Katzmarz / Norten | IM GARTEN DER EWIGKEIT | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 344 Seiten

Katzmarz / Norten IM GARTEN DER EWIGKEIT

Das Werk des Hubert Katzmarz: Texte und Fragmente
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-95765-797-8
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Das Werk des Hubert Katzmarz: Texte und Fragmente

E-Book, Deutsch, 344 Seiten

ISBN: 978-3-95765-797-8
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Was die Artefakte dort unten auch immer darstellen mögen, es handelt sich bei ihnen n i c h t um Gärten und um antike Bauwerke! Dies sind menschliche Begriffe, die wir auch deshalb nehmen, weil uns keine anderen zur Verfügung stehen. Eine gewisse Ähnlichkeit ist vorhanden, zweifellos, doch wir können nicht wissen, was das alles für sie zu bedeuten hat. Darum sollten wir uns hüten, aus unseren Hilfsbegriffen die vertrauten Schlußfolgerungen zu ziehen!« (Hubert Katzmarz, Im Garten der Ewigkeit) Science-Fiction und Fantastik stehen im Mittelpunkt der Geschichten von Hubert Katzmarz, der auch unter dem Pseudonym Bertram Kuzzath veröffentlichte. Die Erzählungen des 2003 verstorbenen Schriftstellers sind unheimlich, manchmal grausam oder kurios und spiegeln dessen fast surreale Welt wider, die den Leser schnell gefangen nimmt. 1987 gründete Katzmarz einen Verlag, in dem er Kriminalromane, Science-Fiction und Literatur aus dem Bereich der Fantastik veröffentlichte, u. a. in der Zeitschrift daedalos. »daedalos - der vhk Story Reader für Phantastik« etablierte sich rasch als angesehenes Magazin für die zeitgenössische fantastische Geschichte, hat heute Kultcharakter und ist 2022 mit der Nr. 13 und den Herausgebern Michael Siefener, Ellen Norten und Andreas Fieberg wieder aufgelebt. Hubert Katzmarz setzte als Schriftsteller und Kleinverleger, weit über seinen Tod hinaus, Zeichen und Maßstäbe. Als Autor ließ er sich schwer zuordnen, da seine Werke eine große Bandbreite zeigen. Als Verleger und Herausgeber widmete er sich schwerpunktmäßig der Fantastik und der Science-Fiction, letztere hatte ihn bereits als Kind und Jugendlichen stark fasziniert. Beim Schreiben, wie beim Veröffentlichen ging es ihm immer um die Sache. Gute Literatur sollte aus seiner Sicht unsterblich gemacht werden und nicht zuletzt damit auch den Autor vor dem Vergessen bewahren. Diese Werkausgabe, die zu seinem 70. Geburtstag erscheint, soll diesem Anliegen dienen.

Hubert Katzmarz wurde am 03.11.1952 in Recklinghausen geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Seine ersten Geschichten schrieb er bereits als Kind. Seinem großen Interesse für Literatur folgend studierte er zunächst Sprachen, später Kommunikationsforschung und Phonetik in Bonn, u. a. bei Prof. Gerold Ungeheuer. Seine Erzählungen, die er teilweise unter dem Pseudonym Bertram Kuzzath und Zamburt Zarthek verfasste, erscheinen bis heute in Zeitschriften, Magazinen und in diversen Anthologien. In seinem 1987 gegründeten Verlag veröffentlichte er Kriminalromane, sowie Science-Fiction und Literatur aus dem Bereich der Phantastik, diese insbesondere in der eigenen Zeitschrift daedalos. Bis zu seinem Tod im Oktober 2003 war Hubert Katzmarz mit der Journalistin Ellen Norten verheiratet, die er bereits 1974 kennenlernte.
Katzmarz / Norten IM GARTEN DER EWIGKEIT jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


Baumschulung


Auf der Frischluftparty wurde er mir als Mann mit dem grünen Daumen vorgestellt. »So sagte man früher …«, erklärte die Gastgeberin, und schon hatte sie mich weitergereicht durch die Runde der Geburtstagsgäste. Bei einer allein stehenden jungen Dame erkundigte ich mich genauer nach dem Namen. »Eva«, sagte sie. »Aha, Eva.« Mein Charme drängte zu ihr und stand mir dabei im Wege. »Wie Adam, nicht wahr.« Sie lachte trotzdem, und der Abend schien gerettet zu sein.

Die Bemerkung vom grünen Daumen wollte mir nicht aus dem Sinn, ich weiß nicht weshalb. Irgend wo hatte ich sie schon mal gehört, bei meiner Mutter vielleicht, wenn sie sich an früher erinnerte …

Eva tat alles, um mich abzulenken. Sie erzählte von sich in einem fort, nicht ohne wie zufällig meinen Arm zu berühren. Später tanzten wir auch. Der Mann mit dem grünen Daumen mußte meine Vorliebe wohl teilen, denn er suchte immer häufiger unsere Nähe. Ich ärgerte mich darüber, so daß ich ihn nicht nach seinem seltsamen Titel fragte. Als der Höhepunkt des Abends kam, hatte sich Eva endgültig für mich entschieden. Sie wimmelte den Mann mit dem grünen Daumen ab und hakte sich bei mir ein.

Musik und Gespräche waren verstummt. Die Gastgeberin händigte uns Anzüge und Flaschen aus. Wir nahmen die Sachen, ein jeder mit sich selbst beschäftigt. Dann wurde die Balkontür geöffnet, und wir traten hinaus.

Es gab keine Sterne am Himmel, nur dieses schwach leuchtende Etwas, das man mehr ahnen als sehen kann, das einen nieder duckt, auf kleine Risse im Anzug lauert, um hinein zu kriechen und uns die Lungen zu verätzen. Ich tat einen langen Atemzug aus der Sauerstofflasche, das Gesicht Evas konnte ich hinter der Maske nicht erkennen. Ich konnte nicht erkennen, was sie dachte, was sie fühlte. Mein Blick glitt hinüber zum nächsten Wohnturm, wo unzählige Lichter durch das schlierige Schwarz blinkten. Ob dort auch Leute eine Frischluftparty feiern, auf dem Balkon stehen und über den Abgrund zu uns her starren? Unten die Erde im Schein der Wohntürme: sandig, rissig, kahl. Ich wußte aus dem Fernsehen, daß hinter dem nächsten Wohnturm wieder Erde kommt: sandig, rissig, kahl, und wieder ein Wohnturm und wieder Erde … bis zum Meer, das eine träge schwappende Emulsion ist. Eva trat dicht zu mir, faßte meine Hand; ich konnte ihre Wärme durch das dichte Gummi nicht spüren.

Plötzlich beugte sich der Mann mit dem grünen Daumen über die Balkonbrüstung, riß die Maske von seinem Gesicht und schrie: »Ich kotze auf dich, du verfluchter toter Stern, hörst du, ich kotze auf dich!« Sein Schrei ging in Röcheln und Würgen unter. Dann kotzte er tatsächlich hinab auf die rissige Erde.

Schnell hatten ihn einige Männer gepackt, schleppten ihn zurück in die Wohnung und brachten ihn ins Schlafzimmer. Unsere Gastgeberin verschloß die Balkontür. Sie stellte die Klimaanlage auf Hochleistung, das saugte die Frischluft rasch ab. »Ich bin Arzt, laßt mich zu ihm!« sagte ich, als ich das Schlafzimmer betrat.

Der Mann mit dem grünen Daumen lag jetzt still da, aber sein Atem ging schwer. Sein Gesicht war blaß; morgen schon würde es rot sein und mit Pusteln übersät, eine schmerzhafte, doch harmlose Angelegenheit. Für bleibende Schäden hatte er sich nicht lange genug der Frischluft ausgesetzt. »In den nächsten drei Wochen sollten Sie das Rauchen einstellen«, riet ich ihm. Er nickte. Ich ließ ihn allein, er brauchte eine Weile Ruhe.

Bei der Party im Wohnzimmer wollte keine rechte Stimmung mehr aufkommen. Man hatte die Sauerstofflaschen und Gummianzüge beiseite geräumt, wie um die Erinnerung an den Vorfall zu tilgen. Dennoch hatten die Gespräche ihren flotten Fluß verloren, fanden immer wieder zurück zum Mann mit dem grünen Daumen und seinem törichten Verhalten auf dem Balkon.

Ich erkundigte mich bei Eva, ob sie ihn kenne. Gehört habe sie zwar von ihm, aber begegnet sei sie ihm hier zum ersten Mal. Die Gastgeberin setzte sich zu uns.»So ein dummer Mensch!« empörte sie sich. »Dabei hätte die Party wirklich nett werden können: die Weite und Stille draußen auf dem Balkon, das nahe Erlebnis von Gefahr … Allein, was die zusätzlichen Sauerstofflaschen gekostet haben!«

»Wieso grüner Daumen?« fragte ich.

Die Gastgeberin sah mich erstaunt an. »Ach das. Kennen Sie den Spruch nicht? Früher sagte man zu jemandem, der gut mit Pflanzen umgehen konnte, so daß alles prächtig gedieh und blühte, er habe einen grünen Daumen.«

»Aber es gibt keine Pflanzen mehr!«

»Tja!« Die Gastgeberin seufzte. »Er ist eben einer der letzten Vertreter einer aussterbenden Zunft. Er ist Biologe.«

»Biologe?« mischte sich Eva ein. »Die arbeiten doch daran, die Erde zu rekultivieren. Ich habe davon gelesen.«

»Er leitet ein größeres Projekt«, bestätigte die Gastgeberin.

»Neulich haben sie ihm allerdings die Gelder gekürzt, weil das alles nur Augenwischerei ist. Als wenn es noch etwas zu rekultivieren gäbe! Der Chemie gehört die Zukunft, nicht der Biologie. Schon jetzt leben wir zu achtundneunzig Prozent von synthetischen Proteinen, Vitaminen und so weiter, und ich muß sagen, wir leben gut dabei: billig, nahrhaft und sauber. Ein wirklicher Segen, den uns die Raumfahrttechnik da beschert. Die paar kümmerlichen Gemüsepflanzen, die man in den Gewächshäusern clont … nur aus Nostalgie, sage ich, ohne praktischen Wert.«

Ein älterer Herr prostete von der Bar aus in unsere Richtung.

»Entschuldigen Sie bitte, daß ich Ihrem Gespräch schon eine Weile lausche. Ich bin ein früherer Mitarbeiter unseres Selbstmordkandidaten. Ein wirklich genialer Mann. Er ist von seiner Arbeit besessen, will den Menschen die Blumen zurück bringen, die Erde wieder grün machen. Und wenn Sie mich fragen: Er ist einer der wenigen, die das schaffen können.«

»Wie will er das denn machen?« erkundigte sich die Gastgeberin spitz. »Man hat ihm die Gelder gekürzt. Bald wird man sie ihm ganz sperren.«

»Vor Jahren schon«, ließ der Herr sich nicht beirren, »hat er den Code des Lebens entschlüsselt, sozusagen die Arbeit von Watson und Crick fortgesetzt und in den Rahmen der Evolutionstheorie gestellt. Er weiß alles über die Entwicklung des Lebens. Damals ist eine junge Wissenschaft entstanden, die biologische Informatik, die mit Hilfe von Computern unter anderem evolutionäre Prozesse beschreibt und simuliert. Eine faszinierende Theorie, die uns das Wissen an die Hand gibt, zu planen und in gewissem Rahmen einzugreifen in die Evolution. Nur der Schritt vom unbelebten Molekül zum vollfunktionierenden Organismus will noch nicht recht gelingen.«

»Warum haben Sie bei ihm aufgehört?« fragte Eva.

Der Herr zuckte die Schultern. »Wissen Sie, wie das ist, mit einem Besessenen zusammen zu arbeiten?«

»Er redet kaum über etwas anderes als seine Forschung«, sagte die Gastgeberin. »Und seit dem er das Samenkorn gefunden hat, ist mit ihm gar nichts mehr anzufangen. Ich wundere mich nur, daß er heute abend kam. Aber jetzt muß ich mich auch den anderen Gästen widmen. Die Stimmung treibt dem Nullpunkt zu.«

Unter dem Vorwand der Fürsorge ging ich hinüber ins Schlafzimmer, wo der Mann mit dem grünen Daumen sich bereits etwas erholt hatte. Er saß auf der Bettkante und starrte mich schweigend an.

»Ist es wegen dem Samenkorn?« Ich setzte mich neben ihn. Er schaute kurz auf. »Wegen dem Samenkorn? – Sie haben ja keine Ahnung. – Und was soll wegen diesem angeblichen Samenkorn sein?«

»Ihr Suicidversuch.«

»Ach, lassen Sie mich in Ruhe!«

Eva war mir gefolgt. »Es muß schön sein, ein richtiges Samenkorn zu besitzen. Vielleicht ist es das letzte auf der ganzen Erde.«

Der Mann mit dem grünen Daumen lächelte. »Wenn es so wäre … Es wäre wohl wirklich das letzte, das letzte von Milliarden und Abermilliarden Samenkörnern, ein kleiner Gruß Gottes an die Menschen, die seine Schöpfung mit Füßen zertrampeln.«

»Sie könnten neues Leben schaffen«, sagte Eva. »Das Samenkorn ist der Schlüssel dazu.«

»Der Schlüssel …« Er lachte jetzt, er lachte aus vollem Halse, und ich merkte seinem Lachen die Verzweiflung an.

Ich versuchte ihn aufzumuntern. »Man hat uns berichtet von Ihrem Projekt der Rekultivierung. Irgend wie lassen sich neue Gelder beschaffen, und dann können Sie Ihre Arbeit zu Ende führen, jetzt wo Sie das Samenkorn besitzen.«

Sein Lachen hörte auf, und er blickte mich verständnislos an.»Die Arbeit fortsetzen? Aber guter Mann, das ist doch nicht das Problem! Doch nicht meine Arbeit!«

Er machte sich am Computerterminal zu schaffen. »Ich werde Ihnen das Ergebnis meiner Arbeit zeigen …« Es dauerte nicht lange, bis die Schlafzimmerwand weiß aufleuchtete. Zeichen hüpften wie Schatten über den Wandmonitor. »Dies ist die mathematische Darstellung allen Lebens«, sagte er, »wenn man so will, der Atem Gottes, den er der Erde einhauchte, oder etwas prosaischer: die Sprache der Evolution. Jede Ziffer kennzeichnet ein Quentchen Geschichte, eine neue Erfahrung, die in die Welt trat, ein neues Ordnungsprinzip, das sich der Entropie entgegen stemmt. Diese Ansammlung von Information hier repräsentiert zum Beispiel das genetische Muster einer unserer Gewächshauspflanzen. Es ist dem der natürlichen Ursprungspflanze sehr ähnlich. Bis auf eine Winzigkeit: Die Clone können sich nicht natürlich vermehren, sie sind unfruchtbar. Wir brauchten Keimzellen, um ihre Funktion grundlegend studieren und nachbauen zu können, aber wir haben keine. Mit unserem Wissen sind wir eben ein paar Jahre zu spät gekommen. Nach wenigen Generationen stirbt die Clonfamilie an genetischer Auszehrung ab, denn ohne den evolutionären Trick...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.