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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, 131 Seiten
Reihe: hockebooks
Kastner 1918 – Geheimakte Romanow
Erstausgabe als E-Book
ISBN: 978-3-95751-005-1
Verlag: hockebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Band 2: Ziel: Sibirien
E-Book, Deutsch, 131 Seiten
Reihe: hockebooks
ISBN: 978-3-95751-005-1
Verlag: hockebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jörg Kastner, geboren in Minden an der Weser, war bereits als Kind und Jugendlicher ein begeisterter Leser mit einem Hang zu den Klassikern der Abenteuer- und Spannungsliteratur. So fiel es ihm nach erfolgreichem Jurastudium nicht schwer, sich gegen eine juristische Karriere zu entscheiden und den Beruf des Schriftstellers zu ergreifen. Genaue Recherche und die Kunst, unwiderstehlich spannend zu erzählen, zeichnen seine Romane aus. Bislang in fünfzehn Sprachen übersetzt, sind seine Bücher auch im Ausland sehr erfolgreich. Zu seinen größten Erfolgen zählen die mehrbändige Germanensaga um den Cheruskerfürsten Arminius und seinen Waffenbruder Thorag, der Rembrandt-Roman »Die Farbe Blau« und seine mit dem Roman »Engelspapst« beginnende Reihe von Vatikanthrillern. Jörg Kastner lebt mit seiner Frau, der Schriftstellerin Corinna Kastner, in Hannover.
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Kapitel 8
Wenn er schlief, dann sehr unruhig, trotz seiner Müdigkeit und Erschöpfung. Oft weckten ihn Schmerzen, oder es waren die Ratten, die Appetit auf sein warmes Fleisch verspürten. Manchmal rissen ihn aber auch Schritte aus dem Schlaf und dann stieg die Angst in ihm hoch. Das waren die Momente, in denen er den Atem anhielt und auf das Hallen der Schritte lauschte, in der Hoffnung, die Männer da draußen würden nicht vor seiner Tür stehen bleiben, würden ihn nicht zu einem weiteren Verhör abholen und in jenen kahlen Raum bringen, wo Jakow Jurowski an ihm erprobte, wie viel Schmerz und Demütigung ein Mensch ertragen konnte.
Und immer war Ungewissheit dabei. Mal drückte Jurowski die Holzstifte unter seine Fingernägel und, als die sämtlich abgefallen waren, auch unter die Zehennägel. Dann wieder rührte der Tschekist ihn nicht an, sondern sprach ruhig auf ihn ein, malte ihm aus, was für ein Schicksal auf Katkow wartete, wenn er nicht seine weißen Mittelsmänner in Jekaterinburg preisgab. Es war eine erprobte Foltermethode der Tscheka, körperliche Qualen mit seelischen zu verbinden.
Als ihn wieder Schritte weckten, wusste er nicht, ob sie zu seiner Zelle führten und, falls ja, ob er nur verhört oder körperlich misshandelt werden sollte. Er wusste nichts, nicht einmal, ob er seit drei, vier oder fünf Tagen gefangen gehalten wurde, ob es Tag oder Nacht war. Seine Welt war der Keller unter dem Hotel Amerika und Tageslicht gab es für ihn nicht.
Katkow kauerte still auf dem Boden und lauschte. Die Schritte klangen ungewöhnlich leise. Er hoffte schon, die Soldaten bewegten sich von ihm weg. Aber dann erstarb das Schrittgeräusch von einer Sekunde zur anderen. Er hörte das Schaben des Riegels und das Geräusch eines im Schloss herumgedrehten Schlüssels – an der Tür seiner Zelle!
Er drückte sich mit dem Rücken gegen die Wand und starrte ängstlich auf die Türöffnung, die von der schummrigen Beleuchtung auf dem Gang in ein gelbliches Viereck verwandelt wurde. Der Schatten eines Mannes füllte das Viereck aus und trat zögernd näher.
Katkow musste sich erst wieder an das Licht gewöhnen. Erst sah er nur, dass der andere die Uniform eines Rotarmisten trug. Dann erst konnte Katkow die Gesichtszüge erkennen. Es war ein junger Mann mit rötlichem oder blondem Haar; genauer ließ es sich bei dem schlechten Licht nicht feststellen. Das Gesicht eines Bauern, dachte Katkow und überlegte gleichzeitig, wo er das Gesicht schon gesehen hatte.
»Seien Sie bitte leise, Genosse Katkow«, flüsterte der Rotarmist und sah ihn beschwörend an. »Niemand darf uns hören!«
Das waren unerwartete Worte. Erstaunt blickte Katkow den jungen Soldaten an und plötzlich wusste er, wen er vor sich hatte. Dieser Mann gehörte zu den Wachen im Ipatjew-Haus und hatte mehrmals Lisette ins Hotel Amerika begleitet. Er war es auch gewesen, der die als Lisette verkleidete Anastasia zu ihm gebracht hatte.
Jetzt erst wurde Katkow bewusst, dass der Soldat allein gekommen war. Sonst erschienen sie immer zu zweit oder zu dritt, um ihn zu Jurowski zu bringen.
»Was wollen Sie?«, fragte Katkow.
»Sie hier herausholen, Genosse Katkow.«
»Aber … warum?«
»Das erkläre ich Ihnen, wenn wir in Sicherheit sind. Können Sie gehen?«
Katkow nickte und erhob sich. Sofort fing sein linker Fuß, den Jurowski sich beim letzten Verhör vorgenommen hatte, höllisch an zu schmerzen. Er unterdrückte den drängenden Wunsch, sich wieder hinzusetzen und den Fuß nicht länger zu belasten.
Der Soldat hielt ihm ein Paar eiserne Handfesseln hin. »Legen Sie die an!«
Erschrocken starrte Katkow auf die Kette mit den beiden Ringen. »Ich dachte, Sie wollen mir helfen …«
»Keine Sorge, es ist nur für den Notfall. Falls man uns sieht, hält man Sie mit den Fesseln hoffentlich für meinen Gefangenen.«
Zögernd griff Katkow nach den Handfesseln und legte sie sich an. Dabei bemerkte er, wie ein entsetzter Ausdruck auf das Gesicht des Soldaten trat. Kein Wunder, der Blick des Rotarmisten war auf Katkows verstümmelte Finger gefallen.
»Ein Geschenk der Tscheka, überreicht vom Genossen Jurowski«, sagte Katkow.
»Tut das nicht weh?«
»Doch, aber zurzeit macht mir mein Fuß mehr zu schaffen. Als Sie eben vor die Tür traten, hatte ich befürchtet, jetzt solle auch mein rechter Fuß an die Reihe kommen.«
Der Soldat schien seinen Blick nicht von Katkows Händen lösen zu können. Vielleicht stellte er sich gerade vor, was Jurowski mit ihm anstellen mochte, wenn Katkows Befreiung scheiterte.
»Ich bin so weit«, sagte Katkow, um sein Gegenüber aus der Erstarrung zu reißen.
»Ja, gut, dann sollten wir gehen.« Die Stimme des Soldaten klang belegt, als habe er auf einmal Angst vor dem eigenen Mut.
Sie traten auf den Gang hinaus und der Rotarmist verschloss die Zellentür wieder.
Während Katkow ihm zusah, ergriff ein erschreckender Gedanke von ihm Besitz: War das Entsetzen des Soldaten nur gespielt gewesen? War es eine Täuschung, so wie vielleicht diese ganze Rettungsaktion eine Täuschung war?
Ihm wollte nicht recht in den Kopf, dass ein einzelner Mann, ein kleiner Rotarmist, es wagte, sich gegen den Ural-Gebietssowjet und die allmächtige Tscheka zu stellen. Andererseits hatte Katkow nichts anderes getan, als er den Gefangenen im Ipatjew-Haus zu helfen versucht hatte. Warum sollte ein einfacher Soldat weniger Mut haben als er? Auf dem Schlachtfeld hatte Katkow schnell gelernt, dass der durchschnittliche Offizier nicht mutiger war als der durchschnittliche Gemeine.
Möglicherweise hing Katkows Misstrauen damit zusammen, dass die Tscheka unberechenbar war und ihre Angehörigen im Stellen perfider Fallen geübt waren wie sonst kaum jemand auf dieser Welt. Und welche größere seelische Qual konnte es für einen Gefangenen geben als die, in der einen Sekunde noch die ersehnte Freiheit greifbar vor sich zu sehen und in der nächsten bitter enttäuscht zu werden? Eine Qual, die Katkow mit seinem gescheiterten Befreiungsversuch auch den Romanows bereitet hatte. Und Lisette.
Sie gingen den leeren Gang entlang, Katkow vorneweg und mit zwei Schritten Abstand der Soldat mit dem Karabiner im Anschlag, damit es auf einen zufälligen Beobachter tatsächlich wie die Überführung eines Gefangenen wirkte. Obwohl sie sich bemühten, leise zu sein, hallten ihre Schritte von den Wänden wider, was das Geisterhafte dieses Unternehmens unterstrich.
Als vor ihnen eine Treppe auftauchte, flüsterte Katkow: »Bislang haben wir Glück gehabt, aber oben treffen wir sicher auf einige Ihrer Kameraden.«
»Das müssen wir riskieren. Ich habe einen Weg ausgeguckt, der nur an einer Wache vorbeiführt. Und die schlief, als ich in den Keller hinunterging. Sonst hätte ich das alles nicht gewagt.«
»Die Wache schlief? Welche Uhrzeit haben wir?«
»Ungefähr vier Uhr morgens.«
Sie erstiegen die Treppe und Katkows linker Fuß machte sich bei jedem Schritt schmerzhaft bemerkbar. Es war ein Gefühl, als steche jemand mit glühenden Nadeln in seine Zehen. Einmal war es so stark, dass er fast eingeknickt wäre. Er stützte sich an der Wand ab und atmete tief durch. Es half, auch wenn es nur abgestandene Kellerluft war, die er in seine Lungen pumpte.
Auf dem obersten Treppenabsatz übernahm der Soldat die Führung, um nachzusehen, ob die Luft rein war. Er ging durch eine niedrige Tür und verschwand für ein paar lange Sekunden aus Katkows Blickfeld.
dachte Katkow.
Aber der junge Rotarmist war entweder nicht klug oder nicht feige genug. Er kehrte zurück und winkte Katkow mit hastigen Bewegungen, um ihn zur Eile anzutreiben. Anschließend hielt der Soldat einen Zeigefinger vor seine Lippen. Katkow verstand und nickte.
Er ging durch die niedrige Tür in einen kleinen Raum, in dem kein Licht brannte. Aber die halb offene Tür zu einem angrenzenden, größeren Raum ließ genügend Licht einfallen. Es war ein ehemaliger Aufenthaltsraum für Hotelgäste, jetzt ein Wachlokal. Die Nachtwache hätte sich nicht in die riesigen, bequemen Sessel setzen dürfen. Sie waren fast so angenehm wie ein richtiges Bett. Irgendwann während der vergangenen Stunden waren alle drei Männer eingeschlafen. Leises Schnarchen erfüllte den Raum. Zwei Karabiner lagen auf dem Boden, der dritte Soldat hielt seine Waffe im Schlaf umschlungen wie seine Liebste. Katkow musste an den Spruch von der Braut des Soldaten denken, den jeder Rekrut zu hören bekam, wenn er zum ersten Mal eine Waffe in die Hände nahm.
Er wollte sich nach einem der Karabiner bücken, aber sein Befreier schüttelte heftig den Kopf. Katkow wusste, was der junge Soldat meinte. Ein gefesselter Gefangener mit einem Karabiner in der Hand hätte nicht einmal auf einen von Wodka umnebelten Mann glaubwürdig gewirkt. Widerwillig ließ er die Waffe am Boden liegen. Sie hätte ihm geholfen, sich nicht mehr so wehrlos zu fühlen, allem ausgeliefert.
Der rotblonde Soldat übernahm die Führung, weil er den Fluchtweg kannte, und Katkow folgte ihm dichtauf. Wie die übertrieben agierenden Darsteller in einem Lichtspiel schlichen sie auf Zehenspitzen durch den Raum, bei jedem auch noch so leisen Ächzen des Parketts erstarrend. Es erschien Katkow wie eine Ewigkeit, bis sie das Wachlokal endlich hinter sich gelassen hatten. Der Rotarmist führte ihn zielsicher auf den menschenleeren Hinterhof, wo ein paar Automobile geparkt waren.
»Wollen wir mit einem der Fahrzeuge verschwinden?«, fragte Katkow.
»Das hatte ich mir auch überlegt, aber...




