Kastell | Chefarzt Dr. Holl 1951 | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 1951, 64 Seiten

Reihe: Dr. Holl

Kastell Chefarzt Dr. Holl 1951

Gefallener Stern
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-3918-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Gefallener Stern

E-Book, Deutsch, Band 1951, 64 Seiten

Reihe: Dr. Holl

ISBN: 978-3-7517-3918-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sobald die Musik zu spielen beginnt, übernimmt Miriams Körper die Regie. Schon bei den ersten Schritten ist klar: Das hier ist ihr Leben. Die Leidenschaft fürs Tanzen fließt durch ihre Adern und strömt aus ihr heraus. Darum ist es ihr größter Traum, an der renommierten Ballett-Akademie BAL aufgenommen zu werden.
Heute wird es sich entscheiden, ob ihr Können ausreicht. Miriam wird aufgerufen. Noch einmal tief durchatmen, sich konzentrieren und fokussieren. Die erste Pirouette gelingt perfekt, dann fällt sie mit einer atemberaubenden Eleganz zu Boden, um sich gleich darauf mit gestreckten Beinen in die Luft zu erheben. Jetzt noch die letzte finale Figur ...
Miriam nimmt Schwung, doch plötzlich versteift sich ihr Körper wie ein Brett. Ungebremst stürzt sie zu Boden, unfähig sich abzustützen, mit dem Gesicht zuerst ...

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Gefallener Stern

Beim Vortanzen versteift sich plötzlich Miriams Körper

Von Katrin Kastell

Sobald die Musik zu spielen beginnt, übernimmt Miriams Körper die Regie. Schon bei den ersten Schritten ist klar: Das hier ist ihr Leben. Die Leidenschaft fürs Tanzen fließt durch ihre Adern und strömt aus ihr heraus. Darum ist es ihr größter Traum, an der renommierten Ballett-Akademie BAL aufgenommen zu werden.

Heute wird es sich entscheiden, ob ihr Können ausreicht. Miriam wird aufgerufen. Noch einmal tief durchatmen, sich konzentrieren und fokussieren. Die erste Pirouette gelingt perfekt, dann fällt sie mit einer atemberaubenden Eleganz zu Boden, um sich gleich darauf mit gestreckten Beinen in die Luft zu erheben. Jetzt noch die letzte finale Figur ...

Miriam nimmt Schwung, doch plötzlich versteift sich ihr Körper wie ein Brett. Ungebremst stürzt sie zu Boden, unfähig sich abzustützen, mit dem Gesicht zuerst ...

Die Oktobersonne schien an diesem Mittag freundlich vom wolkenlosen Himmel hinab. Auf den Straßen herrschte geschäftiges Treiben, und auch in der Notaufnahme der Berling-Klinik ging es hoch her.

»Das hier ist Aurélie Leclerc, einundsechzig Jahre alt. Die Patientin klagt über starke Schmerzen im unteren Rückenbereich. Sie kann sich kaum bewegen, ist aber wieder ansprechbar«, teilte der Rettungsarzt Dr. Huber seiner Kollegin in der Notaufnahme mit.

»Ich bin nicht nur ansprechbar, sondern auch völlig klar im Kopf, Frau Doktor«, korrigierte Aurélie den Notarzt.

Die gepflegte Frau im Kostüm war nicht allein. Ein Mann Anfang dreißig begleitete sie.

»Mama, bitte!«, bat Pascal Leclerc.

»Was denn?«, schnaubte sie. »Die Leute sollen ruhig wissen, mit wem sie es zu tun haben.«

Dr. Anke Petersen nahm das Klemmbrett aus der Hand des Notarztes und überflog die Angaben.

»Guten Tag, Frau Leclerc. Mein Name ist Doktor Petersen. Wir bringen Sie sofort in einen Behandlungsraum.«

Sie nickte einem der Pfleger zu, die zur Unterstützung herbeigeeilt waren.

Vor der Tür blieb Pascal Leclerc stehen.

»Viel Glück, Mama. Wir sehen uns später.«

»Warte!« Aurélie zupfte die goldenen Clips von ihren Ohrläppchen und reichte sie ihrem Sohn. »Es soll ja viel wegkommen in Krankenhäusern.«

Dabei durchbohrte sie den Pfleger mit Blicken.

Vor Scham wäre Pascal am liebsten im Erdboden versunken.

»Bitte entschuldigen Sie, meine Mutter meint das nicht so.«

»Und ob ich das so ...«

»Wenn Sie nicht wollen, dass Pfleger Johann Sie später statt in die Radiologie in eine dunkle Abstellkammer bringt, sollten Sie jetzt mit uns kooperieren«, ging Dr. Petersen dazwischen.

Diese Drohung wirkte. Aurélie Leclerc schloss den Mund und ließ die Untersuchungen schweigend über sich ergehen.

Eine halbe Stunde später lagen die ersten Ergebnisse vor.

Anke Petersen saß in einem Nebenraum des Behandlungszimmers am Computer und studierte die Aufnahmen aus der Radiologie, als ihr Chef Dr. Stefan Holl an die halboffene Tür klopfte.

»Hier stecken Sie, Kollegin Petersen. Gibt es mittlerweile schon genauere Informationen, wann die Handultraschallgeräte geliefert werden?«

»Da müssten Sie sich an den Verwaltungschef Huber wenden. Er hat den Kontakt mit der Firma«, erwiderte die Internistin und konzentrierte sich wieder auf die Bilder.

Stefan Holl bemerkte ihre gerunzelte Stirn.

»Stimmt etwas nicht?«

»Die Bilder sind nicht sehr aussagekräftig.«

Der Klinikchef beugte sich über den Computerbildschirm und studierte die Aufnahmen.

»Es könnte sich um einen Deckplatteneinbruch handeln. Allerdings ist das leider nur eine Vermutung.«

»Hallihallo, kann auch mal jemand mit mir sprechen?«, wehte die Stimme der Patientin aus dem Nebenraum herüber.

Dr. Petersen verdrehte die Augen.

»So geht das schon die ganze Zeit«, flüsterte sie ihrem Chef zu. »Die Dame scheint unser Haus mit einem Hotel zu verwechseln.«

»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mein Glück mal bei ihr versuche?«

Die Internistin machte eine einladende Handbewegung.

»Tun Sie sich keinen Zwang an.«

Das ließ sich Stefan Holl nicht zweimal sagen. Ein freundliches Lächeln auf den Lippen trat er an die Behandlungsliege im Nebenraum und stellte sich vor.

»Na, endlich mal ein kompetenter Ansprechpartner«, seufzte Aurélie Leclerc auf. »Das wurde auch langsam Zeit.«

»An dieser Klinik arbeiten nur Spezialisten ihres Fachs«, widersprach Dr. Holl freundlich, aber bestimmt.

»Nur mit dem feinen Unterschied: Sie sind der Chef. Ich gehe davon aus, dass das einen Grund hat«, konterte Aurélie Leclerc. »Und jetzt sagen Sie mir bitte, was mir fehlt. Ich kann nicht den ganzen Tag hier herumliegen. Ich muss so schnell wie möglich zurück ins Büro.«

»Das wird leider nicht gehen. Wenn Sie eine Krankmeldung brauchen ...«

»Ich bin mein eigener Chef.« Aurélie Leclerc strich sich eine blondierte Strähne aus der Stirn und warf den Kopf in den Nacken. »Ich habe die Ballett-Akademie ›BAL‹ in München gegründet, die seit dreißig Jahren international gefeierte Stars ausbildet.«

Dr. Holl zuckte mit den Schultern.

»Tut mir leid, mit Tanz im Allgemeinen und Ballett im Speziellen kenne ich mich nicht aus.« Fast bereute er nun, die Ballett-Karten, die er neulich von einem dankbaren Patienten geschenkt bekommen hatte, an seine Schwester und ihren Mann weitergegeben zu haben. »Dafür umso besser in der Medizin«, fuhr er schnell fort, als die Patientin bereits tadelnd eine Augenbraue hob. »Leider habe ich keine guten Nachrichten für Sie. Wir müssen noch eine Extraaufnahme Ihres Wirbels machen, um herauszufinden, was damit passiert ist. Die ersten Bilder lassen aber bereits befürchten, dass Sie zumindest die Nacht bei uns verbringen müssen.«

Die Empörung stand der Patientin ins Gesicht geschrieben.

»Ausgeschlossen. Ende Oktober finden die ersten Aufführungen statt, die Proben für das Weihnachtsspiel beginnen, außerdem stehen einige wichtige Termine an. Ich kann jetzt nicht ausfallen.«

»Haben Sie keinen Stellvertreter, der sich vorübergehend um die Leitung der Geschäfte kümmern kann?«

Aurélie presste die Lippen aufeinander.

»Schicken Sie mir meinen Sohn. Er wartet draußen vor der Tür«, erwiderte sie schließlich.

***

Am nächsten Nachmittag saß Pascal Leclerc nachmittags am Schreibtisch im Büro seiner Steuerkanzlei. Anders als sonst konnte er sich nicht recht auf seine Arbeit – diesmal ging es um die Steuerangelegenheiten seiner Mutter – konzentrieren. Immer wieder wanderten seine Gedanken zurück in die Vergangenheit, in eine Zeit, in der die Zukunft noch in schillernden Farben vor ihm gelegen hatte.

Schon als kleiner Junge war ihm klar gewesen, dass er Tänzer werden wollte. Hocherfreut hatte Aurélie den Herzenswunsch ihres einzigen Kindes unterstützt und keine Kosten und Mühen gescheut. Ein ehemaliger Solist des weltberühmten Bolschoi-Balletts war Pascals Lehrer gewesen – sehr zum Ärger seines Vaters.

Noch immer klangen Pascal die Streitereien seiner Eltern im Ohr, die lautstark über seine Zukunft diskutiert hatten.

Statt auf einer großen Bühne zu tanzen, saß er nun hier am Schreibtisch seiner eigenen Steuerkanzlei. Seine Eltern waren längst geschieden, seine großen Träume gehörten der Vergangenheit an. Für Tanzen war kein Platz mehr in seinem Leben. Die Prüfung der Finanzen der Akademie war das Einzige, was seinen Beruf noch mit seiner einstigen, großen Leidenschaft verband.

Seufzend beugte sich Pascal wieder über die Unterlagen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Aber was? In seine Gedanken hinein klingelte das Telefon. Seine Mutter war am Apparat. Ihre Neuigkeiten waren alles andere als erfreulich. Mit angehaltenem Atem lauschte er ihren Ausführungen.

»Du meinst, du hast schon öfter Rückenprobleme gehabt?«, hakte er in einer Sprechpause nach.

»Ich war schon ein paarmal beim Arzt wegen Rückenschmerzen«, erwiderte Aurélie kleinlaut. »Nachdem der aber nichts feststellen konnte, wollte ich keinen Wind um diese Sache machen.«

»Und die Schmerzen?«

»Doktor Ruhpold hat mir immer wieder mal ein paar Tabletten verschrieben, das war alles. Worüber sollte ich mir also Sorgen machen? Die Beschwerden sind ja jedes Mal wieder schnell verschwunden.«

»Warum hast du nie etwas davon gesagt?«, stellte Pascal eine berechtigte Frage. »Ich dachte, du vertraust mir.«

»Aber das tue ich doch, mein Junge. Ich hielt es einfach nicht für wichtig. Außerdem gab es immer so viel zu tun, dass ich meinen Rücken ganz schnell wieder vergessen habe.«

»Das scheint ein Fehler gewesen zu sein«, seufzte Pascal. »Wissen die Ärzte schon, was dir fehlt?«

»Der Klinikleiter ist noch...



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