Katzmarz / Norten | SCHATTENSPIEL | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 188 Seiten

Katzmarz / Norten SCHATTENSPIEL

Des Hubert Katzmarz' gesammelter Werke erster Teil
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-942533-46-1
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Des Hubert Katzmarz' gesammelter Werke erster Teil

E-Book, Deutsch, 188 Seiten

ISBN: 978-3-942533-46-1
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Spürst du nicht den Schatten, wie er herankommt? Hebe den Kopf aus dem Staub und sieh ihr zu, der scharfen Kante zwischen Hell und Dunkel. Den Fuß hat sie schon erreicht, auch wenn du ihn wegziehst, wird sie dir folgen, das Bein herauf und weiter bis in die Augen. Wirf nur trotzig den Kopf zurück, dort über den Giebeln erhebt sich der Mond, blaß und kalt und einsam im blauen Himmel steht er. Ist es der Mond, wohin mich meine Schritte führen?' Hubert Katzmarz, Schattenspiel 'Seine Geschichten sind nichts für nebenbei und zwischendurch, sondern - im besten Sinne - unzeitgemäß, abseits, abgründig. Sie handeln von Brüchen in der Wirklichkeit, von Einsamkeit, dem Fremdwerden der Welt und, immer wieder, vom Tod. ' Helmut Petzold, 'Bayern 2', Diwan, 24.07.2004

Hubert Katzmarz wurde am 3. November 1952 in Recklinghausen geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Seine ersten Geschichten schrieb er bereits als Kind. Seinem großen Interesse für Literatur folgend studierte er zunächst Sprachen, später Kommunikationsforschung und Phonetik in Bonn. Seine Erzählungen erschienen in Zeitschriften und Magazinen, sowie in diversen Anthologien. In seinem 1987 gegründeten Verlag veröffentlichte er Kriminalromane sowie Science Fiction und Literatur aus dem Bereich der Fantastik, diese insbesondere mit Michael Siefener in der eigenen Zeitschrift DAEDALOS. Bis zu seinem Tod im Oktober 2003 war Hubert Katzmarz mit der Journalistin Ellen Norten verheiratet. Ellen Norten, geboren 1957 in Gelsenkirchen, ist promovierte Biologin und Wissenschaftsjournalistin. Als freie Mitarbeiterin arbeitete sie zunächst bei verschiedenen Hörfunksendern, insbesondere beim Deutschlandfunk. Danach folgte eine längere Mitarbeit bei der Fernsehsendung 'Hobbythek', auch vor der Kamera. In dieser Zeit entstanden mehrere Sachbücher und Ratgeber. In den letzten Jahren war Ellen Norten Redakteurin beim Bayerischen Rundfunk in München und moderierte dort die Sendungen 'IQ' auf Bayern 2, 'Wissenschaft und Technik' auf B5 aktuell und 'alpha-Forum' im Fernsehkanal BR-alpha. Zur Zeit arbeitet sie als freie Autorin.
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Der Physiker und die magischen Steine


Zu einer Zeit, als die Erde noch eine Kugel war und um die Sonne kreiste, und hieran könnt ihr erkennen, wie lange diese Zeit schon her ist, da lebte ein Physiker, der sein ganzes Dasein der Erforschung dessen widmete, was unsere Welt im Innersten zusammenhält.

Er hatte drei Schüler, der Physiker. Einer war der klügste, der danach trachtete, seinen Meister in der Schärfe des Denkens zu übertreffen. Einer war der eifrigste, der danach trachtete, seinen Meister in Geschick und Eleganz bei Experimenten zu übertreffen. Einer aber war der Lieblingsschüler, weil er aufmerksam den Lehren seines Meisters lauschte und seinen Experimenten zusah, zu Hause in aller Stille darüber nachdachte und vieles ausprobierte und später Fragen stellte, wenn er etwas nicht verstanden hatte oder wenn etwas nicht klappte.

Eines Tages kam der Klügste zu dem Physiker und sprach: »Meister, sagt mir, woher wißt Ihr, wenn Ihr Eure Theorien entwickelt und Berechnungen anstellt, daß sie richtig sind?« Und der Physiker antwortete: »Mein kluger Schüler, du hast sehr wohl nachgedacht. Deshalb will ich dir eine Antwort geben. Ich weiß nicht, ob ich die Wahrheit über die Welt erforsche, auch weiß ich nicht, ob ich sie jemals finden werde. Aber ich gestalte meine Theorien und Berechnungen so, daß sie immer von einer bestimmten Ausgangslage, die ich mir erdacht habe, zu einem bestimmten gleichen Ergebnis führen, und das unabhängig davon, was ich sonst gerade tue oder wie ich mich fühle, ja sogar unabhängig davon, wer die Theorien wo und wann auch immer benutzt und die Berechnungen anstellt. Und das gilt überall in der Welt. Denke darüber nach, mein kluger Schüler, und ziehe die richtigen Schlüsse daraus. Dann wirst auch du dich später Physiker nennen dürfen.«

Und eines weiteren Tages kam der Eifrigste zu dem Physiker und sprach: »Meister, der Klügste sagte mir, Ihr hättet ihm gesagt, daß Eure Theorien und Berechnungen deshalb richtig seien, weil sie überall auf der Welt von einer bestimmten Ausgangslage, die Ihr Euch erdacht habt, zu einem bestimmten gleichen Ergebnis führen. Sagt mir, Meister, wäre es nicht besser, wenn unsere Wissenschaft nicht nur Experimente macht mit dem, was Ihr erdacht habt, sondern mit den Gegebenheiten der Welt?« Und der Physiker antwortete: »Mein eifriger Schüler, du hast dir sehr wohl meine Experimente angeschaut. Deshalb will ich dir eine Antwort geben. Ich weiß nicht, ob meine erdachte Ausgangslage für Experimente die Welt, wie sie ist, vollständig erfaßt, auch weiß ich nicht, ob es mir jemals gelingen wird, eine solche Ausgangslage zu erdenken. Deshalb weiß ich auch nicht, ob ich die Wahrheit über die Welt erforsche und ob ich sie jemals finden werde. Aber ich mache mir ein Bild von der Welt aufgrund meiner Erfahrungen, und so lange ich nichts erfahre, das diesem Bild widerspricht, darf ich es als Ausgangslage für Experimente nutzen. Gebrauche dieses Wissen, mein eifriger Schüler, bei deinen Experimenten. Dann wirst auch du dich später Physiker nennen dürfen.«

Und noch eines weiteren Tages kam der Lieblingsschüler zu dem Physiker und sprach: »Meister, der Klügste und der Eifrigste behaupten, Ihr hättet ihnen gesagt, daß die Grundlage Eurer Forschungen Eure Erfahrungen seien und daß Eure Theorien und Berechnungen deshalb richtig seien, weil sie unabhängig von Zeit und Ort und anderen Umständen immer zum gleichen Ergebnis führen, wenn nur die Ausgangslage gleich definiert ist. Wie aber könnt Ihr so was wissen, wenn Ihr nicht alle Experimente, die denkbar sind, und ihre Anzahl scheint mir unendlich zu sein, durchgeführt habt, wie könnt Ihr wissen, daß Eure Erfahrungen hinreichend sind, wo die Anzahl aller Erfahrungen doch ebenfalls unendlich ist?« Und der Physiker antwortete: »Mein Lieblingsschüler, du hast sehr wohl die Probleme meiner Forschungen erkannt. Deshalb will ich dir eine Antwort geben. So wie eins und eins immer zwei ist, egal ob du damit das Vieh auf der Weide, die Bäume im Wald hinterm Haus oder auch die Stühle in unserem Labor damit abzählst, die Beziehungen der Zahlen zueinander bleiben immer gleich, selbst dann, wenn ich die Objekte, die mit ihnen gezählt werden, niemals zuvor gesehen habe und niemals sehen werde. So kann ich keine direkten Aussagen treffen über die Dinge der Welt, ich kann aber Aussagen treffen über Beziehungen, und die Wissenschaft der Beziehungen ist die Logik. In meinen Experimenten versuche ich nun, die Beziehung der Dinge zu meinen erdachten und allgemeingültigen logischen Sachverhalten zu ermitteln. Hierdurch gewinne ich die Möglichkeit, etwas über die Beziehungen der Dinge untereinander in Erfahrung zu bringen, und das wiederum gibt mir Hinweise auf die Beschaffenheit der Dinge selbst.« Da sagte der Lieblingsschüler nach kurzem Nachdenken: »Meister, ich glaube Euch zu verstehen. Doch wie könnt Ihr sicher sein, daß es keine Beziehungen der Dinge untereinander gibt, die den von Euch gefundenen Beziehungen widersprechen, wenn Ihr gar nicht alle Dinge der Welt kennt?« Und der Physiker antwortete: »Mein Lieblingsschüler, du hast eine Gefahr sehr wohl erkannt. Doch welche Erkenntnisse sollte ich daraus ziehen, mögliche Dinge, die ich nicht kenne, in meine Forschungen mit einzubeziehen, wenn ich sie doch willkürlich konstruieren müßte? Und wie du selbst gesagt hast, ist ihre Anzahl unendlich. Welche aus der unendlichen Anzahl möglicher Dinge sollte ich konstruieren? Welche davon gibt es wirklich, und welche sind zwar möglich, aber nicht wirklich, und welche sind gar ganz unmöglich? Laß mich, mein Lieblingsschüler, ein Beispiel nennen. Es liegen viele Steine herum, und trete ich kräftig gegen einen der größeren, dann schmerzt es mich. Der Stein muß also etwas an sich haben, das in seiner Beziehung zu meinem Fuß Schmerz erzeugt. Ebenso muß mein Körper etwas an sich haben, das in seiner Beziehung zum Stein mich Schmerz spüren läßt. Und da ich beobachte, daß ein jeder, der kräftig gegen einen größeren Stein tritt, sein Gesicht vor Schmerz verzerrt, darf ich annehmen, daß dies immer der Fall ist, denn ich konnte bisher keine Ausnahme entdecken. Der Schmerz ist offenbar ausschließlich abhängig von der Größe des Steins und der Stärke des Tritts. Das gibt mir viele Informationen für weitere Forschungen. Und so lange mir keine magischen Steine begegnen, die selbst bei idealer Größe und stärkstem Tritt keinen Schmerz erzeugen, habe ich das Recht zu behaupten, daß meine Erkenntnisse allgemeingültig und richtig sind. Sollte ich mögliche magische Steine in meine Forschungen einbeziehen, hätte ich eine unendliche Fülle an möglichen Beziehungen zu erforschen und käme wohl zu dem Ergebnis: Alles ist gleich, alles ist bedeutungslos, alles ist egal, alles ist möglich – nur wissen ist unmöglich, und die armen Passanten, die sich andauernd die Füße wundstoßen, weil ja niemand die Steine mehr wegräumte, müßte man vielleicht ins Irrenhaus sperren, denn ihr Schmerz kann ja nichts anderes sein als Einbildung. Du siehst, mein Lieblingsschüler, wir beträten schwankenden Boden, ohne ein Mehr an Erkenntnissen zu erhalten.« Da sagte der Lieblingsschüler: »Meister, ich sehe, worauf das hinausläuft. Wir müßten in die Welt ziehen und all die Dinge sammeln, die uns begegnen, um ihre Beziehungen untereinander erforschen zu können. Wir würden niemals die letzte Wahrheit finden, aber wir würden uns ihr nähern können. Deshalb, Meister, schicke uns Schüler hinaus in die Welt!« Und der Physiker antwortete: »Mein Lieblingsschüler, wie wahr du sprichst. Ihr habt genug bei mir gelernt, um in die Welt hinauszuziehen und alle die Dinge zu sammeln, die euch interessant erscheinen, damit wir der Wahrheit mit unseren Forschungen ein Stückchen näher kommen. Sprich mit dem Klügsten und mit dem Eifrigsten, und ein jeder von euch soll in eine andere Richtung gehen, auf daß wir möglichst viel verschiedenes Material bekommen.«

Und die drei zogen hinaus in die Welt, wie es ihnen ihr Meister aufgetragen hatte. Der Klügste ging nach Osten, so weit ihn seine Füße trugen, der Eifrigste ging nach Westen, so weit ihn seine Füße trugen, und der Lieblingsschüler ging nach Süden, so weit ihn seine Füße trugen.

Und viel, viel später, als der Physiker längst dabei war, sich über das Wesen des Raums Gedanken zu machen, da kehrte der Klügste als erster zurück. »Meister!« rief er schon von weitem und ganz außer Atem. »Meister, ich bin gereist gen Osten, weiter und immer weiter, in ein fernes, goldenes Land, wo die Menschen mit Zungen reden, wie ich es nie zuvor gehört habe, goldene Städte bauen sie und goldene Straßen, und sie treiben Physik und erschaffen Maschinen, anders als Ihr es tut, Meister, allein mit der Macht ihrer Magie, und diese Macht ist größer als Eure, Meister, denn ich habe gehört, daß sie mit der Macht ihrer Magie Steine erschaffen können, gegen die ein jeder treten mag, wie er will, und es wird ihm nicht weh tun oder ihn verletzen. Meister, auch Ihr solltet Euch dorthin begeben, denn fern, fern im Osten, so weit die Füße uns tragen können, da gibt es viel zu lernen, denn es ist nicht wahr, daß gleiche Ausgangslagen zu gleichen Ergebnissen führen, wenn man sie nur richtig berechnet. Die Magie der Berechnung ist eine Illusion, sagen die Menschen dort, nur die meditative Kraft des Geistes vermag es, Wirklichkeit zu erschaffen.« Da antwortete der Physiker: »Mein kluger Schüler, zeige mir die magischen Steine, von denen du redest. Dann will ich gern alle meine Theorien überdenken.«

Und noch viel später kehrte der Eifrigste zurück. »Meister!« rief er schon von weitem und ganz außer Atem. »Meister, ich bin gereist gen Westen, weiter und immer weiter in ein Land aus Stahl, wo die Menschen mit Zungen reden, wie...



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