Kastell | Chefarzt Dr. Holl 1916 | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 1916, 64 Seiten

Reihe: Dr. Holl

Kastell Chefarzt Dr. Holl 1916

Und es erlosch das Licht ...
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7517-1132-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Und es erlosch das Licht ...

E-Book, Deutsch, Band 1916, 64 Seiten

Reihe: Dr. Holl

ISBN: 978-3-7517-1132-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In den schillerndsten Farben malen sich die Kunststudentin Anna und ihr Freund Jonas die geplante Weltreise aus: Mit ihrem VW-Bulli tuckern sie durch die engen, geschlängelten Gässchen süditalienischer Dörfer, dann entlang der spanischen Küste und weiter nach Paris, in die Stadt der Liebe, um am Ufer der Seine an ihren Staffeleien den Zauber der Metropole auf Leinwand zu bannen ...
Doch dann platzen Annas Träume schlagartig - und sie steht allein da, ohne Jonas, ohne die Malerei und ohne jegliche Hoffnung. Der Grund dafür ist eine niederschmetternde Diagnose: Die Kunststudentin leidet an der seltenen Augenkrankheit Lebersche Optikusatrophie. Die Ärzte geben ihr nur noch wenige Monate, dann wird sie fast vollständig erblindet sein. Verzweifelt zieht sie sich zurück, ihre Sehkraft schwindet von Tag zu Tag mehr, Unfälle häufen sich. Unaufhaltsam droht ein pechschwarzes Nichts Anna zu verschlucken - bis er auftaucht, der rettende Silberstreif am Horizont ...

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Und es erlosch das Licht ...

Als Anna zu erblinden drohte, fand sie den Weg zum Glück

Von Katrin Kastell

In den schillerndsten Farben malen sich die Kunststudentin Anna und ihr Freund Jonas die geplante Weltreise aus: Mit ihrem VW-Bulli tuckern sie durch die engen, verwinkelten Gässchen süditalienischer Dörfer, dann entlang der spanischen Küste und weiter nach Paris, in die Stadt der Liebe, um am Ufer der Seine an ihren Staffeleien den Zauber der Metropole auf die Leinwand zu bannen ...

Doch dann platzen Annas Träume schlagartig – und sie steht allein da, ohne Jonas, ohne die Malerei und ohne jegliche Hoffnung. Der Grund dafür ist eine niederschmetternde Diagnose: Die Kunststudentin leidet an der seltenen Augenkrankheit Lebersche Optikusatrophie. Die Ärzte geben ihr nur noch wenige Monate, dann wird sie fast vollständig erblindet sein. Verzweifelt zieht sie sich zurück, ihre Sehkraft schwindet von Tag zu Tag mehr, Unfälle häufen sich. Unaufhaltsam droht ein pechschwarzes Nichts Anna zu verschlucken – bis er auftaucht, der rettende Silberstreif am Horizont ...

Ein Krachen, gefolgt von einem Schrei, ließ Chefarzt Dr. Stefan Holl kurz zusammenzucken, als er an diesem Abend im Frühsommer von der Münchner Berling-Klinik zurückkam.

Mit einem Schlag waren die Gedanken an einen Grillabend im Kreis der Familie vergessen. Im Laufen nestelte er den Schlüssel aus der Tasche und schloss die Tür auf.

Herzzerreißendes Schluchzen aus dem Wohnzimmer ließ ihn das Schlimmste befürchten. An Ort und Stelle ließ er die Tasche fallen und rannte los.

»Um Gottes willen, was ist passiert?«

Stefan stieß die Tür zum Wohnzimmer auf. Wie vom Donner gerührt, blieb er stehen.

»So ein Mist!«

Das war nicht gerade die Antwort, die er erwartet hatte.

Chris, fünfzehnjähriger Sohn der Holls, lag wie ein Käfer in einem Meer aus weißer Farbe auf dem Sofa. Seine Mutter saß mit zuckenden Schultern auf dem Boden neben der umgefallenen Leiter. Nesthäkchen Juju kniete neben ihrer Mama.

Mit ein paar Schritten war Stefan bei den beiden. Er beugte sich über seine Frau.

»Liebling! Bist du verletzt?«

Julia hob den Kopf und drehte sich um. In diesem Moment bemerkte Stefan, dass sie nicht weinte. Ganz im Gegenteil, Julia lachte so sehr, dass ihr die Tränen über die Wangen liefen.

»Du weinst ja gar nicht.«

»Nein«, japste sie und nahm dankbar das Taschentuch, das er ihr reichte. »Tut mir leid, mein Schatz. Ich wollte dich nicht erschrecken. Aber das war gerade ein Anblick für die Götter.«

Stefan richtete sich auf und atmete tief durch, um sein wild schlagendes Herz zu beruhigen.

In der Klinik gab es nichts, was ihn so schnell aus der Ruhe brachte. Es gehörte zu seinem Beruf, in einer schwierigen Situation besonnen zu bleiben, um vernünftige Entscheidungen treffen zu können. Ging es jedoch um die Gesundheit seiner Familie, unterschied er sich in nichts von all den anderen liebenden Familienvätern.

Möglich, dass er sogar noch ein wenig sensibler war, war er sich als Klinikchef doch der Gefahren bewusst, die hinter jeder Ecke lauerten. Diesmal war die Aufregung zum Glück umsonst gewesen.

Stefan hielt seinem Sohn die Hand hin und half ihm vom Sofa auf. Juju kringelte sich vor Lachen.

»Jetzt schaust du auch aus wie ein Malermeister. Wir sind die Familie Klecks.«

Tatsächlich, von Stefans Hand tropfte weiße Farbe auf den rechten Schuh. Farbspritzer zierten seine Hose. Unterdessen hatte sich Julia vom Boden hochgerappelt und betrachtete das Malheur.

Beim Sturz von der Leiter hatte Chris nicht nur den Farbeimer mit sich gerissen, sondern auch noch die Folie zerstört, mit der die Couch zum Schutz vor der Wandfarbe abgedeckt worden war.

»Ein Glück, dass du kein Handwerker werden willst«, sagte sie, immer noch lächelnd, zu ihrem Sohn.

»Sonst müsste Chris Hunger leiden und immer zu uns zum Essen kommen«, zog Juju messerscharf ihren eigenen Schluss.

»Darüber würde ich mich ja freuen.« Stefan zwinkerte seinem jüngsten Sohn zu. »Aber wenn ich an die Schadensersatzansprüche deiner Kunden denke, solltest du wirklich besser auf eine Maler-Karriere verzichten.«

Unter den weißen Farbsprenkeln in seinem Gesicht wurde Chris blass.

»Heißt das, ich muss ein neues Sofa für uns kaufen?«

Seine Eltern lachten. »So weit kommt es noch«, beruhigte Stefan seinen Sohn. »Aber du wirst uns helfen, das gute Stück so zu reinigen, dass wir es noch für einen wohltätigen Zweck spenden können. Immerhin ist die Couch erst drei Jahre alt.«

Julia wiegte den Kopf.

»Frau Freisleben sprach mich neulich an. Sie war auf der Suche nach einem Sofa für den Jugendraum«, berichtete sie. »Mit einem Bezug drüber ist es für diese Zwecke noch wunderbar geeignet.«

Jujus Blick flog von einem zum anderen.

»Heißt das, wir bekommen ein neues Sofa? So ein ganz großes, gemütliches Kuschelsofa, wie Michaela und Stefan eines haben?«

Schon die ganze Zeit war sie neidisch auf Cousine und Cousin, die immer so schön vor dem Fernseher fläzen konnten.

»Au ja, und ich repariere den Beamer von Onkel Axel. Dann können wir auf einer Leinwand Kinofilme im Wohnzimmer schauen!«, rief Chris freudig.

Nach einer Flaute in der Schule hatte der Fünfzehnjährige offenbar seine Berufung gefunden. Seit einiger Zeit beschäftigte er sich mit Computer- und Netzwerktechnik. Stundenlang verschwand er in seinem Zimmer, um aus alten Festplatten, Kabeln und Steckern neue Geräte zu bauen. Elektro-Informationstechnik hieß sein neuer Berufswunsch. Mit diesem Ziel vor Augen wurden sogar seine Schulnoten langsam wieder besser, worüber beide Elternteile sehr zufrieden waren. Dennoch fand seine Idee besonders bei Julia nicht viel Anklang.

»Ich finde, unser Fernseher ist groß genug«, lehnte sie freundlich, aber bestimmt ab. »Doch wenn ihr schon euer Lümmelsofa bekommt, wünsche ich mir endlich ein hübsches Bild für die kahle Wand dort.«

Juju schlang die Arme um ihre Mama und drückte die Wange an Julias flachen Bauch.

»Warum hast du denn nichts gesagt, Mama?«, fragte sie mit treuherzigem Augenaufschlag. »Ich male dir doch eins. Was willst du haben? Eine bunte Blumenwiese? Oder lieber einen Wald mit vielen Bäumen?«

»Deine Bilder hängt sich kein Me...«, setzte Chris an, als sein Vater ihm das Wort abschnitt.

»Deine Bilder sind wunderschön, mein Schatz«, eilte er seiner Tochter zu Hilfe. »Aber ich glaube, die Mama wünscht sich ein Bild von einem Künstler, das wir verkaufen können, falls unsere Kinder wieder einmal versuchen, Handwerker zu spielen.«

Er zwinkerte hinüber zu seinem Sohn, der den Mund wieder schloss und sich mit einem vielsagenden Grinsen begnügte.

***

»Es tut mir sehr leid, Frau Reither«, sagte der Augenarzt Dr. Jürgen Steinert am nächsten Tag zu der jungen Patientin, die ihm gegenüber auf einem Stuhl saß. »Aber ich fürchte, ich habe keine guten Nachrichten für Sie.«

Das hatte Anna schon geahnt, seit sie vor ein paar Tagen in ihrem Ölmalkurs so sehr von ihrer Skizze abgewichen war, dass der Dozent ernsthaft an ihrer Begabung gezweifelt hatte.

Es hatte nicht an der durchaus berechtigten Kritik gelegen, dass sie in Tränen ausgebrochen war. Ihre Verzweiflung war vielmehr der Erkenntnis geschuldet, dass mit ihren Augen irgendetwas nicht stimmte. Eine Sorge, die der Augenarzt Dr. Steinert nach aufwändigen Untersuchungen jetzt bestätigen musste.

Bei Annas letztem Besuch hatte er sie lächerlich kleine Buchstaben lesen und Zahlen in einem Kreis aus Farbtupfern erkennen lassen. Er hatte ihr Gesichtsfeld gemessen und eine Aberrometrie durchgeführt, eine Untersuchung, bei der optische Abbildungsfehler durch unregelmäßige Lichtbrechung an der Hornhaut, Linse und im Glaskörper festgestellt wurden. Das Ergebnis all dieser Tests präsentierte er ihr an diesem herrlichen Tag im Frühsommer.

»Sie leiden an der sogenannten Leberschen Optikusatrophie.«

Anna zog eine Augenbraue hoch.

»Was haben meine Augen mit meiner Leber zu tun?«

Dr. Steinert lächelte milde.

»Die Bezeichnung stammt von ihrem Entdecker Doktor Theodor von Leber. Er entdeckte, dass bei dieser Erkrankung des Sehnervs die Mutation einer mitochondrialen Gen-Sequenz auftritt.«

Warum nur hatten so viele Ärzte die Angewohnheit, ihre Unsicherheit hinter unverständlichen Fachbegriffen zu verstecken? Doch damit würde er bei Anna nicht durchkommen.

»Und was heißt das auf Deutsch?«, fragte sie keck nach.

Eine Erkrankung des Sehnervs war noch lange kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen. Dann trug sie eben eine Brille – oder Kontaktlinsen, wenn sie Jonas damit besser gefiel.

Erwartungsvoll musterte sie ihren Arzt, der irgendetwas auf den Zettel kritzelte, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag.

»Also gut, Frau Reither. Bei der Leberschen Optikusatrophie handelt es sich um eine Erbkrankheit, die...



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