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JUNI 1997
Carol Maxx’ Hände auf der Sessellehne zitterten. Ellen musterte sie über den Schreibtisch hinweg und registrierte die Signale. Diesmal konnte sie keine blauen Flecken sehen. Offensichtlich gelang es Jeff immer besser, keine zu hinterlassen, jedenfalls nicht an auffälligen Stellen. Carol war kreidebleich im Gesicht und schluckte ununterbrochen. Sie schien nichts dagegen tun zu können.
»Die Idee mit dem eingeschränkten Umgangsverbot war nicht gut«, sagte Carol. »Das hat Jeff offensichtlich noch mehr gereizt. Gestern fiel ihm auf, dass Suzanne geschminkt war. Er hat ihr den Lippenstift weggenommen, das Gesicht voll geschmiert und gesagt, wenn sie so etwas noch einmal benutzt, würde er ihn ihr in die Nase stopfen. Er hat sie als vierzehnjähriges Flittchen bezeichnet.«
»Das hat er Suzanne ins Gesicht gesagt?«
»Ja. Dann bin ich dazwischengegangen. Da hat er mir den Arm auf den Rücken gedreht und mich an den Haaren nach hinten gerissen.«
»Hast du die Polizei geholt?«
Carol wurde rot. »Nein.«
»Aber wir hatten doch vereinbart, dass du bei der nächsten Gewaltanwendung unbedingt die Polizei holst. Er hat gegen die gerichtliche Anweisung verstoßen.«
Carol klammerte sich an ihren Sessel. »Jeff hat gesagt, wenn ich noch einmal die Polizei einschalte, bringt er mich um.«
Ellen zwang sich innezuhalten, ehe sie antwortete. Carol tat ihr unendlich Leid, alle Carols dieser Welt, und je länger sie praktizierte, desto mehr begriff sie das ganze Ausmaß dieser Epidemie. Da draußen gab es eine ungeheure Anzahl von Männern, denen es Befriedigung verschaffte, ihre Liebsten emotional und physisch zu misshandeln – und ebenso viele Frauen, die sich nicht von ihnen trennen konnten oder es nicht wagten.
Eine Trennung war gefährlich, gefährlicher oft als das Bleiben. Dadurch verringerte sich die Liste der real existierenden Gefahren kein bisschen, im Gegenteil. Dann drohten sogar Dauerbeobachtung und Entführung. Justiz und Gesellschaft konnten nicht immer helfen. Eines war Ellen klar: Misshandelte Frauen trafen ihre Entscheidungen zu Gunsten des kleineren Übels. Angesichts des Risikos, dem ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder ausgesetzt waren, konnten sie sich nicht den Luxus leisten, zwischen richtigen und falschen Entscheidungen abzuwägen. Das Gebot der Stunde lautete: auf Nummer Sicher gehen. Und für manche misshandelten Frauen hieß diese Sicherheitsstrategie zwangsweise, dort zu bleiben, wo sie die Stimmungsschwankungen des gewalttätigen Mannes überwachen und verhindern konnten, dass er mit den Kindern allein war.
»Wie soll es jetzt weitergehen? Was wäre dir am liebsten?«, fragte sie Carol. »Was genau?«
Carol stöhnte. In ihren Augen standen Tränen. »Ich wünsche mir, dass wir wieder so sind wie früher. Ich wünsche mir, dass er ein liebevoller und respektvoller Mensch ist. Ellen, ich weiß, das ist lächerlich, aber wie könnte ich nach allem, was Suzanne mitgemacht hat, zum Schluss auch noch die Familie spalten?«
»Du bist diejenige, die die Familie spaltet.«
»Man wird es mir in die Schuhe schieben. Weißt du, was ich mir wirklich wünsche? Ich möchte so gerne – so gerne aufhören, mir wie ein Idiot vorzukommen.«
»Wieso bist du ein Idiot?«, fragte Ellen geduldig.
»Das wissen wir doch beide. Weil ich in so etwas hineingeraten bin und jetzt festsitze. Weil ich es weiter zulasse.«
»So fühlst du dich, aber…« Ihre Worte hörten sich schal an. »Carol, was werde ich jetzt wohl sagen?«
Carol hob die Augen. Auf dem tränenüberströmten Gesicht zeichnete sich trotz allem ein schmales Lächeln ab. »›Sein Handeln kannst du nicht kontrollieren, sondern nur das, was du dagegen tust.‹«
»Gut gelernt. Also?«
»Also – sollte ich vermutlich härter an dem arbeiten, was ich dagegen tue.«
Ellen setzte sich zurück, streckte ihre Beine unter dem Schreibtisch aus und massierte ihre völlig verkrampften Oberschenkel.
Carol, eine viel versprechende Immobilienmaklerin, und Jeff waren Ellens Nachbarn. Sie hatte Ellen auf das Haus aufmerksam gemacht, das jetzt ihr und Kevin gehörte.
Im Laufe der beiden letzten Jahre hatte Ellen genug mitbekommen. Nun fürchtete sie, Jeff wäre im Stande, Carol umzubringen. Er hatte sie geschlagen, getreten und mit Gläsern nach ihr geworfen. Außerdem konnte er gut mit Schusswaffen umgehen.
Aber diesmal hatte er seiner Frau tatsächlich zum ersten Mal mit Mord gedroht.
»Carol«, sagte Ellen, »du weißt, dass ich dir nie vorschreibe, was du tun sollst, aber jetzt muss ich das. Was ich da höre, macht mich extrem nervös. Du musst Suzanne nehmen und Jeff verlassen. Wir werden für euch ein totales Umgangs- und Kontaktverbot erwirken.«
»Hirn und Titten. Und Charme. Wetten, Dolly hat nie in ihrem Leben ’ne Therapie gebraucht«, sagte Olga Balin.
Ellen hatte Mühe, sich auf Olgas Wellenlänge einzustellen. Die letzte Sitzung ging ihr nicht aus dem Kopf. Sie machte sich Sorgen und war nicht bei der Sache, denn Carol und Suzanne waren nicht sicher.
Ellen fragte Olga: »Würden Sie sich besser fühlen, wenn Sie herausfänden, ob das stimmt?«
Olga beugte sich vor. »Hat sie denn?«
Ellen lächelte verhalten. »Ich weiß es nicht.«
Stille. »Damit werden Sie mich nun zappeln lassen, oder?«, fragte Olga.
Ellen hatte drei berühmte Patienten. Eine davon war Olga. Allen war es unangenehm, sie in ihrer Praxis aufzusuchen, deshalb ging sie zu ihnen nach Hause.
Wenn Ellen manchmal an sich selbst zweifelte, überlegte sie, ob das der wahre Grund für ihre Beliebtheit sein könnte: nicht ihre Fähigkeiten als Therapeutin, sondern ihre Hausbesuche.
»Ich respektiere Dolly. Sie hat dem Rest von uns Türen geöffnet«, meinte Olga. »Wenn sie nur nicht so verdammt große Klasse wäre.«
Olga berührte ein Löwenmäulchen in einer Vase auf ihrem Schreibtisch. Ellen bestand bei Haussitzungen auf einer geschäftsmäßigen Umgebung. Bei Olga fanden sie immer in ihrem Büro statt, mit Blick auf einen wohl geordneten Hügelgarten. Zwischen Blumen, Notenblättern, Gitarren und anderem Zeug lag jede Menge Krimskrams aus der Countryszene herum. Typisch Olga, aufgemotzt und elegant zugleich. Nach Ellens Ansicht konnte sich Olga in jeder Hinsicht neben Dolly behaupten, aber wenn dies auch Olgas Sicht der Dinge gewesen wäre, hätte sie Ellen nicht gebraucht.
»Sie stellt ein unmögliches Ideal dar«, sagte Olga, »unerreichbar für jeden.« Sie musterte Ellen, die wiederum sie musterte. »Okay, unerreichbar für mich.«
Ellen sagte: »Möchten Sie wirklich Ihr Geld für ein Gespräch über Dolly verschwenden? Wie waren diese Woche Ihre Quoten?«
Olgas Gesichtsausdruck wechselte. Ein Anflug von Melancholie zeichnete sich ab. Das passierte immer, sobald sie über ihre Phobie reden musste.
»Am Wochenende nicht schlecht. Sonntagabend hab ich ’ne gute Acht geschafft, da waren ein paar Leute bei mir. Wir haben uns zusammengesetzt und zum Schluss über Mariah Carey getratscht, und das hat mich abgelenkt. Dienstagabend war mies.« Olga holte tief Luft.
»Petals freier Abend.«
»Mhm. Beinahe hätte ich sie gebeten, sie soll nicht weggehen.«
»Aber Sie haben’s nicht getan?«
Olga schüttelte den Kopf.
Ellen streckte den Daumen nach oben, Olga lächelte unsicher. Wenn sie allein war, litt sie unter heftigen Angstattacken. Schuld daran war ihre Panikstörung. Als Ellen vor einem Jahr mit der Therapie angefangen hatte, konnte Olga nur dann schlafen, wenn ihre Haushälterin bei ihr im Zimmer schlief. Ohne Gesellschaft konnte sie weder essen noch fernsehen.
»Und wie schlecht waren Ihre Quoten?«
»Kaum hatte Petal die Tür zugemacht, dachte ich, ich müsste sterben. Ich bin wieder rausgegangen, weil nebenan ein Gärtner gearbeitet hat. Bis er ging, bin ich draußen geblieben.«
»Und dann? Sind Sie essen gegangen?«
»Ja, aber ich wollte nicht wieder heim. Ich hatte schon mein Handy eingeschaltet und wollte ein Hotelzimmer bestellen, aber dann hab ich mir’s anders überlegt und bin nach Hause.«
»Super, Olga!«
Nach der Sitzung begleitete Olga Ellen zur Haustür.
»Bis nächsten Donnerstag«, sagte Ellen.
»Ach, ehe ich’s vergesse, könnten wir uns eine Stunde früher treffen? Um drei viertel zehn? Ich muss zu einer Aufnahme nach New York.«
Ellen zog ihren Zeitplaner heraus. »Nein, tut mir Leid, da...