E-Book, Deutsch, Band 1, 267 Seiten
Reihe: Essenz der Magie
Kathrina Essenz der Magie 1: Die Leerenbegabte
18001. Auflage 2018
ISBN: 978-3-646-60463-4
Verlag: Impress
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Magische Urban Fantasy Academy Romance
E-Book, Deutsch, Band 1, 267 Seiten
Reihe: Essenz der Magie
ISBN: 978-3-646-60463-4
Verlag: Impress
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lia Kathrina lebt mit ihren zwei Katzen und unzähligen Büchern und Manga in der lauten, vielfältigen und unfreundlichen Stadt Berlin - und möchte niemals weg. Sie arbeitet als freiberufliche Pressereferentin und im Office einer Berliner Firma. Nebenbei betreibt sie einen YouTube-Kanal über Bücher. Von klein auf dachte sie sich mit ihrer kleinen Schwester Geschichten aus und beschloss 2017, endlich ihren Traum zu erfüllen und ein Buch zu schreiben.
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Sein eiskalter Blick durchbohrte mich. Sein Lächeln sollte mir wohl ein beruhigendes Gefühl geben, als hätte ich nichts zu befürchten, doch ich wusste ganz genau, dass dieser Mann mein Feind war.
Ich stand in der großen offenen Wohnküche unseres dreistöckigen, völlig übertrieben großen und pompösen Hauses und versuchte krampfhaft meine Arme nicht vor meinem Oberkörper zu verschränken. Mein Lächeln auf den Lippen wirkte freundlich, so hoffte ich, aber ich biss die Zähne so fest aufeinander, dass sie schmerzten.
Dabei schenkte mir Robert keinerlei Aufmerksamkeit, nur seine bloße Präsenz schaffte es, mich in Alarmbereitschaft zu versetzen.
Ich war darauf gefasst, jede Sekunde meine Leerenbegabung einsetzen zu müssen. Denn unsere Familie gehörte nicht gerade zu der normalen Sorte Mensch. Wir alle verfügten über eines der fünf Elemente: Feuer, Wasser, Erde, Luft und Leere. Wir versteckten uns vor den normalen Menschen, auch Unbegabte genannt. Sie wussten nicht, dass unsere Gesellschaft existierte und dabei sollte es laut unserer Regierung auch bleiben. Die meisten der Unbegabten kannten nur die vier Elemente, die Leere als fünftes Element blieb ihnen verborgen. Dabei war sie wirklich mächtig, wenn sie nicht gerade von jemandem wie mir angewandt wurde. Im besten Fall sollte ich die restlichen vier Elemente kontern können, indem ich die Angriffe aufsaugte und sie selbst benutzte. So viel zur Theorie, in der Praxis lag der Erfolg jenseits meiner Reichweite. Bisher konnte ich lediglich die Reaktionen der inneren Begabungen von anderen im Auge behalten, wie jetzt jene von Robert. Auch wenn es vermutlich überhaupt nichts brachte. Gegen ihn würde ich nicht ankommen, was mich nur noch mehr frustrierte. Gut, meine Fähigkeiten zählten nicht zu den besten, aber auch ein Leerenbegabter mit vollständiger Ausbildung würde an Robert scheitern. Mein Vater Leonard saß mit ihm auf unserer Couch auf der anderen Seite des riesigen Raumes.
Unsere Wohnküche zählte zu den größten Zimmern in unserer Villa. Unsere Küche war hightechmäßig ausgestattet. Die neueste Technologie reihte sich aneinander, vom Kühlschrank über den Müllzerkleinerer bis hin zur vollautomatischen Küchenmaschine und alles verkleidet mit dem teuersten Marmor. Nicht, dass wir jemals selbst kochten, Essenz bewahre. Meine Eltern hielten nicht viel davon. In der Mitte zwischen Couch und Kücheninsel stand ein langer großer Tisch, ebenfalls aus weißem Marmor, mit Platz für sechzehn Leute. Auch diesen nutzten wir eher weniger. Harmonische Familie, die abends zusammen aß, war nicht so unser Ding. Mein kleines Reich lag zusammen mit Nates Zimmer im ersten Stock, während Mira, Moni und Chris ihre Räume im zweiten hatten. Das riesige Schlafzimmer meiner Eltern befand sich in der dritten und letzten Etage. Damit natürlich nicht genug, verteilt auf die drei Stockwerke hatten wir mehrere Arbeitszimmer, eine Bibliothek und einige Gästezimmer. Wie ich schon sagte, viel zu übertrieben, manche Zimmer betrat ich vielleicht einmal im Jahr und einige Gästezimmer überhaupt nicht. Emilia hatte dafür gesorgt, dass alle Räume in dem gleichen Einrichtungsstil ausgestattet waren. Nur unsere eigenen Zimmer hatten wir nach unserem Geschmack einrichten dürfen.
Robert und mein Vater saßen weit genug von uns entfernt, dass wir sie nicht hören konnten und sie unterhielten sich wie alte Freunde, auch wenn sie distanziert wirkten. Die beiden mussten in etwa gleich alt sein, während mein Vater jedoch bereits einen grauen Ansatz hatte, glänzte Robert mit seinen vollen braunen Haaren. Jedes Mal, wenn er zu Besuch war, bemerkte ich, dass sein ständiges Grinsen niemals seine Augen erreichte. Diese musterten mich und meine Schwestern, als wären wir seltene Tiere, die man im Zoo bewundern konnte. Manchmal hatte ich das Gefühl, Robert blickte mit seinen dunklen Augen sofort in den Abgrund der Seele.
Ganz im Gegensatz zu meinem Vater mit seinen hellen grauen Augen, die in jedem sofort Vertrauen weckten. Vermutlich einer der vielen Gründe, warum er eine so hohe Position in unserer Regierung, dem Hohen Rat, innehatte.
»Wir haben es bald geschafft, Ria, sie müssten in den nächsten Minuten fertig sein«, wisperte mir mein großer Bruder Chris zu.
Chris, der neunzehn Jahre alt war, hatte die gleichen Augen wie mein Vater. Auch wenn sie anders als bei diesem Güte und Freundlichkeit ausstrahlten. Er stand neben mir an die Küchentheke gelehnt und stieß gegen meine Schulter, damit ich unsere Stiefmutter Emilia beobachtete, wie sie mit unserer Schwester Moni am Tisch mit Uno beschäftigt war. Die Sechsjährige mochte dieses Kartenspiel am liebsten und jubelte erstaunlich oft, was die Vermutung nah legte, dass Emilia sie gewinnen ließ. Etwas, was Mum niemals getan hätte, jeder Sieg von uns war hart erkämpft gewesen. Aber Emilia versuchte sich seit der Hochzeit von meinem Vater und ihr sich bei meinem Bruder Chris und Moni einzuschleimen. Ihre Strategie, es über unsere jüngere Schwester zu versuchen, blieb fruchtlos, denn Moni war ein gewitztes Kind. Sie nutzte Emilia und ihre Gutmütigkeit ihr gegenüber aus und das mit der Unschuld eines Engels. Mit ihren hellblonden langen Haaren und ihren ebenfalls hellgrauen wachen Augen sah sie nämlich engelsgleich aus. Moni gehörte zu der Sorte von Kindern, denen niemand widerstehen konnte, allen voran ich selbst. Die Kleine wickelte mich mit ihrem lebhaften Wesen mit Leichtigkeit um den kleinen Finger. Allein ihrer grenzenlosen Liebe zu mir verdankte ich es, dass Emilia mich nicht offensichtlich hasste.
Auch jetzt bedachte mich meine Stiefmutter mit einem abschätzigen Blick, wie sie es oft tat. Vor allem, wenn mein Vater mir Aufmerksamkeit schenkte, die ihr so manches Mal verwehrt blieb. Ich dachte, allmählich hätte sie es durchschaut, dass mein Vater sie nicht nur aus reiner Liebe geheiratet hatte. Aber es blieb ihr augenscheinlich noch verborgen und ich sah es nicht als meine Pflicht, sie darüber aufzuklären.
Emilias braune glatte Haare steckten wie jeden Tag in einem strengen Dutt. Ihr Make-up wirkte so gekonnt aufgetragen, wie es nur ein Profi hinbekam. Ihre schmale Gestalt steckte immer in den teuersten Klamotten, heute ein schwarzer Hüftrock von Prada mit einer vornehmen weinroten Bluse. Ihr schlichter, wenn auch eleganter Kleidergeschmack ließ sie stilsicher wirken. Doch ich wusste, dass sie fast jeden Morgen stundenlang vor ihrem überdimensionalen Kleiderschrank stand und verzweifelte. Hätten wir ein besseres Verhältnis, könnte ich ihr sicherlich helfen. Mode war mein liebstes Hobby, aber so ließ ich sie suchen und widmete mich lieber meinem Training. Mein Vater wäre enttäuscht, wenn ich die von ihm gelehrten Grundlagen vernachlässigen würde. Früher hatte er uns drei Kinder trainiert, doch seit der Heirat mit Emilia und aufgrund seiner neuen Position im Hohen Rat blieb dafür keine Zeit.
»Du hast schon wieder gewonnen, Moni. Du bist einfach zu gut«, lächelte Emilia und schüttelte dabei scheinbar fassungslos den Kopf.
Chris und ich waren darauf bedacht, so natürlich wie möglich zu wirken, um Robert nicht zu zeigen, wie angespannt wir waren. Angestrengt suchte ich tief in mir den Funken meiner Gabe, um ihn im Notfall benutzen zu können. Eine absurde Vorstellung, denn dieser Funke würde absolut nichts ausrichten können. Doch die Bereitschaft zum Kampf gab mir die nötige Sicherheit nicht durchzudrehen.
Ich behielt Roberts Feuerbegabung im Auge. Mit genügend Konzentration erlaubte mir meine Leerenbegabung seine Essenz zu beobachten. Ich spürte deutlich die kleine Flamme in seinem Inneren, die ruhig und entspannt vor sich hin züngelte. Wie ein Teelicht im Winter auf unserem Esstisch. Die Lebensessenz war das Herz unserer Gaben, dort entsprang unsere Macht.
»Robert kann diese dämliche Villa mitten in der Pampa gar nicht schnell genug verlassen«, flüsterte ich zurück und drehte mich zu der Spüle aus Marmor mit dem protzigen Wasserhahn um. Mit einem anderen Wort als Pampa konnte ich diese Umgebung einfach nicht beschreiben, denn unsere nächsten Nachbarn wohnten zwei Kilometer entfernt. Egal in welche Richtung man ging, man sah nur Felder, Wald und Wiesen, bis das nächste Landhaus in Sicht kam, nur damit dahinter wieder eine ganze Weile das große Nichts herrschte. Und zu Fuß konnte es schon eine gute halbe Stunde dauern, bis man überhaupt anderen menschlichen Wesen begegnete. Mein Vater sagte immer, das sei gut für uns, damit uns die Unbegabten nicht bemerkten. Den Ausdruck Mensch vermied er, als wären wir etwas Besseres.
Ich hasste diesen Ort. Mit jeder Faser meines Körpers verabscheute ich dieses Haus, in welches ich niemals ziehen hatte wollen. Allein die Küche und die Eingangshalle zusammen waren so groß wie unsere frühere Wohnung. Und wir hatten über hundert Quadratmeter bewohnt. Aber mein Vater Leonard beschloss nur ein Jahr nach Mums Tod, dass es Zeit für einen Aufstieg auf der Karriereleiter war. Wie praktisch, dass er sich dabei ausgerechnet in die Tochter eines Mitglieds der Großen Fünf verliebte. Die Großen Fünf waren die mächtigsten Begabten unserer Zeit und entschieden über alle Begabten. Sie waren unsere Regierung.
Dass diese Patchworkfamilie mit Emilia und ihrem neunzehnjährigen Sohn Nate, der mich nicht ausstehen konnte, nicht funktionieren würde, hätte ich meinem Vater gleich zu Beginn sagen können, doch er hatte damals schon aufgehört mir richtig zuzuhören. Stattdessen waren wir vor vier Jahren in dieses übertriebene Haus gezogen. Und dann hatte er gemeinsam mit Emilia meine Halbschwester Mira in die Welt gesetzt, die eine pure Leerenbegabte war.
Ich hasste die Blicke, mit denen mich Emilia und Nate bedachten und denen ich nicht...




