E-Book, Deutsch, Band 1915, 64 Seiten
Reihe: Dr. Holl
Kastell Chefarzt Dr. Holl 1915
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7517-1131-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der letzte Wunsch einer Sterbenskranken
E-Book, Deutsch, Band 1915, 64 Seiten
Reihe: Dr. Holl
ISBN: 978-3-7517-1131-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Liebe, Harmonie und Glückseligkeit - aus diesen drei Grundfesten besteht die Traumehe von Wanda Liebenthal und ihrem Mann Felix. Als dann auch noch aus Dr. Holls Mund die heiß ersehnten Worte ertönen: 'Frau Liebenthal, ich darf Ihnen gratulieren. Sie bekommen ein Baby!', denkt die werdende Mutter überglücklich: Das Leben könnte nicht schöner sein! Mein kleiner süßer, pausbäckiger Sprössling ist auf dem Weg!
Doch schon bald reißt eine furchtbare Diagnose die himmelhoch jauchzende Schwangere wieder in die kalte Realität zurück: In Wandas Kopf wuchert ein aggressiver Gehirntumor. Jetzt zählt jede Sekunde. Schnell muss sie sich entscheiden - zwischen ihrem Leben und dem Leben ihres ungeborenen Kindes ...
Autoren/Hrsg.
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Der letzte Wunsch einer Sterbenskranken
Ihr Baby soll noch das Licht der Welt erblicken
Von Katrin Kastell
Liebe, Harmonie und Glückseligkeit – aus diesen drei Grundfesten besteht die Traumehe von Wanda Liebenthal und ihrem Mann Felix. Als dann auch noch aus Dr. Holls Mund die heiß ersehnten Worte ertönen: »Frau Liebenthal, ich darf Ihnen gratulieren. Sie bekommen ein Baby!«, denkt die werdende Mutter überglücklich: Das Leben könnte nicht schöner sein! Mein kleiner süßer Sprössling ist auf dem Weg!
Doch schon bald reißt eine furchtbare Diagnose die himmelhoch jauchzende Schwangere wieder in die kalte Realität zurück: In Wandas Kopf wuchert ein aggressiver Gehirntumor. Jetzt zählt jede Sekunde. Schnell muss sie sich entscheiden – zwischen ihrem Leben und dem Leben ihres ungeborenen Kindes ...
Die Klingel am Gartentor schellte. Aufgeregt wie ein kleines Kind lief Wanda Liebenthal zur Haustür, erkannte durch den Spion, dass ihre Schwester draußen stand, und drückte auf den Summknopf.
»Vally!«, rief sie glücklich. »Wie schön, dass du so schnell kommen konntest!«
Valerie, die die Stufen zum Haus hinauflief, verzog den Mund zu jenem spitzbübischen Grinsen, das Wanda so sehr an ihr mochte.
»Wenn es dir so wichtig ist, lasse ich selbstverständlich alles stehen und liegen, Schwesterchen. Ich brenne ja selbst vor Neugier auf die grandiose Neuigkeit, die du mir mitteilen willst.«
»Nur noch einen Augenblick Geduld.« Wanda lachte glücklich und zog die Schwester in ihr schönes, behagliches Haus. »Setz dich hin, mach es dir bequem.«
Sie wies ins Wohnzimmer, wo eine gemütliche Couch zum Verweilen einlud. Die große Fensterfront führte hinaus auf den Garten, der zu dieser Jahreszeit eine blühende, üppige, summende Pracht war.
Felix, Wandas Mann, war Architekt und hatte dieses Haus eigens für sie entworfen. Für die Familie, die er sich schon sein Leben lang gewünscht hatte und die in ihrem ureigenen Paradies zu Hause sein sollte.
Lang hatte es ausgesehen, als würde das wunderschöne Familienhaus leer bleiben, als würde nie das Getrappel kleiner Füße über das Parkett hallen und die Schaukel im Garten nie zwischen den Apfelbäumen schwingen. Mit dem heutigen Tag jedoch änderte sich das endlich. Der heutige Tag änderte ihrer aller Leben.
»Jetzt rück schon raus mit der Sprache«, drängte Valerie und ließ sich auf das Sofa fallen. »Spann mich doch nicht so auf die Folter, ich bin ja schon ganz zappelig.«
Wanda musste lachen. So war ihre Schwester schon immer gewesen: ungestüm und voller Leben. Sie selbst dagegen war eher ruhig und abwartend, ja, sogar schüchtern und verzagt.
Zudem war Valerie eine auffällige, erregende Schönheit mit einer umwerfenden Figur und einer Masse kastanienroter Locken – der Mittelpunkt jeder Party. Wanda ihrerseits war eher unscheinbar und hielt sich vorzugsweise am Rand.
Während ihre Schwester sich in der Oberstufe vor Verehrern nicht hatte retten können, hatte Wanda noch nicht einmal einen ersten Freund gehabt.
Niemand, der die beiden jungen Frauen zum ersten Mal zu Gesicht bekam, hätte sie für Schwestern gehalten – von Zwillingen ganz zu schweigen.
Und dennoch, so verschieden sie auch waren, standen Wanda und Valerie sich ungewöhnlich nahe. Mit Ausnahme von ihrem Mann Felix gab es keinen anderen Menschen, der Wanda so viel bedeutete wie ihre Schwester.
Obwohl Valerie nur um knapp zwei Stunden älter war als sie, hatte Wanda immer zu ihr aufgeblickt. »Meine große Schwester«, so nannte sie die nur wenig Ältere liebevoll, wenn sie von ihr sprach.
Was der einen wichtig war, betraf auch die andere, und eben deshalb hatte Wanda Valerie angerufen und gebeten herzukommen, damit sie ihre große Neuigkeit als Erste erfuhr.
Wandas Schwester war Übersetzerin, arbeitete von zu Hause aus und konnte sich ihre Zeit recht frei einteilen. Sie hatte keinen Augenblick gezögert, sondern war auf der Stelle zu ihrem Zwilling gebraust.
Jetzt saß sie mit Caruso, dem schwarzen Riesenschnauzer, zu ihren Füßen auf dem Sofa und sah Wanda erwartungsvoll entgegen.
»Und?« Ihre Brauen schnellten in die Höhe. »Sagst du mir jetzt endlich, was los ist?«
»Das hier ist los!«, rief Wanda überglücklich, zog den kleinen weißen Stab hinter ihrem Rücken hervor und hielt ihn in die Höhe.
»Du meine Güte!«, rief Valerie. »Ist das etwa ein Schwangerschaftstest?«
Wanda nickte. »Wie viele ich in meinem Leben schon gemacht habe, kann ich nicht mehr zählen«, gab sie zu. »Aber dieser ist der erste, der positiv ist.«
***
Seit sechs Jahren versuchten Wanda und Felix nun schon vergeblich, sich ihren Herzenswunsch zu erfüllen. Zum letzten Weihnachtsfest hatte Felix ihr den Hund geschenkt, einen fröhlich herumspringenden Schnauzer, der das Haus mit Leben füllte.
Wanda hatte sich sehr gefreut und das Tier sofort in ihr Herz geschlossen, und dennoch gab es einen bitteren Wermutstropfen in dem Kelch: Sie wusste nur zu gut, dass Felix den Hund als Ersatz gekauft hatte. Er hatte die Hoffnung, dass Wanda doch noch schwanger werden würde, aufgegeben.
Jahrelang waren sie von einem Arzt zum anderen gelaufen, bis sie schließlich in Dr. Holl, dem Leiter der bekannten Berling-Klinik, den einen gefunden hatten, dem sie vertrauten. Der Klinikchef und Gynäkologe hatte das Paar noch einmal gründlich untersucht und nichts feststellen können, als dass beide kerngesund waren.
»Es scheint bei Ihnen eine psychische Blockade zu geben«, hatte Dr. Holl gesagt. »Versuchen Sie, sich nicht auf eine Schwangerschaft zu versteifen. Genießen Sie Ihr Leben zu zweit, entdecken Sie neue Hobbys, unternehmen Sie eine schöne Reise. Wenn Sie in einem Jahr immer noch nicht schwanger sind, können wir uns überlegen, ob wir weitere Schritte unternehmen wollen.«
Wanda war das zu langsam gegangen. Sie hätte es vorgezogen, sofort mit Methoden künstlicher Befruchtung zu beginnen, um Felix und sich selbst endlich ihren Lebenstraum erfüllen zu können. Felix aber war dagegen gewesen.
»Lass uns Doktor Holls Vorschlag ausprobieren«, hatte er gemeint. »Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, dich mit Medikamenten und Hormonen vollzustopfen, die schließlich alle auch Nebenwirkungen haben. Ich will das Kind nicht um jeden Preis, Wanda. Nicht um den Preis deiner Gesundheit.«
Also hatten sie sich den Hund angeschafft und hatten eine herrliche Frühlingsreise an die Strände des Baltikums unternommen, wo sie mit Caruso endlose Spaziergänge am Meer und viel gutes Essen mit reichlich Fisch und Meeresfrüchten genossen hatten.
Und nun, keine vier Wochen nach ihrer Rückkehr, stand sie hier und hielt tatsächlich den heiß ersehnten positiven Test in der Hand.
***
»Wanda, das ist ja einfach wunderbar! Du weißt nicht, wie sehr ich mich für dich freue!«
Valerie sprang vom Sofa auf, eilte, gefolgt von Caruso, zu Wanda und warf ihr die Arme um den Hals. Der große schwarze Hund sprang an ihnen hoch und hätte die beiden Schwestern um ein Haar umgeworfen.
»Es ist so schön, dass du dich mit mir freust«, sagte Wanda gerührt und musste sich ein paar Tränen vom Gesicht wischen. »Nicht jede Schwester wäre so, weißt du? Bestimmt würden viele Leute erwarten, dass du mir dieses Glück nicht gönnst, weil es ja eigentlich dir zugestanden hätte ...«
»So ein Unsinn!«, schnitt Valerie ihr das Wort ab. »Natürlich gönne ich dir alles Glück der Welt. Du und Felix, ihr habt so lang von diesem Augenblick geträumt, und wer ihn euch nicht gönnt, der ist ein missgünstiger Tropf, mit dem ich nichts zu tun haben will. Wann wirst du denn der Mama und dem Papa erzählen, dass sie Oma und Opa werden? Die zwei werden vor Freude Luftsprünge machen! Und was mich betrifft – wenn ich mir eine Familie wünschen würde, würde mich doch kein Mensch daran hindern, eine zu gründen, oder? Aber du kennst mich doch. Ich bin so eine wanderlustige Pflanze, ich bin einfach nicht dazu geeignet, sesshaft zu werden und Windeln zu wechseln.«
»Du redest Quatsch, meine Lieblings-Vally«, entgegnete Wanda liebevoll und drückte die Schwester an sich. »Du würdest eine wundervolle Mutter abgeben, und das weißt du auch. Du hast so viel Fantasie und Ideen und sprühst nur so vor Leben.«
»Und du sprühst vor Wärme und Liebe«, gab Valerie zurück. »Niemand könnte einem kleinen Menschenwesen so viel Geborgenheit schenken wie du. Ihr werdet eine großartige Familie sein, Wanda – die allerbeste. Und wir, der Rest vom Clan, verwöhnen das kleine Würmchen einfach mit.«
Wanda lachte glücklich. Sie sah eine endlose Kette von Weihnachtsabenden, Geburtstagsfeiern und Ostereiersuchen vor sich, bei denen ihr Kind der von allen geliebte Mittelpunkt ihrer Familie sein würde.
Ihr Leben war schön. Es war so schön, wie ein einziger Mensch es unmöglich verdienen konnte....




