Kastell | Chefarzt Dr. Holl 1925 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1925, 64 Seiten

Reihe: Dr. Holl

Kastell Chefarzt Dr. Holl 1925

Das Genie in der Chirurgie
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7517-2210-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Das Genie in der Chirurgie

E-Book, Deutsch, Band 1925, 64 Seiten

Reihe: Dr. Holl

ISBN: 978-3-7517-2210-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Übermüdete Ärzte mit dunklen Ringen unter den Augen und gestressten Mienen hetzen über die Flure der Münchener Berling-Klinik. Oje, die vielen Extraschichten hält mein Team nicht mehr lange durch, sorgt sich Dr. Stefan Holl und begibt sich auf die Suche nach ambitionierten Nachwuchsärzten.
Ein glücklicher Zufall kommt ihm zu Hilfe, als sein ehemaliger Doktorvater, Professor Alexander Pechstein, zum Gesundheitscheck nach München kommt. Begleitet wird der Professor von seinem hochbegabten Schützling, und der tatsächlich sucht tatsächlich nach einer Anstellung.
Es klingt zunächst perfekt- doch die Sache hat einen Haken, denn Dr. Mischa Oswald ist Autist. Empathie und soziale Interaktion sind ihm fremd.
Kritischen Gegenstimmen zum Trotz wagt Dr. Holl den Versuch und stellt Mischa als Assistenzarzt in der Chirurgie ein. Was der Klinikleiter nicht ahnt: Diese mutige Entscheidung wird seinem langjährigen Freund das Leben retten - und vielen mehr ...

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Das Genie in der Chirurgie

Er ist Autist
und hat unglaubliche Fähigkeiten

Von Katrin Kastell

Übermüdete Ärzte mit dunklen Augenringen und gestressten Mienen hetzen über die Flure der Münchener Berling-Klinik.

Oje, die vielen Extraschichten hält mein Team nicht mehr lange durch, sorgt sich Dr. Stefan Holl und begibt sich auf die Suche nach ambitionierten Nachwuchsärzten.

Zur gleichen Zeit begibt sich sein ehemaliger Doktorvater, Professor Alexander Pechstein, zum Gesundheitscheck nach München. Begleitet wird der Professor von seinem hochbegabten Schützling, und der sucht doch tatsächlich nach einer Anstellung.

Es klingt zunächst perfekt – doch die Sache hat einen Haken, denn Dr. Mischa Oswald ist Autist. Empathie und soziale Interaktion sind ihm fremd.

Kritischen Gegenstimmen zum Trotz wagt Dr. Holl den Versuch. Er stellt Mischa Oswald als Assistenzarzt in der Chirurgie ein. Was der Klinikleiter nicht ahnt: Diese mutige Entscheidung wird seinem langjährigen Freund das Leben retten – und vielen Menschen mehr ...

»Bist du bereit?« Professor Theodor Pechstein betrat das Zimmer seines Schützlings.

Hochkonzentriert blickte Mischa Oswald auf das Bett, auf dem ordentlich aufgereiht sämtliche Kleidungsstücke lagen, die er für das größte Abenteuer seines noch so jungen Lebens benötigte.

»Sieben Paar schwarze Socken, sieben graue Shorts, sieben weiße T-Shirts, sieben weiße Hemden, sieben ... nein, zwei Paar schwarze Jeans«, zählte er auf.

Zum dritten Mal an diesem Morgen packte er die Reisetasche komplett aus und wieder ein.

»Du kannst den Reißverschluss jetzt zuziehen und zulassen«, schritt der Professor mit ruhiger Stimme ein. »Ich habe genau mitgezählt. Du hast nichts vergessen.«

»Sicher nicht?«

»Nein, Mischa, hast du nicht.«

»Gut.«

Mischa durchquerte das Zimmer und trat an den Schreibtisch. Er zog die Schublade auf und zählte die Stifte, die, fein säuberlich nach Farben sortiert, nebeneinander lagen. Die Bücher auf dem Tisch legte er Kante auf Kante, genau wie die Schreibtischunterlage, die exakt in der Mitte der Tischplatte liegen musste. Er betrachtete sein Werk und nickte. Endlich war alles in Ordnung.

»Können wir jetzt gehen?«

Professor Pechstein sah auf die Uhr. In etwas mehr als einer Stunde fuhr der Zug, der ihn und seinen Schützling nach München bringen würde.

Es grenzte an ein Wunder, dass Mischa nach dem schrecklichen Unglück vor knapp zwanzig Jahren dieses Verkehrsmittel wieder benutzen konnte. Zahllose Therapiestunden waren dazu nötig gewesen, und in einigen Momenten war die Therapeutin an ihre Grenzen gestoßen. Trotzdem wollte der Professor die Hoffnung nicht aufgeben, dass Mischa Oswald schon bald ein ganz normales Leben führen konnte. Dies war auch der Grund, warum er sich heute gemeinsam mit seinem Schützling auf den Weg nach München machte.

Von der Straße ertönte ein Hupen. Professor Pechstein trat ans Fenster, schob den Vorhang beiseite und blickte hinaus in den grauen Tag.

»Das Taxi ist da.«

»Moment.« Mischa schloss die Schublade und ging zur Garderobe. Er nahm die Jacke vom Haken und schlüpfte hinein. Sorgfältig schloss er einen Knopf nach dem anderen, auch den obersten. Bevor er nach dem Gepäck griff, steckte er die Hand in die Tasche. Seine Finger schlossen sich um das weiche Fell seines Plüschhundes. Er atmete auf. Jetzt konnte ihm nichts mehr geschehen. »Wir können gehen.«

Der Professor schickte ein Stoßgebet in den Himmel. Bis zuletzt hatte er gefürchtet, Mischa nicht dazu bewegen zu können, die gewohnten Strukturen zu verlassen.

Doch auch in dieser Hinsicht war die Arbeit der Therapeutin von Erfolg gekrönt. Mischas ausgeprägtes Bedürfnis nach Beständigkeit, Routine und Ordnung hinderte ihn nun nicht mehr daran, ein halbwegs normales Leben zu führen.

Die Psychologin hatte ihm eine Art geplante Flexibilität beigebracht, die ihm half, wie ein Schachspieler mögliche Züge anderer Menschen oder das Geschehen vorauszudenken und Pläne zu entwickeln, wie er darauf reagieren konnte. Denn für Mischa war das Handeln seiner Mitmenschen chaotisch und nicht nachvollziehbar, besonders dann, wenn Emotionen ins Spiel kamen.

Zum Glück wusste sein Mentor das und ging entsprechend darauf ein.

»Das Taxi bringt uns jetzt zum Bahnhof. Dort kaufe ich eine Zeitung und etwas Proviant, bevor wir in den Zug Richtung München steigen«, erklärte Professor Pechstein auf der Fahrt durch Hamburgs Straßen.

Die erste Welle des Berufsverkehrs war bereits verebbt, die Häuser der Stadt zogen an Mischas Augen vorbei. Wenn der Wagen an einer roten Ampel hielt, betrachtete er die Fußgänger – Eltern mit Kinderwägen und Kleinkindern auf Laufrädern, Passanten mit Aktentaschen, die es offenbar eilig hatten, ins Büro zu kommen.

Auf dem Weg durch den Hamburger Bahnhof richtete Mischa Oswald seinen Blick stur geradeaus. Die rechte Hand steckte in der Jackentasche und streichelte unablässig das weiche Plüschfell.

Während Theodor Pechstein an der angekündigten Imbissbude anstand, um Sandwiches und Wasserflaschen zu kaufen, nahm ein kleiner Junge mit tränenüberströmtem Gesicht Mischas Aufmerksamkeit gefangen.

»Warum weint der Junge?«, erkundigte er sich bei seinem Mentor, als der mit dem Essenspaket zurückkehrte.

»Ich glaube, seine Kekse sind heruntergefallen und zerbrochen.«

»Na und? Wenn er sie isst, gehen sie doch eh kaputt.«

»Das stimmt.« Professor Pechstein schmunzelte. »Aber stell dir doch mal vor, es wären deine Kekse, die deine Großmutter für dich gebacken hat. Oder ein Schoko-Nikolaus, den dein Papa dir geschenkt hat. Dann wärst du auch traurig, wenn sie kaputtgehen würden.«

Nach kurzer Bedenkzeit pflichtete Mischa seinem Mentor bei.

Ruckelnd setzte sich der Zug nach München in Bewegung, langsam erst und dann immer schneller, bis die Landschaft als bunte Striche an den Passagieren vorbeiflog. Mischas Hand streichelte unaufhörlich das Fell seines kleinen Plüschhundes.

Das große Abenteuer – eine eigene Wohnung mitten in der Stadt, ein Arbeitsplatz, der Beginn einer großen Karriere –, Dinge, die für andere junge Menschen selbstverständlich waren, stand unmittelbar bevor. Das hatte ihm der Professor angekündigt.

Was Mischa nicht wusste und auch nicht erfahren musste: Der Plan war noch nicht perfekt. Ein kleines, entscheidendes Detail fehlte noch, und Professor Theodor Pechstein konnte nur hoffen, dass ihn sein langjähriger Freund Dr. Stefan Holl in diesem Punkt nicht im Stich lassen würde ...

***

»Aus dem Weg!«

Eine Fahrradklingel trieb die drei Assistenzärzte auseinander, die in aller Frühe auf den Eingang der Berling-Klinik zustrebten.

Dr. Ruben Schmidt stöhnte auf.

»Bin ich froh, dass Ella nicht meine Freundin ist. So viel Temperament am frühen Morgen würde mich eindeutig überfordern.«

Seine beiden Kollegen Peter Donat und Christian Seefelder lachten herzhaft.

»Habt ihr meine E-Mail von gestern bekommen?«, rief Dr. Ella Neuhaus vom Fahrradständer herüber. Sie überprüfte, ob das Schloss auch eingeschnappt war, hängte sich die Tasche über die Schulter und gesellte sich zu ihren Kollegen. »Ich habe euch die Dienstplanänderung geschickt.«

Ruben schüttelte den Kopf.

Peter zog sein Handy aus der Jackentasche.

»Einen Moment, das haben wir gleich.« Wie angewurzelt blieb er stehen. »Wie bitte? Das ganze Wochenende Bereitschaft?«

»Das ist doch bestimmt ein Scherz«, vermutete Ruben.

Ella verzog den Mund. »Leider nein.«

»Ich dachte, wir haben nur heute Bereitschaft, und Sonntag ist ausnahmsweise mal frei«, schimpfte Christian Seefelder lautstark.

»Beschwerden bitte direkt an den Chef«, wehrte sich Ella gegen die Angriffe. »Er hat den Dienstplan höchstpersönlich abgesegnet.«

Die Türen der Berling-Klinik schoben sich vor den Kollegen auf. Trotz der Verstimmung vergaßen die Männer ihre guten Manieren nicht und ließen Ella Neuhaus den Vortritt.

Dort, wo es tagsüber zuging wie in einem Taubenschlag, herrschte um diese Uhrzeit noch eine angenehme Ruhe.

Die Schwestern hinter dem Empfangstresen tauschten im Flüsterton die neuesten Nachrichten aus, zwei Ärzte durchschritten Seite an Seite die Halle. Ein Servicemitarbeiter befüllte den Kaffeeautomaten in der Ecke neu.

Die Assistenzärzte warteten am Aufzug, als sich Dr. Holl zu ihnen gesellte. Auch er hatte die Klinik erst vor ein paar Minuten betreten und war auf dem Weg in sein Büro.

»Guten Morgen, die Herrschaften«, grüßte er mit strahlendem Lächeln in die missmutigen Gesichter.

Ausgerechnet Ruben Schmidt – der Jüngste im Bunde – nahm nun allen Mut zusammen und sprach seinen Chef auf die Neuigkeiten an: »Herr Doktor Holl ...«

»Sie haben vollkommen recht. Der Dienstplan ist eine...



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