E-Book, Deutsch, 418 Seiten
Katz Rühr mich nicht an
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95530-665-6
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 418 Seiten
ISBN: 978-3-95530-665-6
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Psychothriller der Extraklasse - typisch Molly Katz: Schlaflose Nächte garantiert! Die junge und erfolgreiche Talkshow-Moderatorin Lynn findet nach vielen unglücklichen Beziehungen endlich den Partner fürs Leben. Es ist ein Mann wie aus dem Bilderbuch. Er ist der perfekte Liebhaber und scheint die geheimsten Wünsche der Frauen zu kennen. So erobert er nicht nur Lynn, sondern auch ihren gesamten Freundes- und Bekanntenkreis im Sturm. Sehr früh kommen ihr allerdings Zweifel an seinem Auftreten. Und es dauert nicht lange, bis sie erkennt, dass sie es mit einem gefährlichen Psychopathen zu tun hat, der nur von einem einzigen Wunsch besessen ist: sie vollständig zu beherrschen. Er arbeitet mit allen erlaubten und unerlaubten Tricks, und nur mit Mühe gelingt es Lynn, Hilfe zu finden. Denn kein Mensch in ihrer Umgebung glaubt ihr, dass dieser Traummann teuflisch ist... 'Hochspannung bis zur letzten Seite!' (Norddeutscher Rundfunk)
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1. KAPITEL
Mit gepflegten, rosalackierten Fingernägeln zog die Frau ihren linken Ärmel hoch. Kamera 1 fuhr zur Nahaufnahme dicht an die blauverfärbte Stelle an ihrer Schulter heran. Sie war dort fehl am Platz, ein buntschillerndes Mal auf reiner, schimmernder Haut.
»Das bleibt für immer«, sagte die Frau mit sanfter Stimme.
Lynn Marchette, die mit dem Rücken zum Publikum im mittleren Gang stand, blickte in den ihr am nächsten stehenden Monitor.
»Für immer?« Lynn sprach in ihr Handmikrofon. »Handelt es sich um eine Tätowierung?«
»Nein. Das ist ein blauer Fleck.«
»Blaue Flecken gehen ja für gewöhnlich wieder weg. Aber Sie sagen, der hier bleibt?«
Die Frau nickte. »Wenn wir irgendwo hingefahren sind und uns verfranst haben, hat mich mein Mann immer hier draufgeboxt. Das hat er so oft gemacht, daß der blaue Fleck schließlich nicht mehr weggegangen ist.«
Die anderen Gäste in der Gesprächsrunde, lauter Frauen, blickten sie traurig und verständnisvoll an. Lynn befragte sie weiter. »Waren Sie denn in irgendeiner Weise Schuld daran, daß er sich verfahren hatte?«
»Nein, überhaupt nicht.«
»Er hat Sie dennoch einfach geboxt?«
»Ja.«
Keine der anderen Frauen in der Runde wirkte auch nur im mindesten überrascht. Da sie allesamt ihre eigenen Erfahrungen mit Gewalt in der Ehe hatten, waren sie derart abnormes Alltagsverhalten gewöhnt.
»Sie haben also niemals irgend etwas gesagt oder getan, aber Ihr Mann hat Sie trotzdem geboxt, wenn er sich unterwegs verfahren hat?«
»Ja«, sagte die Frau.
»Er hat seinen Frust abreagiert. Sie buchstäblich als Sandsack benutzt.«
»Genau.«
Kopfschüttelnd wandte sich Lynn um und nahm Fragen aus dem Publikum entgegen. Sie hielt einer schwarzen Frau um die Dreißig das Mikro hin.
»Ich möchte die anwesenden Frauen jetzt gerne fragen, weshalb sie sich schließlich um Hilfe bemüht haben.«
Während sie die Antworten moderierte, suchte Lynn im Publikum nach weiteren Fragestellern. In der Vorbereitungsstunde, während der sie sich mit allen Beteiligten bekannt machte, bekam sie einen ersten Eindruck, wer was fragen würde. Die Fähigkeit, eventuelle Entwicklungen zu erahnen, während Auge und Ohr auf eine Vielzahl anderer Aufgaben konzentriert waren, war ein kostbares Talent. Oprah und eine Reihe anderer Talkmaster besaßen es. Sie hoffte nur, daß sie auch über deren andere Fähigkeiten verfügte. Bei der Geschäftsleitung von Channel 3 glaubte man es anscheinend.
Ab und zu glaubte es sogar Lynn.
Ein muskulöser, blonder junger Mann fragte, ob einige Frauen vielleicht übertrieben. Als im Publikum Buhrufe ertönten, brachte Lynn die Gäste behutsam zum Schweigen und verschaffte sich Gehör. Sie wandte sich an die einzige bisher stumme Diskussionsteilnehmerin, eine grauhaarige Großmutter mit gehetztem Blick, die ständig ihre Haare aus dem Gesicht strich.
»Was wollen Sie uns zeigen, Vera? Können wir die Kamera bitte einmal auf Vera richten?«
In Sekundenschnelle zeigten sämtliche Monitore eine zentimeterbreite Narbe, die von Veras Ohr bis zur Augenbraue verlief.
»Wie ist das geschehen?« wollte Lynn wissen.
»Er ist mit einem Meißel auf mich losgegangen. Hat mir damit das ganze Gesicht zerschrammt.«
Lynn, die ein Zeichen von der Studioregie bemerkte, wandte sich zur Kamera. »Wir melden uns gleich wieder zurück. In wenigen Minuten erfahren Sie mehr über diese tapferen Frauen.«
Als die Gäste nacheinander das Studio verließen, schüttelte Lynn ihnen die Hände und wünschte ihnen alles Gute. Ein paar umarmten sie.
Was die Gefühle gegenüber ihren Gästen anging, neigte sie zu Extremen. Zu gerne entlarvte sie während ihrer Sendung Buhmänner, wie zum Beispiel Vermieter, die ihre Häuser kriminell vernachlässigten, verabscheute es aber, hinterher auch nur in ihre Nähe zu kommen. Die armen Opfer wollte sie am liebsten mit nach Hause nehmen und mit heißer Suppe verwöhnen.
Kara Millet, ihre Produktionsleiterin, klopfte ihr auf die Schulter, als sie sich gerade von der letzten mißhandelten Ehefrau verabschiedete. Kara war pummelig, hatte kupferrote Haare und trug lange Röcke im Zigeunerlook.
»Tolle Sendung.«
Lynn wandte sich um. »Danke.«
»Erinnere mich bitte nicht daran, daß wir dieses Thema eigentlich nicht noch mal einplanen wollten.«
Lächelnd schüttelte Lynn ihre dunklen Locken. »Ich wußte, daß ich recht hatte. Über familiäre Gewalt kann es gar nicht genug Beiträge geben. Die Leute ziehen sich das rein und brüllen nach mehr.«
»Es liegt daran, wie du das Thema anpackst. Du verhehlst nicht, was du davon hältst. Du hast die Zuschauer in der Tasche, weil sie bei dir nie den Eindruck haben, daß du die Gäste ausnutzt oder dich am Thema aufgeilst.«
Lynn fischte sich ein Stück Krapfen aus dem Chaos rund um die Kaffeemaschine. »Na ja, im Grunde ist jeder Fernsehmensch ständig auf der Suche nach etwas Neuem. Hier ist Geraldo«, sagte sie und warf sich in Pose, »mit kleptomanischen Nonnen. Hier ist Sally ... mit schizophrenen Oberinnen. Dagegen fallen die wahren Probleme oft unter den Tisch, weil sie nicht genug Unterhaltungswert bieten. ›Was, noch eine geprügelte Ehefrau? Gähn. Gibt’s nicht irgendwo eine Show‹?«
»Iß das nicht.« Kara nahm das Stück Krapfen. »Ich hole dir einen frischen.«
Lynn nahm ihn sich wieder. »Ich will ihn ja gar nicht ganz essen. Ich bin zum Abendessen bei meinem Bruder eingeladen. Er wird sauer, wenn ich mich nicht vollstopfe.«
»Oh, deine Schwägerin hat angerufen. Sie möchte wissen, ob du jemanden mitbringst.«
»Ich habe ihr doch schon gesagt, daß ich allein komme.«
Das Wandtelefon klingelte. Kara drückte auf den Leuchtknopf. »Lynn-Marchette-Show. Kann ich Ihnen helfen? ... Sie steht gleich neben mir.«
Kara drückte den Hörer an die Brust und flüsterte tonlos: »Orrin.« Lynn schnappte sich den Hörer.
»Dennis?«
»Hallo, Lynn. Das war eine Höllensendung.«
»Hat sie Ihnen gefallen?«
Der Programmdirektor gluckste. »Das hat sie, aber ich war nicht der einzige. Fünf Leute von QTV haben sie sich in meinem Büro mit angesehen.«
Ihr Herz hämmerte. »Was haben sie davon gehalten?«
»Sie waren beeindruckt. Die sprechen von einer Übernahme.«
»Ja, wirklich? O mein Gott! Dennis, warum haben Sie mir nicht gesagt, daß die hier sein werden?«
»Ich wollte, daß sie Sie von Ihrer besten und natürlichsten Seite erleben. Und ich konnte mich selbst nicht groß darauf einstellen. Sie sind heute morgen eingeflogen und schon wieder auf dem Rückweg nach Los Angeles.«
»Und es hat ihnen wirklich gefallen?«
»Die waren wie gebannt. Sie haben alle die Luft angehalten, als Sie diesen Moment inszeniert haben, in dem die Frau ihre Narbe zeigt.«
»Ich inszeniere nichts –«
»Ich weiß, ich weiß, aber egal, wie Sie es nennen, sie haben jedenfalls diese Atmosphäre mitbekommen. Sämtliche Gäste, das ganze Publikum – das hätten Ihre Brüder und Schwestern sein können.
Diese Herrschaften sind die ganze Woche im Land herumgefahren und haben sich Probesendungen angesehen. Die waren völlig groggy, als sie hier in Boston angekommen sind. Aber Sie haben sie aufgeweckt.«
Lynn faltete die Hände. »Was passiert jetzt? Werden sie mich anrufen?«
»Die möchten, daß Sie nächsten Mittwoch nach Los Angeles kommen.«
An diesem Abend störte Lynn nicht einmal der Verkehrsstau auf der Tobin Bridge. Sie ließ die Fenster des Lexus offen, damit die kühle Luft an ihr erhitztes Gesicht dringen konnte. Das Radio war an, aber sie nahm es kaum wahr. Sie suchte nicht einmal nach den örtlichen Telefon-Talk-Shows.
Erstaunlich, was ein Anruf aus Hollywood bewirken konnte.
Sie konnte es kaum erwarten, zu Booboo und Angela zu kommen und es ihnen zu erzählen.
Ihr Bruder würde johlen und toben und seine mächtige Gestalt verrenken, um sie mit einer pythonartigen Umarmung zu umschlingen. Angela würde die Umsichtige spielen, Fragen stellen und sie beide zu beruhigen versuchen. Aber dennoch würde Booboo das Ganze mit ihr auskosten, ihr beistehen, bis sie selbst glaubte, daß es ihr nicht mehr entgleiten konnte.
Für sie war Glück erst dann greifbar, wenn sie es mit Booboo teilen konnte.
»Brauchst du denn keine neue Kleidung?« fragte Angela, während sie Kaffee eingoß. Sie schnüffelte. »Ist das etwa wieder dieses französische Zeug? Ich dachte, wir wollten heute abend die Javamischung probieren.«
»Ich habe einfach zur erstbesten Tüte gegriffen«, sagte Booboo. »Den Java können wir ja zum Frühstück trinken.«
Lynn trank einen Schluck. »Ein Kleid, nehme ich an. Oder ein Kostüm. Vielleicht kaufe ich mir auch gar nichts. Ich habe tonnenweise Sachen zum Anziehen.«
»Aber das ist in Kalifornien«, sagte Angela. Sie faßte nach ihrem feinen, modisch hochgerafften Haar.
»Und ich bin aus Boston. Das wissen sie. Genau das wollen sie ja haben.« Geistesabwesend betrachtete Lynn den Tisch, während sie in Gedanken ihren Kleiderschrank durchging. Aber sie war noch immer viel zu aufgekratzt, konnte sich kaum besser konzentrieren als vorhin im Auto.
»Ich glaube, ich habe alles, was ich brauche«, erklärte sie.
Booboo lächelte. »Vom Selbstbewußtsein mal abgesehen. Zu schade, daß es keinen Versandhauskatalog gibt, wo man sich das bestellen kann.«
»Na ja, du...




