Kastell | Chefarzt Dr. Holl 1931 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1931, 64 Seiten

Reihe: Dr. Holl

Kastell Chefarzt Dr. Holl 1931

Sehnsucht nach Meer
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-2577-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Sehnsucht nach Meer

E-Book, Deutsch, Band 1931, 64 Seiten

Reihe: Dr. Holl

ISBN: 978-3-7517-2577-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Hoteltesterin Anni Winter hat privat sehr schwere Jahre hinter sich. Umso glücklicher ist sie über ihren beruflichen Erfolg. Als Hoteltesterin bereist sie die ganze Welt und entdeckt immer neue Paradiese. Auch jetzt steht sie kurz vor der Abreise nach Portugal.
Dass sie seit einigen Tagen starke Rückenschmerzen quälen, schiebt sie auf die Kälte in Deutschland. Doch bevor sie ins Flugzeug steigen kann, bekommt sie plötzlich auch noch hohes Fieber. Statt im Luxusresort an der Atlantikküste liegt sie Stunden später als Sterbenskranke in der Berling-Klinik. Die Ärzte tun, was in ihrer Macht steht, aber nicht immer hat das Schicksal Erbarmen. Und als sie hören, dass Anni noch einen letzten großen Wunsch hat, beschließen sie, ihr diesen zu erfüllen ...

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Sehnsucht nach Meer

Doch dann erkrankt Hoteltesterin Anni an einer
lebensbedrohlichen Sepsis

Von Katrin Kastell

Anni Winter hat privat sehr schwere Jahre hinter sich. Umso glücklicher ist sie über ihren beruflichen Erfolg. Als Hoteltesterin bereist sie die ganze Welt und entdeckt immer neue Paradiese. Auch jetzt steht sie kurz vor der Abreise nach Portugal.

Dass sie seit einigen Tagen starke Rückenschmerzen quälen, schiebt sie auf die Kälte in Deutschland. Doch bevor sie ins Flugzeug steigen kann, bekommt sie plötzlich auch noch hohes Fieber. Statt im Luxusresort an der Atlantikküste liegt sie Stunden später als Sterbenskranke in der Berling-Klinik. Die Ärzte tun, was in ihrer Macht steht, aber nicht immer hat das Schicksal Erbarmen. Und als sie hören, dass Anni noch einen letzten großen Wunsch hat, beschließen sie, ihr diesen zu erfüllen ...

»Mama, weißt du, wo meine Turnschuhe sind? Gestern standen sie noch im Flur, und jetzt sind sie spurlos verschwunden«, beschwerte sich der fünfzehnjährige Chris.

Vor ein paar Minuten war er vom Frühstückstisch aufgesprungen, um Zähne zu putzen und sich wie seine jüngere Schwester Juju für die Schule fertig zu machen. Auch die Zwillinge Marc und Dani saßen nicht mehr am Tisch, sondern rumorten irgendwo im Haus herum.

Eigentlich hatte Mama Julia gehofft, mit ihrem Mann noch in aller Ruhe eine Tasse Kaffee trinken zu können, bevor sich Stefan auf den Weg in die Klinik machte. Aber diesen Wunsch konnte sie sich wohl abschminken.

»Ich wusste noch gar nicht, dass es in unserem Haus spukt«, hallte Danis Stimme durch den Flur, gefolgt von einem schaurigen »Uuuhuuuh!«, das nur von Marc stammen konnte.

»Iiih, ein Gespenst!«, kreischte Juju.

Stefan trank einen Schluck Kaffee und rollte mit den Augen.

»Ich nehme an, der Geist heißt Cäcilie und hat gerade die Schuhe dorthin geräumt, wo sie hingehören«, klärte er das Rätsel auf.

Die gute Cäcilie, ihre alte Haushälterin, wurde gerne von den Kindern aufs Korn genommen, besonders, wenn sie unter ihrer weißen Schürze mal wieder ihr ebenso weißes Lieblingskleid trug.

Das Geschrei verstummte, Füße trappelten, ein Kind nach dem anderen tauchte noch einmal im Esszimmer auf, um sich zu verabschieden. Stefan gab seiner Frau noch schnell einen innigen Kuss und zog sich schon einmal den Mantel über.

»Ihr müsst heute nicht auf mich warten. Nach der Uni treffe ich mich mit Lara.«

Marc beugte sich über seine Mutter, um ihr einen Kuss auf die Wange zu drücken.

»Lara? Interessant. Ist das dein neues medizinisches Studienobjekt?«, platzte seine Zwillingsschwester heraus.

Für diese freche Bemerkung erntete Dani einen freundschaftlichen Knuff.

»Du bist ja nur neidisch, weil sich dein Noah noch sträubt.«

»Noah? Pah, was will ich denn mit diesem arroganten Kerl?«

Dani machte eine wegwerfende Handbewegung, doch die hektischen roten Flecken auf ihren Wangen verrieten sie.

Es flogen noch ein paar Bemerkungen hin und her, und dann war es plötzlich still. Julia war allein.

Jeden Morgen, wenn alle nacheinander das Haus verließen und sich jeder auf seine Art von ihr verabschiedete, durchströmten sie widerstreitende Gefühle: das Bangen darum, ob sie alle wieder gesund nach Hause kommen würden – und die Erleichterung darüber, ein paar Minuten ganz für sich allein zu haben.

In Erwartung der Zwillinge waren Stefan und Julia in das geräumige Haus am Stadtrand von München gezogen. Damals verloren sie sich in den kahlen Räumen und insgeheim hatte Julia daran gezweifelt, sich jemals darin heimisch zu fühlen.

Diese Zeiten gehörten längst der Vergangenheit an. Inzwischen zählte die Familie sechs Köpfe, und jeder Winkel war besiedelt.

Geselligkeit wurde groß geschrieben im Hause Holl, die Tür stand auch den Freunden der Kinder stets offen. Dieses Angebot wurde gerne angenommen und häufig tummelten sich über die Bewohner hinaus viele weitere Menschen in dem gemütlichen Heim.

Während die Zwillinge immer seltener zu Hause waren, drückten ihre jüngeren Geschwister Chris und Juju ihre Liebe zu den Eltern durch Gemeinschaft aus. Die beiden wären ihren Eltern auch bis an den Nordpol gefolgt, wenn ihnen nach Gesellschaft zumute war.

Die nahe Kirchturmuhr schlug viermal für die volle Stunde. Julia zählte die folgenden Stundenschläge: acht Uhr. Höchste Zeit, ihr Tagwerk zu beginnen, damit die Haushälterin Cäcilie nicht zu viel Arbeit hatte.

Im ersten Stock nahm Julia Bettwäsche aus dem Kleiderschrank, um sie auf die Betten der Zwillinge zu legen. Sie wollte schon wieder kehrtmachen, als sie innehielt.

Was war das? Sie drehte sich um, ihr Blick wanderte über den Kleiderhaufen auf dem Stuhl in der Ecke über Zeitschriften und schmutzigen Socken auf dem Boden hinüber zum Schreibtisch.

»Der Computer, dachte ich es mir doch!«

Wie oft hatte Julia ihren Sohn ermahnt, sämtliche Stromfresser am Morgen vor Verlassen des Hauses auszuschalten! Besonders dann, wenn er erst spät am Abend zurückkommen würde.

Julia haderte mit sich. Nichts lag ihr ferner, als in die Privatsphäre ihrer Kinder einzudringen. Den Computer einfach laufen lassen, wollte sie trotzdem nicht. Aber was, wenn Marc ein wichtiges Update gestartet hatte?

Zum Glück gab es die moderne Technik. Kurz entschlossen nahm Julia ihr Mobiltelefon zur Hand und schrieb ihrem Ältesten eine Nachricht.

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Hab's vergessen. Tut mir leid. Darfst ihn gerne ausschalten. Kuss M.

Lächelnd trat Julia an den Schreibtisch und griff nach der Maus. Der Bildschirm flammte auf. Das Lächeln auf den Lippen der Mutter erstarrte.

***

Ein bitterkalter Windhauch strich um Ecken und durch Häuserfluchten. Anni Zacharias rieb sich die Hände.

Wie sehr sie diese Kälte verabscheute, die ihr nicht nur die Laune verdarb, sondern obendrein wahrscheinlich auch noch für den Zug im Rücken verantwortlich war, den sie seit einigen Tagen verspürte. Und das ausgerechnet jetzt, wo sie endlich wieder arbeiten konnte!

Anni zog die Schultern hoch und ließ den Blick an der Fassade des Bürogebäudes hochwandern, dorthin, wo im vierten Stock der Name der Firma stand, für die sie arbeitete. Wunderlich Reisen prangte in fetten Lettern an der Hausfassade des Frankfurter Hochhauses.

Anni hatte schon befürchtet, zu spät zum Termin mit ihrem Chef zu kommen. Doch eine gewiefte Taxifahrerin hatte den stockenden Berufsverkehr geschickt umfahren und sie pünktlich am Hauptsitz des Reiseveranstalters abgesetzt, für den Anni nun schon seit drei Jahren tätig war.

Im Bürogebäude herrschte eine angenehme Wärme. Anni klappte den Kragen des Wintermantels herunter und sah sich um. Der Pandemie war es geschuldet, dass sie seit knapp zwei Jahren nicht mehr hier gewesen war. Sie musste sich erst wieder orientieren.

Ein Pling! wies ihr den Weg zu den Aufzügen. Wenig später schritt sie über den sandfarbenen Teppichboden Richtung Chefbüro.

»Frau Behrens, wie schön, dass wir uns endlich wieder einmal in die Augen sehen können.« Mit ausgestreckter Hand eilte Konrad Rütting auf seine Mitarbeiterin zu. »Diese Pandemie hat unser Leben ja ganz schön auf den Kopf gestellt. Aber jetzt kehren wir allmählich wieder zur Normalität zurück, wie Ihr Besuch beweist. Wie geht es Ihnen?«

Bevor Anni antworten konnte, servierte eine Sekretärin Tee und Gebäck.

»Ehrlich gesagt hätte ich liebend gerne mal wieder echten Sand unter den Füßen«, gestand Anni und biss auf einen der Kekse, die offenbar schon vor der Zwangspause gebacken worden waren.

»Ich weiß, dass die Reisen durch die deutsche Hotellandschaft nicht Ihr Traum sind.« Auch Konrad machte es sich bequem. Sein väterlicher Blick ruhte auf Anni, die Kekskrümel von ihrer Hose klopfte. »Aber Sie können von Glück sagen, für ein renommiertes Unternehmen zu arbeiten. Andere Reiseveranstalter konnten dem Druck nicht standhalten und mussten schließen.«

»Ich weiß und wollte auch ganz bestimmt nicht jammern«, beeilte sich Anni zu versichern. »Aber Sie haben mich gefragt, und ich habe eine ehrliche Antwort gegeben. Das erwarten Sie doch von einer professionellen Hoteltesterin, oder?«

Konrad Rütting legte den Kopf in den Nacken und lachte herzlich.

»Genauso treffsicher wie Ihre Berichte!«, lobte er. »Deshalb freue ich mich, Ihnen heute gute Nachrichten überbringen zu können.«

Das klang vielversprechend. Anni rutschte auf die Kante des Sessels, auch, um ihren schmerzenden Rücken zu entlasten.

»Ich bin gespannt.«

»Wo habe ich denn ...?« Eine ganze Weile raschelte Konrad Rütting mit den Papieren in seiner Mappe. »Ah, hier ist er ja, Ihr neuer Auftrag!« Endlich hatte er gefunden, wonach er gesucht hatte. Er strahlte Anni an. »Es geht in den Süden.«

»Fantastisch.« Ihre Augen begannen zu...



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