Kat | Mann in der Ferne / Sehnsucht nach Kapstadt | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Kat Mann in der Ferne / Sehnsucht nach Kapstadt


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7317-6106-8
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-7317-6106-8
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der große niederländische Erzähler Otto de Kat feiert 2016 seinen 70. Geburtstag. Ihm und den Niederlanden als Gastland der Frankfurter Buchmesse zu Ehren erscheinen seine ersten beiden Romane erstmals in einem Band. In Mann in der Ferne wird anhand von Erinnerungssplittern das Porträt eines Einzelgängers entworfen, der schon überall gewesen ist: Cambridge, Budapest, New York, Zürich, Tel Aviv. Sehnsucht nach Kapstadt, ausgezeichnet mit dem Halewijn-Literaturpreis, erzählt vom jungen Niederländer Rob, der im Jahr 1935 seine Heimat verlässt.

Otto de Kat, 1946 geboren in Rotterdam, studierte niederla?ndische Literatur an der Universita?t Leiden. Er arbeitete als Kritiker, Herausgeber und Verleger. Seine Bu?cher, die sich um schmerzliche historische Themen drehen, werden seit seinem Erfolg mit dem Bestseller Julia in sechs Sprachen u?bersetzt.
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Das Algonquin lag wie eine kleine Insel in New York. »Namen von Städten und kleinen Inseln sind weiblich«, kam ihm bei diesem Vergleich in den Sinn. Es war eine Regel der lateinischen Grammatik, die sich nach Jahren wieder meldete. Sein Vater und er hatten die Grammatik mehr als einmal durchgenommen. Stunden, in denen sie einander gegenübergesessen hatten, Wochen des Abhörens, und alles, was übrig blieb, waren ein paar Ausnahmen.

Er saß in der Halle des Hotels, als eine Frau die schweren Vorhänge vor der Schwingtür zur Seite drückte. Sie war ein wenig außer Atem. Über die Zeitung hinweg, die er sich desinteressiert genommen hatte, sah er, dass sie sich suchend umblickte. Ihm fiel auf, wie hübsch ihr Gesicht war. Der Mann an dem Tischchen neben ihm versuchte sie auf sich aufmerksam zu machen und rief leise einen Namen. Sie ging auf ihn zu, umarmte ihn und blieb so einen Augenblick stehen. Dann hörte er sie zögernd sagen: »Ich konnte es kaum aushalten. Du warst so verlegen, und die letzten Straßen bin ich gerannt.«

Nicht nur Städte und kleine Inseln waren weiblich.

Er hätte sie beide berühren können, so nah standen sie neben ihm. Die Ecken seiner Zeitung streiften ihren Mantel. Der Mann strich ihr über die Wange, nahm ihr die Tasche aus der Hand und winkte einem Kellner. Die Frau lehnte ihren halb zusammengefalteten Schirm gegen einen Stuhl. Draußen schneite es. Hinter seiner Zeitung verborgen, betrachtete er ihr Gesicht. Es war von einer unversehrten Schönheit, es leuchtete, naiv und rein. Der Kontrast zum Gesicht seines Vaters drängte sich ihm auf. Das war eine Ansammlung von Schönheitsfehlern gewesen, Folgen einer Hautkrankheit mit ständig wechselnden Symptomen. Er wusste nicht mehr, wie oft er ihn in Krankenhäusern besucht und wie viele Ärzte er an seinem Bett hatte stehen sehen. Eine komische Episode war der Magnetiseur gewesen, der einmal pro Woche die Treppe hinaufschlurfte. Sein Vater versteckte ihn mehr oder weniger, verschwand mit ihm in einem Zimmer, wo er wahrscheinlich schweigend die Rituale an sich vollziehen ließ, um den Magier nach einer Viertelstunde wieder heimlich zu verabschieden und erleichtert die Tür hinter ihm zu schließen.

»Ich hätte gern einen Tee, geht das?«

Es ging nicht. Gegen fünf Uhr nachmittags begann sich das Algonquin mit Leuten zu füllen, die Drinks in hohen Gläsern bestellten. Tee passte nicht in diesen Zirkel. Er bat um Perrier und verstummte wieder. Seit dem Augenblick, in dem er die Halle zum ersten Mal betreten hatte, fühlte er sich hier zu Hause. Ein Hotel wie ein Buch, aufgeschlagen auf einer Seite, die nie umgeblättert worden ist. Überall waren dunkle Vertäfelungen angebracht, im Raum verteilt standen hochlehnige Stühle aus Walnussholz und Sofas, die vor dem Krieg modern gewesen waren. In kleinen Nischen hingen abgenutzte Telefone und Lampen mit verfärbten Schirmen. Am Fenster verkaufte ein Mann Zeitungen, die in Ständern aus Teakholz steckten, Zeitschriften und Bücher hatte er in antiken Schränkchen ausgelegt. Man reservierte dort Plätze fürs Theater – Broadway, Off-Broadway, Off-off-Broadway, Laute, die er kannte, aber nicht verstand, Signale einer eleganten, vergangenen Welt.

»Wohin gehen wir heute Abend?«

In ihrer Stimme lag eher etwas Herausforderndes als Neugier.

»Equus«, antwortete sein unbekannter Nachbar, ohne zu überlegen. Equus, lateinisch für Pferd, ein Wort, so vertraut, dass es wehtat. Er hatte das Plakat gesehen, es war das erfolgreichste Stück der Saison. Er hatte keine Ahnung, wovon es handelte, wollte es auch nicht wissen.

Ins Theater ging er ohnehin selten. Die starke Spannung, die er empfunden hatte, als er in seiner Schulzeit selbst einmal auf der Bühne stand, fand er in Theatern nicht mehr.

Haimon war er gewesen in der griechischen Tragödie Antigone, ausgesprochen gymnasial das Ganze. Haimon, Sohn eines übermächtigen Vaters, Geliebter einer sehr radikalen Frau. Tragisches häufte sich, Tod, Verfluchung, Liebe und Wahnsinn im Übermaß. Die Worte, die er sprechen musste, waren kopflastig, aber er jonglierte mit ihnen, als wären es seine eigenen. Besonders auf eine Szene kam es ihm an, die Konfrontation mit seinem Vater Kreon. Sie standen einander direkt gegenüber, Kreon, ein Junge von achtzehn, als Mann von fünfzig zurechtgeschminkt. Er, Haimon, musste Antigone retten. Er musste und würde seinen Vater überzeugen, dass ihrer aller Leben verloren war, wenn man Antigone tötete. Er drohte, er flehte, er klagte ihn an. Das Pathos war aus dem Text verschwunden, an keiner Stelle war seine Stimme unsicher, sie waren zeitlos, wie sie dort standen, aneinandergeschmiedet. Er sah, wie seinem Gegenspieler Tränen in die Augen traten, wie die Farbe unter seinen Wimpern verlief. Der Saal lag als dunkles Schweigen zu ihren Füßen, ein Vakuum der Aufmerksamkeit. Sein eigener Vater saß irgendwo zwischen den Menschen dort, unsichtbar, die Ohren verbunden, er hatte eine Operation hinter sich.

Aufführung im Palace, einen schöneren Euphemismus für so ein Provisorium aus den fünfziger Jahren hatte es sicher nirgends gegeben. Aber die Bühne war groß und hing voller Seile und Vorhänge und Eisengewichte. Das Leben sollte nie mehr eine solche Weite haben wie auf diesen schäbigen Brettern. Als er seinen Vater nach dem Ende des Stücks die Treppe hinter der Bühne heraufkommen sah, spürte er einen Kloß im Hals und musste sich zusammennehmen, um nicht zu weinen. Von diesem Augenblick an bedeutete ihm alles weniger. Er war Haimon gewesen, hatte eine merkwürdige Freiheit besessen, als er ihn spielte, mit Worten, die nicht seine eigenen waren und dennoch seltsam vertraut. Er hatte seinen Anteil gehabt an einem Drama von Liebe und Verhängnis und Tod. Zum Lachen wahrscheinlich für Eltern, die sahen, wie ihre Kinder sich mit Begriffen aus einer unvorstellbaren Vergangenheit abquälten, deren Gewicht sie überforderte. Und doch sollte er später fast nichts mehr so intensiv erleben. Die Geburt seiner Kinder, den Tod seines Vaters, zwischen den Ereignissen und ihm selbst schien plötzlich eine Entfernung zu liegen, die er nicht mehr überbrücken konnte. Später. Zwanzig Jahre lagen jetzt schon zwischen der Halle des Palace mit ihrer leicht abfallenden Tanzfläche, an deren Rand, halb auf der Bühne, eine Dixielandband spielte, und dem Algonquin-Hotel, wo Steve Ross, »the best barpianist in town«, am Klavier melancholisch vor sich hin sang. Wenn er zu wählen hätte, würde er sich für das Palace entscheiden, für Antigone, für seinen Vater. War das Sentimentalität, Sehnsucht nach verlorener Jugend? Nein. Nie und nirgends hatte er sein Leben so intensiv gelebt, war er so unerträglich glücklich gewesen.

An den Tagen vor der Aufführung hatte es zu frieren begonnen. Der Keller, in dem sie probten, war eiskalt. Beim Verladen der Dekorationen waren sie alle von weißlichem Dunst umgeben. Ihre Konzentration auf das Spiel war so streng wie der Frost. Die Schule existierte nicht mehr, Lehrer und Hausaufgaben hatten ihre Ansprüche verwirkt. Sie bezweifelten, dass noch jemals irgendwo auf der Welt so glänzend gespielt werden würde. Es war im Übrigen auch kein Spiel, sie selbst waren es, die verbannt wurden, getötet und gekrönt.

Er ging mit seinem Vater durch die Kulissen zur Garderobe, die Erregung der gerade beendeten Vorstellung tobte noch in seinem Inneren. In den Spiegeln sah er den Verband, den sein Vater trug.

»Sollen wir morgen eine Tour machen? Im Alblasserwaard ist alles zugefroren.«

Er zeigte auf den Spiegel: »Geht das denn mit deinen Ohren?«

»Kommt morgen um acht Uhr ab.«

Bei Kinderdijk hatten sie das Auto abgestellt. Es herrschte klirrender Frost. Die Sonne drang langsam durch den Nebel, und hoch oben sah man schon ein wenig Blau. Sie waren zu dritt, sein Bruder, sein Vater und er. Alle drei gute Eisläufer, sein Vater der Routinier mit den ausgreifendsten Schritten. »Gleite, solange du kannst, lass die Schlittschuhe arbeiten.« Sein Bruder und er hatten den Stil übernommen. Ihre Regeln waren: keine Schnelllaufschlittschuhe, nur die klassischen mit Holzkufen. Wenn es sehr kalt war, ein paar Zeitungen unter den Pullover, aber nie eine Jacke. Handschuhe nur, wenn es unbedingt notwendig war.

Sie kletterten den Deich zum Kanal hinunter, zogen die Riemen fest und verließen das Ufer. Festgefrorenes Schilf an den Rändern zwang sie in die Mitte des fast schwarzen Eises. Sie bildeten eine Reihe, sein Bruder vorne, dann sein Vater, dann er. Alle Viertelstunde würde der zweite die Führung übernehmen und der erste sich hinten anschließen. Es musste kein Wort gesprochen werden, der Rhythmus ergab sich von selbst. Eigentlich überraschte ihn ihre Geschwindigkeit. Ein Schritt folgte mühelos dem anderen, sie sausten über das Eis. Immer wieder Dörfer, an denen sie vorbeiglitten, Streefkerk, Groot-Ammers, Ottoland, Brandwijk, ab und zu mussten sie bremsen, wenn das Eis gefegt wurde oder ein kleines Stück Land zu überqueren war.

Die Sonne hatte jetzt mehr Kraft, der letzte Nebel war verschwunden, die Temperatur lag knapp unter dem Gefrierpunkt. Manchmal setzten Eisläufer, die ihnen entgegenkamen, ein paar Schritte aus, um ihnen zuzusehen. Diszipliniert und wild, erfüllt von einem eigenartigen Stolz, liefen sie dahin, unabhängig von allen, unabhängig von Einschränkungen und Gesetzen. Vor sich sah er den gebeugten Rücken seines Vaters mit den entspannt ineinander gelegten Händen. Er wollte nur eines: mit ihm Schritt halten. Der Horizont war zwischen ihnen. Noch in der Ferne konnte man über dem flachen Land Türme sehen, Höfe, Mühlen, der Alblasserwaard lag bis in seine letzten Winkel offen und ungeschützt da. Sein Bewusstsein zog sich auf einen...


Ecke, Andreas
Andreas Ecke, geboren in Wuppertal, lebt in Bonn. Er studierte Germanistik, Niederlandistik und Musikwissenschaft und arbeitet als Übersetzer, u. a. von Gerbrand Bakker, Anne-Gine Goemans, Geert Mak und Cees Nooteboom. 2011 wurde er mit dem Else-Otten-Preis für die beste literarische Übersetzung aus dem Niederländischen ausgezeichnet, 2016 mit dem Europäischen Übersetzerpreis Offenburg.

Kat, Otto de
Otto de Kat, 1946 geboren in Rotterdam, studierte niederla¨ndische Literatur an der Universita¨t Leiden. Er arbeitete als Kritiker, Herausgeber und Verleger. Seine Bu¨cher, die sich um schmerzliche historische Themen drehen, werden seit seinem Erfolg mit dem Bestseller Julia in sechs Sprachen u¨bersetzt.

Otto de Kat, 1946 geboren in Rotterdam, studierte niederla¨ndische Literatur an der Universita¨t Leiden. Er arbeitete als Kritiker, Herausgeber und Verleger. Seine Bu¨cher, die sich um schmerzliche historische Themen drehen, werden seit seinem Erfolg mit dem Bestseller Julia in sechs Sprachen u¨bersetzt.



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