keine Rolle, es gilt auch so.» König lächelte und nahm Meier das Papier aus den Händen. «Wer war der Junge?»

Genau das hatte Meier vermeiden wollen. «Rahmadini? Er schnuppert hier.»

«Seit wann? Mir scheint, ich hätte ihn schon mal gesehen.»

«Das war vor meinen Sommerferien. Als er sich vorgestellt hat.»

«So ein Einsatz dauert bei uns normalerweise einen Tag, im besten Fall eine Woche.» König nahm Meier ins Visier. «Klar, Herr Meier?»

Damit ging er hinaus, nur um im Türrahmen fast mit Rahmadini zusammenzuprallen. Ein paar Tropfen Kaffee landeten auf Königs polierter Schuhspitze. «Für mich nicht mehr, ich muss weiter», sagte er und verschwand.

Meier klopfte dem verdatterten Rahmadini auf die Schultern. «Geben Sie her, mein Junge. Ich habe ihn überredet, dass er mir seinen Kaffee abtritt. Schliesslich bin ich bald Chef hier.»

«Okay, Chef. Übrigens soll ich Sie daran erinnern, dass Sie die Kinder in der Kita abholen. Dienstag ist Papa-Tag, eigentlich sollten Sie gar nicht hier sein, weil Sie noch Ferien haben.»

Gleich darauf stand Meier am Bahnhof Uster, die Lederjacke, die früh am Morgen noch knapp vertretbar gewesen war, über der Schulter gelegt und rechnete aus, ob er es rechtzeitig schaffen würde. Als die Abfahrtszeit der S-Bahn erneut nach hinten korrigiert wurde, musste er sich etwas einfallen lassen. Nur, wen sollte er um Hilfe bitten? Den Kontakt zu anderen Spielplatzvätern hatte er vermieden, seit einer von ihnen, so einer mit Dreitagebärtchen, Schirmmütze und karierter Hose, zum brüllenden Theo gesagt hatte: «Suchst du deinen Grosspapi? Der steht da hinten und isst ein ungesundes Fleischkäsesandwich.»

Nein, danke. Dann lieber … schtärnesiech. Es musste doch jemanden geben, der ihm helfen konnte.

«Barras, wo sind Sie?», sagte Meier in den Hörer und entschuldigte sich sogleich für den ruppigen Tonfall.

Seine ehemalige Assistentin Beanie Barras, seit einiger Zeit erfolgreiche Ermittlerin bei Leib und Leben der Kriminalpolizei Zürich, hatte gerade ihre Schicht hinter sich.

«Andi und ich schauen uns die Location an, Sie wissen schon, für die Hochzeit.»

Musste Barras Meier unter die Nase reiben, dass sie mit ihren fünfundzwanzig Jahren weiter war als er mit seinen knapp fünfzig?

«Taugt sie was? Die … Location?» Wie Meier diese englischen Worthülsen hasste.

«Es ist ein Kajak.»

«Sie wollen auf einem Kajak heiraten? Und wo sind die Gäste?»

«In den Beibooten. Es ist toll. Auf dem Wasser weht ’ne leichte Brise.»

«Ist eigentlich ein Meereswind.»

«Seien Sie nicht so pingelig, Herr Meier. Hauptsache kühl.»

Auch das noch. Meier hasste Bootsfahren fast so sehr wie hohe Berge. Er sah sich nächsten Sonntag schon ins Wasser reihern, während Barras und IT-Andi, sein Mitarbeiter von der Datenabteilung, sich das Jawort gaben.

«Hören Sie, ist dort, wo Sie jetzt sind, weit entfernt vom Kreuzplatz?»

Falls sich Barras über die Frage wunderte, sagte sie keinen Ton. «Nö. Warum?»

Gleich darauf war sie instruiert. Sie würde die Kinder abholen und mit ihnen auf den Spielplatz gehen. Ein Abschiedsgeschenk, weil sie ab nächster Woche für drei Monate in die Flitterwochen verschwinden würde.

Dass die Zeitangabe der Zugsabfahrt erneut verschoben wurde, kostete Meier nur noch ein Lächeln. Er ging zum Bahnhofskiosk, um sich ein Feierabendbier zu gönnen.

Da summte sein Handy.

«Ciao, amore mio», sagte Meier.

Aber es war nicht Zita. Es war Gritli Gut, die Empfangsfrau der Kantonspolizei Uster, sehr aufgeregt. «Werner. Am See wurde eine Leiche gefunden.»

Meier zögerte. «Eine Leiche? Ich habe noch Ferien.»

Ohne darauf einzugehen, fuhr Gritli fort: «Es ist bei den Greifensee-Festspielen passiert, du weisst schon, seit Wochen spricht man von nichts anderem.»

«Nicht schon wieder ein Fall im Theater, einmal hat mir gereicht.»

Nun kam ein Wortschwall. «Es handelt sich um ein Mitglied des Ensembles. Ich hoffe sehr, dass sie weitermachen, ich habe mich so darauf gefreut. Theater wie zu Shakespeares Zeiten. Du weisst ja, dass ich Mitglied des Theaterclubs bin. Meist sehen wir nur Kleinkunst aus der Region. Mit den Festspielen kommt endlich mal was Rechtes. Simon Perron, der Regisseur, ist ein ganz Grosser. Und die Kolb ist dabei, Grete Kolb. Nach der Premiere hat unser Club ein Gespräch mit ihr arrangiert. Es wäre eine Katastrophe, wenn das nicht stattfinden würde.»

Als Meier aus dem Bus stieg, traf er als Erstes seinen Mitarbeiter Heinz Lips, der unter dem Seehundschnauz das übliche Süssholz kaute.

«Du hier? Du hast doch Ferien?», sagte Lips.

Meier winkte ab. «Ich war im Büro, um aufzuräumen. Gritli hat mich aufgescheucht. Sie hat Angst, dass ihre Eintrittskarten verfallen. Soll ich wieder gehen?»

Lips zuckte die Achseln. «Wenn du schon hier bist, vier Augen sehen mehr als zwei. Ausserdem könnte es dein letztes Mal sein.»

«Wieso?»

«Du wirst ja unser Oberchef. Gratuliere übrigens, wir sind stolz auf dich. Obwohl …» Die Sorge über die Veränderung stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Keine Angst, es bleibt alles beim Alten, wollte Meier entgegnen. Nur, das würde es natürlich nicht. «Noch ist es nicht...


Gabriela Kasperski war als Moderatorin im Radio- und TV-Bereich und als Theaterschauspielerin tätig. Heute lebt sie als Autorin mit ihrer Familie in Zürich und ist Dozentin für Synchronisation, Figurenentwicklung und Kreatives Schreiben. Den Sommer verbringt sie seit vielen Jahren in der Bretagne. 2024 erhielt sie den »Zürcher Krimipreis« für ihren Roman »Zürcher Verstrickungen«.
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