E-Book, Deutsch, Band 1935, 64 Seiten
Reihe: Dr. Holl
Kastell Chefarzt Dr. Holl 1935
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-3073-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Charly, der Krebs-Spürhund
E-Book, Deutsch, Band 1935, 64 Seiten
Reihe: Dr. Holl
ISBN: 978-3-7517-3073-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Nase dicht am Boden, erkundet Beagle Charly aufmerksam den Englischen Garten. Plötzlich dreht er ab, hebt den Kopf und folgt zielstrebig einer fremden Frau im gelben Anorak. Lachend krault sie dem drolligen Vierbeiner den Kopf und setzt dann ihren Weg fort.
Stundenlang verharrt der Beagle seitdem vor der Berling-Klink. Den Kopf auf den Pfoten, die wachen Augen auf den Eingang gerichtet. Vom Herrchen keine Spur.
Es ist OP-Schwester Nina Berger, auf die der kleine Hund so beharrlich wartet.
Den Grund für sein Verhalten versteht niemand, selbst Nina ist ratlos. Doch als sie das Tier findet, steht für die Krankenschwester sofort fest: Sie nimmt den herrenlosen Vierbeiner zu sich, bis der rechtmäßige Besitzer gefunden ist. Dass Beagle Charly ihr Leben schon bald gründlich auf den Kopf stellen wird, ahnt sie noch nicht ...
Autoren/Hrsg.
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Charly, der Krebs-Spürhund
Wie ein kleiner Beagle OP-Schwester Nina vor einer schweren
Krankheit bewahrte
Von Katrin Kastell
Die Nase dicht am Boden, erkundet Beagle Charly aufmerksam den Englischen Garten. Plötzlich dreht er ab, hebt den Kopf und folgt zielstrebig einer fremden Frau im gelben Anorak. Lachend krault sie dem drolligen Vierbeiner den Kopf und setzt dann ihren Weg fort.
Stundenlang verharrt der Beagle seitdem vor der Berling-Klink. Den Kopf auf den Pfoten, die wachen Augen auf den Eingang gerichtet. Vom Herrchen keine Spur.
Es ist OP-Schwester Nina Berger, auf die der kleine Hund so beharrlich wartet.
Den Grund für sein Verhalten kennt niemand, selbst Nina ist ratlos. Doch als sie das Tier findet, steht für die Krankenschwester sofort fest: Sie nimmt den herrenlosen Vierbeiner zu sich, bis der rechtmäßige Besitzer gefunden ist. Dass Beagle Charly ihr Leben schon bald gründlich auf den Kopf stellen wird, ahnt sie noch nicht ...
Nina Berger richtete sich müde in ihrem Bett auf. Im ersten Moment wusste sie nicht, wo sie sich befand. Doch dann nahm sie die vertraute Umgebung ihres Schlafzimmers wahr und sank müde in die Kissen zurück.
Die Krankenschwester griff neben sich und holte ihr Handy hervor, um zu sehen, wie spät es war. Erleichtert stellte sie fest, dass sie nicht verschlafen hatte. Auf keinen Fall durfte sie schon an ihrem ersten Tag in der Berling-Klinik zu spät kommen.
Vor wenigen Monaten hatte Nina ihre Fachausbildung zur OP-Schwester abgeschlossen. Es war schon immer ihr Traum gewesen, den Ärzten im Operationssaal zu assistieren. Und nun mit Mitte zwanzig war es endlich so weit. Die junge Frau konnte es kaum erwarten.
Nina erhob sich aus dem Bett und schaute sich unschlüssig um.
Sie war noch immer sehr müde und ärgerte sich darüber, dass sie am Abend zuvor erst spät nach Hause gekommen war. Doch ihr Freund Thomas Frey hatte seinen fünfunddreißigsten Geburtstag gefeiert, und alle hatten ausgelassen getanzt und getrunken. Da wäre es unmöglich gewesen, vor Mitternacht zu gehen. Wenigstens hatte sie sich nicht dazu überreden lassen, bei Thomas zu übernachten. Dann hätte sie mit Sicherheit verschlafen!
Vielleicht wurde es Zeit, dass sie mit Thomas zusammenzog?
Nina dachte schon länger darüber nach. Doch da Thomas sich bisher nicht zu dem Thema geäußert hatte, wollte sie ihn auch nicht darauf ansprechen.
Sie ging ins Bad und stieg unter die Dusche.
Es war noch früh am Morgen. Die Dämmerung wich nur langsam. Als Nina das Küchenfenster öffnete, hörte sie den lauten Gesang der Vögel in den Bäumen vor ihrem Haus.
Was für ein traumhafter Tagesanbruch, dachte sie mit einer warmen Tasse Kaffee in der Hand.
Ein Blick auf die Küchenuhr sagte ihr, dass es höchste Zeit war, das Haus zu verlassen.
Nina überlegte kurz, dann griff sie nach ihrem Notizbuch und einer Kladde mit alten Aufzeichnungen. Sie wollte nicht unvorbereitet ihren ersten Arbeitstag beginnen. Schnell warf sie sich ihren gelben Anorak über und verließ das Haus.
Zum Glück wohnte Nina nicht weit von der Berling-Klinik entfernt. Wenn sie die Abkürzung durch den Englischen Garten nahm, kam sie rechtzeitig im Krankenhaus an.
Es war allerdings noch ein wenig kühl an diesem wolkenlosen Maimorgen. Enger wickelte sie die dünne Jacke um sich.
Zu dieser frühen Stunde waren schon einige Jogger unterwegs. Ein paar verschlafene Hundebesitzer spazierten mit ihren Tieren die Wege entlang.
Während die angenehm frische Morgenluft um ihr Gesicht strich, ließ Nina den vergangenen Abend noch einmal Revue passieren ...
Es war eine rauschende Party gewesen mit etlichen Gästen, reichhaltigem Büfett und cooler Musik! Und Nina hatte sich für Thomas gefreut, das stand fest. Die Feier war gelungen und er ein Jahr älter. Doch den ganzen Abend hatten sie kaum ein Wort gewechselt. Und der Abschied hatte dem die Krone aufgesetzt. Er hatte an ihr vorbeigeschaut und sie nur flüchtig auf die Wange geküsst.
Seit ein paar Wochen hatte sie das Gefühl, dass sich ihre Beziehung verändert hatte. Doch sie wusste nicht genau, woran es lag.
Ich sollte mir mehr Zeit für uns nehmen, nahm sich Nina vor.
Die letzten Monate hatte sie nur für ihre Fachausbildung gelebt und Thomas dadurch möglicherweise das Gefühl gegeben, nicht wichtig zu sein. War er deshalb so distanziert?
Die junge OP-Schwester beschleunigte ihre Schritte, langsam näherte sie sich der Klinik.
Sie bemerkte nicht, dass sie die ganze Zeit beobachtet wurde ...
***
»Verdammter Köter, kannst du nicht einmal hören?«, polterte Franz Oberleitner und legte seinem Beagle-Mischling die Leine an. »Ich bring dich ins Tierheim, wenn du so weitermachst – das verspreche ich dir!«
Der weiche Vierbeiner war ausgerissen, um beharrlich einer brünetten Frau im gelben Anorak zu folgen. Mit leisem Fiepen setzte er sich nun vor sein Herrchen. Er war sich keiner Schuld bewusst und schaute seinen Besitzer aus treuen braunen Augen an.
Doch der alte Mann wollte sich nicht erweichen lassen. Er fühlte sich überfordert mit dem eigensinnigen Tier. Seit dem Tod seiner geliebten Frau hatte Franz kaum noch Kraft, seinen eigenen Alltag zu bewältigen. Wie sollte er sich da noch um einen Hund kümmern?
Der Beagle-Mischling hatte seiner Frau gehört. Es war immer offensichtlich gewesen, dass sie dem Hund nähergestanden hatte.
Franz war nicht herzlos. Der alte Mann liebte Tiere, doch dieser Hund war ihm suspekt. Die Art, wie der Beagle sein Herrchen manchmal ansah, machte ihm Angst. Er hatte das Gefühl, der Hund würde ihn mit seinem Blick durchleuchten. Einem Blick, der mehr sah, als Franz es je vermocht hätte ...
Der alte Mann schüttelte den Kopf.
Vielleicht bin ich nur ein dummer Narr, dachte Franz bei sich und gab seinem Hund ein Leckerchen. Ich bilde mir das alles sicher nur ein, weil Else nicht mehr lebt und ich mit ihrem Tod nicht fertigwerde.
Seine Frau hatte den Hund sehr geliebt. Franz Oberleitner hatte ihn seiner Frau geschenkt, nachdem der Krebs zurückgekehrt war. Der Beagle-Mischling war ihr in den letzten drei Jahren nicht mehr von der Seite gewichen.
Damals hatte der alte Mann gehofft, dass der Hund ihr helfen würde, den Brustkrebs ein zweites Mal zu besiegen – und anfangs hatte es auch danach ausgesehen. Doch nur zehn Monate später waren sie in die Klinik bestellt worden. Der Krebs hatte gestreut. Er hatte Lunge und Leber befallen, sagte man ihnen.
Else Oberleitner hatte die Diagnose sehr gefasst aufgenommen. Doch ihr Mann war dem Zusammenbruch nahe gewesen.
Elses restliche Lebenszeit hatte das Ehepaar gemeinsam verbracht, hatte längst ersehnte Urlaubsorte bereist und jeden Moment genutzt. Rückblickend war es eine sehr schöne Zeit gewesen. Vielleicht gerade weil sie den Ausgang der Geschichte schon gekannt hatten ...
Doch mit dem Tod seiner geliebten Frau verfiel Franz Oberleitner in eine tiefe Depression. Ihm blieb nur noch der Hund, der ihn tagtäglich an den Verlust seiner Frau erinnerte. Franz konnte das Tier nicht länger behalten. Es war zu schmerzhaft.
Ich bringe ihn ins Tierheim, nahm sich Franz Oberleitner fast jeden Morgen vor.
Doch er fand selbst dazu nicht die Kraft.
Hinzu kam, dass der Beagle-Mischling nicht gut gehorchte und Franz ihn dennoch im Park ableinte. Er wusste, dass das nicht erlaubt war. Doch es war ihm egal. So früh am Morgen waren nicht viele Menschen im Englischen Garten unterwegs. Hauptsache, der Hund tobte sich aus und war später müde.
Es war immer dasselbe Spiel. Gerade abgeleint, kümmerte sich das Tier nicht mehr um seinen Besitzer und begab sich eigenmächtig auf Erkundungsreise. Immer wieder musste er den kleinen Ausreißer suchen gehen, wenn die Zeit gekommen war heimzukehren, manchmal sogar stundenlang. Und dafür war Franz nun wirklich schon zu alt.
»Wenn du das nächste Mal nicht auf mein Rufen hörst, lass ich dich hier im Park zurück!«, drohte Franz Oberleitner dem hechelnden Vierbeiner.
Der alte Mann erhob sich schwerfällig und klopfte sich die Hose sauber.
Nachdenklich sah er einer Gruppe Jogger hinterher.
Ja, früher, da hatte er selbst immer viel Sport gemacht. Er war ein fescher Bursche gewesen! Vor allem hatte ihn die Kletterei begeistert. Dabei hatte er auch seine Frau kennengelernt. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen.
Franz Oberleitner blickte kurz auf seine Armbanduhr. Es wurde höchste Zeit, nach Hause zurückzukehren. Der Hund hatte sicher Hunger.
Diesmal blieb der Beagle folgsam und lief neben ihm an der Leine. Nur ab und zu blickte sich das Tier um, als würde es jemanden suchen. Aber Franz Oberleitner schenkte seinem Verhalten keine weitere Beachtung. Wozu auch?
***
»Hallo, Nina. Schön, dass du jetzt unser Team bereicherst!«, empfing sie Schwester Sabine strahlend. »Und danke, dass du hier auf mich gewartet hast.«
»Das ist doch selbstverständlich«, erwiderte Nina freundlich und schüttelte der mittelalten OP-Schwester die Hand.
»Bitte folge mir«, forderte Schwester Sabine den Neuling auf und öffnete die Personalschleuse zum Operationstrakt.
Sie führte Nina in einen...




