Kastell | Chefarzt Dr. Holl 1928 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1928, 64 Seiten

Reihe: Dr. Holl

Kastell Chefarzt Dr. Holl 1928

Millionär über Nacht
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7517-2447-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Millionär über Nacht

E-Book, Deutsch, Band 1928, 64 Seiten

Reihe: Dr. Holl

ISBN: 978-3-7517-2447-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Nachrichten enden mit dem Wetterbericht, der so trübe ausfällt wie Antonios Stimmung. In kurzer Zeit hat der herzenswarme, italienische Restaurantbesitzer alles verloren, was er im Leben liebt: Seine Ehe mit Felicitas ist gescheitert; sein Herzensprojekt, das Ponte d'Amore, ist bankrottgegangen.
Es folgen die Lottozahlen. Antonio greift bereits nach der Fernsteuerung, um den Fernseher auszuschalten, aber dann hält er inne. 'Und die heutigen Gewinnzahlen lauten: 21 ... 2 ... 16 ... 5 ... 31 ... 11! Wie bereits gesagt, beträgt der Jackpot in dieser Woche dreieinhalb Millionen.'
Fassungslos starrt Antonio auf den Bildschirm. Das sind seine Lieblingsdaten: Felicitas' Geburtstag, ihr Kennenlernen in Venedig und die Geburt ihres gemeinsamen Sohnes - er hat sechs Richtige! Völlig überwältigt greift er seine Jacke und eilt los - zu seiner Felicia! Doch kurz vor ihrer neuen Wohnung hört er einen lauten Knall, es knirscht, schmerzt, und alles wird schwarz ...

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Millionär über Nacht

... berichten die Zeitungen, während der Lottogewinner um sein Leben kämpft

Von Katrin Kastell

Die Nachrichten enden mit dem Wetterbericht, der so trübe ausfällt wie Antonios Stimmung. In kurzer Zeit hat der herzenswarme, italienische Restaurantbesitzer alles verloren, was er im Leben liebt: Seine Ehe mit Felicitas ist gescheitert; sein Herzensprojekt, das Ponte d'Amore, ist bankrottgegangen.

Es folgen die Lottozahlen. Antonio greift bereits nach der Fernsteuerung, um den Fernseher auszuschalten, aber dann hält er inne. »Und die heutigen Gewinnzahlen lauten: 21 ... 2 ... 16 ... 5 ... 31 ... 11! Wie bereits gesagt, beträgt der Jackpot in dieser Woche dreieinhalb Millionen.«

Fassungslos starrt Antonio auf den Bildschirm. Das sind seine Lieblingsdaten: Felicitas' Geburtstag, ihr Kennenlernen in Venedig und die Geburt ihres gemeinsamen Sohnes – er hat sechs Richtige! Völlig überwältigt greift er seine Jacke und eilt los – zu seiner Felicia! Doch kurz vor ihrer neuen Wohnung hört er einen lauten Knall, es knirscht, schmerzt, und alles wird schwarz ...

»Ihre Spaghetti alle vongole sind einfach die allerbesten, liebe Frau Rugani«, lobte Elfriede Gehrke, die Stammkundin, die bereits seit der ersten Stunde mit ihrem Mann ins Ponte d'Amore zum Essen kam. Mit dem letzten Stück Brot wischte sie die Reste der Muschelsoße auf ihrem Teller aus. »Ich kann mir wirklich überhaupt nicht vorstellen, dass wir Ihre einzigartigen Köstlichkeiten in Zukunft nicht mehr genießen dürfen.«

Ich auch nicht, dachte Felicitas Rugani tieftraurig und verkniff sich ein Seufzen.

Das Restaurant war ihr Herzensprojekt. Mehr noch – neben ihrer Familie war es ihr Leben. Es war immer da gewesen. Praktisch seit dem Tag, an dem sie mit ihrer großen Liebe Antonio aus Italien nach München zurückgekommen war und gemeinsam mit ihm das heruntergekommene Ladengeschäft in ein behagliches kleines Lokal im italienischen Stil verwandelt hatte.

Ponte d'Amore. Brücke der Liebe.

Diesen Namen hatten sie und Antonio ihrem Restaurant gegeben, weil es auf einer Brücke mitten im traumhaft schönen Venedig gewesen war, wo sie einander blindlings in die Arme gerannt waren.

Felicitas hatte noch mitten in ihrer Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin gesteckt und hatte monatelang gespart, um sich diesen Aufenthalt in der Lagunenstadt leisten zu können. Sie hatte ihr Italienisch verbessern wollen – und natürlich hatte sie Venedig sehen wollen, von dem all ihre Freundinnen schwärmten.

Felicitas' Mutter hatte ihre Tochter allein aufziehen müssen. Für teure Reisen ins Ausland hatte sie nie Geld gehabt.

Umso mehr war es der jungen Frau damals wie ein Wunder vorgekommen, dass sie tatsächlich in Venedig war und den Zauber mit eigenen Augen und Ohren genießen konnte.

Das Wunder aber hatte für sie noch viel größer werden sollen: Während sie beim Überqueren der Brücke vor sich hin träumte, den Liedern der Gondolieri lauschte und nicht auf ihren Weg achtete, rannte sie mitten in ihr Schicksal hinein. In Antonio Rugani, den wundervollsten Mann auf der Welt.

Zumindest hatte sie das damals so empfunden, stellte sie nun bitter fest. Gleich darauf aber rief sie sich zur Ordnung: Sie wollte nicht ungerecht sein. Das Leben mit Antonio war viele Jahre lang wundervoll gewesen. Es hatte ihr das größte Glück beschert, das ein Mensch nur empfinden konnte: Liebe, Wärme, Geborgenheit, gemeinsame Träume, gemeinsame Ziele und jede Menge Zärtlichkeit.

Überdies hatte sich, um ihr Glück zu krönen, nur wenige Wochen nach der Eröffnung des Restaurants ihr Sohn Sebastian angekündigt. Es war natürlich der völlig falsche Zeitpunkt gewesen. In der winzigen Wohnung über dem Restaurant hatte es im Grunde keinen Platz für ein Kind gegeben, und das Geld hatte ihnen an allen Ecken und Enden gefehlt. Aber all das war nebensächlich gewesen und hatte im Anbetracht ihres Glücks keine Rolle gespielt.

Allen Schwierigkeiten zum Trotz waren Antonio und Felicia, wie er sie liebevoll nannte, die seligsten Eltern der Welt gewesen.

Dass Glück und Seligkeit nicht gehalten hatten, sondern am Ende zerbrochen waren, löschte all die liebevollen Jahre nicht aus, war Felicitas vor einiger Zeit zu dem Schluss gekommen. Der überwältigende Schmerz, den sie empfand, war schließlich das beste Zeichen dafür, dass auch die jahrelange Freude überwältigend gewesen war.

Und hatten sie nicht trotz allem das Wichtigste geschafft? Sebastian war in einem heilen, liebevollen Elternhaus aufgewachsen und hatte eine sorglose, glückliche Kindheit genossen.

Felicitas würde Antonio dennoch niemals verzeihen können, dass er ihr die schwierige finanzielle Lage des Restaurants bis zum bitteren Ende verschwiegen hatte, aber ein Gutes hatte seine Unehrlichkeit zumindest gehabt: Sebastian hatte nichts davon mitbekommen. Er hatte in aller Ruhe ein hervorragendes Abitur machen können und hatte den gewünschten Studienplatz für Architektur an der Goethe-Universität in Frankfurt erhalten.

Für Frankfurt hatte er sich entschieden, weil dort die Ausbildung einen ausgezeichneten Ruf hatte und weil auch sein bester Freund Benjamin dort einen Platz erhalten hatte.

Die beiden Jungen, die schon seit dem Kindergarten unzertrennlich waren, hatten sich auf der Suche nach einer gemütlichen kleinen Studentenwohnung gemacht und waren auch rasch fündig geworden.

»Bescheiden sind sie ja nicht gerade, die jungen Herren Studenten«, hatte Benjamins Vater Michael gewitzelt, als er die monatliche Summe im Mietvertrag für die Wohnung gesehen hatte. »Aber schließlich sind sie ja unser Ein und Alles – also werden Papa und Mama sich nicht lumpen lassen.«

Ohne mit der Wimper zu zucken, hatte Michael, der als Bankkaufmann glänzend verdiente, den Vertrag unterschrieben, und Antonio hatte, ebenfalls ohne mit der Wimper zu zucken, dasselbe getan.

Wie Benjamin war auch Sebastian ein Einzelkind. Antonio hatte häufig voller Sehnsucht davon gesprochen, dass er sich mehr Kinder wünschte – eine große, bunte, lebhafte Familie wie die, in der er aufgewachsen war. Auch Felicitas hätte furchtbar gerne mehr Kinder gehabt, doch rund um das Restaurant hatte es immer so viel zu tun gegeben, dass sie es auf später verschoben hatten.

Und auf später. Und auf noch später.

Jetzt, wo sie beide Anfang vierzig waren und vor den Trümmern ihrer Ehe und ihrer beruflichen Existenz standen, war es dann zu spät.

Zu spät. Felicitas konnte sich keine Worte vorstellen, die so sehr wehtaten wie diese beiden.

Hastig bedankte sie sich bei der netten Frau Gehrke, kassierte ab, was sie und ihr Mann verzehrt hatten, und eilte hinter den Tresen, damit kein Gast sah, dass ihr die Tränen über das Gesicht liefen.

Heute war ihr letzter Abend im Ponte d'Amore. Beim IT-Service von Dominik Bangemann hatte sie in ihrem erlernten Beruf eine Anstellung und zugleich eine winzige Wohnung am anderen Ende der Stadt gefunden. Die wenigen Sachen, die sie mitnehmen wollte, warteten fertig gepackt im Flur.

Wenn sie heute Abend hier abschloss, würde sie dieses kleine Paradies, das sie in ihren glücklichen Jahren aufgebaut hatte, nicht mehr wiedersehen.

Auch für ihr Restaurant war es eines Tages einfach zu spät gewesen. Jahrelang hatte Antonio verheimlicht, dass es finanzielle Probleme gab, und als dann der Verdienstausfall während der Corona-Pandemie dazugekommen war, hatte dies dem Ponte d'Amore den Rest gegeben.

Antonio hatte mit der Sprache herausrücken müssen: Seit Langem schon hatten sie privat weit mehr ausgegeben, als das Restaurant tatsächlich abwarf.

Die finanziellen Belange waren immer seine Angelegenheit gewesen, und alles, was damit in Zusammenhang stand, hatte er von Felicitas ferngehalten.

»Ich wollte dich damit nicht belasten«, hatte er verzweifelt versucht, ihr zu erklären. »Und ich wollte so gern, dass es meiner Familie an nichts fehlt.«

»Aber wir hätten doch all diese teuren Urlaube nicht machen müssen!«, hatte sie ihn angeschrien. »Der Segeltörn vor Griechenland, Sebastians Tauchkurs in der Türkei – das war doch alles nicht notwendig!«

»Für mich war es notwendig, weil Basti es sich gewünscht hat«, hatte Antonio niedergeschlagen erwidert. »Und weil wir drei in diesen Urlauben miteinander glücklich waren. Das Restaurant lief ja gut, nach dem wirtschaftlichen Einbruch hatte es sich wieder erholt, und ich war sicher, dass wir die paar Löcher schnell gestopft haben würden. Genauso wäre es auch gekommen, wenn nicht ...«

»Ja«, hatte Felicitas bitter erwidert. »Wenn nicht. So kann man nicht leben und kein Geschäft führen, Antonio – man sorgt für Notfälle wie diesen vor und gibt kein Geld aus, das man noch gar nicht verdient hat.«

Natürlich hatte für einen Notfall wie die Corona-Pandemie auf der ganzen Welt niemand vorgesorgt, und das Ponte d'Amore war beileibe nicht das einzige Restaurant, das diese Krise nicht überlebt...



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